Kr.7.2.243a3-245b2 Keine Bewegung ohne Berührung - KrSc

KrK.7.2.243a3

Der die Bewegung verursachende Gegenstand muss mit dem bewegten Gegenstand zugleich sein.

Berührung Kr.7.2.243a3-6

»Das erste Bewegende ... woher der Anfang der Bewegung ist, ist zugleich mit dem Bewegtwerden; ich sage aber 'zugleich', weil 243a5 Nichts zwischen beiden ist; denn diess ist gemeinsames Merkmal bei jedem Bewegtwerdenden und Bewegenden.« [P343]

zweiseitige und allseitige Berührung KrK.7.2.243a6.a

Es gibt zwei Arten der Berührung. Einmal die zweiseitige Berührung zweier Voller. Dann die Gleichzeitigkeit des Vollen mit dem Leeren, für die unsere Sprache keinen Namen hat, weil die Sprache dem Denken folgt und der Gedanke, 'Demokrit hat recht', vom Übel ist. Die Gleichzeitigkeit der beiden Stoffe nennen wir die allseitige Berührung des Leeren mit dem Vollen. Im ersten Buch haben wir gefunden, dass dies auch die erste Bewegungsursache ist. Im siebenten Buch untersuchen wir fast ausschliesslich die Bewegung durch zweiseitige Berührung zweier Stoffe.

Berührung haben wir in den letzten Büchern gesagt, ist die Gleichzeitigkeit der Grenzen zweier Voller in einem Zwischen. Und genau das Zwischen interessiert uns jetzt nicht, weil das die unbewegte, eingebildete und verlogene Form ist. Weiter haben wir gesagt, das Wesen ist der geformte Stoff. Stoff ist Ausdehnung. Form ist Grenze. Stoff und Form sind untrennbar Eins. Auch hier interessiert uns die Form nicht. Denn wenn wir wie jetzt bis zum Schluss das Ganze sehen wollen, dann ist ein Teil, der kein Teil ist, nur noch lästig. Die Form können wir uns bei Bedarf wegdenken, weil sie nur eingebildet ist.

Stoff berührt Stoff KrK.7.2.243a6.b

Berührung Zweier ist jetzt allein die Berührung zweier Stoffe, deren Grenzen uns gleichgültig sind. Denn ab jetzt werden wir Bewegungen in der Zeit und nur ausnahmsweise Bewegung in einem Jetzt untersuchen. Dazu benötigen wir weder die bewegten Formen noch die unbewegten Formen.

Selbstbewegung Kr.7.2.243a10-15

» 10 ... Zuerst aber wollen wir über die Raumbewegung sprechen, denn diese ist die erste der Bewegungen. Alles räumlich Bewegtwerdende denn nun wird entweder von sich selbst oder von einem Anderen bewegt; bei jenem nun, was selbst von sich selbst bewegt wird, ist es augenfällig, dass in demselben das Bewegtwerdende und das Bewegende zugleich sind, denn in solchem selbst ist schon das erste Bewegende enthalten, so 15 dass Nichts inzwischen liegt ... « [P343, 345]

Bewegung durch allseitige Berührung KrK.7.2.243a15

Gibt es in der Natur keine aussernatürlichen Bewegungsursachen, so kann die örtliche 'Selbstbewegung' nur durch die Gleichzeitigkeit des Vollen mit dem Leeren hervorgerufen werden.

'Selbstbewegung' ist allein die Bewegung der Raummaterie im Leeren, die einzige Bewegung, bei der Bewegendes und Bewegtes nicht nur an den Grenzen, sondern vollständig zugleich sind. Zwar gilt die Gleichzeitigkeit mit dem Leeren für alle Materieteile, gross oder klein, dick oder dünn, so dass sich irgend ein Rest dieser ursprünglichen Bewegung in jeder Bewegung finden muss. Das Einfache ist in allem Zusammengesetzten. Aber ab dem Raum abwärts tritt die Bewegung durch Gleichzeitigkeit gegenüber unseren groben Sinnen und Messinstrumenten vollkommen in den Hintergrund, und Bewegung ist Bewegung durch zweiseitige Berührung.

Der Raum ist der bewegte Mittler zwischen dem ewig unbewegten Leeren und der ewig bewegten Materie. Er bewegt die Materie durch zweiseitige Berührung und wird vom Leeren durch allseitige Berührung bewegt.

Die durch den Raum vermittelten subgalaktischen Bewegungen der Materie lassen sich auf wenige Arten oder Bahnen reduzieren, wie wir sie von Kepler, Kant und Laplace und aus den Wirbeln der griechischen Naturphilosophen kennen:

Kreisbewegung ist zusammengesetzt Kr.7.2.243a15-18

» ... Bei jenem aber, was von einem Anderen bewegt wird, muss diess nothwendig in vierfacher Weise 243a16 vor sich gehen, denn vier Arten gibt es von der durch ein Anderes erzeugten Raumbewegung: das Ziehen, das Stossen, das Fahren, das Wirbeln [ dinä, siehe 81.19 , prüf, ob dinäsis Substantiv oder vom Verb diemai ]; alle örtlichen Bewegungen nämlich lassen sich auf diese vier zurückführen ...

Kr.7.2.243b16-a4

von diesen aber fallen hinwiederum das Fahren und das Wirbeln unter das Ziehen und Stossen; das Fahren nämlich findet eben selbst nur nach einer von den übrigen drei Arten statt, denn das Gefahrene wird ja bloss nach Vorkommniss bewegt, weil es in 243b20 oder auf einem Bewegtwerdenden ist, der Gegenstand aber, welcher es fährt, fährt es dadurch, dass er selbst entweder gezogen oder 244a gestossen oder im Wirbel bewegt wird, so dass also das Fahren allen dreien gemeinsam ist; hingegen das Wirbeln ist aus einem Ziehen und einem Stossen zusammengesetzt; nämlich das im Wirbel bewegende muss nothwendig theils ziehen theils stossen, denn es treibt das eine von sich hinweg und das andere zu sich hin ... « [P345,347]

rudimentäre Mechanik KrK.7.2.244a4

Eine rudimentäre Mechanik der Bewegungsbahnen. Ziehen, Stossen, Drehen (Wirbel) und Transport (Fahren), wobei der Transport bei Ar nur für den bewegten Punkt als blindem Passagier benötigt wird. Der Wirbel ist die zusammengesetzte Bewegung, die beiden gradlinigen sind die einfachen Bewegungen. Die erstaunliche Feststellung passt gut in die Interpretation des siebenten Buchs als sublunare Mechanik. Sie passt nicht in das Weltbild des Griechenland, in dem Aristoteles lebt. Denn dort ist die erste und einfache Bewegung im All die Kreisbewegung. Daher muss dort auch eine andere Mechanik gelten. Alle Ortsbewegungen sind, wie man heute sagt, aus Translation und Rotation konstruierbar. Für uns ist zwar gut, dass die übergeordneten intergalaktischen Bewegungen das Voneinander und das Zueinander sind. Weniger gut ist aber, dass das Voneinander nicht in die Bewegungskette sich gegenseitig Berührender hineinpasst, was uns offenbar auch dazu zwingen wird, dort andere Gesetze anzunehmen. Denn das Auseinanderfliegen kann nur eine einzige Ursache haben, die für alle Galaxien gilt. Hier ergeben sich die Physiker momentan der schwarzen Energie, nachdem sie den Weltenbeweger Raum den Göttern geopfert haben. Da wir dem Raum treu geblieben sind, müssen wir zum Schluss die Bewegung des Ganzen aus der gradlinigen Bewegung der Atome im Leeren erklären.

Kr.7.2.244a4-6

» ... Folglich nun, woferne nur das Stossende und das Ziehende mit dem Gestossenen und dem 5 Gezogenen zugleich ist, so ist augenfällig, dass zwischen dem räumlich Bewegtwerdenden und dem Bewegenden Nichts liegt«. [P347]

KrK.7.2.244a6

Materie berührt Materie, Raum berührt Materie oder Raumteil berührt Raumteil.

Berührung Kr.7.2.244a14-b2

»Es ist aber unmöglich, etwas 15 von sich fort oder zu sich hin zu bewegen, 244b ohne es zu berühren. Somit ist klar, dass bei räumlicher Bewegung zwischen Bewegendem und Bewegten nichts dazwischen sein kann.« [G228]

Stoff berührt Stoff KrK.7.2.244b2

Stoff berührt Stoff. Wir betrachten jetzt nur noch das Bewegte und das Bewegende. Beide sind Stoff und nicht Form. Form tut nichts.

Ähnliches gilt für die Qualität, die die Natur in unseren Sinnen produziert, überrascht uns nun Aristoteles, der uns wieder drei Schritte voraus ist.

Qualität: Natur berührt die Sinne Kr.7.2.244b2-5

»Nun aber liegt auch zwischen dem, was qualitativ geändert wird, und dem, was es qualitativ ändert, Nichts; diess aber ist klar durch Induction, denn bei Allem ergibt sich, 5 dass das äusserste Ende von jenem, welches die qualitative Aenderung bewirkt, mit dem Verändertwerdenden zugleich ist,

KrK.7.2.244b6

09.03.2016 Das sollte hier nicht sein, sondern erst in Ph. 25.01.2016 tauta gar esti pathe tes hypokeimenes poiotetos , dass das Leidende und das Tuende im Zugrundeliegenden »identisch« sind, was Aristoteles als Begründung folgen lässt, interessiert keinen der Übersetzer. So verbessern sie den unverständigen Aristoteles sie ins Blaue hinein über Qualitäten. Dass hier tatsächlich zwei Probleme des Aristoteles vorliegen, nämlich einmal die beiden Menschenkategorien des Tun und Leiden als Kategorien des Seins und zum anderen, dass er die Gleichzeitigkeit als Identität betrachtet und die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen nicht zulässt, gerät dabei völlig aus dem Sinn. So »verbessert« auch Prantl.

... das Qualitative wird darin geändert, dass es ein sinnlich wahrnehmbares ist1 ...

Kr.7.2.245a11.1

11 die actuelle Sinneswahrnehmung nämlich ist eine Bewegung vermittelst des Körpers, wobei die Sinneswahrnehmung eine Einwirkung erfährt; also wird in Allem, in welchem das Unbeseelte qualitativ geändert wird, es auch das Beseelte werden, nicht aber in allem jenen auch das Unbeseelte, in welchem das Beseelte, denn das Unbeseelte wird in keinen 15 Sinneswahrnehmungen qualitativ geändert, und ihm bleibt seine Aenderung auch unbemerkt, dem Beseelten 245a hingegen nicht; es steht aber auch dem Nichts im Wege, dass sie auch dem Beseelten unbemerkt bleibe, wann nämlich die qualitative Aenderung nicht an den Sinneswahrnehmungen vor sich geht). Woferne also nun jenes, was qualitativ geändert wird, durch das sinnlich Wahrnehmbare qualitativ geändert wird, so ist ja bei diesem letzteren insgesammt augenfällig, dass das äusserste Ende des Aendernden 5 mit dem ersten Anfange des Geändertwerdenden zugleich ist, denn mit jenem ist continuirlich die Luft, mit der Luft aber der Körper, oder hinwiederum die Farbe mit dem Lichte, das Licht aber mit dem Gesichtssinne, und in der nämlichen Weise auch der Gehörsinn und der Geruchsinn, denn ein erstes Bewegendes für das Bewegtwerdende ist da die Luft, und in gleicher Weise bei dem Geschmacksinne, denn örtlich zugleich mit dem Geschmacksinne ist der gekostete Saft; 10 ebenso aber ist es auch bei dem Unbeseelten und der sinnlichen Wahrnehmung Unfähigen. Folglich liegt Nichts zwischen jenem, was qualitativ geändert wird, und jenem, was diese Aenderung bewirkt.« [P347-351]

KrK.7.2.245a11.1

Das ist die schönste Erklärung der Qualität, die ich kenne. Die Natur berührt die Sinne, und der Mensch kreiert auf geheimen Pfaden nach der einmaligen oder mehrmaligen Berührung eine Qualität, die 'Farbe', die 'Massenanziehung', die 'Elektrizität', die 'Kernbindungskraft', das 'Eis'.

So schön, so problematisch ist diese Stelle. Denn wenn sich die Philosophen über sie hermachen, dann sind nach kürzster Zeit alle qualitativen Änderungen allein Menschensache. Fast poetisch dagegen Aristoteles: die Natur bemerkt im Gegensatz zum Menschen nichts von der qualitativen Änderung.2 Wahrnehmung, Erkenntnis und schliesslich Benennung der Qualitäten sind allein dem Menschen vorbehalten. 'Qualität' gilt uns auch weiterhin als Produkt einer vielfach zusammengesetzten Bewegung, der ein Etwas in der Natur entspricht. Es verhält sich mit der Qualität wie mit der Form. Die Objektivität der Form ist die Relation, das Zwischen zwischen Zweien, eine relativ einfache Sache, die uns aber schon manche schlaflose Nacht gekostet hat. Die Qualität ist eine vielfach zusammengesetzte Relation und lässt sich wegen der vielfachen Zusammensetzung nicht auf einen einfachen Nenner bringen, so dass ihr Aristoteles zu Recht eine eigene Kategorie gewidmet hat. Die Natur dagegen kennt nur das Volle, das Leere, Bewegung und Berührung. Die Natur kommuniziert mit dem Menschen über die Sinne durch zweiseitige Berührung. Dass und wie die Natur die Sinne bildet, ist Gegenstand der Wissenschaft von der Evolution und weiterer Wissenschaften. Was wir am Ende mit dieser Berührung anstellen, ist unsere Angelegenheit. Die Qualitäten, die wir aus der Berührung falsch oder richtig konstruieren, gehen die Natur nichts an.

Die Sinne sind in ihren Grenzen für die Physik nicht nur zuverlässige, sondern die ersten Quellen der Wahrnehmung und der Erkenntnis. Aber die Sinne sind Fachidioten. Sie beherrschen wie das Leere nur eine einzige Aufgabe und die nicht einmal besonders gut. Ihre Grenzen sind schnell erreicht. Sind sie erreicht, müssen sie verlängert werden. Danach müssen die Vernunft und das theoretische Denken einsetzen. Sowohl die Vernunft und das theoretische Denken, als auch die Instrumente helfen uns, den Grenzen der Sinne abzuhelfen. Sinne, Vernunft und theoretisches Denken sind aber nicht nur die Quellen der Erkenntnis, sondern weit mehr die Quellen der Irrtümer, weil sich die Natur weder nach unserer unvollkommenen Wahrnehmung, unseren logischen Schlüssen aus den richtigen oder falschen Wahrnehmungen oder Vermutungen, noch nach den Hypothesen richtet, sondern umgekehrt die Sinne, die Logik und die Theorien nur korrekt sind, wenn sie mit der Natur übereinstimmen. Trotz ihrer Unvollkommenheit bleiben die Sinne die erste Quelle unserer Naturerkenntnis, Erkenntnis hier auf der ursprünglichsten primitivsten Stufe, nämlich der Wahrnehmung, jener Erkenntnis, die auch der Wurm und mit Einschränkung auch die Wurmphilosophen haben.

Aber ganz gleich, ob Wurm oder Philosoph, die Natur muss den Wahrnehmer berühren, damit er sie wahrnimmt. Daher nennen die Inder die Sinne auch 'Greifer' und wir begreifen das Begreifen.

Dass die Berührung aber nicht auf unsere fünf Sinne beschränkt bleiben darf, sondern als sechster Sinn noch der Verstand (Logik, Mathematik) und als siebenter Sinn die Vernunft (Theorie) hinzukommen müssen, belegen das Leere, der Raum, die Form, die Qualität usw. usw. Nachdem die fünf Spezialisten ihren Dienst verrichtet haben, kommen die Generalisten zum Zug. Zuerst der Generalist, der statt einer Aufgabe zwei oder drei Aufgaben bewältigen kann, die Logik, dann die Mathematik und danach der Universalist, der potentiell unendlich viele Aufgaben bewältigen kann, die Vernunft.

So, wie wir das Leere als einen Stoff der Natur erkannt haben bei gleichzeigtiger Gewissheit, dass wir ihn nie zu Gesicht bekommen werden. So, wie wir die Formen konstruieren bei gleichzeitiger Gewissheit, dass sie nur das 'mindere' Sein der Relation haben und wir sie ebenfalls nie zu Gesicht bekommen werden. So, wie wir uns an den Grenzen der einfachen Ortsbewegung mit vervielfältigten und geteilten Punkten beholfen haben, um das Unbegreifliche begreifbar zu machen, so bilden wir Kraft unseres Geistes aus den vielfach zusammengesetzten Bewegungen Begriffe wie die 'Qualität' . Wir wissen, dass da ein Etwas in der Natur ist, das dem Begriff mehr oder weniger genau entspricht, gestehen aber frank und frei ein, dass unser begriffliches Abbild nicht über eine grob hingeworfene Skizze hinauskommt, weil die Natur gross ist, unsere Greifer aber klein sind.

Wenn es aber stimmt, dass die zusammengesetzten Bewegungen aus einfachen Bewegungen bestehen, dann können wir über die grobe Szizze hinaus ebenfalls sicher sein, dass die Erkenntnis einer Qualität gleichbedeutend ist mit der Erkenntnis einer bestimmten Anzahl einfacher Bewegungen.

Qualitative Bewegungen oder Veränderungen nennen wir hier also mit Aristoteles Bewegungen, die in die Sinne fallen. Die bewegende Natur berührt das bewegte Sinnesorgan. Die Gleichzeitigkeit von Sinneseindruck mit Auge, Ohr, Haut, Zunge, Nase produziert die Qualität im Hirn. Hier noch einmal die Stelle in anderer Übersetzung:

||: Kr.7.2.245a2-11.2 :||

»Da also eine Qualitätsveränderung die Wirkung sinnlicher Eigenschaften des einwirkenden Gegenstandes ist, so gilt für alle Prozesse dieser Art das aufgestellte Gesetz, dass das Glied, welches unmittelbar die Veränderung erfährt, mit dem Glied, das sie unmittelbar bewirkt 5 , den Ort teilt. An den Gegenstand schliesst lückenlos die Luft, an die Luft lückenlos der (beeinflusste) Körper an; oder an die Farbe das Licht, das Licht an das Sehorgan. Nicht anders auch liegen die Verhältnisse beim Hör- und Geruchsprozess; das diese Prozesse unmittelbar im Aufnahmeorgan bewirkende Prozessglied ist die Luft. Und beim Geschmacksprozess: mit dem Geschmacksorgan berührt sich unmittelbar die (empfindungserregende) Flüssigkeit 10 . Unverändert gilt das Gesetz aber auch bei den anorganischen und der Empfindung unfähigen Naturgebilden. So dass wir festhalten müssen: Es liegt nirgends ein Drittes zwischen dem die Qualitätsveränderung erleidenden und dem sie bewirkenden Gegenstand« [W195]

KrK.7.2.245a11.2

Wenn wir über die fünf Sinne den Verstand und die Vernunft, die Mathematik/Logik und das theoretische Denken mit in diese Generation der Qualität aufnehmen, dann wird nun auch die Qualität zu einer Kategorie, die sowohl dem Menschen als auch der Natur angehört. Denn die anorganische Natur verfügt zwar über keinen der sieben Sinne. Aber steter Tropfen höhlt den Stein, Wasser gefriert zu Eis, viele bewegte Atome im Leeren ergeben einen Raum, der qualitative Umschlag findet statt in der Natur. Wir geben ihm einen Namen.

Auch beim Wachsen und Schwinden muss Berührung der Stoffe sein.

Kr.7.2.245a11-b2.1

»Aber nichts ja auch liegt zwischen dem Zunehmenden und dem die Zunahme Bewirkenden; denn das erste eine Zunahme Bewirkende bewirkt sie dadurch, dass es hinzukömmt, so dass das Ganze Eins wird; und hinwiederum nimmt das Abnehmende dadurch ab, dass ein Theil des Abnehmenden hinwegkömmt; 15 nothwendig also muss sowohl das eine Zunahme Bewirkende als auch das Abnehmende continuirlich sein, bei dem Continuirlichen aber liegt Nichts dazwischen. Augenfällig also ist, dass zwischen jenem Bewegtwerdenden und 245b Bewegten, welche in Bezug auf das Bewegtwerdende das erste und letzte sind, Nichts in der Mitte liegt.« [P351]

KrK.7.2.245b2

Stoff berührt Stoff und erzeugt so alle qualitativen, quantitativen und wesentlichen Bewegungen durch Ziehen, Stossen und Drehen.

Ähnlich haben die Naturphilosophen in ihren ersten Entwürfen des Werdens und Vergehens gedacht. Ar lässt sich in seiner rudimentären Mechanik sogar kurz dazu verleiten, das Werden und Vergehen mit den Haken und Ösen der Materialisten als ein rein quantitatives Zueinander Voneinander zu interpretieren:

Kr.7.2.243a17-18

»Ziehen, Stossen, Transport, Drehen. Alle Ortsveränderungen ... lassen sich auf diese vier Typen zurückführen ...

Kr.7.2.243b8-11

sie alle stellen Untertypen des Zusammenstossens bzw. Auseinanderstossens dar - ausgenommen jene Weisen des Zusammenfügens bzw. Auseinandernehmens, welche wir in den Entstehungs- und Vergehensprozessen 10 vor uns haben. Gleichzeitig aber besteht kein Zweifel darüber, dass Zusammenfügen und Auseinandernehmen keine weitere und eigene Gattung von Prozess darstellen können«. [W189, 190]

KrK.7.2.245b11

Die Gewissheit, dass sich das Komplizierte auf das Einfache zurückführen lässt, sollte uns nicht übermütig machen. Denn sie ist ja nur ein Dass und nicht ein Was. Aber nichts und niemand sollte uns daran hindern, uns von dieser Gewissheit bei der Arbeit leiten zu lassen.

Die Eindringlichkeit, mit der Ar die Qualität allein den Sinnen zuweist, erinnert an den Punkteklau des sechsten Buchs. Man weiss bei ihm nie so recht, ob er dabei wie ein raffinierter Pädagoge die Strippen zieht nach dem Motto: Was verboten ist, reizt um so mehr, wohlwissend, dass sich das spielende Kind dabei zwangsläufig verirren muss und er als der Retter in der Not mit der Logik und der Metaphysik unterm Arm seinen Auftritt hat.

Kr.7.2.245a16-b2.2

»Damit ist das Gesetz (in seiner ganzen Allgemeinheit) als gültig erwiesen: Zwischen dem Gegenstand, der unmittelbar eine 245b Veränderung erleidet, und dem, der sie unmittelbar verursacht, kann ein Drittes nicht liegen.« [W196]


1. 09.03.2016 Das sollte hier nicht sein, sondern erst in Ph.: Nachdem Spengel herausgefunden hat, dass Aristoteles und seine Studenten das siebente Buch nicht richtig verstanden haben, ist das Buch zur Verbesserung der besser Verstehenden freigegeben. sei nicht albern. »Das Qualitative ... sinnlich Wahrnehmbares« von Prantl in griechisch und deutsch hinzugeschrieben.

2. Ähnlich schön und ähnlich problematisch die Deutung der sinnlichen Wahrnehmung in der indischen Mythologie. Die Problematik ist der Anthropozentrismus, der Panpsychismus, der Pantheismus oder der Hylozoismus, wie immer man das Kind auch nennen mag. Sinneswahrnehmung ist den Indern der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Mensch und im Menschen selbst. Geist und Materie sind nicht wie bei den Griechen und uns getrennt. Der wichtigste 'Sinn' ist das Atmen: »Der Atem ist wahrlich dies Feuer. Wann wahrlich der Mensch einschläft, dann geht in den Atem die Rede ein, in den Atem das Sehen, in den Atem das Denken, in den Atem das Hören. Wann er aufwacht, werden sie wieder aus dem Atem über (ihn) hinaus geboren.« Walter Ruben, Beginn der Philosophie in Indien, Aus den Veden, Akademie-Verlag, Berlin 1955, S.99 . Der Atem, das Atman ist die Seele. Der Beleg ihrer Bedeutung: Du kannst wochenlang ohne Essen, tagelang ohne Trinken, ein Leben lang ohne Denken, Hören und Sehen, aber nur wenige Minuten ohne den Atem auskommen. Da naturgemäss noch nicht zwischen den Atomen des Atems und den Atomen des Raums geschieden werden kann, ist der Raum das Ganze, dein Atem der Teil. In dieser Weltsicht steckt zwar der Hauch der Wissenschaft. Es gibt bei oberflächlicher Betrachtung keine so erbitterte Konkurrenz zwischen Glauben und Wissen, wie im klassischen Griechenland uns später bei den Christen, wo streng nach Form und Stoff, Geist und Materie geschieden wird. Aber gerade deswegen, weil im indischen Atomimus jedes Atom ein Seelchen hat, musste die indische Philosophie Jahrtausende stagnieren. Wir freuen uns über die grossartigen Ahnungen der Inder, wie wir uns über die Vorsokratiker freuen, vergessen jedoch nicht, was der Import des Hinduismus nach Germanien bei den Denkern der Wurstfabrikanten bedeutet. Georg Lucacs hat uns Deutschen mit seiner Zerstörung der Vernunft einen unendlich grossen Dienst erwiesen. Es ist das einzige Werk, das die Entwicklung des Irrationalismus, der Verächtlichmachung der Vernunft in der deutschen Philosophie hin zum faschistischen »Denken« untersucht. Was in dem Werk leider völlig fehlt, ist eine Konstante des deutschen Irrationalismus, nämlich der Umgang mit den indischen Mythen, vom Jubel-Hindu Schopenhauer bis hin zur pangermanischen Rassenseele Rosenbergs, dessen Mythus des 20. Jahrhunderts Adolf Hitler mit der Reichspost jedem deutschen Haushalt zum Geschenk machte.