Kr.8.1.250b-252b Ist die Bewegung ewig oder entstanden? - KrSc

Ist die Bewegung entstanden? Kr.8.1.250b11-15

» 250b11 Ist die Bewegung einst entstanden, ohne dass es vorher welche gegeben hätte, und wird sie wieder vergehen, so dass dann nichts mehr sich bewegt? Oder ist sie nicht entstanden und vergeht auch nicht, sondern war immer da und wird immer da sein? Und ist es die Bewegung, die den Dingen ohne Ende1 und ohne Ruhe zukommt, gleichsam als Lebenskraft 15 aller natürlichen Körper?« [G254]

KrK.8.1.250b15

Die Frage nach der Ewigkeit der Bewegung ist bereits seit dem ersten Buch beantwortet. Die ewige Bewegung der Atome im Leeren ist das Einfache. Das Zusammengesetzte ist aus dem Einfachen zusammengesetzt. Alle kunterbunten Bewegungen und Dinge in der Welt nehmen ihren Ausgang und ihr Ende von der Bewegung der Atome im Leeren. Die chemischen Atome, Moleküle und die daraus zusammengesetzten Wesen sind nur Zwischenstufen. Daher sind die zusammengesetzten Bewegungen als Ganzes auch ewig. Ferner haben wir die aus dem Voneinander und dem Zueinander zusammengesetzten Bewegungen Keplers und Newtons erkannt. Wir haben das Werden und Vergehen der Sterne und Sternensysteme innerhalb unserer Weltinsel, die wir als ein Voneinander von Milliarden Galaxien erkannt haben, einigermassen geklärt. Die Ursache des Voneinander müssen wir als Letztes finden.

Noch gar nicht geklärt ist das vorherige Zueinander und der Zusammenhang zwischen der ewigen Bewegung der Atome im Leeren mit dem Voneinander und dem Zueinander. Unsere Frage im achten Buch lautet also: Wie hängen die gradlinige Bewegung der Atome im Leeren mit dem Voneinander - Zueinander unseres Teilalls, wie die Bewegungen unseres Teilalls mit dem Universum, wie das Kleinste mit dem Grössten zusammen?

Kr.8.1.250b15-18

»Dass nun die Bewegung existire, sagen Alle, welche über 16 die Natur Etwas sprechen, darum weil sie mit der Entstehung der Welt sich beschäftigen und ihre gesammte Betrachtung das Entstehen und Vergehen betrifft, welches unmöglich vorhanden sein kann, wenn keine Bewegung existirt.« [P377]

KrK.8.1.250b18

Das Werden und Vergehen in Aristoteles' Welt findet allein im sublunaren Bereich statt, die Bewegungen darüber sind ewig, vom Werden und Vergehen ausgeschlossen. Die Physiker gehen einen Schritt weiter und beschränken das Werden und Vergehen nicht auf die irdischen Dinge, sondern machen sich Gedanken über die Entstehung der Welt. Da gibt es zunächst die, die viele Welten annehmen.

Kr.8.1.250b18-21

»Aber Alle diejenigen hingegen, welche sowohl von unbegränzt vielen Welten sprechen als auch sagen, dass die einen der 20 Welten entstehen und die anderen vergehen2, sagen, dass immer eine Bewegung sei (denn nothwendig muss das mehrmalige Entstehen und Vergehen desselben mit einer Bewegung verbunden sein)«. [P377]

KrK.8.1.250b21

Wer unsere Weltinsel für die Welt selbst erklärt, muss Voraussetzungen machen, die auf aussernatürliche erste Bewegungsursachen zurückgreifen. Denn unendliche Bewegung in einer endlichen Welt gibt es nicht, weder bei Aristoteles, noch bei einer endlich grossen Welt, wie sie unsere heutigen Physikbrahmanen predigen. Das wäre ein perpetuum mobile. Also muss das jetzt Bewegte irgendwann einmal unbewegt gewesen sein. Also muss es irgendwie in Bewegung versetzt worden sein. Das ist aber ohne äussere Ursache nicht möglich. Da es aber nichts natürliches Äusseres ausserhalb der endlichen Welt gibt, das aus Nichtbewegung Bewegung macht, muss es eine aussernatürliche Ursache sein. Aber wenn die aussernatürliche äussere Ursache das Unbewegte in Bewegung bringt, ist die Annahme der vorher ewig unbewegten Materie unsinnig. Also ist die Welt irgendwann einmal aus dem Nichts erschaffen worden. Man kann sagen, es sei sinnlos, nach der ersten Bewegungsursache oder nach der Ewigkeit zu fragen, was als schick gilt. Man kann auch sagen, es sei sinnlos zu denken. Das klingt weniger schick, ist daber dasselbe.

Bewegung und Nichtbewegung Kr.8.1.250b21-a5

»Alle diejenigen hingegen, welche nur Eine oder eine nicht immer bestehende Welt annehmen, machen auch in Betreff der Bewegung entsprechende Voraussetzungen.« »Wenn es möglich ist, dass sich einmal nichts bewegt, so kann dies auf zwei Arten eintreten, entweder nämlich, wie Anaxagoras lehrt - er behauptet ja, 25 als alle Dinge gemischt waren und ruhten in ewiger Zeit, da habe die Vernunft Bewegung hineingebracht und die Dinge geschieden -, oder wie Empedokles, nämlich so, dass die Dinge zu Zeiten sich bewegen und zu Zeiten ruhen, sich bewegen, wenn die Eintracht [philia] aus dem Vielen die Einheit bildet oder die Zwietracht [neikos] aus der Einheit die Vielheit, ruhen in den Zwischenzeiten, wenn er sagt:

' 30 Wie es denn also so geht, dass Eines sich bildet aus Vielem

und dann Vieles von neuem im Wiederzerfall dieses Einen,

251a kommen die Dinge zustand und bestehen dann doch nicht für immer.

Wie aber doch dieser Wechsel sich unaufhörlich erneuert,

bleiben sie mitten im Kreislauf unberührt von dem Wandel.'

Mit seinem Ausdruck 'dieser Wechsel' muss Empedokles ja wohl die beiden 5 gegenläufigen Prozessphasen meinen.« [G254,P377,W214]

KrK.8.1.251a5

Diese Stelle aus Empedokles' Werk über das ewige Werden und Vergehen der Dinge aus den vier Elementen ist uns erhalten geblieben:

»Zweierlei will ich dir sagen: denn bald wächst ein einziges Sein aus Mehrerem zusammen, bald wird es wieder Mehreres aus Einem: Zwiefach der sterblichen Dinge Entstehung, zwiefach auch ihr Dahinschwinden. Denn die Vereinigung aller Dinge erzeugt und zerstört die eine; die andere aber, kaum herangewachsen, fliegt davon, wenn sie <die Elemente> sich wieder scheiden. Und dieser fortwähredne Wechsel hört niemals auf: bald kommt alles durch die Liebe in Eins zusammen, bald wieder scheiden sich alle Dinge voneinander durch den Hass des Streites - sofern nun auf diese Weise Eins aus Mehrerem hervorgeht, insofern entstehen die Dinge und haben kein ewiges Leben; insofern aber ihr ständiger Wechsel niemals aufhört, insofern sind sie ewig unerschüttert im Kreislauf ... [Das Werden und Vergehen kann jedoch nur als ein relatives Werden und Vergehen bezeichnet werden, denn] aus ihnen entsteht weder irgend etwas, noch geht etwas verloren. Denn wenn sie in einem fort zugrunde gingen, dann wären sie überhaupt nicht mehr. Denn was sollte dies Ganze vermehren und woher sollte es kommen? Und wohin sollte es vergehen, da nichts von diesen <Elementen> leer ist? Nein, sie allein gibt es, und indem sie durcheinander kreisen, werden sie bald dieses bald jenes, und so geht es in alle Ewigkeit.« Vorsokratiker, S. 195f

Liebe und Streit haben wir als das Voneinander Zueinander wieder entdeckt, haben das Zueinander als das Ziehen der dicken trägen Materie am Raum erkannt, haben aber genau wie Empedokles noch keine vernünftige Erklärung gefunden, warum das Voneinander ist und wie beide zusammen die ewige Bewegung der Welt in Gang halten. Denn wie in aller Welt sollte die gradlinige Bewegung der Atome im Leeren die Ursache des Voneinander sein, wo wir doch seit Kepler wissen, dass nicht ein einziger Gegenstand eine einzige Sekunde eine einzige gradlinig gleichförmige Bewegung durchführt!

Kr.8.1.251a5-8

»Es ist demnach in diesem Betreffe zu erwägen, wie es sich verhalte; denn förderlich ist es 6 nicht bloss für die Betrachtung der Natur [physeos theorian] , die Wahrheit einzusehen, sondern auch für jene Erörterung, welche das erste Princip betrifft.« [P379]

Wiederholung KrK.8.1.251a8

Was ist die Ursache aller Bewegung? Wir sagen, die gradlinige Bewegung der Atome im Leeren. Aristoteles sagt:

Sein der Materie Kr.8.1.251a8-11

»Wir wollen aber zuerst von dem aus beginnen, was wir in den Physischen Büchern früher schon [III,1] festgestellt haben. Wir sagen demnach, 10 die Bewegung ist die Verwirklichung des Bewegbaren, insoferne es ein Bewegbares ist; nothwendig also müssen die Dinge, welche die Möglichkeit haben, bewegt zu werden, bei jeder einzelnen Bewegung schon vorhanden sein«. [P379]

Sein des Leeren KrK.8.1.251a11

Das Bewegbare und die Bühne der Bewegung müssen da sein. Ohne Materie und Leeres ist Bewegung nicht möglich.

Vielfalt der Bewegungen Kr.8.1.251a11-16

»Und selbst wenn man von der Definition des Prozessbegriffs einmal absieht, so steht doch für jedermann fest, dass ein Gegenstand einen Prozess nur erleidet, wenn er die Möglichkeit hat, die betreffende Veränderung zu erleiden, so z. B. nur dann sich qualitativ verändert, wenn er qualitativ 15 veränderbar, oder nur dann seinen Ort verändert, wenn er örtlich bewegbar ist, was doch besagt: es bedarf eines Gegenstandes, der zunächst verbrennbar sein muss, wenn er verbrannt soll werden können«. [W215]

KrK.8.1.251a16

Das Bewegbare ist also da. Nun fragt sich, ob der bewegte Gegenstand entstanden ist oder nicht. Wenn nicht, dann ist er ewig. Ist er aus Etwas entstanden, so ist dieses Etwas entstanden oder ewig usw. Wir kommen entweder mit Empedokles bei den Elementen oder mit Demokrit bei den Atomen oder mit Aristoteles bei der unstrukturierten stetigen Materie an, wenn die Fragen ein Ende haben sollen. Dass dies Anhalten bei einer der Lösungen kein zwingender Grund ist, zeigen die jahrhundertelangen Auseinandersetztungen zwischen den Atomisten und den Anhängern von Aristoteles' Annahme der stetigen Materie. Aber vernünftig ist es, bei einer der Annahmen stehenzubleiben. So lange, bis uns die Natur eines besseren belehrt.

Kr.8.1251a16-20

»folglich muss auch dieses nothwendig einmal entstanden sein, nachdem es vorher nicht da war, oder es muss ein immerwährendes sein. Wenn demnach ein jedes einzelne des Bewegbaren entstanden ist, so muss nothwendig früher als die eben angenommene wieder eine andere Veränderung oder Bewegung [Hervorhebung von mir, Seidel] entstanden sein, gemäss welcher dasjenige entstand, was 20 die Möglichkeit hat, bewegt zu werden oder zu bewegen.« [P379]

Anmerkung Gohlkes, S. 344: »Diese Verbindung von Bewegung und Wandlung ist für Buch 3 und 4, an das Buch 8 auch sonst vielfach anknüpft, geläufig. Jedenfalls rechnet das 8. Buch Werden und Vergehen wieder als Bewegung, womit eine Unterscheidung von Wandlung und Bewegung überflüssig wird.«

KrK.8.1.251a20

Das 'wieder' kann man so nicht sagen, da in den anderen Büchern das Werden in der Regel 'in einem Jetzt' als die Bewegung 'gemäss Widerspruch', nun aber als Bewegung in der Zeit betrachtet wird. Allenfalls kann man diese Stelle als weiteren Beleg werten, dass Aristoteles das zeitliche Werden in den früheren Teilen wider besseres Wissen von der Bewegung ausgesperrt hat, weil dort die Form im Vordergrund stand.

Nichtbewegung der Materie ist absurd Kr.8.1.251a20-28

»Waren diese Dinge aber schon ewig vorhanden, ohne sich zu bewegen, dann erscheint dies schon an und für sich widersinnig, und es wird noch widersinniger erscheinen müssen, wenn wir noch ein wenig weiterdenken. Wenn nämlich die bewegenden und beweglichen Dinge vorhanden sind und nun zu Zeiten ein erster Bewegungsanstoss da ist, 25 zu Zeiten nicht, vielmehr alles ruht, dann muss dieser [der Anstoss] sich ja vorher verändern. Denn es muss eine Ursache für die Ruhe gegeben haben, da Ruhe ein Entziehen der Bewegung ist. Also wird vor der ersten Wandlung noch eine frühere anzunehmen sein.« [G256]

KrK.8.1.251a28

Ewigkeit des Seins ohne Ewigkeit der Bewegung ist widersinnig, weil dann die Bewegung aus dem »Nichts« erzeugt werden müsste.

Jedes Weltmodell, das die Nichtbewegung des Bewegbaren setzt, ist daher nicht physikalisch deutbar.

( Kr.8.1.251a28-b10 )

(Vertiefung der Unmöglichkeit der Ursachenlosigkeit, nicht zitiert, ist aber lesenswert.)

Zeit und ewige Bewegung Kr.8.1.251b10-19

» 10 ... Ausserdem noch, wie soll das Früher und Später existiren, wenn keine Zeit existirt, oder wie die Zeit, wenn keine Bewegung? Wenn demnach die Zeit eine Zahl oder selbst irgend eine Bewegung ist, so muss, wenn anders immer Zeit ist, nothwendig auch immerwährende Bewegung sein. Aber in der That ja in Betreff der Zeit verhalten sich offenbar Alle ausser einem 15 Einzigen einstimmig; sie sagen nämlich Alle, sie sei unentstanden (und vermittelst dessen beweist sogar Demokritos, dass unmöglich Alles ein Entstandenes sein könne, denn eben die Zeit sei unentstanden), Plato aber allein lässt sie entstehen, nämlich zugleich mit dem Himmelsgebäude sei sie entstanden, von dem Himmelsgebäude aber sagt er, dass es entstanden sei.« [P381,383]

KrK.8.1.251b19

( Platon Tim. 38B,28B [W670], [P523] 37E). Die Zeit ist die Form der Bewegung des Teil-Alls, ein Ideelles und nicht eine Sekunde der Ewigkeit. Da können wir nicht die Unendlichkeit der Bewegung mit der Zeit belegen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus, wenn die Bewegung ewig ist, dann ist es auch die Zeit, wie auch Ar hier durchklingen lässt. Zum ersten Mal deutet er die Zeit als eine Bewegung an. Auch das Jetzt, das ewig unbewegte Zwischen, das Vergangenheit und Zukunft trennt, kann nicht als Beweis für die Ewigkeit herhalten:

Kr.8.1.251b19-28

»Wenn es nun aber unmöglich ist, Zeit zu denken 20 ohne ein Jetzt, und wenn dieses Jetzt eine Mitte bedeutet, die Anfang und Ende zugleich in sich schliesst, den Anfang der kommenden Zeit und das Ende der vergangenen, dann muss es immer Zeit geben. Denn das letzte Ende eines herausgegriffenen Zeitabschnitts ist immer ein Jetzt, da man in der Zeit nichts anderes greifen kann, 25 als ein Jetzt. Wenn also dieses Jetzt immer Anfang und Ende ist, dann muss immer auf beiden Seiten Zeit liegen. Wenn aber Zeit, dann notwendig auch Bewegung, wenn die Zeit eine Eigenschaft der Bewegung ist.« [G257]

KrK.8.1.251b28

Wenn die Zeit Bewegung ist, wie Ar jetzt sagt, dann ergibt sich ihre Endlichkeit oder Unendlichkeit nicht aus dem Jetzt. Allein die Annahme eines ersten oder eines letzten Jetzt in der Zeit und die unsinnigen 'Folgerungen' daraus nötigen zur Annahme der Unendlichkeit, beweisen aber nichts. Und niemand weiss, ob es nicht doch ein erstes Jetzt gegeben hat. Niemand, weil keiner dabei war. Theologe und Materialist können sich hier nur andächtig vereint auf ihren nicht gemeinsamen Glauben berufen.

Muss, was vergeht, geworden sein und wieder vergehen seit Ewigkeit und in Ewigkeit? Ja.

Kr.8.1.251b28-31

»Die nämliche Begründung aber gilt auch in Betreff dessen, dass die Bewegung unvergänglich ist; sowie nämlich bei dem Entstehen 30 einer Bewegung uns sich ergab, dass es eine Veränderung gebe, welche früher als die erste ist, so auch ergibt sich hier, dass es eine gebe, welche später als die letzte ist.« [P383]

KrK.8.1.251b31

Wenn die Bewegung ohne Anfang und ohne Ende ist, dann ist es auch die Zeit. Wenn nicht, nicht. Aristoteles benutzt hier das 'aneinander Angrenzen', das er im dritten Buch als Beleg der Unendlichkeit verworfen hat (viele Endlichkeiten sind nicht unendlich Kr.3.8.208a11-13).

KrK.8.1.252a1

Aristoteles muss das ewige Werden und Vergehen leugnen, weil er auf die ewigen Kreisbewegungen hinarbeitet. Das Werden und Vergehen überhalb der Erde ist für ihn absurd. Es wäre gleichbedeutend mit dem Vergehen der Welt. Daher führt er es vor:

Kr.8.1.252a1-5

» 252a ... aber auch das Vergängliche wird, wann es vergeht, zum Vergehen gebracht worden sein müssen ... Wenn demnach dies ... unmöglich ist, so ist klar, dass eine immerwährende Bewegung ist, und sie nicht bald war bald nicht war; denn 5 so zu sprechen, gleicht ja auch mehr einem Erdichten«. [P383]

KrK.8.1.252a5

Der Widerspruch zwischen der ewigen Bewegung und dem ewigen Werden und Vergehen ist eine Erdichtung des Aristoteles. Er hat es selbst gesagt. Wenn ewiges Werden und Vergehen einer oder vieler 'Welten' ist, so muss Wechsel zwischen Nichtbewegung und Bewegung angenommen werden. Es ist aber unerklärlich, wie aus Nichtbewegung Bewegung wird. Das ist richtig für das Modell der endlich grossen Welt, auch wenn sie ein paar Milliarden Galaxien hat. Es wäre aber auch richtig in einer unendlich grossen Welt ohne das Leere. Denn das Nichtbewegte kann allein das Leere sein.

Der vermeintliche Wechsel zwischen Nichtbewegung und Bewegung hat sich in der sublunaren Welt nur als Richtungswechsel eines Bewegten bzw. als relative Nichtbewegung herausgestellt.

Ist die Welt jedoch unendlich gross, so muss überlegt werden, ob das Voneinander/Zueinander lokale Konstellationen ermöglichen, die das Werden und Vergehen von Teilwelten sind, ohne dass Nichtbewegung der Materie eintritt. Wenn die Summe der Gesamtbewegung nicht geändert wird und die Nichtbewegung allein die Sache des Leeren bleibt, so scheint das nicht unmöglich zu sein.

Kr.8.1.252a5-10

»in gleicher Weise aber auch das, wenn man sagt, 6 es sei eben von Natur aus so, und man müsse dies für ein Princip halten; denn dies scheint Empedokles wohl eigentlich zu sagen, dass an den Dingen durch Nothwendigkeit dies vorhanden sei, dass abwechslungweise die Liebe und der Streit die Oberhand gewinnen und Bewegung bewirken, in der dazwischenliegenden Zeit aber Ruhe sei.« [P389]

KrK.8.1.252a10.a

Empedokles' Waffenstillstand zwischen Liebe und Streit ist nur dann problematisch, wenn er die gesamte Materie der Welt betrifft und wenn er länger dauert. Ist Nichtbewegung nur lokal und kurz genug, so mag das zwar dem Logiker Kopfzerbrechen bereiten, weil er das Problem der gleichzeitigen Bewegung und Nichtbewegung nicht lösen kann. Das ist aber auch nicht sein Job. Sein Job ist es ja gerade umgekehrt, die bewegten Dinge aus der Bewegung herauszureissen und als unbewegte Grössen in ein einzelnes Jetzt hineinzudenken. Für den Physiker ergibt sich nichts Unmögliches, solange sich an der Summe der Gesamtbewegung nichts ändert. Oder anders gesagt, wenn die lokale Nichtbewegung nur der Saldo zweier gegenläufiger Bewegungen wie in den beiden Scheiteln auf Keplers Ellipsen ist (2 Jetzt als Nullsaldo KrK.6.8.239a10.b). Er lässt sich von seinen Philosophen so viel dummes Zeug aufschwatzen, da sollte er auch mit einem Jetzt der Nichtbewegung zwischen dem Zueinander und dem Voneinander fertigwerden.

KrK.8.1.252a10.b

Unmöglich dagegen ist die Annahme des Bewegungsbeginns der Gesamtmaterie die zuvor längere Zeit oder gar ewig geruht hat.

Kr.8.1.252a10-19

» 10 Sicher denken so auch diejenigen, die nur einen Bewegungsgrund kennen, wie Anaxagoras. Aber nichts in der Natur und nach der Natur geschieht regellos, da die Natur überall Ursache der Ordnung ist. Aber das Unendliche hat zum Unendlichen kein Verhältnis. Dass etwas unendliche Zeit hindurch ruhen sollte, um sich dann gelegentlich zu bewegen, 15 und dass dabei gar kein Unterschied sein sollte, ob es jetzt oder früher geschieht, und auch ohne ein Gesetz, das ist nicht mehr die Art der Natur. Was von Natur ist, das verhält sich entweder schlechthin so, und nicht bald so bald anders ... Oder aber, wenn es sich nicht um ein einfaches Geschehen handelt, dann ist ein gesetzmässiges Verhältnis da.« [G258f] 3

KrK.8.1.252a19

Nicht so sehr die Unendlichkeiten und die 'Unordnung' sind aber das Problem, sondern die Annahme, dass Bewegung aus Nichtbewegung eines Bewegbaren wird. Dass er mit Anaxagoras' unordentlichem Wirbel gut klarkäme, spräche nicht der Augenschein dagegen, belegen Stellen wie diese:

»Folglich, wofern durch Vergewaltigung jetzt die Erde ruhig verharrt, so trat sie auch dereinst zu dem Mittelpunkte nur zusammen, indem sie durch die Wirbeldrehung [dinesis] in Bewegung gesetzt wurde; nämlich diese Ursache geben alle an zufolge demjenigen, was sich in dem Flüssigen und bei der Luft ergibt, denn in diesen wir immer das Grössere und das Schwerere zum Mittelpunkte des Wirbels hinbewegt; dass demnach darum auch die Erde zum Mittelpunkte hin zusammentrat, behaupten Alle, welche das Himmelsgebäude entstehen lassen.« Vom Himmel, Buch 2.13,S.165/167

Nicht die Unordnung ist das Unerklärbare an Anaxagoras' Bewegungsursprung, sondern die Willkür, die der Natur unterstellt werden muss. Am Himmel will Aristoteles nichts vom Zufall wissen. Da ist nur Vernunft am Werk. Willkür und Natur schliessen hier oben einander aus, nicht jedoch Vernunft und Natur, wie wir von Kepler, Aristoteles oder Anaxagoras (Anaxagoras KrK.3.4.203a23.e) lernen. Aber genau so, wie wir unser bisschen Verstand allein der Natur verdanken, genauso verdanken wir ihr das Abweichen vom logos, den Zufall.

Kr.8.1.251a19-22

»Daher ist die Lehre 20 des Empedokles schon besser, dass alles abwechselnd ruhe und sich wieder bewege. Dabei ist doch Ordnung möglich.« [G259]

KrK.8.1.252a22

Anaxagoras hat recht, wenn er die sichtbare Welt geworden sein lässt, unrecht, wenn er ein einziges Werden annimmt. Empedokles hat recht, wenn Liebe und Streit als das Voneinander und Zueinander gedeutet werden. Beide aber sagen nicht, warum Bewegung ist:

Kr.8.1.252a22-25

» 22 Nur darf man das nicht einfach so behaupten, sondern man muss auch einen Grund angeben, man darf es nicht als blossen Satz und als unbewiesene Zumutung hinwerfen, sondern muss entweder einen Erfahrungs- oder Vernunftbeweis führen.« [G259]

KrK.8.1.252a25

Aristoteles mimt ein wenig den Schulmeister, wenn er einen Beweis des Unbeweisbaren fordert. Die grossartigen Ahnungen der Naturphilosophen konnten sich auf kein Beobachtungsmaterial stützen, sondern nur auf den Geist des Menschen, der diesen Namen verdient. Wir haben das Beobachtungsmaterial, aber eine völlig auf den Hund gekommene Naturphilosophie.

Kr.8.1.252a25-28

» 25 ... Denn jene Dinge selbst, welche Empedokles voraussetzt, sind gar keine Ursachen, und dass sie dies seien, liegt gar nicht in dem Wesen der Liebe und des Streites, sondern Ursache der ersteren ist das Zusammenführen [synagein] , Ursache des letzteren aber das Auseinandersichten [diakrinein] . Stellt er aber dazu noch die Bestimmung des Abwechlungsweisen auf, so muss er angeben,« [P385]

KrK.8.1.252a28

was das Zusammenführen und Scheiden verursacht. Demokrits Volles und Leeres stehen zwar als die beiden Anfänge fest. Sie allein erfüllen die Forderung, als einfache Anfänge und erste Ursache ursachenlos zu sein - aber eine Erklärung des Voneinander geben sie noch nicht, da ja die Atome im Raum wirr durcheinander fliegen. Das Zueinander haben wir einigermassen durch das Ziehen am Bettlaken erklärt.

Kr.8.1.252b4-5

»Für die obersten Grundlagen freilich, die ewig sind, gibt es weiter keinen Grund.« [G260] .

KrK.8.1.252a32

Dann entführt uns Aristoteles auf ein Nebengleis:

Kr.8.1.252a32-b2

»Ueberhaupt aber, wenn man glaubt, es sei dies darum ein hinreichendes Princip, weil es immer so ist oder vor sich geht, so ist dies keine richtige Annahme (!) (auf dies ja führt auch Demokritos die Ursachen in Betreff der Natur zurück, 35 nämlich dass es auch früher vor sich gegangen sei); von dem immer 252b Seienden aber erst noch ein Princip zu suchen, verlangt er gar nicht, worin er bei Einigem Recht hat, darin aber dass bei Allem es so sei, hat er nicht Recht.« [P385,387]

KrK.8.1.252b2

Der Absatz ist rätselhaft, weil Aristoteles die beiden Positionen, die er hier verwirft, selbst stets vertritt. Das Naturgemässe ist das, was immer so und nicht anders geschieht, und die ersten Ursachen sind ursachenlos. Immerhin, nun hat Demokrit ein bisschen Recht. Wenn die obersten Anfänge ewig sind und keiner Begründung bedürfen, dann waren sie immer so. Wenn nicht, nicht. Aristoteles' Kritik läuft ins 'Leere' und kann eigentlich nur als Fingerzeig verstanden werden. Denn wo gibt es das, dass Aristoteles die Erfahrung nicht als hinreichenden Beleg gelten lässt. Gerade eben hat er sie ja noch neben der Logik als das einzige Beweisverfahren zugelassen. Die Kritik läuft nicht ins Leere, wenn Aristoteles sich hier verschämt zu Demokrit bekennt und das Leere nicht länger leugnet. Ist das Leere ewig, und sind die Atome ewig, dann ist die Bewegung ewig.

Kr.8.1.252b5-6

» 5 ... Dass es also keine Zeit gab oder geben wird, in der es nicht Bewegung gab oder geben wird, soll hiermit gesagt sein.« [G260]


1. wörtlich: athanatos = unsterblich

2. Die Atomisten, Leukipp, Demokrit. Dann lange niemand, dann Giordano Bruno (1548-1600), landete auf dem Scheiterhaufen, dann lange wieder niemand. Dann Kant und Laplace , die mit ihren Nebularhypothesen das Werden und Vergehen der Sternensysteme postulierten.

3. Aristoteles spricht von einem logos, einem festen Verhältnis. Naturgesetz im heutigen Sinn gab es bis auf den Hebel und die Verdrängung noch nicht.