Kr.1.4.187a-188a Die Lehren der Alten - KrSc

Stoff Kr.1.4.187a12-18

»In der Lehre der wirklichen Physiker [physikoi] kann man zwei Weisen unterscheiden. Die einen nehmen einen einzigen Grundstoff an, entweder eines der drei leichten Elemente [Feuer, Wasser, Luft] oder ein anderes, dessen Dichte zwischen Feuer und Luft liege... 15 und erzeugen dann das Uebrige durch Verdichtung und Verdünnung, indem sie so das Eine zu einem Vielen machen; das genannte aber sind Gegensätze; im Allgemeinen eben das Zu viel und das Zu wenig, wie auch Platon das Gross und Klein meint, nur dass Platon eben diese als Stoff und das Eins 20 als Form bezeichnet.« [G39,P23]

Form KrK.1.4.187a18

Der Stoff, aus dem Platons Träume sind, die Formen, ist sicher im Einen des Parmenides zu Hause, also in einer immateriellen unbewegten Substanz.

Die Denker, die eines oder mehrere der materiellen Elemente als Anfänge nehmen, finden, dass das erste Bewegungsprinzip ein Gegensatz sein muss.

Gegensatz Kr.1.4.187a20-b7

»Die andern Physiker dagegen lehren, aus der Alleinheit sonderten sich die Gegensätze, die schon darin gesteckt hätten, aus, wie Anaximandros es darstellt und wer sonst noch die Welt als Einheit und Vielheit sieht, wie Empedokles und Anaxagoras. Aus der Urmischung sondern auch sie die andern Dinge heraus, sie unterscheiden sich nur darin voneinander, dass der erste dies in ständiger Wiederkehr geschehen lässt, 25 während der zweite dies nur einmal tut, ferner darin, dass dieser unendlich viele unter sich gleichartige Stoffe annimmt und Gegensatzpaare, während jener nur die bekannten vier Elemente unterscheiden will.

Zu seinen unendlich vielen Stoffen scheint Anaxagoras gekommen zu sein, weil er die allgemeine Ansicht der Physiker für richtig hielt, dass nichts entstehen könne aus dem Nichts. Das ist nämlich der Grund, warum sie behaupten, 'zuerst waren alle Dinge zusammen' oder 'wenn ein 30 solches wird, dann ist es nur Wandlung', während andere von Trennung und Wiedervereinigung reden und davon, dass alle Gegensätze auseinander entstünden ... 187b Dewegen lehrten sie, alles sei in allem gemischt, weil sie sahen, dass alles aus allem entstehen kann. Die Unterschiede seien nur Schein, und die Dinge würden nach dem Bestandteil ihrer Mischung aus den unendlich vielen Stoffen bezeichnet, der gerade das Übergewicht habe. Ganz reines 5 Weiss oder Schwarz oder Süss oder Fleisch oder Knochen gebe es überhaupt nicht, aber wovon jedes Ding am meisten besitze, das komme uns als die Natur des Gegenstandes vor.« [G39/40]

Anaxagoras KrK.1.4.187b7

Anaxagoras' Monadologie hat in der organischen Natur, zunächst durch die Entdeckung der Zellen, dann der Bausteine des Lebens und ihrer Zusammensetzung eine schöne Bestätigung gefunden, ist aber für die Physik nicht brauchbar, weil wir auf unendlich zusammengesetzte Bausteine stossen würden. Wenn es so etwas wie die 'Ursuppe' des Universums gibt, dann kann sie nicht mit der des Lebens verglichen werden, sondern darf sich nur aus den ersten und einfachen Bestandteilen zusammensetzen und darf nur erste und einfache Bewegungen durchführen. Von Anaxagoras bis zum Atom ist es nur ein kleiner Schritt: Die Vernunft » ist das feinste und reinste von allen Dingen.« Die Vernunft, die »ewig ist, ist sicher auch jetzt da, wo auch alle andern Dinge sind, in der umgebenden Masse ... und in dem, was sich damit vereinte, und in dem, was sich abgesondert hat.« Vorsokratiker, S. 273, 272

Im Bereich des Organischen gibt Aristoteles zu, dass es Bausteine geben muss, die eine bestimmte Quantität nicht über- oder unterschreiten können, ohne ihre Qualität zu verlieren oder eine neue Qualität zu erhalten:

organische Wesen nicht beliebig gross oder klein Kr.1.4.187b13-21

»Ferner, wenn jedes Ding auch selber die Grenzen nach Grösse und Kleinheit muss erreichen 15 können wie seine Teile (ich spreche hier nur von den Bestandteilen eines Ganzen), und wenn es unmöglich ist, dass ein Geschöpf oder eine Pflanze beliebig gross oder klein sein kann, so sieht man, dass auch die Bestandteile es nicht können, da sonst auch das ganze dazu imstande sein müsste, nämlich Fleisch und Knochen und derartige Teile des Geschöpfes und bei den Pflanzen die Früchte. 20 Also ist erwiesen, dass Fleisch und Knochen und sonst dergleichen nicht jede Grössengrenze überschreiten kann, weder nach oben noch nach unten.« [G41]

anorganische Bausteine KrK.1.4.187b21.a

Zwar ist fraglich, ob der Schluss von der Grösse des Tiers auf die Grösse des organischen Atoms erlaubt ist, aber es stimmt, dass ab einer bestimmten Grösse das organische Gewebe in anorganische Moleküle, Atome usw. übergehen.

Angenommen, wir hätten endlich die wirklichen Atome, die kleinsten Materiebausteine gefunden. Dann hätten wir als Elemente die Atome. Sie sind die Teile, die Grundlage Materie ist das Ganze, und das Zueinander ist das Bewegungsprinzip. Aber die Atome, die Materie und das Zueinander allein können nicht die gesuchten Anfänge und Ursachen sein.

Zueinander KrK.1.4.187b21.b

Wo immer ein zweites Stück Materie zu einem ersten hinzutritt, wollen sich beide aus welchem Grund auch immer nähern. Wäre das Zueinander das einzige Prinzip, so bewegte sich alle Materie aufeinander zu, bis sie sich getroffen hätte. Punctum. Das widerspricht der Erfahrung. Gäbe es nur das Zueinander, so wären die vielfältigen Bewegungen, Veränderungen, das Werden und Vergehen unerklärlich.

Voneinander KrK.1.4.187b21.c

Es muss wiegesagt wenigstens noch ein entgegengesetztes Prinzip geben, das Voneinander. Wir haben es tatsächlich entdeckt. Die Bewegungen der Planeten oder Sonnen um ihre Zentralen sind bereits ein beständiges gleichzeitiges aufeinander zu und voneinander weg: Jeder Punkt auf einer Bahn resultiert aus dem zentralen Zueinander und dem zentralen Voneinander, das abgelenkt die Bahnen der Himmelskörper ergibt.

Werden und Vergehen KrK.1.4.187b21.d

Und innerhalb des Voneinander finden das Werden und Vergehen der Elemente, Himmelskörper, Sternensysteme bis hin zu den Lebewesen statt. Gehen wir über die Bewegungen innerhalb unserer Galaxis hinaus, so finden wir, dass die Bewegung aller Galaxien des Teils der Welt, den wir kennen, das Voneinander ist. Wir haben also das Zugrundeliegende, die Materie und den Gegensatz Zueinander-Voneinander und können nun das Werden und Vergehen der Dinge untersuchen.

Aber das ist doch Unsinn! Wie sollen zwei Bewegungsprinzipien der gesuchte Gegensatz sein, der die Bewegung selbst erst versursacht? Sie sind ja bereits Bewegung! Und Empedokles' Vernunft scheidet als Prinzip aus, weil die Natur nicht denkt, das tun nur wir. Nein, die Bewegung, ob hin oder her oder im Kreis, ist ein Attribut der Materie, und die Materie ist ein Anfang. Wir müssen also wenigstens einen weiteren Anfang finden, der der Gegensatz zur Materie ist und der allein durch sein Dasein und im Verein mit der Materie die Bewegung verursacht. Dann erst können wir die Arten der Bewegung untersuchen.

Wir haben hier den gleichen Fehler wie die alten Griechen gemacht und den Gegensatz von seinem Anfang getrennt. Nachdem sie ihren Anfang gefunden haben, das unbewegte Immaterielle oder die bewegte Materie, sind sie sofort auf die Suche nach den Gegensätzen gegangen, die dann aus dem jeweiligen Anfang den Rest erledigen sollten.

Wir müssen also noch einmal anfangen. Denn wollen wir wirklich die Bewegung aus der Welt aus sich selbst erklären, dann müssen wir die Gegensätze in den Anfänge und nicht in bereits Zusammengesetztem suchen. Da die Materie sich nicht selbst zum Gegensatz hat, kann sie also nicht der alleinige Anfang sein.

Womit wir wieder bei Parmenides sind.