Kr.8.3.253a-254b Bewegung und Nicht-Bewegung im All - KrSc

KrK.8.3.253a22

Auch die Frage nach der Verteilung von Bewegung und Nichtbewegung im All können wir nicht so wie Aristoteles stellen.

Das ewig Bewegte ist die Materie. Das kollidiert jedoch mit dem Weltbild, denn die Erde und alle auf ihr ruhenden Gegenstände ruhen absolut, womit die Nichtbewegung der Erde zu einem Unaussprechlichen wird, denn 'Ruhe' ist es nicht, da sich die Erde nicht bewegen kann. Die absolute Nichtbewegung der Erde und der relativ zu ihr unbewegten Gegenstände ist ein Fremdkörper in Aristoteles' Theorie. Er muss nun zusehen, wie er ein ewig Ruhendes, die dicke blaue Erde, und ein ewig Unbewegtes, die beiden roten Himmelspole, unter einen Hut bringt. Aber ganz anders, als diese eher schlicht klingende Ankündigung vermuten lässt, wird er uns dabei ein Lehrstück über die Atome, das Leere und den Raum vorführen, das uns erneut in die Schranken verweist.

Wir müssen mit Aristoteles fragen, was die ewige Bewegung in Gang hält. Der Raum als der Mittler zwischen dem Vollen und dem Leeren, heisst es seit dem ersten Buch. Was aber, wenn unsere Nachbar-Weltinsel bei angenommener Kontraktion zum 'Stillstand' kommt? Oder wir selbst vor dem Knall, der die Genesis unseres Teilalls einleitete? Was bringt die Reste der Insel wieder in Bewegung? Das Ziehen des Raums an der in der Mitte zusammengestürzten Materie vermutlich. Aber wie? Das 'Voneinander' oder die 'Antigravitation' haben bisher als Platzhalter für die noch unbekannte Ursache genügt. Jetzt genügen diese Wörter nicht mehr, weil wir nach dem Warum fragen.

Verteilung von Ruhe und Bewegung
Kr.8.3.253a22-24

»Wir werden unsere Untersuchung mit der genannten Schwierigkeit beginnen müssen: warum gibt es Dinge, die sich manchmal bewegen und manchmal ruhen?

Kr.8.3.253a24

Es muss entweder alles immer ruhen

Kr.8.3.253a24-25

oder 25 sich alles immer bewegen

Kr.8.3.253a25-26

oder das eine sich bewegen, das andre aber ruhen, und in diesem letzten Falle wieder

Kr.8.3.253a26-27

das Bewegte sich immer bewegen, das Ruhende immer ruhen

Kr.8.3.253a27-28

oder alles so eingerichtet sein, dass es sich ebensowohl bewegen wie ruhen kann,

Kr.8.3.253a28-32

oder aber drittens, die einen Dinge sind ewig bewegt, die andern ewig in Ruhe und noch andere 30 haben Anteil an beiden Zuständen. Diesen letzten Standpunkt wollen wir einnehmen und beweisen, er enthält die Lösung aller Schwierigkeiten, und damit ist dann der Zweck dieser Vorlesung erreicht.« [G262]

KrK.8.3.253a28-32

Wenn Ruhe die Nichtbewegung des Bewegbaren ist, dann ist die Annahme einer ewigen Ruhe Unsinn, was Aristoteles selbst oft genug gegen Empedokles sagt. Ewige Nichtbewegung gibt es nur bei einem nicht Bewegbaren.

KrK.8.3.253a26-27.a

Da das immer Bewegte die Materie, das immer nicht Bewegte das Leere ist, lautet unsere Eingangsfrage: Wie sind das Volle und das Leere in der Welt verteilt, damit die Welt sich ewig bewegt?

Werden und Vergehen des Raums KrK.8.3.253a26-27.b

Die Materie ist ewig bewegt, das ist Leere ewig unbewegt. Der Raum ist der ewig bewegte und zugleich unbewegte Mittler zwischen unbewegtem Leerem und bewegter Materie. Da alles Zusammengesetzte wird und vergeht und der Raum das erste Zusammengesetzte ist, wird und vergeht auch der Raum. Und mit dem Raum wird und vergeht alles im Raum Befindliche. »Diesen letzten Standpunkt wollen wir einnehmen und beweisen, er enthält die Lösung aller Schwierigkeiten, und damit ist dann der Zweck dieser Vorlesung erreicht.«

zu a24 Kr.8.3.253a32-b6

»Die Ansicht, alles ruhe und der Versuch, dies noch zu begründen, ohne auf die Sinne zu achten, ist eine Art Geistesschwäche [ W222: und die Bezweiflung eines ganzen Systems, nicht bloss eines Teilstücks]. Und 35 diese Ansicht richtet sich nicht nur gegen die Physik, sondern sozusagen gegen alle 253b Wissenschaften und alle Vorstellungen, da sie alle auf Bewegung sich gründen. Dazu kommt, dass Einwendungen gegen die Voraussetzungen, wie sie in mathematischen Untersuchungen den Mathematiker nicht angehen, auch bei 5 dem hier behandelten Gegenstande den Physiker nicht berühren. Unsere Voraussetzung lautet nämlich, die Natur sei Ursprung der Bewegung.« [G263]

zu a24-25 Kr.8.3.253b6-11

»253b Fast ebenso gross ist der Irrtum, alles bewege sich, nur ist er weniger gegen die Grundlagen unseres Verfahrens gerichtet. Es wurde ja in den physikalischen Ausführungen die Natur angesetzt als Ursprung für Bewegung so auch für Ruhe ... Und nun behaupten 10 einige nicht etwa, ein Teil der Dinge bewege sich, ein anderer nicht, sondern alle und immer, unsere Sinne bemerkten es nur nicht.« [G263]

KrK.8.3.253b11

Die sinnliche Wahrnehmung, die Aristoteles gegen die Bewegung der Atome im Leeren anführt, weist nur auf die Grenzen der Sinne hin. Hier 'fehlt' sein Protest gegen das Leere, so dass er vielleicht Heraklits 'Fliessen' meint. Das würde zwar nicht dazu passen, dass die Bewegung unbemerkt sein soll. Wohl aber passt es zu dem hegelschen Lehrstück vom Umschlag der Quantität in die Qualität, das er gegen Heraklits Einheitsbrei gibt:

zu a24-25 Kr.8.3.253b13-31

»Es kann ja nichts in einem fort wachsen oder abnehmen, sondern es gibt auch dazwischen eine Mitte. Dieser Gedanke ist ähnlich wie der 15 Hinweis darauf, dass auch Tropfen zerstören und Pflanzen Felsen sprengen. Wenn nämlich ein Tropfen so viel ausgehölt hat, dann ist ja nicht gesagt, dass der halbe Tropfen vorher die Hälfte geschafft hat, nein, wie beim Treideln so ist es beim Tropfen [Buch 7.5]: in dieser Grösse nagen sie ein solches Stück heraus, aber ein Teil von ihnen wirkt in keiner Zeit das gleiche. Das 20 herausgebrochene Stückchen ist zwar teilbar, aber die Teile werden nicht einzeln herausgebrochen, sondern auf einmal. Es ist also einzusehen, dass nicht laufend etwas herausbröckeln muss, weil der Schwund in unendlich viele Teile zerlegbar ist, sondern dass auch ein ganzes Stück auf einmal losbrechen kann.

Ähnlich ist es mit jeder beliebigen [qualitativen] Veränderung (alloiosis). Nicht deshalb, weil das Veränderliche ins unendliche teilbar ist, ist es auch 25 der Vorgang, sondern es erfolgt oft auf einmal, wie z. B. das Gefrieren ... Daher ist die Behauptung, alles ändere sich stetig, allzu deutlich mit den Erscheinungen 30 im Widerspruch. Die Veränderung erfolgt in das Gegenteil, der Stein wird nicht zunächst härter oder weicher.« [G264]

KrK.8.3.253b31

Ar wollte zwar nur nachweisen, dass es auch Ruhe zwischen den Bewegungen gibt, weil keine Einzelbewegung unendlich ist, hat hier aber nebenbei wieder den Umschlag von der Quantität in die Qualität, den qualitativen Sprung in der Natur vorgedacht, die Unterbrechung der ewigen Gleichförmigkeit, ohne die es kein Werden und Vergehen geben kann. Und wir bekehren ihn bei der Teilung der Materie zu Demokrit, denn der qualitative Umschlag beim Teilen ist nicht möglich, wenn die Materie stetig ist, sondern nur, wenn sie aus kleinsten Teilchen besteht (Werden aus 'den Gegensätzen' KrK.3.5.205a7.a).

Der Nachweis der Endlichkeit jeder Bewegung ist wieder geozentrisch:

zu a24-25 Kr.8.3.253b33-a3

»Bei der Ortsveränderung wäre es ja erstaunlich, wenn wir nicht merken sollten, wenn der Stein ... auf der Erde liegenbleibt. Auch bleiben Erde und die anderen Elemente an ihren natürlichen Örtern und werden nur mit Gewalt 35 daraus entfernt. Wenn also einige an ihren natürlichen 254a Örtern sind, dann kann unmöglich alles sich örtlich bewegen. Dass also unmöglich alles sich bewegen oder alles ruhen kann, davon kann man sich aus diesen und ähnlichen Gründen überzeugen.« [G264f]

KrK.8.3.254a3

Das eigentlich Schlechte an dieser Stelle ist aber nicht der Geozentrismus, sondern dass sich Aristoteles einen so schwachen Zeugen wie den ruhenden Stein aussucht, wo es doch um die Vorbereitung der ewig unbewegten Ursache der Bewegung des Ganzen geht. Der Stein war gut fürs erste Buch, weil wir ihn dort als Teil des Ganzen untersucht haben. Hier ist er deplaziert, weil der Teil des Teils nichts über das Ganze sagt.

zu a26-27 Kr.8.3.254a3-15

»Es kann aber auch nicht ein Teil der Dinge ewig ruhen, der andere sich ewig bewegen, 5 ohne dass es etwas gäbe, was sich zu Zeiten bewegt und zu Zeiten ruht. Dass dies unmöglich ist, muss wie bei den früheren Fällen begründet werden. Wir sehen es einfach, dass dieselben Dinge die genannten Wandlungen durchmachen. Zudem ist klar, dass diese Ansicht eindeutigen Tatsachen ins Gesicht schlägt, da weder Wachstum noch gewaltsame Bewegung möglich sein wird, wenn 10 nichts gegen seine Natur bewegt werden kann. Und dieser Gedanke hebt auch Werden und Vergehen auf. Fast alle Denker sehen in der Bewegung ein Werden und Vergehen, am Ziel der Wandlung wird das Ding, am Ausgang verschwindet es. Es ist also klar, dass es Dinge gibt, die sich bisweilen bewegen 15 und bisweilen ruhen.« [G265]

KrK.8.3.254a15

Das Wachstum, das Voneinander und die Ursache des Voneinander als eine gewaltsame Bewegung, die der schwachen Kraft der allgemeinen Gravitation entgegenwirkt, müssen wir klären. Die unbewegte Form am Anfang und am Ende ist unsere Erfindung. Eine Nichtbewegung des Bewegbaren werden wir auch nicht brauchen, so dass die ewige Bewegung der Atome und die ewige Nichtbewegung des Leeren unsere Lösung der Frage nach dem ewigen Werden und Vergehen der Dinge sein und bleiben wird.

zu a24 Kr.8.3.254a23-27

»Dass nicht alles ewig ruhen kann, ist zwar schon gesagt, soll aber noch einmal gesagt werden. Wenn es nämlich wirklich so ist, 25 wie einige lehren, dass das All unendlich und unbewegt sei, so stellen wir fest, dass es jedenfalls den Sinnen nicht so erscheint, sondern nach ihnen sich viele Dinge bewegen.« [G265f]

KrK.8.3.254a27

Das klingt schon etwas kleinlauter als die Äusserungen zu Parmenides aus dem ersten Buch. Das All und der 3d-topos des Alls sind Zweierlei. Der Ort des Alls ist unendlich und unbewegt, alle materiellen Dinge im All sind bewegt. Aber statt nun beherzt zu Demokrits kenon zu greifen, popelt Ar weiter an den ruhenden Steinen herum.

zu a24-25 Kr.8.3.254a33-b1

»Ebenso unmöglich ist, dass alles sich bewege ... 35 ... Allen solchen Behauptungen gegenüber genügt derselbe Hinweis: wir sehen 254b einfach Dinge, die sich bald bewegen, bald ruhen.« [G266]

zu a28-32 Kr.8.3.254b4-6

»Es ist also nur noch übrig zu untersuchen, ob alle Dinge so beschaffen sind, dass [einige sich abwechselnd] 5 bewegen und ruhen ..., während andere immer ruhen, wieder andere immer sich bewegen. Dies wollten wir ja beweisen.« [G266]

KrK.8.3.254b6.a

Das Unbewegte, auf das Aristoteles in diesem Buch hinauswill, ist nicht das ruhende Volle, die dicke blaue Erde, sondern das absolut Unbewegte und Immaterielle. Dem absolut Unbewegten wird er zwar keinen eigenen Namen geben und wird es als grössenlos und zugleich allumfassend bezeichnen. Dennoch wird er hier den Geozentrismus und den ruhenden Stein aus diesem Kapitel weit hinter sich lassen und wieder zu unserem Lehrer werden.

Zusammenfassung KrK.8.3.254b6.b

Aristoteles' Fragestellung nach der Verteilung von Bewegtem und Unbewegtem im dritten Kapitel war irreführend. Wir müssen die Eingangsfrage neu formulieren. Wenn er in diesem Kapitel vom Unbewegten und zeitweise Unbewegten spricht, so meint er neben der ewig unbewegten ersten Bewegungsursache auch die Erde und Gegenstände auf ihr, die sich nicht bewegen, also materielle Gegenstände. Aber genau die Erde wird nun mehr und mehr zum Hindernis. Er muss dem Augenschein folgend zwei Unbewegte, ein Materielles und ein Immaterielles annehmen. Ziel des 8. Buches ist aber die immaterielle unbewegte Quelle aller Bewegung, die mit den 'unbewegten' Gegenständen auf der Erde nichts zu tun hat.

Wenn die Materie ewig bewegt ist, das Leere ewig unbewegt ist, dann muss die ewige Bewegung sich allein aus der örtlichen und quantitativen Verteilung des Vollen und Leeren erklären lassen.

Bisher haben wir gefunden:

Wenn das Volle immer, das Leere nie bewegt ist, dann kann also nicht nach der Verteilung von Bewegung und Nichtbewegung gefragt werden. Nach der Verteilung des Vollen und des Leeren ist zu fragen. Denn wo das Leere ist, ist Nichtbewegung, und wo das Volle ist, ist Bewegung, immer.

Wie die aus dem zentralen Voneinander/Zueinander resultierenden keplerschen Bewegungen zustandekommen, haben Kant und Laplace geklärt. Mit dem Zueinander haben sich Newton und Einstein befasst, so dass wir hier nicht mehr nach einer Ursache fragen müssen. Ob Newton klüger war, die Frage nach dem Warum nicht vor der Zeit zu beantworten, muss erneut gestellt werden. Aber wie kommt der Wechsel zwischen Voneinander und Zueinander zustande? Wie kommt das Voneinander selbst zustande? Fragen wir zunächst, welche Kombinationen des Vollen und des Leeren gibt es?

Eine gibt es mit Sicherheit nicht: das Volle allein. Das Volle ist immer mit dem Leeren zugleich. Gibt es das Leere allein?

Wenn das Leere und die Materie ewig zugleich sind, der Raum auch materiell ist, die Bewegung durch das Ziehen der Materie am Raum stattfindet, wenn beide an einander ziehen, wenn das so ist, wird dann nicht irgendwann einmal Stillstand eintreten müssen? Zwar haben wir der Einfachheit halber bisher zwischen Raummaterie und 'widerstehender' Materie unterschieden, das kann aber so nicht richtig sein. Zum einen ist es unhaltbar, weil die widerstehende Materie aus den Raum- protonen besteht. Zum andern, wenn der Raum auch materiell ist, so widersteht er auch, auch wenn der Widerstand sehr gering ist, Null sein kann und negativ, bis hin zur negativ unendlichen Trägheit des Leeren. Bei dem schlafenden Riesen muss in längeren Zeiten und grösseren Räumen gedacht werden. Dann können wir auch Keplers Wirbel mit der Gravitation vereinbaren und die Ringe des Saturn oder die Planetenbahnen unseres Sonnensystems erklären. Ist das aber so, müssen dann nicht die Reibung zwischen sinnlich wahrnehmbarer Materie und Raummaterie und die Kollisionen der Raummaterieteilchen untereinander eines Tages alle Bewegung zum Erliegen bringen? Wenn ja, dann ist die Bewegung nicht ewig, selbst wenn sie unendlich ist, denn es ist möglich, ja notwendig, dass die Ewigkeit aus Unendlichkeiten besteht. Die Welt könnte also z. B. aus zwei 'kleinen' Unendlichkeiten bestehen, dann hätte sie auch einen Anfang, wäre nicht ewig. Wenn aber die Bewegung vergeht, dann muss sie auch geworden, erschaffen worden sein. Denn ungekehrt ist alles, was zugrunde geht, wert, dass es entsteht, auch wenn es unendlich ist.

Selbst wenn die Verteilung von Materie, Raum und Leerem so wie beschrieben ist, so ist damit nicht erklärt, was die Bewegung in Gang hält. Es muss ein Wechsel in der Verteilung zwischen Vollem und Leerem stattfinden, der lokale Revolutionen einer Gesamtmaterie wie der unserer auseinanderfliegenden Weltinsel erzeugt. Wogegen wir uns bisher mit Aristoteles gewehrt haben, das muss eintreten, ein örtlich von der Materie getrenntes Leeres. Und das muss allein aus dem Dasein des Vollen und des Leeren entstehen.