Kr.6.231-241 Die bewegte Form - KrSc

KrK.6.1.231a21.a

Bewegte Form, unbewegte Form

Wenn die ganze Welt aus zwei gleichzeitigen Stoffen besteht und die beiden ganzen Stoffe sowie jeder Teil davon ein Wesen, ein geformter Stoff ist, und wenn der eine Stoff ewig unbewegt, der andere Stoff ewig bewegt ist, dann hat jedes Wesen zwei gleichzeitige Stoffe und zwei gleichzeitige Formen, einen unbewegten und einen bewegten Stoff und eine unbewegte und eine bewegte Form.

Das ist aber nicht möglich. Denn anders als die beiden Stoffe, die zwar zugleich aber vollständig voneinander getrennt sind, ist es bei den beiden Formen. Die bewegte Form und die unbewegte Form müssen identisch sein. Denn der Ort beider Formen ist der Ort selbst. Orte lassen sich nicht stapeln. Der Ort ist nur ein einziges Mal da, wo er ist, er ist das Wo. Der Ort ist die Ichbezogenheit in Vollendung. Er ist ewig nur mit sich allein und mit keinem Anderen. Zwei Formen an einem Ort wären der Widerspruch. Mehr noch, ein einziger Punkt einer Form an einem Ort ist bereits ein Widerspruch, weil das zwei gleichzeitige Punkte wären, der Ort und der Formpunkt. Denn wenn wir sie behaupten, dann behaupten wir sie als Wahrheit und nicht als eine unserer Schwindeleien im Bereich der Form. Dieses Rätsel müssen wir also im sechsten Buch lösen. Im gewissen Sinn haben wir es bereits gelöst, nämlich mit Koriskos auf seinem Weg zum Markt oder mit der Zwischen-Lösung der aristotelischen Weinfässer. Dort waren aber die Formen unbewegt, sowohl die unendlich vielen Formen des Koriskos auf seinem Weg zum Markt -quelle-, als auch Aristoteles' Weinfässer-quelle-. Wir haben nur gesagt, dass sich Koriskos über die unbewegten Punkte hinwegbewegt, den Bewegungspunkt haben wir nicht untersucht. Übergang zum nächsten Absatz finden: Nun also die bewegte Form oder so.

(Übergang!) 'Nebenbei' wird Aristoteles im sechsten Buch die Untersuchung der Stetigkeit zu ihrem Abschluss bringen. Er geht dabei wie im fünften Buch aus vom Stetigen in Richtung Diskretes. Er wird finden, dass das Stetige nicht aus Diskretem besteht und dass das Stetige und das Diskrete zwei unüberbrückbare Reiche sind. Als Beleg dient ihm der indirekte Beweis : Der indirekte Beweis nimmt das Gegenteil des zu Beweisenden an, in unserem Fall also, das Stetige bestünde doch aus Diskretem. Die daraus sich ergebenden unsinnigen Schlussfolgerungen nimmt Ar als Beleg dafür, dass das Stetige nicht aus Diskretem bestehe. Wenn aber der Stoff nicht aus Formen besteht, dann kann auch nicht der letzte Teil des Stoffs eine Form sein. Ganz folgerichtig wird Aristoteles alle diskreten Punkte aus dem bewegten Stetigen tilgen.

Wir gehen parallel zu Aristoteles' Beweisen den umgekehrten Weg, nämlich vom Diskreten in Richtung Stetiges. Auch wir werden finden, dass der Übergang vom Diskreten zu Stetigen unüberbrückbar ist, bleiben aber sowohl den unbewegten Formen der Geometrie und Platons, den bewegten (!) Formen der aristotelischen Metaphysik, als auch dem bewegten (!) Punkt der Physik treu. Wir können das tun, ohne uns zu verbiegen, weil wir bis jetzt meistens die Wahrheit über die Formen gesagt haben.

So, wie uns bei der unbewegten Form der eine Berührungspunkt zweier Atome genügt hat, um die Möglichkeit der Form im Leeren zu konstatieren, so genügt es, einen bewegten Punkt zu untersuchen, um von der bewegten Form reden zu können. Das bedeutet aber, das ewig Unbewegte muss mit dem ewig Bewegten identisch sein. Denn anders als beim vollen und beim leeren Stoff können wir nicht sagen, der volle und der leere Punkt sind zugleich aber dennoch vollständig voneinander getrennt, weil die beiden nicht nur zugleich, sondern identisch sind.1 Das Zwischen gehört weder zum Vollen, noch zum Leeren. Das hat eine unmittelbare Folge: Wenigstens eine der beiden Formen ist nicht nur nicht wirklich, dafür aber möglich, sondern ist überhaupt nicht. Andernfalls wäre die Identität nicht möglich. Orte lassen sich nicht stapeln. Einen zweiten Ort zu einem ersten können wir nur hinzu denken.

Kr.6.1.231a-232a Das Stetige besteht nicht aus Diskretem 04/16 TODO: Aus »Ort/Jetzt« mach bis auf die Zeitbewegung »Zwischen/Jetzt«<-kommt in 6.3. Der Ort ist heilig.

Kr.6.2.232a-233b Es ist unmöglich, Stetiges in Diskretes zu zerteilen

Kr.6.3.233b-234b Jetzt, Ruhe, Bewegung

Kr.6.4.234b-235b Zeit und Bewegung sind teilbar

Kr.6.5.235b-236b Bewegung mit Ende, aber ohne Anfang

Kr.6.6.236b-237b Es gibt keinen Punkt einer Bewegung.

Kr.6.7.237b-238b Die Grösse oder Alles und das Ganze

Kr.6.8.238b-239b Das Haltmachen

Kr.6.9.239b-240b Zenons Paradoxien

Kr.6.10.240b-241b Aristoteles und der Massenpunkt


1. 2016: Mit meinem 2011 beginnenden Studium der Prinzipien des Seins und der Prinzipien der Bewegung wird sich diese Behauptung als ein Irrtum herausstellen: Trennung und Gleichzeitigkeit bleiben im Größten wie im Kleinsten bestehen, auch wenn das Kleinste ohne Größe ist.