Kr.1.3.186a-187a Fortsetzung der Kritik an Parmenides - KrSc

Ist das Unendliche begrenzt? Kr.1.3.186a10-13

» 186a10 Dass nun Melissos einen formellen Fehlschluss macht, ist klar; er glaubt nämlich auf der Annahme zu stehen, dass, wenn alles Gewordene einen Anfang hat, darum auch das Ungewordene keinen Anfang habe.« [P17]

Unendliches ist Ganzes KrK.1.3.186a13.a

Das ist zum einen kein Fehlschluss, sondern gar kein Schluss, weil sich im Bereich der Unendlichkeit nichts schliessen lässt. Zum andern sagt Ar hier indirekt zu Recht , dass die Ewigkeit und/oder Unendlichkeit wie jedes Wesen ein geformter Stoff ist, ein Ganzes, also das Gegenteil von dem, was er bekämpft.

Die weiteren logischen Argumente gegen Parmenides in diesem Kapitel dienen dazu, die bewegte Vielheit gegen die unbewegte Einheit auszuspielen. Sie haben der Logik mehr Schaden als Nutzen zugefügt, etwa wenn Ar 'nachweist', dass Mensch, zweifüssig und Tier drei getrennte 'an-sich-Seiende' sind und damit die Suche nach dem Identischen im Satz 'der Mensch ist ein zweifüssiges Tier' unmöglich macht: Schmeisse alle, die Menschen, die Zweifüssigen und die Tiere, auf einen Haufen und schneide den Teil von den Tieren und von den Zweifüssigen ab, der nicht Mensch ist, und übrig bleiben als eine einzige Einheit die zweifüssigen Tiere Mensch. As Argumente gegen die leichtfüssigen Sophismen des Parmenides aus Platons Dialog wirken unbeholfen, weil sie nur durch den TeilGanz-Formalismus zu widerlegen sind.

Es wird sich jedoch bald zeigen, dass beide, unbewegte Einheit und bewegte Vielheit, bestens miteinander klarkommen und ohne einander nicht sein können.

Einheit der Welt KrK.1.3.186a13.b

Wie bilden die bewegten Teile der Welt eine Einheit? Wir lösen uns hier vom Text und wenden uns wieder dem Zueinander und diesem Stück Stoff zu.

Was können wir vom Stoff, den wir Materie nennen, mit Gewissheit sagen, wenn uns nur der Augenschein, die Erfahrung und das Denken zur Verfügung stehen? Was trifft auf ihn immer zu?

Er ist 3d-ausgedehnt, hat Grösse.

Er ist undurchdringlich, zwei materielle Gegenstände widerstehen einander, können nicht denselben Ort einnehmen.

Er ist schwer.

Grösse KrK.1.3.186a13.c

Die Grösse der Logik wird insbesondere im vierten und sechsten Buch aus der Sicht der Physik unter die Lupe genommen. Die Undurchdringlichkeit ist Hypothese, die wir als Glaubensgewissheit bezeichnen können. Die Grösse ist eine Grundlage der Logik wie der Naturphilosophie. Sie wird uns durch die ganze Arbeit begleiten.

Schwere als allgemeine Naturerscheinung KrK.1.3.186a13.d

Die Schwere ist zunächst eine in Worte gefasste Erfahrungstatsache. Vom schweren Stein wissen wir, daß er eine in bestimmten Einheiten, etwa Kilogramm, messbare Menge 'Schwere' hat. Er ist also drei Kilogramm schwer. Andere materiellen Gegenstände haben die gleiche Eigenschaft oder Qualität in unterschiedlicher Quantität, der andere Stein oder der Schwamm ist leichter als der eine Stein. Da wir die Eigenschaft, nach 'unten' zu ziehen an allen materiellen Gegenständen finden, vermuten wir etwas verkürzt ausgedrückt, dass die Schwere eine allgemeine Naturerscheinung ist, dass also nicht nur die Steine hier auf der Erde, sondern auch die materiellen Gegenstände auf anderen Himmelskörpern schwer sind.

Ob unser Bild, das wir uns von der allgemeinen Naturerscheinung machen, stimmt oder nicht, erfahren wir, indem wir die Bewegungen und Veränderungen der Gegenstände, in denen sie steckt, messen und mit unserem Bild vergleichen. Da der Horizont unserer Sinne begrenzt ist (Tautologie, denn horizo heisst 'ich begrenze') und der Mensch eine fehleranfällige Maschine ist, muss mit häufigen Korrekturen gerechnet werden. So mussten wir unseren Begriff ändern, als wir feststellten, dass das Schwere nicht im Gegenstand allein steckt, sondern noch mindestens einen zweiten schweren Gegenstand benötigt und ein Medium, das das Zueinander zwischen den beiden vermittelt. Dann ist wieder die Vernunft gefragt, die endlich im Verein mit der Logik eine möglichst schlüssige Erklärung des Neuen liefern soll. Vernunft bedeutet beim Ganzen: Ordnende Zusammenfassung der Sinnesdaten mit Hilfe der Logik und Philosophie zum Bild eines Ganzen. Sie bedeutet aber auch Erklärung von Naturerscheinungen, deren Ursache nicht oder noch nicht sinnlich wahrnehmbar ist. Denn so dankbar wir der Natur sind, dass sie uns in den Sinnen berührt, so dass wir mit ihr kommunizieren können: Ein Werkzeug kann nur so genau sein, wie der Stoff, aus dem es besteht. Die Vernunft hilft uns, Sinn von Unsinn scheiden. Richter über die Vernunft ist das Sein, nicht die Vernunft. Sonst richtete der Richter sich selbst. Unser Bild von der Welt gilt der Einfachheit halber als die Welt selbst, bis sie uns eines besseren belehrt. Zwar gäbe es weder Physik noch Physikbücher ohne den erkennenden Geist. Aber wir sollten die Eitelkeit die Sache der Pfaue bleiben lassen und uns damit zufriedengeben, ein Spiegelbild der Natur wiederzugeben, so gut wir es eben können. Gehen wir eine Zeitlang in die Irre, so wird sie uns mit der Nase draufstossen. So viel Vertrauen in die Natur als Teil der Natur muss sein.

Dennoch muss die Naturphilosophie sich auch mit dem Verhältnis vom Erkennenden zum Erkanntem auseinandersetzen (Buch 2) mit dem Ziel, den Erkennenden, soweit es eben geht, wieder aus der Wissenschaft zu entfernen.

Aber zurück zum Text und weg von der unbewegten Einheit des Parmenides, hin zur bewegten Mannigfaltigkeit. Aristoteles hat der unbewegten Einheit dafür, dass die Auseinandersetzung damit nicht lohnt, doch recht grossen Raum eingeräumt:

Kr.1.3.187a10-11

»Dass also das Seiende unmöglich in diesem Sinne Eins sein kann, ist klar.« [P23]