Kr.7.4.248a-249b Gleiches Mass für alle - KrSc

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Das Kapitel 4 lässt sich unter die Ruburik Wissenschaftstheorie einordnen. Alle Übersetzer geraten bei Kapitel zu Recht 4 ins Rudern, weil noch schwerer als im restlichen Buch zu erkennen ist, worauf Ar hinauswill. Und tatsächlich bürdet er dem Leser mit der unerträglich ausführlichen Untersuchung der Kommensurabilität zweier verschiedener Bewegungen eine ziemliche Zumutung auf.1

Ar stellt die Frage nach der Vergleichbarkeit zweier ausgedehnter Bewegungen, genauer nach der Messbarkeit der Gleichheit bzw. Ungleichheit.

Wir würden heute die Frage anders stellen. Wir wissen, dass nicht nur Quantität und Qualität in einander übergehen und aus einander werden. Wir wissen auch, dass alle Bewegungsarten, angefangen von der 'einfachen' Ortsbewegung bis hin zur dichterischen Inspiration in einander übergehen und aus einander werden. Reibung wird Wärme, Wärme Energie, mechanische Bewegung wird chemische Reaktion, chemische Bewegung wird elektrische Bewegung oder organische Materie usw. Uns interessiert also nicht die Vergleichbarkeit des Ungleichen, sondern wie aus dem Ungleichen das Gleiche entsteht.

Um diese heute in der Phrase allgemein anerkannten dialektischen Zusammenhänge zu untersuchen, reicht weder unser bisheriges begriffliches, noch unser physikalisches, noch unser sonstiges wissenschaftliches Instrumentarium aus. Vor allem aber ist die gesellschaftliche Wirklichkeit der eigentliche Feind einer wissenschaftlichen Dialektik.

Die Gedanken sind Brei KrK.7.4.248a10.b

Die Untersuchungen zur Dialektik im Kapitalismus lassen sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die Gedanken sind Brei.

Nicht viel besser geht es uns mit der Hinterlassenschaft des fehlgeschlagenen Sozialismus der UdSSR. Ganz sicher gibt es unter den Worthülsen des bürokratischen Sozialismus wertvolle Erkenntnisse. So benutze ich beispielsweise das bei Rowohlt erschienene 'marxistisch-leninistische' Wörterbuch der Philosophie, dem ich viele Infomationen verdanke, die in der Bourgeoisphilosophie totgeschwiegen werden. Man muss dort nur um die verknöcherten Formulierungen herumlesen. Und man sollte wissen, dass die DDR-Philosophie ungefähr so revolutionär war wie E. Bernsteins Kleingärtnersozialismus. Was kein Wunder ist, denn die SED ist ja aus dem SPD-Kleingärtnerverein und den theoretisch eher schlichten Anhängern Stalins entstanden.

Der Neuanfang einer wissenschaftlichen Dialektik wird bei Marx und Engels selbst beginnen müssen. Nachdem wir Deutschen im letzten Jahrhundert bei den beiden Umschlägen unseres idyllischen Wirtschaftssystems eher unappetitliche Qualitäten erfunden und ausprobiert haben, könnten wir beim bevorstehenden dritten Umschlag von der Quantität in die Qualität der Welt zeigen, dass wir zur praktischen Kritik fähig sind und einen funktionierenden Sozialismus auf die Beine stellen.

Da sich die Dialektik jedoch mehr als jede andere Richtung der Philosophie zur Verdummung der Menschen benutzen lässt - das fängt bei Platons Polemiken gegen die Sophisten an und hört bei den ekligen Schriften der Naziphilosophen und deren Nachfolger in den Universitäten von heute auf, komme ich immer mehr zur Überzeugung, dass die Dialektik in der Philosophie eines der Dinge ist, die sich als das Gute im Schlechten nicht verwirklichen lassen.

November 2019: Mache lieber das Geständnis, dass du dich bisher noch nicht an eine Kritik der »Logik« oder der »Enzyklopädie« des Hegel herangetraut hast!

Das Kapitel schliesst an unseren Versuch aus dem zweiten Buch an, vom Ende her den Anfang zu begreifen. Was wir dort mit recht wackligen Kategorien getan haben, sollte nun eigentlich einen physikalischen Anfang bekommen. Das erweist sich (hier) aber als unmöglich. Die Naturphilosophie kann hier ihr Ziel nur benennen, sie kann es nicht erreichen. Oder die Benennung des Ziels ist vielleicht die eigentliche Aufgabe der Philosophie. Der Zweck des Kapitels lässt sich am besten anhand der mehrfach benutzten Analogie der Räume erklären.

Bezeichnen wir das Spezialgebiet einer beliebigen Wissenschaft im übertragenen Sinn als Raum. Dann gibt es so viele Räume, wie es Wissenschaften gibt. Und jeder Raum hat seine eigene Bewegung. Der Raum der Medizin ist die Gesundheit. Der Raum der Ökonomie sind die Produkte der Arbeit. Die Bewegungen heissen Gesunden und Arbeiten. Innerhalb des jeweiligen Raums muss eine Masseinheit oder eine Unterteilung in Grade der jeweiligen Bewegung gelten, mit der wir Logik und/oder Mathematik betreiben können. In der Medizin misst sich die Gesundung im Grad auf dem Thermometer, in der Ökonomie ist die Zeit die Zahl der Arbeit. Und es sollte für einen Raum auch nur eine Gleichzeitigkeit und innerhalb derer die gleiche Zeit gelten. Sind der Raum und das gemeinsame Mass der Bewegung in diesem Raum gegeben, so lassen sich alle Bewegungen innerhalb dieses Raums miteinander vergleichen, mit Zahlen und Grössen mathematisch und logisch quantifizieren.

Da jeder Raum ein eigenes Mass oder eine eigene Gradeinteilung hat, lassen sich die Bewegungen in zwei verschiedenen Räumen nicht mit einem gemeinsamen Mass vergleichen, die 38° Fieber nicht mit den 38 h Arbeit.

Was aber ist mit zwei Räumen, die sich im selben Haus befinden? Oder anders gesagt, was ist mit zwei Bewegungsarten innerhalb derselben Gattung? Etwa Gelbfieber und Erkältungsfieber, Schreinerarbeit und Lehrerarbeit, Bewegung auf einer Geraden und Bewegung auf einem Kreis?

Zwar könnten wir die Analogie mit den Räumen noch weiter spinnen, das endet aber sehr schnell in Gerede. Die Grenze zweier Bewegungsarten innerhalb derselben Gattung scheint uns das Gesuchte zu liefern. Wenn beide Bewegungen an ihren Enden zusammenpassen, dann müssen sie genau dort das gemeinsame Mass oder besser die gemeinsame Zahl haben, den Punkt, an dem die Gerade krumm oder der Kreis gerade wird, womit auch Ar seine Ausführungen sogleich beginnt:

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» 10 Man könnte aber die Schwierigkeit erheben, ob jede Bewegung mit jeder commensurabel sei oder nicht. Wenn denn nun jede commensurabel ist und daher das Gleichschnelle dasjenige ist, was überhaupt nur in gleicher Zeit bewegt wird, so wird eine kreislinige Bewegung einer geradlinigen gleich, und demnach auch grösser und kleiner als dieselbe sein; ferner wären dann eine qualitative Aenderung und eine Raumbewegung einander gleich, sobald nur in gleicher Zeit das Eine qualitativ geändert, das Andere räumlich bewegt wurde; 15 und es wäre also ein Zustand gleich einer Länge; diess ist aber unmöglich. Es soll also hingegen etwas dann gleichschnell sein, wenn es in gleicher Zeit eine gleiche Bewegung durchgemacht hat, gleich aber ist ein Zustand nicht einer Länge; folglich ist eine qualitative Aenderung nicht einer Raumbewegung gleich, und auch nicht kleiner als sie; folglich ist einmal nicht jede Bewegung commensurabel.« [P359]

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Das Mass, jenes 'Urgestein' der Quantität und damit der Logik und auch der Geometrie: Nur Dinge, die gleiches Mass haben, können gleich und damit gleichgesetzt werden. Das Mass versagt uns die einfachsten Dienste, sobald wir es auf zwei bestimmte Bewegungen zugleich anwenden wollen, die Bewegung auf einem Kreis und die Bewegung auf einer Geraden. Beides Ortsbewegungen, also im selben Raum und folglich in der gleichen Zeit. Aber nicht mit der gleichen Einheit messbar.

Erst Newton und Leibniz durchschlagen den gordischen Knoten. Mass und Zahl werden repräsentiert durch zwei Zeichen, und , den Stoff als 'Summe' der Formen und die Form, die aus dem Stoff geworden ist.


1. Prantl: »Um den Begriff des Gleichschnellen dreht sich nämlich die ganze scharffsinnige Entwicklung der erhobenen Schwierigkeit im Verlaufe dieses Capitels ... In diesem ganzen Cap. wieder wird man den öfteren Gebrauch von erläuternden Erweiterungen in der Übersetzung durch das Bedürfnis der Verständlichkeit entschuldigen.« [P520] Wagner: »Das nun beginnende Kapitel enthält Schwierigkeiten und Dunkelheiten: sie betreffen sowohl die Textgestalt wie die leider oft zu knappe Diktion. Der weitgehend aporetische Charakter der Überlegungen macht dem Interpreten die Arbeit auch nicht eben leichter.«