Kr.5.3.226b-227b Die unbewegte Form - KrSc

Aristoteles bringt die Gegensätze wieder auf den Punkt. Die auseinandergezogenen Gegensätze werden nun sukkzessive wieder auf ihre ursprüngliche Form gebracht.

Zugleich Kr.5.3.226b18-23

»Hierauf wollen wir sprechen von Zugleich, Getrennt, Berühren, Zwischen, benachbartes und anschliessendes Glied einer Folge [ephexes, der Reihe nach] , 20 Stetigkeit und die Anwendung dieser Begriffe.

Zugleich sind Dinge, die denselben unmittelbaren Ort einnehmen , getrennt solche, die an einem anderen Ort sich befinden.« [G172]

metaxy, syneches, echomenos, ephexes KrK.5.3.226b23.a

Das Jetzt ist der Ort. Die Gleichzeitigkeit gibt es an einem und an vielen Orten. Aber zwei gleichzeitige Orte gibt es nicht ( Gleichzeitigkeit und Jetzt KrK.4.12.221a18.b ).

Aristoteles entwickelt hier bei seiner ersten Annäherung an das Stetige das Stetige aus dem nicht Stetigen durch die Verbindung der zunächst getrennten Glieder, die immer näher aneinanderrücken, bis sie schliesslich eins und damit stetig sind. Dabei sind die Gleichzeitigkeit und die Stetigkeit die engsten Verbindungen. Die Begriffe lassen sich paarweise anordnen, die oberen für den Physiker, die unteren für den Mathematiker, der die Kugeln am unteren gespiegelten Christbaum sicher rot einfärben wird. Das »Zwischen« hat Aristoteles breitgequetscht. Hier folgen wir ihm nicht. Für die Physik sind zunächst nur die Drei, das Zwischen: metaxy, das Zugleich: ama und das Stetige: syneches von Bedeutung. Die geordneten Folgen und Reihen werden erst bei der Untersuchung einer konkreten Bewegung benötigt.

Stellen wir die Begriffe ein wenig um, so erhalten wir die paarweisen zusammengehörigen Glieder. Das Zwischen bleibt für alle Pärchen ein und dasselbe.

Berührung Kr.5.3.226b23

» 23 'Berühren' aber sagt man von demjenigen, dessen äusserste Enden zugleich [akra hama] sind«. [P249,251]

Trennung KrK.5.3.226b23.b

In der Physik können sich nur Gegenstände berühren, die sich auch wieder trennen können. Also ist Berührung nur da, wo auch Bewegung ist. Berühren können sich daher nur zwei Volle, weil zwei Leere sich nicht auf einander zu bewegen können. In der Geometrie und in der Logik dagegen können (müssen) sich auch zwei unbewegte Gegenstände berühren. Die Berührung findet in einem Ort statt, der nicht zu den beiden Vollen, den beiden Grössen der Logik oder den beiden Grössen der physisch verstandenen Geometrie gehört. Ist das Zugleich der zwei äussersten Enden zweier Voller das trennende Zwischen, das weder zum einen noch zum andern Vollen gehört, oder ist es ein 'verbindendes' Zwischen, die 'Verwachsung' des Aristoteles, die zu beiden gehört? Nein, Gleichzeitigkeit, das Zwischen und die Stetigkeit sind Dasselbe für Physik, Logik und Geometrie. Die drei mittleren Kugeln sind in Wahrheit ein und dieselbe Kugel.

Wäre das Zwischen ein verbindendes Zwischen, dann wäre das Händeschütteln eine gefährliche Angelegenheit, und die Welt bestünde bald nur noch aus siamesischen Zwillingen.

<Widerspruch KrK.5.3.226b23.c > Zwischen in 1 Jetzt

Aristoteles unternimmt den Rest des fünften Buches - etwas grob formuliert - den Versuch, den Bewegungen ihren Anfang und ihr Ende wegzunehmen. Denn der Anfang ist in einem Jetzt, und das Ende ist in einem Jetzt. In einem Jetzt aber kann keine Bewegung sein, weshalb Aristoteles die Bewegungen in einem Jetzt auch völlig richtig als widersprüchlich bezeichnet. Aber genau dieses Jetzt und kein anderes benötigen wir, um den Widerspruch überhaupt erst feststellen zu können! Oder: ohne Jetzt keine Logik, aber mit Jetzt der Widerspruch! Das scheint eine ausweglose Sache zu sein, denn das bedeutete, dass wir uns notwendig in Widersprüche verwikkeln müssen, sobald wir denken.

Sehen wir, ob und wie Aristoteles das Problem löst.

<Widerspruch Kr.5.3.227a7-9 > Zwischen zwischen 2 Jetzt

»Da jeder Prozess einen Übergang aus einer Bestimmtheit in ihren Gegensatz darstellt, die Gegensätze aber entweder konträr oder kontradiktorisch sind, das Widerspruchsverhältnis jedoch kein Mittelglied kennt, hat ein Zwischenliegen Raum nur im Bereich der konträren Gegensätze.« [W135] <-oder [G173] ?

Zeit zwischen Anfang und Ende KrK.5.3.227a9

Findet Bewegung zwischen zwei Gegensätzen statt, oder besser zwischen einem Anfang und einem Ende, ist dann Zeit zwischen Anfang und Ende oder nicht? Beides ist möglich, wenn das bisher Gesagte wahr ist.

Das Zwischen ist im ersten Fall ein stetig Ausgedehntes zwischen den Gegenüberliegenden Diskreten. Was ist aber dort, wo der Anfang aufhört und das Zwischen anfängt und dort, wo das Zwischen aufhört und das Ende anfängt? Das stetige Zwischen in der oberen Darstellung (ich komme zwischen 8 und 9 Uhr) wird bei der Untersuchung der Stetigkeit nicht benötigt, weil es das Stetige selbst ist. Aristoteles geht hier, bei der ersten Untersuchung der Stetigkeit, den gerade umgekehrten Weg. Die Bewegung im Jetzt quetscht er in die Veränderung zwischen den Gegensätzen breit, macht aus dem Zwischen , dem Ort dem Jetzt ein stetig Ausgedehntes und damit aus dem Ort einen Weg, aus dem Jetzt eine Zeit, aus dem Punkt eine Gerade.1

Zwischen ist ausgedehnt Kr.5.3.226b23-28

» Zwischen nennt man den Zustand, in dem bei stetiger Wandlung der sich wandelnde Gegenstand kommen muss, 226b25 bevor er das Ziel der Wandlung erreicht. Ein Zwischen setzt also mindestens drei Dinge voraus. Das Ende nämlich der Wandlung ist das Gegenteil. Stetig bewegt sich etwas, wenn es auf seiner Bahn nichts oder möglichst nichts [möglichst stetig!!] auslässt ...

Kr.5.3.226b34-a6

Benachbart in einer Folge ist 35 ... wenn 227a kein Ding der gleichen Gattung zwischen ihm und demjenigen sich befindet, wozu es benachbart ist. Ich meine etwa, eine oder mehrere Linien sind einer Linie benachbart, einer Einheit eine oder mehrere Einheiten, ein Haus einem Hause. Etwas anderes kann ruhig dazwischen sein. Jedes benachbarte Glied einer Folge ist zu einem ersten benachbart und folgt auf dieses. Die Eins ist 5 nicht der Zwei benachbart und auch nicht der Erste des Monats dem Zweiten, sondern umgekehrt. Anschliessend ist ein Glied, wenn es benachbart ist und das erste berührt« [G172f]

<Widerspruch KrK.5.3.227a6.a > Zwischen ist nicht ausgedehnt

'Weil es beim Zwischen unbequem wird, verfrachtet Aristoteles das Zwischen aus dem Widerspruch (keine Zeit) in den Gegensatz (Zeit)', habe ich in meinem ersten Ärger und als glühender Verehrer der hegelschen Widersprüche zu dieser Stelle um 1985 geschrieben. Aber auch diese Stelle wird sich später als Stolperstelle erweisen, so dass wir sie genau studieren sollten. In Wahrheit geht es ja auch gar nicht um die Stetigkeit, da hat Aristoteles wirklich besseres zu bieten als dieses Kapitel. Nein, hier geht es im Gegenteil um die Flucht vor der Stetigkeit bzw. vor dem Atom in der Stetigkeit, dem Zwischen.

Zwischen trennt KrK.5.3.227a6.b

Für uns bleibt das Zwischen, was es bisher war und wie es uns Aristoteles bei der Zeit gelehrt hat, ein trennendes Etwas ohne Ausdehnung, das zu beiden Seiten ein ununterbrochenes Stetiges hat, aber selbst nicht zum Stetigen gehört. Und als solches hat es einiges zu bieten.

Die logische und ontologische Identität der beiden Grössen A und B in der obersten Kugel ist ganz blau und kommt ohne 'Verwachsung' aus. Wir benötigen sie nicht bei der Untersuchung der Stetigkeit, weil sie das Stetige selbst ist. Als Stern auf dem Christbaum mag sie durchgehen, aber weder als Formfleisch, noch als Geistfleisch, sondern allein als Stofffleisch.2

Das Zwischen trennt nur, und es verbindet nicht. Das Stetige verbindet, das Diskrete trennt.

<Widerspruch KrK.5.3.227a6.c ausgedehntes Zwischen>

Was Aristoteles uns hier als das stetig ausgedehnte Zwischen anbietet, hätte sicher nicht seinen Ruhm begründet. Er behauptet einfach, allein das stoffliche Zwischen, die stetige Bahn zwischen A und B, sei ein Zwischen und lässt die Form beiseite.

Hier folgen wir ihm nicht, das Zwischen in der Physik bei der Untersuchung der Stetigkeit ist allein das Diskrete. Das Diskrete ist keine Grösse, was Aristoteles schildert, ist Grösse. Was ein »Zustand, in dem bei stetiger Wandlung der sich wandelnde Gegenstand kommen muss, bevor er das Ziel der Wandlung erreicht« sein soll, ist, vorsichtig ausgedrückt, schwer nachvollziehbar (bisschen Schwarz, bisschen Weiss, bisschen beides, das zusammengerührt ist dann das Zwischen). Klar ist daraus nur ablesbar: Es geht ihm nicht um das Diskrete, sondern um aufeinanderfolgende ausgedehnte Abschnitte einer Bewegung, das stetig Ausgedehnte zwischen zwei diskreten Zwischen. Alles ist Eins, möchte man loshegeln.

Aber auch wenn wir zunächst noch ein wenig ratlos sind: Wir können nicht von der Bewegung 'gemäss Widerspruch' reden, dann aber den Schwanz einziehen, wenn wir mit ihr zu tun bekommen.

Grenze und Stetigkeit Kr.5.3.227a10-17

» 10 Stetig zusammenhängend ist gewissermassen etwas Anschliessendes. Ich spreche nämlich von stetigem Zusammenhang, wenn die Grenzen beider Dinge in eins zusammenfallen, mit denen sie sich berühren, und wenn diese Grenze ... zusammenhängt. Dies ist aber nicht möglich, solange die Grenzen noch als zwei auseinanderzuhalten sind. Diese Begriffsbestimmung sagt, dass der stetige Zusammenhang da ist, 15 wo zwei zu einem an der Berührungsfläche zusammengewachsen sind. Und das Ganze ist in dem Sinne eine Einheit, den das Mittel des Zusammenhaltes angibt, also durch Nägel oder Leim oder Berührung oder Verwachsensein.« [G173]

Zwischen trennt KrK.5.3.227a17

Der 'Verwachsung' und der Berührung entsprechen die verbindenden und die trennenden Zwischen. Die Verwachsung schildert Ar als 'stetiger' als die Berührung. Das ist falsch. Es muss sich um ein und dasselbe Zwischen handeln. Denn eine über die Ortsidentität hinausgehende Identität gibt es nicht, etwa bei der Berührung zweier Voller. Entweder ist der topos a 0 , a 1 , a 2 die Form eines einzigen Gegenstandes, oder er ist die Form in einem Gegenstand, oder er ist die Form zwischen zwei sich berührenden Gegenständen, oder es sind die Formen zweier sich nicht berührender Gegenstände. Die Form im Gegenstand und die Form am Gegenstand ist aber ein und dieselbe, wie im Bild zu sehen ist. Ebenso die Form zwischen zwei Gegenständen. Das 'Verwachsensein' kann nicht kleiner als Null sein. Die Grenze Zweier sich Berührender ist eine und dieselbe, sagt Aristoteles selbst oft genug. Das ist das Zwischen, da kann nichts mehr verwachsen, sagt die Vernunft.

Aber die gleiche Vernunft widerspricht sofort: Berühren sich zwei Volle, so ist doch das Ende des einen nicht mit dem Anfang des andern identisch. Der Händedruck macht aus zwei Personen nicht eine! Richtig. Wenn zwei Formen zu einer werden und die Form verbindet und nicht trennt. Beim Händedruck treffen sich zwei Stoffe in einer Form, die beiden Vollen bleiben getrennt. Wären wir tatsächlich stetig an unseren Handflächen, hätten wir sogar physikalisch recht. Der beste Kleber ist eine glatte Oberfläche. Am Zwischen jedoch änderte selbst der klebende Händedruck nichts.

Was folgt daraus? Zunächst 'folgt' nichts, weil sich die Logik hier auf feindlichem Territorium befindet. Im Bereich der Null und des Unendlichen kannst du nicht schliessen, sondern musst denken, dann Dinge setzten und kannst dann erst aus deinen Setzungen Schlüsse ziehen. Aristoteles schliesst gleich drauf los:

verwachsene Stetigkeit Kr.5.3.227a17-26

»Man erkennt, dass in der Reihe dieser Begriffe der weiteste der des Benachbarten ist, denn alles, was sich berührt, muss benachbart sein, aber nicht alles, was benachbart ist, berührt sich ... Deswegen gibt es in 20 begrifflich höheren Gegenständen wohl eine Nachbarschaft, z.B. in Zahlen, aber keine Berührung. Und wenn etwas stetig zusammenhängt, muss es sich berühren, aber durch Berührung entsteht noch kein stetiger Zusammenhang der Dinge, da ihre Enden nicht eins geworden zu sein brauchen, wenn sie zusammenliegen. Aber wenn sie eins geworden sind, dann liegen sie auch zusammen. Daher ist das Verwachsensein der engste in der Kette dieser Begriffe. Denn was mit seinen Enden 25 zusammengewachsen ist, muss sich berühren, aber was sich berührt braucht nicht zusammengewachsen zu sein.« [G174]

»alles..ist« KrK.5.3.227a26.a

Den Zusammenhang der drei stetig (verwachsen), zusammenhängend (anschliessend) und benachbart (der Reihe nach) sieht Aristoteles 'logisch' so:

Alles stetig Verwachsene ist zusammenhängend

Alles Zusammenhängende ist der Reihe nach

Alles stetig Verwachsene ist der Reihe nach

Aber nicht umgekehrt, denn:

Was der Reihe nach ist, muss nicht zusammenhängend sein.

Was zusammenhängend ist, muss nicht stetig verwachsen sein.

Was der Reihe nach ist, muss nicht stetig verwachsen sein.

Das ist auf den ersten Blick alles wahr und richtig, aber es ist einmal keine Logik, sondern nur eine Veranschaulichung des Gedankens mit Hilfe eines Schlussgebildes. Aber da sind auch noch zwei inhaltliche Fehler: Die blauen Verwachsungsstriche sind falsch, das Stetige ist ausgedehnt und nicht diskret. Und der Teil und das Ganze müssen in das Schlussgebilde rein.

Machen wir daraus zwei Schlussgebilde, die den 'Teil' und das 'Ganze', das Eine und das Viele3, numerisch richtig benennen, dann ist zu sehen, dass es gar nicht zwei verschiedene Schlussgleichungen sind, sondern eine und dieselbe, einmal von dieser, das andre Mal von der anderen Seite hergesagt, einmal A = B = C, das andre Mal C = B = A:

»alle..sind« KrK.5.3.227a26.b

Alle Stetigen sind 'Teil' (einige) der Zusammenhängenden

Alle Zusammenhängenden sind 'Teil' der der Reihe nach Seienden

Alle Stetigen sind 'Teil' der der Reihe nach Seienden

Da die beiden Seiten einer Gleichung vertauscht werden können, können wir sagen:

Ein 'Teil' (Einige) der der Reihe nach Seienden sind alle Zusammenhängenden.

Ein 'Teil' der Zusammenhängenden sind alle Stetigen.

Ein 'Teil' der der Reihe nach Seienden sind alle Stetigen.

also ein und derselbe Sachverhalt, mal von vorne nach hinten, mal von hinten nach vorne betrachtet, nur beim 'Teil' mit dem 'falschen' Numerus 'sind', weil der Schluss in Wahrheit von Mengen und nicht von Grössen handelt. Was der Reihe nach oder zusammenhängend ist, muss nicht, kann aber stetig sein. Es folgt nicht, was Aristoteles behauptet, dass Berührung nicht Stetigkeit ist. Vielmehr ist alles Stetige sowohl der Reihe nach als auch zusammenhängend. Bei den Zahlen musst du höllisch aufpassen. Ihre Menge kann leicht Grösse vortäuschen wie im obigen und in Cantors Bildern. Wo aber nicht der geringste Platz eingenommen wird, ist auch keine Grösse. Da gibt es Singular (Einzahl) und Plural (Mehrzahl) , aber nicht Teil und Ganzes . Es sind in jedem Fall nur Nullen. Hier müssen wir also mit der Logik sehr behutsam umgehen, wie wir es bei der Jetzt-Geraden gelernt haben oder beim Leeren, das wir am liebsten rot färben würden, obwohl es blau ist.

Berührung und Stetigkeit KrK.5.3.227a26.c

Wenn A, B, C beispielsweise drei Raummaterieteilchen sind, und berühren die drei einander, so sind die Drei als ein Ganzes mit zwei oder vier trennenden Zwischen stetig.

Denn jedes Teilchen ist für sich stetig, und eine engere Verbindung als die Gleichzeitigkeit im Zwischen ist nicht möglich. Das unendlich Dichte müsste zum Verwachsen dichter als unendlich dicht werden. Was aber, wenn wir die Materie fahren lassen und fragen, was ist zwischen dem ersten und dem zweiten, zwischen dem zweiten und dem dritten Zwischen?!

Punkt und Berührung Kr.5.3.227a27-30

»Wenn es also in der Form Punkt und Zahleinheit gibt, wie sie von bestimmter Seite für selbständige Bestände [Prantl: discret abgetrennte Dinge] gehalten werden, so sind die beiden jedenfalls unmöglich dasselbe; denn den Punkten ist Berührung untereinander möglich (!), 30 den Zahleinheiten aber nur Aufeinander-folge«. [W137]

Hab ich dich! KrK.5.3.227a227a30

Hab ich dich! Die einzige Stelle in der Physik, in der Ar sagt, dass Punkte sich berühren können. Das ist entweder falsch. Berühren können sich nur zwei Stoffe, nicht zwei Formen. Um sich zu berühren, müssen sie sich auf einander zu bewegen (bewegter Punkt Kr.4.13.222a10-13). Also materiell sein! Oder es gibt mit Demokrit ein Stetiges im Bereich der Null, das Grösse hat, materiell ist, sich bewegen und damit berühren kann. Das ist dann aber kein Punkt mehr, sondern so etwas wie die unendlich vieldeutige unendlichste Wurzel, die kleinste materielle Einheit. Zwischen Demokrits Atom und Euklids Punkt sind und bleiben Welten. Was Ar hier zum ersten und einzigen Mal erwähnt, das ist Demokrits Atom und nicht Euklids Punkt.

Denn die kleinste materielle Grösse hat Grösse, ist ein Gigant im Vergleich zum Zwischen. Zwei Volle, Atom oder grösser, berühren sich in einem Einem Zwischen. Das Zwischen hat keine Grösse. Und nur um diesen Punkt, dieses Zwischen geht es, wenn wir die Form untersuchen. So lieb uns das Materieatom ist, es spielt hier keine Rolle. Denn im Innern des Atoms können wir zwischen den Grenzen unendlich und mehr trennende Zwischen unterbringen, wie uns Aristoteles noch eindringlich lehren wird. Geometrie ist eine exakte und keine ungefähre Wissenschaft.

Kr.5.3.227a32-b2

»Was also Zugleich und Getrennt, Berührung, Zwischen, 227b benachbartes und anschliessendes Glied einer Folge, Stetigkeit bedeuten und worauf man diese Begriffe anwendet, ist damit gesagt.« [G174]

Form KrK.5.3.227b2.a

Wir wollen Aristoteles' Flucht vor dem Zwischen und der Grenze als Aufforderung verstehen, der Grenze und der Form einen neuen Namen zu geben und ihr erneut einen Ort zuzuweisen.

Nennenswertes zur Form, zur Grenze oder zum Zwischen gibt es von den Pythagoreern, Platon und Aristoteles.

Die Pythagoreer scheinen das Zwischen in den Zahlen und den geometrischen Formen entdeckt zu haben.

Platon KrK.5.3.227b2.b

Platon bildet daraus die Form als Idee. Die Form ist ewig dieselbe. Einen Ort der Form gibt es nur im übertragenen Sinn. Die Materie bemüht sich, dem Ideal so nahe wie möglich zu kommen, ohne es je zu erreichen.

Aristoteles KrK.5.3.227b2.c

Bei Aristoteles ist die Form im Grunde das Gleiche, auch wenn er sich ein wenig ziert. Nur steckt er die Mühe in die Form, die die Materie bearbeitet. Die Form ist das Aktive, der Stoff das Passive. Die Form ist die 'reine Wirklichkeit', der Stoff blosse Möglichkeit. Absurdisthan. Da das Wesen der geformte Stoff ist, die Form also untrennbar mit dem Stoff verbunden ist, muss Ar die vom Stoff getrennte Form ablehnen. Zwar sagt er hin und wieder wie oben, dass sie Grenze ist, sogar dass sie unbeweglich ist, geht aber ausser in seiner verunglückten 'Topologie', wo er die Form nur vom einen auf einen anderen Stoff überträgt, nicht näher darauf ein.

Bei Platon wie bei Aristoteles ist die Form ein Seiendes, bei Platon ein ewig Unbewegtes, bei Aristoteles ein Mischwesen, das einerseits (bei der Verwachsung) untrennbar an der Materie ist, andrerseits (bei der Trennung) die 'reine Aktualität' in Zeus' Kopf oder im Häuslebauer, der Natur.

Alle Späteren sind Abwandlungen.

Materialismus KrK.5.3.227b2.d

Der Materialismus rechnet die Form mit Aristoteles mehr unausgesprochen zur Materie oder kümmert sich nicht weiter um sie, weil ihm alles Ideelle so verdächtig ist wie dem Idealismus die Materie. Dass aber die Form einen ideellen Anteil hat, ist schon aus den einfachsten Sinneswahrnehmungen ersichtlich. Der als stetig wahrgenommene Ton besteht aus wenigen Schwingungen in der Sekunde, die Oberfläche des blankpolierten Tisches wird erst auf dem Weg vom Auge ins Hirn zur Fläche.

Idealismus Platons KrK.5.3.227b2.e

Der Idealismus ist platonisch und hat bei Platon seine Unschuld zwar noch nicht verloren. Die geometrischen Formen und Körper sind aber auch dort schon göttlicher Natur.

Idealismus Hegels KrK.5.3.227b2.f

Der Idealismus Hegels bringt Bewegung in die Form. Er entdeckt die Einheit von Stoff und Form wieder, wie sie in der urwüchsigen Dialektik Heraklits und den anderen Naturphilosophen des alten Griechenland und bei Aristoteles zu finden ist. Die gegenseitige Durchdringung der Gegensätze und der Form mit dem Stoff, also auch eine Art der Verwachsung, hilft uns aber hier nicht, wenn wir mit geometrischer Strenge nach der Form fragen. Bei Kepler finden wir eine Mischung aus verhimmelter platonischer Form und physikalisch-geometrischer Form.

Marx und Engels KrK.5.3.227b2.g

Auch der moderne Materialismus von Marx und Engels kann uns bei der Form nicht weiterhelfen, weil diese Philosophie der Zukunft noch nicht ihren Kinderschuhen entwachsen ist, erst den Anspruch auf die Zukunft erhoben hat. Wichtig ist hier die Erkenntnis, dass die Übergänge von der einen in die andere Bewegungsart dialektisch angegangen werden müssen. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass die Dialektik ursprünglich die Sophistik ist, die genüsslich in den offenen Wunden des unendlich Grossen und unendlich Kleinen, des Teils und des Ganzen und den Fragen der Bewegung pult, um den Zuhörer irre zu machen und so vom Denken fernzuhalten Das ist in den Dialogen Platons oder in Aristoteles' Topik oder Rhetorik schön nachzulesen.

Pythagoreer KrK.5.3.227b2.h

Der Materialismus muss also die Frage nach der Form so oft neu aufwerfen, bis sie beantwortet ist, weil er dem, was ist, der Wahrheit verpflichtet ist. Die erste europäische Philosophenschule, die Pythagoreer, weisen die Antwort. Das Zwischen ist das Was der Form. Wir fragen nun nach dem Wo der Form.

Ist das Zwischen erforderlich? KrK.5.3.227b2.i

Aber wozu eigentlich das Zwischen? Genügen nicht die beiden Grenzen der beiden geformten Stoffe? Was soll das ganze Tamtam um das Dritte zwischen den beiden? Ist die 'Trinität' zweier Grenzen in einer dritten nicht blosse Gedankenspielerei, ein sophistischer Taschenspielertrick? Ja, wenn es den Zuhörer dumm macht und vom Denken fernhält. Nein, wenn es den Zuhörer klug macht und zum Denken hinlockt.

Die Grenzfläche zwischen beiden Vollen gäbe es nicht, wenn sie zum Vollen gehörte. Denn entweder gehörte sie dann zu nur einem von beiden, so dass das andere keine Grenze hätte, oder sie gehörte zu beiden, so dass zwei Volle bei der Berührung zusammenwachsen würden. Oder sie würde geteilt, dann wäre sie keine Fläche mehr, sondern eine Doppelscheibe aus zwei Flächen. Dies alles ist unmöglich. Also kann die Form zu keinem der beiden Vollen gehören.

Zwischen nicht ohne Berührung KrK.5.3.227b2.j

Andererseits gäbe es die Fläche genausowenig, wenn die beiden Vollen nicht da wären. Allein durch die Berührung der beiden Vollen ist das Zwischen, ein Immaterielles und Unstoffliches an zwei materiellen Stoffteilen . Dabei nehmen wir einmal für den Zweck der Untersuchung an, dass wahr ist, was uns unsere Sinne und die daran angeschlossene Denkmaschine vorgaukeln, dass es ebene Flächen an materiellen Gegenständen gibt.

Form und Glauben KrK.5.3.227b2.k

Nun behaupten wir, dass der rote Strich, das 1d-ausgedehnte Zwischen, dass dieser Strich die Form der Fläche, dass die Fläche die Form des Körpers und dass der Punkt die Form des Wegs ist. Und zwar nicht nur in Gedanken als geometrische, sondern auch in der Wirklichkeit als physische Entität. Leider können wir für diese Behauptung keinen Zeugen oder Richter benennen und müssen uns auf unseren Glauben berufen. Es ist aber ein Glaube, der über das Nichtwissen hinausgeht und den man als Gewissheit bezeichnen kann. Unsere christlichen Freunde werden das gut verstehen. Denn so wenig, wie wir π und a 2 , so wenig können sie Gott beweisen, aber so sehr wie sie an Gott, so sehr glauben wir an π und a 2 und sind uns ihrer gewiss.

Form und Wahrheit KrK.5.3.227b2.l

Die Behauptung der Form als seiende (ebene stetige) Form bringt einen einzigen Nachteil, aber eine Reihe von Vorteilen. Der Nachteil: Es ist nicht wahr, 6a 2 zur Holzwürfeloberfläche zu sagen, denn der Holzwürfel ist uneben und voller Löcher. Der erste Vorteil: Es ist auch nicht falsch. Durch jeden beliebigen Teil des Vollen oder des Leeren lassen sich in Gedanken ebene Flächen ziehen. Diese in Gedanken gezogenen Flächen widersprechen nicht den Möglichkeiten der Natur, denn das Leere ist stetig. Weiterer Vorteil: Die Form kann abgestreift und in verschiedenen Bereichen verschieden sein. So ist die Form unterm Mikroskop eine andre wie unterm blossen Auge. Dort gilt wieder das gleiche: Es ist nicht wahr, dass die vormals ebene Fläche des unbewaffneten Auges nun aus lauter Kügelchen besteht, es ist aber genauso nicht falsch. Durch jeden beliebigen Teil des Vollen oder des Leeren lässt sich eine ideale Kugel ziehen. Unwahrheit hat hier also eine andere Bedeutung als die Lüge der Sophisten. Sie ist Durchschnitt im Sinne des Wortes.

Formdefinition 2: das Mögliche KrK.5.3.227b2.m

Und das ist die zweite Definition der Form:

Die Form ist das Mögliche im Wirklichen .

Das Wirkliche ist der Stoff. Das Mögliche ist die Form.

a 2 und π r 2 sind ein Mögliches im Wirklichen, weil das wirkliche Leere stetig ist und nur im wirklichen Stetigen eine ebene Fläche möglich ist. Durch das Leere lassen sich beliebige ebene Flächen ziehen.

Weil sie möglich sind, ist es uns möglich, sie zu denken. Gäbe es das Stetige nicht, so dächten wir es nicht, weil das (vorgeblich seiende) Nichtseiende nicht denkbar ist.

Damit haben wir die Definition der Form, die Aristoteles von den Füssen auf den Kopf stellt und dadurch Platon in die Physik zurückholt. Zugleich haben wir den grössten Schwindel aller Zeiten aufgedeckt, der sich im Kleinsten versteckt hat. Denn wenn es irgend etwas in der grossen weiten Welt gibt, das den Namen 'möglich' zu Recht trägt, dann ist es der Punkt, die Urform aller Formen. Die Form ist nicht die reine Wirklichkeit, sondern die reine Möglichkeit. Sie fragen sich vielleicht: Gibt es denn einen heutigen Philosophen, der diesen scholastischen Humbug der reinen Aktualität heute allen Ernstes vertritt? Die Form ist nicht aus der Philosophie verschwunden, weil die Denker der Wurstfabrikanten die Scholastik überwunden hätten und etwas Besseres an ihre Stelle gesetzt hätten, sondern weil sie mangels geistiger Masse an ihr gescheitert sind. Zu dem vorhandenen Unrat der Form haben sie uns ihren Unrat der Formlosigkeit gehäuft, der so zum Himmel stinkt, dass es mehr als eines Herakles bedarf, um die Luft in den Hirnen wieder klar zu machen.

Die Möglichkeit wird Wirklichkeit, sobald sich zwei materielle Gegenstände berühren und sei es auch nur in einem einzigen Punkt, der Urform aller Formen, dem ewig unbewegten Ort im Leeren. Erst wenn diese Voraussetzung gegeben ist und felsenfest steht, kommt das Ideelle. Dafür nun in einem Gewand, das sich zu Recht mit Stolz der Welt zeigen und als die Schöpfung des menschlichen Geistes bezeichnen kann, der diesen Namen verdient und der mit Namen wie Euklid, Euler, Kepler oder Gauss verbunden ist. Die ebenen Formen der Geometrie, die geheimnisvolle Jetzt-Gerade aus dem vierten Buch, die Zahlen als Grenzen, die Kreiszahl, die unabhängig vom Denken möglich sind, aber nur durch das Denken wirklich werden und und und. Keine Geheimnisse mehr, sondern allein die Berührung zweier Voller in einem einzigen Punkt, einem Ort im Leeren, sind nötig, um uns eine Welt von Erkenntnissen zu erschliessen, so, wie es uns Aristoteles mit dem Jetzt als der Form des Wegs vorgemacht hat. Das ist kein Wunder, denn der Ort des Jetzt und das Atom der Form sind identisch.

Die Berührung und das trennende Zwischen sind zwei Wörter für dieselbe Sache. Denn das Zwischen wird nur wirklich, wenn sich zwei materielle Gegenstände berühren. Es ist wirklich, aber es ist nicht so, wie der Stoff, sondern es hat nur die 'mindere' Seinsstufe der Relation, weil es nur dann wirklich ist, wenn sich zwei materielle Gegenstände berühren. Ohne Stoff also keine wirkliche Form. Aber auch nicht ohne uns Menschen. Denn alles, was die Form nach der Berührung zweier Voller im Zwischen wird, wird sie allein durch den Menschen, der jetzt, nachdem er weiss, dass das Unausgedehnte im Leeren möglich ist, nicht mehr zu bremsen ist.

Es gibt nur 1 Form KrK.5.3.227b2.n

Aber sofort versetzt ihm die Natur einen Hieb auf den Kopf. Wenn die beiden Stoffe der Welt stets zugleich sind und das Wesen der geformte Stoff ist, wenn wir ein stetiges Wesen im Leeren und das mit ihm gleichzeitige stetige Wesen im Vollen abgrenzen können, dann muss die Form des Vollen und Bewegten mit der Form des Leeren und Unbewegten, zugleich sein. Allein durch die Kongruenz der bewegten Form des Vollen mit der unbewegten Form des Leeren in einem Jetzt ist beispielsweise die Logik möglich.

Die Form ist möglich, sobald sich zwei Volle auch nur in einem einzigen Punkt berühren. Sie ist eine Möglichkeit, weil es bei den Gegenständen, die wir bis jetzt kennen, keine wirklich ebenen Flächen gibt, aber das Leere nichts dagegen einwendet, wenn wir ebene Flächen, Kreise und Kugeln durch es hindurchziehen.

Der Stoff ist die Wirklichkeit, die Form ist die Möglichkeit. Das Lieblingsspielzeug der Metaphysiker, die Form als 'reine Aktualität', ist in Wahrheit ein Mischwesen aus wirklicher und gedachter Wirklichkeit und wird als solches nun von uns Materialisten übernommen. Denn es ist nur dann ein wirkliches Wirkliches, wenn ihm Demokrits Atom durch Berührung zur minderen Wirklichkeit in einem einzigen Punkt verhilft. Ein Wirkliches ist die Form in der Geometrie. Dort ist es aber nur ein Gedachtes.

Form ist platonischer Materialismus KrK.5.3.227b2.o

Die Form ist der Form nach platonisch oder pythagoreisch. Sie ist getrennt vom Stoff, auch wenn sie mit ihm zugleich ist. Der Sache nach ist sie materialistisch, weil der Stoff das Wirkliche, die Form das Mögliche ist. Nur haben die Materialisten es versäumt, das festzustellen, was hiermit getan ist. Und wir haben im Gegensatz zu den Idealisten einen Ort für die Formen, nämlich den Ort selbst.

Materialismus und Platon KrK.5.3.227b2.p

In diesem Sinn musste ich als Materialist vor dem Zwischenreich der Zahlen der Pythagoreer und vor dem Ideenreich der Formen Platons zunächst die Waffen strecken. Die Pythagoreer und Platon haben seit Jahrtausenden eine Antwort, die Materialisten hatten bis jetzt keine, ausser dem Versuch Aristoteles', die Form irgendwie in die Bewegung und den Stoff hinüber zu retten. Jetzt haben wir eine Antwort. Und unseren Ärger, - ich spreche im Plural, weil ich damit rechne, dass sich noch viele mit mir ärgern und freuen werden - uns dem Gegner geschlagen zu geben, weicht in einem Jetzt der unbeschrieblichen Freude, dieses schlüpfrige Wesen endlich ohne Verwachsungen dingfest gemacht zu haben. Denn jetzt haben wir auch die Möglichkeit an der Hand, die bewegte Form zu betrachten. Denn wenn die Form auch ein Ideelles ist und die Gedanken frei sind, dann lassen wir sie fliegen! Doch langsam. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der Ihnen bis zum Ende des sechsten Buchs noch die eine oder andere schlaflose Nacht bereiten wird.

Wir werden auf diesem Weg nicht darum herumkommen, die Form einer dritten Revisionen zu unterziehen. Hier wollen wir uns aber erst einmal über die Entdeckung freuen. Wer hätte je gedacht, dass uns die ungeliebte aristotelische Möglichkeit einmal solche Freude bereitet.

Form in Physik, Metaphysik, Logik und Mathematik KrK.5.3.227b2.q

Die Form als das Mögliche in der Wirklichkeit kann mit einem Schlag zeigen, dass alle Wissenschaften, die sich mit dem Stoff und der Form befassen, ein und denselben Gegenstand haben.

Sind die beiden Stoffe der Welt zugleich, dann auch deren Formen. Wenn es die Formen gibt. Wenn nicht, nicht. Was dann ein Nichtseiendes würde, nähme - bis auf das Leere, von dem noch nicht feststeht, ob es die Grösse ist oder nicht - nicht einen Millimeter Platz weg. Alles bliebe an seinem Ort, keine Bewegung würde angehalten. Aber wir blieben dumm. Es ist wie bei der Zeit. Physik, Ontologie, Logik und Mathematik und damit alle angeschlossenen Teile der Wissenschaft handeln jede in ihrer Art von denselben Stoffen und Formen und damit von denselben Wesen.

Stoff und Form der Metaphysik sind für alle Wisssenschaften dieselben. Stoff kann materiell, immateriell oder beides sein. Das Leere kann in allen vier Wissenschaften der Stoff sein. Die Materie nur in dreien. In der Mathematik ist die Eins meist die Eins . Die Form dagegen ist in allen vier Wissenschaften dieselbe. Das scheint darauf hinzudeuten, dass die Form eher zum unbewegten Leeren und zur Mathematik als zur Materie und zur bewegten Physik gehört. Da aber das unbewegte Leere auch zur Physik gehört, wollen wir uns noch nicht festlegen.

Leider haben wir als stetigen materiellen Stoff nur das kleine Raummaterieteilchen anzubieten. Und seine Stetigkeit ist wie seine Existenz Hypothese. Aber das genügt uns vollkommen. Sein Durchmesser sei die Eins mit der 0 und der 1 als Grenzen. In der Logik trennt die Grenze des Teils den Teil vom Ganzen , wie ja auch Aristoteles durch die Blume sagt, wenn er dem Teil des stetigen Ganzen der Möglichkeit nach eine Form zubilligt. Die angebliche Ausnahme ist jedoch die Regel: Form ist möglich. Stoff ist wirklich. Wären die Formen wirklich, würden die unendlich vielen Grenzen, die wir durch das Raummaterieteilchen ziehen können, es nach und nach immer dicker machen. Wir machen aus der Not eine Tugend und erkennen die Form als Möglichkeit. Diese Tugend hat es ermöglicht, den Irrtum Aristoteles' aufzudecken. Denn im Bild ist zu sehen, dass der ganze Teil in der Logik ein und dieselbe Grenze hat, wie die ganzen Ganzen der anderen Wissenschaften.

Dass Ontologie und Physik nahe Verwandte sind, war zwar schon immer klar, denn viele Teile der Metaphysik sind wörtliche Wiederholungen aus der Physik. Hier haben wir es blau auf rot vor uns stehen. Ein Problem gibt es aber zwischen der Physik und der Mathematik, nämlich die Frage, ob der Stoff des Leeren aus Formen besteht oder nicht. Es sieht nicht so aus, denn die Formen im Leeren sind nur möglich, der Stoff des Leeren ist aber wirklich. Wie der Punkt nur Form ist, so scheint das Leere nur Stoff zu sein. Hier müssen wir uns von der Natur belehren lassen und vielleicht auch diese Definition der Form den Erkenntnissen anpassen! Denn so stolz wir auch auf die Produkte unseres Hirns sein mögen, sie stimmen nur dann, wenn sie sich mit dem dekken, was ist.

Form ist nur immateriell und in wenigstens einer Richtung ohne Grösse. Form ist ein Mischwesen aus Ideellem und Seiendem. Form folgt dem Stoff. Eine Form, die nicht die Form eines Stoffes ist, gibt es in der Physik nicht. Das bedeutet, dass es neben dem materiellen und immateriellen seienden Stoff auch einen ideellen Stoff geben muss, denn andernfalls gäbe es Formen ohne Stoff.4 Der rote Stoff aus Formen, bei dem wir uns nicht trauen, ihn als stetig zu bezeichnen, wird sich wohl als ideelle Grösse der Geometer herausstellen. Wenn ja, wissen wir, warum Dedekind seinen Kunstfehler begehen musste und müssen Abbitte leisten. Denn wenn die Form das Kleinste ist, dann kann der 'Schnitt' nicht kleiner als das Kleinste sein. Dann sollte er vielleicht 'Blatt' oder 'Backstein' heissen und nicht 'Schnitt'. Backsteine kann man ankleben und stapeln, Schnitte nicht. Das heisst, man kann, aber sie ergeben durch das Stapeln keinen Turm, sondern alle zahlenmässigen Unendlichkeiten der Welt haben in einem einzigen Punkt Platz. Soweit es geht, wollen wir in der Physik nur den Stoff behandeln, der ist, also nur das Volle und das Leere. Den ideellen Stoff werden wir nur da zu Rate ziehen, wo uns die Natur dazu zwingen wird. Oder wo wir uns von der Schwärmerei Keplers anstecken lassen, wie etwa bei der Ewigkeit ( Ewigkeit Kr.4.12.221a26-30 ). In jedem Fall aber formt der Stoff, und es formt nicht die Form ( Form tut nichts KrK.2.1.193b8.a ).

Schauen wir uns einmal die Gleichzeitigkeiten von Stoff und Form in den verschiedenen Wissenschaften an.

Die Gleichzeitigkeiten sind zugleich Identität

Ferner sind die vier Grafiken Ausdrucksweisen des geformten Stoffes. Im Alltag nehmen wir oft den Teil für das Ganze, etwa wenn wir 'Eins' sagen, wenn wir die von der 0 und der 1 begrenzte Eins meinen, oder 'Teil' sagen, wenn wir den begrenzten Teil des Ganzen meinen oder 'Materie' wenn wir die mit dem Leeren gleichzeitige Materie meinen.

Und sie sind schliesslich drei völlig verschiedene Beziehungen des Teils und des Ganzen, die nur für ihren jeweiligen Bereich gelten:

ohne Form keine Wissenschaft KrK.5.3.227b2.r

Daher die Begeisterung des Parmenides, der Pythagoreer und Platons für das Eine, das Ganze und die Grenze. Ohne die diskrete Grenze, ohne Form und nur mit Stoff gibt es keine Wissenschaft.

Form ist nur durch Berührung KrK.5.3.227b2.s

Vereinfacht gesagt gibt es die vier Wissenschaften, weil sich zwei materielle Gegenstände in einem einzigen Punkt, der Urform, berühren können und weil der Urstoff, das Leere, stetig ist. Und weil wir das entdeckt haben und uns nun unsere Gedanken darüber machen, was zwischen den beiden sich Berührenden ist. »Aber die Linie ist stetig, weil es eine gemeinsame Grenze gibt, an der ihre Teile zusammenstossen, nämlich den Punkt, und die Linie bei einer Fläche. Die Teile einer Ebene stossen ja an einer gemeinsamen Grenze zusammen. Ebenso kann man beim Körper eine solche gemeinsame Grenze auffinden, Linie oder Fläche, an der sich seine Teile berühren. Zu derartigen Dingen gehören auch die Zeit und der Raum. Denn das Jetzt berührt sich mit der Vergangenheit und Zukunft. Und anderseits ist der Raum stetig , weil der Körper mit seinen Teilen Raum einnimmt, die sich an gemeinsamer Grenze berühren . Daher müssen auch die Teile des Raumes, die diejenigen des Körpers einnehmen, an derselben gemeinsamen Grenze zusammenstossen, an der es die Teile des Körpers tun. Somit wäre also auch der Raum stetig, da seine Teile an gemeinsamer Grenze sich berühren. « Aristoteles, Kategorien, Paderborn 1972, Kap. 6

Berührung erzeugt zwar Stetigkeit , ist aber selbst diskret. Berührung gibt es nur bei Bewegtem sowie in der Geometrie. Eine engere Verbindung als die Berührung in einem Punkt gibt es nicht.

Die Einheit der Welt ist nur um den Preis zu haben, dass der Stoff das Wirkliche und die Form das Mögliche ist. Was jedes Kind versteht, dass nämlich das wirklich ist, was es anfassen kann und das, was es nicht anfassen kann, entweder nicht wirklich oder nur möglich ist, das sollten auch die Philosophen verstehen, statt die Kinder mit ihrem Unsinn wie in Sofies Welt zum Weinen zu bringen. Diese Erkenntnis darf uns aber nicht hochmütig gegen die Formen werden lassen. Denn ohne sie keine Wissenschaft.

Ohne Form keine Wissenschaft KrK.5.3.227b2.t

Bis auf das Leere, der Stoff, aus dem möglicherweise Platons Träume sind, nehmen die Formen keinen Platz weg. Die Welt käme auch ohne sie klar, wie wir schon bei der Zeit gesehen haben. Das Bild zeigt zwar, dass tatsächlich Alles Eins ist, dass wir aber verrückt oder wenigstens dumm wären, hätten wir keine Formen.

Ist die Form menschlich, göttlich oder natürlich? KrK.5.3.227b2.u

Ohne Form keine Wissenschaft. Ob die Form des Kreises, menschlich, göttlich oder natürlich ist, mehr Möglichkeiten gibt es nicht, ist schnell beantwortet. Menschlich ist π nicht, weil feststeht dass nie ein Mensch π ganz benennen kann. Also hat sie der Mensch irgendwoher abgelauscht. Entweder aus dem Innern seiner Seele, in die Gott mit seinem pneuma π eingehaucht hat, oder aus der Natur. Die Frage nach dem göttlichen oder natürlichen Ursprung stellt sich nicht für einen Heiden. Für den Heiden ist π so natürlich wie ein Brummkreisel. Wir sagen ja auch nicht göttliche, sondern natürliche Logarithmen. Aber das ist eine reine Glaubensfrage.

Wissenschaft ist ohne Stoff möglich KrK.5.3.227b2.v

Umgekehrt dagegen ist die Wissenschaft ohne Stoff nicht nur möglich, sondern teilweise notwendig ohne ihn, etwa in der Mathematik:

Einheit der Wissenschaft ist ohne Stoff nicht möglich KrK.5.3.227b2.w

Lassen wir uns aber nicht vom Stoff belehren, dann sehen unsere Wissenschaften bald so aus: Das ist die Krise der Wissenschaft, die sich damit grosstut, den Stoff weit hinter sich gelassen zu haben. Oder einfach die 'Krise' derer, die Sie für dumm verkaufen. Oder einfach Ihre eigene Krise, weil Sie feige sind, nicht sehen wollen, was ist. Den Lügner nicht Lügner nennen und die Wahrheit nicht Wahrheit.


1. Im sechsten Buch wird er etwas Ähnliches tun mit dem gleichen Ziel, nämlich der Bewegung ihren Anfang und ihr Ende wegzunehmen. Aber das Mittel wird dort das gerade Gegenteil des jetztigen Mittels sein. Dort wird er nämlich nachweisen, dass nur Irrtümer folgen, wenn das Diskrete nicht als Diskretes behandelt wird.

2. Ratzinger zur »Materialität der Auferstehung ... im Tode werde die Seele nicht akosmisch, sondern allkosmisch, die Zuordnung auf die materielle Welt bleibt ... einer Zuordnung zu dieser Welt als solcher und als ganzer ... Beziehung auf den Kosmos ist notwendig auch Beziehung auf die Zeitlichkeit des Alls, denn das All, die Materie, ist als solches zeitlich verfasst, ein Prozess des Werdens ... hat aber eine Richtung, die sich in dem allmählichen Aufbau der Biosphäre ... abzeichnet ... Sie ist vor allem ein Voranschreiten zu immer komplexeren Einheiten und ruft damit nach der totalen Komplexität, nach einer Einheit, die alle bisherigen Eineiten übergreift ... denn merkwürdig genug - das Postulat der Materie nach Einheit erfüllt sich gerade vom Nicht-Materiellen ... her, [das] so nicht die Zersprengung des eigentlich Einigen ... sondern die notwendige ... neue Kraft der Vereinigung des aus sich zerfallenen und Uneinigen ... Einbegreifung von allem in alles ...wird ... Materie ganz neu und ... ganz eins ... jenes Allkosmisch-Sein ... würde dann zu universalem Austausch ... Erst wo solche Einheit der Schöpfung ist, kann gelten, dass 'Gott alles in allem' ist (1 Kor 15,28)« Man meint, Demokrit, ein Brahmane und der Papst haben in durchzechter Nacht ein Manifest verfasst, in dem sie das kenon, das brahman und das pneuma kräftig verrührt haben und es am Morgen unter dem Schlachtruf, »Pantheisten aller Länder, vereinigt euch!« der Welt vorlegen. Folgerichtig gesteht der Autor, zum Zeitpunkt der Verfassung des Manifests noch Grossinquisitor, auf der nächsten Seite die Anleihe bei Demokrit ein: »Ein ewiges beziehungsloses ... Nebeneinander der materiellen und der geistigen Welt widerspricht dem Wesenssinn der Geschichte ... Deswegen muss ... dem Satz widersprochen werden: 'Die Materie an sich ... ist unvollendbar'. Das würde eine Teilung der Schöpfung ... bedeuten, bei dem der ganze Bereich der Materie aus der Schöpfung herausgenommen und zu einer Wirklichkeit zweiter Ordnung gemacht wird. Es ist nicht einzusehen, warum die Christen, die im Credo die Auferstehung des Fleisches bekennen, hier hinter marxistischen Denkern .. zurückbleiben sollten, die ganz entschieden von einer neuen Welt auch einen neuen Status der Materie erwarten« Ratzinger, Eschatologie, S. 158f Gut gesprochen. Nur wollen wir Ökonomie nicht mit Kosmogonie verwechseln, weniger auf die neue Materie in der neuen Welt nach der Apokalypse setzen, sondern bei dem Neuanfang etwas bescheidener die Fleischfrage hier vor Ort regeln. Das sollte möglichst frisch und möglichst reichlich und für jedermann sein, aber nicht im Himmel, sondern hier auf Erden.

3. Denn die Anzahl der nicht stetigen Dinge ist grösser (mehr) als die Anzahl der stetigen Dinge. Das Stetige der Grösse nach ist dagegen umgekehrt die grösste Grösse, das Leere. Jede Grösse ist Menge, aber längst nicht jede Menge ist auch Grösse.

4. 2006: Denn wir könnten zwar beispielsweise sagen, die Gesamtheit aller gleichweit von einem fixen Punkt entfernten Punkte ergibt eine Kugeloberfläche ohne den zugehörigen Kugelstoff, aber damit würden wir uns nicht lange zufriedengeben und nach der Formel für den Kugelstoff suchen.