Kr.5.6.229b-231a Entgegengesetzte Ruhe und Bewegung - KrSc

Kr.5.6.229b23-24

»Da aber einer Bewegung nicht bloss eine Bewegung entgegengesetzt zu sein scheint, sondern auch eine Ruhe, so ist nun dieses festzustellen.« [P267]

KrK.5.6.229b24

Nach der Gesundung tritt nicht sofort die Erkrankung, sondern die Ruhe in der Gesundheit und nach der Erkrankung nicht sofort die Gesundung oder der Tod, sondern die Krankheit ein. Und dies in hundert Gegenüberstellungen.

Bis auf einen Satz ist das Kapitel ähnlich sophistisch wie das vorangegangene.

Kr.5.6.229b21-23

»Es enthält aber auch das Eine Schwierigkeit, ob es von jeder Ruhe, welche nicht eine immerwährende ist, ein Entstehen [genesis] gebe, und ob dieses Entstehen der Ruhe das Haltmachen sei.« [P273]

KrK.5.6.229b23

Mit der Frage, ob es ein Bewegbares gibt, das sich ewig nicht bewegt, werden wir uns im achten Buch befassen. Mit dem Haltmachen in Buch 6.8. Den Rest des Kapitels können Sie überlesen. Ich habe ihn nur stehengelassen, weil wir uns mit der Ruhe und der Nichtbewegung und dem Widerspruch ebenfalls noch befassen müssen.

Kr.5.6.229b24-27

»Schlechthin entgegengesetzt nämlich ist wohl einer 229b25 Bewegung eine andere Bewegung, gegenüber aber liegt ihr auch eine Ruhe (denn diese ist ein Entblösstsein [steresis] , in gewissem Sinne (?) aber heisst auch das Entblösstsein ein Gegensatz); aber welcher Bewegung welche Ruhe? etwa so wie der örtlichen Bewegung eben die örtliche Ruhe?« [P267]

KrK.5.6.229b27

Die steresis ist wie die Möglichkeit und das Nichtsein ein Kunstbegriff, durch die durch die Hintertür die beiden Grenzen aller Bewegung, Werden und Vergehen wieder als Bewegungen behandelt werden. Ar benutzt sie in der Logik, um eine Negation herbeizudefinieren. So wird aus dem Sokrates der Nicht-Sokrates oder der mit steresis behaftete, der Form 'beraubte' Sokrates. Ob ich das Nichtseiende, das Mögliche oder das mit steresis Behaftete an das eine Ende setze, bleibt sich gleich. In allen Fällen ist es Platzhalter für das noch Unbekannte oder das Noch-Nicht-Seiende, also für ein Etwas. Bei der Nicht-Bewegung in A, auf die die Bewegung in A folgt, ändert sich das jedoch. Denn selbst wenn es eine relative Nichtbewegung ist, also die Nichtbewegung zwischen zwei Punkten in einem im übrigen bewegten Bezugssystem, so hat doch diese Nichtbewegung die relative Geschwindigkeit 0 m/sec. Wie soll aus ihr eine Geschwindigkeit >0 m/sec werden? Oder genauer, was passiert in dem einen Jetzt, in dem aus der Nichtbewegung die Bewegung wird? Und weiter mit den Gegenüberstellungen:

Kr.5.6.229b28-a4

»es ist da noch die Frage, ob dem Ruhigbleiben an diesem bestimmten Orte die aus demselben oder die in denselben stattfindende Bewegung gegenüberliegt. Klar denn nun ist, dass, da die Bewegung 30 in zwei zu Grunde liegenden Dingen beruht, jener Bewegung, welche aus diesem bestimmten in den Gegensatz desselben vor sich geht, das Ruhigbleiben in diesem Bestimmten gegenüberliegt, hingegen jener Bewegung, welche aus dem Gegensatze in dieses Bestimmte vor sich geht, eben das Ruhigbleiben in dem Gegensatze. Zugleich aber müssen auch die Zustände der Ruhe gegenseitig einander entgegengesetzt sein, denn es wäre auch ungereimt, wenn wohl die Bewegungen einander 230a entgegengesetzt wären, nicht aber die ihnen gegenübeliegenden Zustände der Ruhe. Es sind dies aber die Zustände der Ruhe in den Gegensätzen, wie z. B. die Ruhe in der Gesundheit entgegengesetzt einmal der Krankheit, und dann von den Bewegungen jener, welche aus der Gesundheit in die Krankheit vor sich geht, denn dass sie jener, welche von der Krankheit in die Gesundheit vor sich geht, entgegengesetzt sei, wäre unvernünftig«. [P267,269]

<Widerspruch KrK.5.6.230a4 besser oder weg!>

Bewegung und Ruhe in 100 Gegenüberstellungen, - will uns Aristoteles auf die Nerven gehen? Er will nur das Beste, nämlich den Widerspruch vermeiden. Aber die Mittel, zu denen er in diesem Kapitel greift, sind denkbar ungeeignet, Freunde für die Logik zu gewinnen.

Kr.5.6.230a7-12

»Von allem jenen aber, was keinen Gegensatz hat, sind gegenüberliegende Veränderungen die aus demselben und die in dasselbe vor sich gehende, wie z. B. die aus einem Seienden und die in ein Seiendes, Bewegung aber ist dies nicht; und auch ein 10 Ruhigbleiben gibt es von diesem nicht, wohl aber eine Unverändertheit; und wenn auch dabei ein zu Grunde liegendes wäre, so ist dann die Unverändertheit in dem Seienden entgegengesetzt jener in dem Nichtseienden« [P269]

KrK.5.6.230a12

Aristoteles versucht seinen Patzer, das Werden und Vergehen von der Bewegung auszuschliessen, irgendwie wieder auszubügeln. Nach den diversen 'Nichtseienden', die uns Aristoteles in diesem Kapitel als Grenzersatz des Werdens aufgetischt hat, fällt es schwer, weiterhin gute Miene zu machen. Das Werden und Vergehen, an dessen Enden ein Nichsein ist, die keine Gegensätze haben und 'somit' keine Bewegungen sind, kriegen dann doch ein Zugrundeliegendes und ein Nichtsein Nr. ichweissnichtwieviel dazugesellt, die Unverändertheit. Dem Anfang und Ende, also der Grenze jeder Bewegung, dem Werden und Vergehen, hat Aristoteles vier verschiedene Namen gegeben, das Möglichsein , die steresis , das Nichtsein und jetzt die Unverändertheit .1 Mit dieser Wortschöpfung oder -vergewaltigung gibt es nun beim Werden und Vergehen doch einen Gegensatz, der ein Etwas ist. Also ist nun das Werden aus einem Etwas in ein Etwas doch Bewegung. Denkste:

Kr.5.6.230a12-16

»Handelt es sich aber nicht um ein bestimmtes Nichtsein, dann könnte man zweifelhaft sein, wozu die Unwandelbarkeit im Sein der Gegensatz ist und ob sie nicht doch Ruhe bedeutet. Wenn dies der Fall ist, dann ist entweder nicht jede Ruhe einer Bewegung entgegengesetzt, oder aber auch Werden 15 und Vergehen sind Bewegungen. Folglich (!) darf man in diesem Falle nicht von Ruhe sprechen, wenn nicht auch diese beiden Bewegungen sind.« [G183f]

KrK.5.6.230a16

Was um Himmels Willen ist »nicht ein bestimmtes Nichtsein«?2 Ein unbestimmtes Nichtsein? Dann ist es ein Sein, ein Etwas? Oder ein Nichts? Dann wird aus Nichts Etwas. Ändert sich die Sache, wenn man ihr einen neuen Namen gibt? Oder ist es nicht doch richtig, Werden und Vergehen als die Grenzen jeder Bewegung zu bezeichnen? Aristoteles ist wie immer konsequent, selbst wenn sich der Gedanke gegen ihn selbst richtet, ist das Nichtsein Nr. 5 Nichtbewegung, dann sind auch Werden und Vergehen Bewegungen. So ist es.

Aristoteles nimmt bewusst schwer fassbare, weil vielfach zusammengesetzte Bewegungen, um vom Widerspruch oder vom vermeintlichen Widerspruch abzulenken oder ihn wenigstens zu mildern. Aber völlig gleichgültig, wie viele Zwischenglieder wir auch einschieben mögen, ob es der Start, das Ziel der Ortsbewegung oder zusammengesetzter Bewegungen ist, es läuft aber immer auf das gleiche Problem hinaus: Was geschieht in dem einen Jetzt, in dem aus der einen die andre Bewegung oder in dem aus Nichtbewegung Bewegung wird? Sind da Bewegung und Nichtbewegung zugleich oder nicht?

Und endlich:

Kr.5.6.230b28-31

»Eine Schwierigkeit ergibt sich, wenn das Verharren an diesem Punkte der Bewegung von ihm fort entgegengesetzt ist ... Wenn also dieses selbe Verharren der Bewegung von hier nach dort entgegengesetzt ist, so werden Gegensätze zugleich vorhanden sein.« [G186]

<Widerspruch KrK.5.6.230b31 >

Endlich ist es heraus: Wenn aus Nichtbewegung Bewegung wird, wenn Zeit und Bewegung stetig sind, dann sind in dem einen Jetzt, in dem aus Nichtbewegung Bewegung wird, Bewegung und Nichtbewegung zugleich! Von einem und demselben Gegenstand würde zugleich gesagt er sei bewegt und er sei nicht bewegt. Das ist ein Widerspruch.

Vor allem dürfen wir jetzt nicht den Kopf verlieren. Das müssen wir auch nicht, weil wir wissen, dass dieser Widerspruch - wenn es denn einer ist - für jeden Punkt jeder Bewegung gilt. Für seine Auflösung sind wir noch nicht schlau genug. Fest steht: Es gibt Bewegung. Bewegung ist stetig. Fest steht aber auch: Die Physik muss sich den logischen Gesetzen beugen, wenn sie exakte Wissenschaft und nicht nur schwärmende Anschauung sein will. Sie kann ja wie bei Kepler beides sein. Aber als exakte Wissenschaft muss sie sich der Logik fügen. Das wichtigste Gesetz der Logik ist aber, dass der Widerspruch nicht sein kann.

Kr.5.6.231a2-4

»Und in Betreff der Bewegung und der Ruhe, und in welchem Sinne jede von diesen beiden Eine sei, und welche gegen welche entgegengesetzt seien, haben wir hiemit angegeben.« [P273]


1. Aristoteles: ametablesia, Prantl: Unverändertheit, Gohlke: Unwandelbarkeit, Wagner: Inprozessualität, Zekl: Übergangslosigkeit, Seidel: Nichtbewegung Nr. 4

2. Es ist ja leicht, darüber zu spotten, dass da alle möglichen Nichtseiende als Ausreden erfunden werden. Das zeigt nur, dass wir auf eine Krise zusteuern, die Ar in zwei Absätzen endlich beim Namen nennen wird. Nichtbewegung Nr. 5 bei den Übersetzern: Prantl: das Nicht-seiende durchaus kein Etwas, Gohlke: nicht ein bestimmtes Nichtsein, Wagner: das negative Glied, gar kein (bestehender) Gegenstand, Zekl: 'nicht-seiend' gar nicht bestimmt