Kr.5.2.225b-226b Kategorien des Seins und der Bewegung - KrSc

KrK.5.2.225b10

Den ganzen Ärger hätte Aristoteles sich und uns ersparen können. Denn die beim Werden und Vergehen und den Veränderungen mit viel Aufwand verhinderten Widersprüche kommen in der gleichen Weise bei der einfachen Ortsbewegung sowie bei jeder Form jedes Wesens wieder zum Vorschein und werden dort auf die gleiche Weise gelöst wie bei den Veränderungen. Alle Bewegungen sowie alles Stetige haben neben dem stetigen den diskreten Teil. Hier, im diskreten Teil, steckt der Widerspruch.

Unsere geistige Grosstat, die Trennung der Form vom Stoff, die in dieser Reinheit nur bei den Griechen ist, ist zugleich unser Verhängnis, weil wir nach der Tat nicht mehr unterscheiden können, was wir getan haben und was die Natur getan hat. Kommt dann noch eine Philosophie hinzu, die das Hirn über das Sein setzt, ist das Chaos vorprogrammiert. Wir setzen das Sein über das Hirn. Und das Sein der unbewegten Formen suchen wir allein im Leeren und sonst nirgendwo, weil allein das Leere unbewegt ist.

Mit dem Widerspruch müssen wir an den Grenzen jeder Bewegung sowie an den Grenzen des Wesens klarkommen. Wie das vor sich gehen wird, ist einfach gesagt, aber schwer getan. Einfach gesagt deshalb, weil das Diskrete an der Bewegung, die Bewegung in 1 Jetzt , unsere Erfindung ist. Denn wir tun da etwas, was in der Natur nie geschieht, wir halten die Zeit und die Bewegung an. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn plötzlich die Welt stillsteht. Wir tun es aber trotzdem, und wir wollen den Widerspruch nicht. Wir wollen also das tun, was selbst Gott nicht kann, das Geschehene ungeschehen machen.

Aristoteles zeigt nun, bei welchen Kategorien des Seins Bewegung ist und bei welchen nicht.

Wesensbewegung Kr.5.2.225b10-11

»In Bezug auf das Wesen aber gibt es keine Bewegung, weil dem Wesen nichts von dem Seienden entgegengesetzt ist; ...«

KrK.5.2.225b11

Da hat einer seinen Aristoteles nicht richtig gelesen. Das Wesen ist der geformte Stoff .

Nehmen wir dem Wesen die Form weg, so vergeht es

und übrig bleibt der ungeformte Stoff. Das Wesen vergeht.

Geben wir dagegen dem ungeformten Stoff eine Form

so wird das Wesen.

So dass das Erhalten und das Ablegen der Form das Werden und Vergehen des Wesens ist. Die Bewegung des Wesens heisst Werden und Vergehen.

Relation, Tun, Leiden Kr.5.2.225b11-16

» ... und auch in Bezug auf die Relation gibt es keine ... Aber auch nicht in Bezug auf das Thuende und Leidende und überhaupt nicht in Bezug auf das Bewegtwerdende und Bewegende gibt es eine Bewegung, weil es eben 15 keine Bewegung der Bewegung und kein Entstehen des Entstehens und überhaupt keine Veränderung der Veränderung gibt.« [P243]

KrK.5.2.225b16.a

Die Relation der Form zum Stoff können wir nur an einem Unbewegten vornehmen, weil die Form unbewegt ist. Die Relation Weg : Weg ist die Definition der Bewegung selbst und damit ebenso als Bewegung ausgeschlossen.

Tun und Leiden, Aktiv und Passiv, sind nur andere Wörter für Ursache und Wirkung bei bestimmten Bewegungen der belebten Materie, also Teile der Bewegung, nicht selbst Bewegung.

Obwohl er am Ende des letzten Kapitels die Zeit zu den Kategorien rechnet, sagt Aristoteles hier nichts zu ihrer Bewegung oder Nichtbewegung.

( Kr.5.2.225b15-a23 )

( [P243-47] Drei Seiten Gerede über das Werden des Werdens, die Bewegung der Bewegung u.ä.)

Form ist ideeller Schnitt KrK.5.2.225b16.b

Wir bleiben der Form treu und hoffen, dass es sich wie bei der Zeit auch weiter auszahlen wird. Das Wesen, das wir in der Logik in einem Jetzt feststellen oder fixieren, ist in diesem einem Jetzt nicht nur in Gedanken, sondern in der Wirklichkeit mit einem ewig unbewegten 3d-topos und an seinen Grenzen mit einem ewig unbewegten 2d-topos zugleich (das 2d-Zwischen zwischen Raummaterie und materiellem Gegenstand). Die 0d-, 1d-, 2d-Orte, die die Grenze zwischen dem Stoff und der sie umgebenden Materie sind oder die Orte, die der bewegte Stoff einnimmt, sind ja. Also ist die Form in einem Jetzt, wie immer sie auch aussehen mag. Also ist sie nicht allein gedankliche Fixierung, wie es bei der Zeit den Anschein hatte! Das ideelle an der Form ist das Durchschneiden des Raums in ebene Flächen, die den Körper begrenzen, Durchschnitt im Sinne des Wortes. Unser Schnitt hinterlässt uns aber nun ein Seiendes, das es eigentlich nicht geben darf. Denn es ist weder ein Leeres, noch ein Volles. Die Logik löst das Problem radikal, indem sie aus dem geformten Stoff 'alle Menschen' oder 'Sokrates' eine 3d-Grösse a 3 macht. Was aber Form und Stoff sind, weiss die Logik nicht und will sie auch nicht wissen. Sie gibt sich mit dem Ganzen und mit dem Teil und Euklid zufrieden und mit der Behauptung, dass es die Grösse gibt. Die Form sperrt die Logik aus. Aber in der Physik wollen wir uns nicht damit zufriedengeben und die Form nicht in die Metaphysik verbannen. Denn ohne sie können wir weder die Bewegung, die Zeit noch das Bewegte verstehen. Dass wir bis jetzt nur die unbewegte Form im Leeren kennen, hält uns nicht davon ab, das Werden und Vergehen als die Bewegung der Form zu bezeichnen. Wenn es die Form gibt, dann muss es neben der unbewegten auch noch die bewegte Form geben. Aber selbst, wenn es die Form nicht gäbe, benötigten wir sie sowohl als bewegte wie auch als unbewegte Form.

KrK.5.2.226a23

Aristoteles' zum Schluss des ersten Kapitels angekündigten 3 Bewegungen (<Widerspruch Kr.5.1.225a34-b9> Bewegung in Qualität, Quantität und Ort):

Quantität, Qualität, Ort Kr.5.2.226a23-33

»Nachdem aber weder in Bezug auf das Wesen noch in Bezug auf die Relation noch in Bezug auf das Thun und Leiden eine Bewegung ist, so bleibt allein übrig, dass in Bezug auf das Quantitative und in Bezug auf 226a25 das Qualitative und in Bezug auf das Wo eine Bewegung sei; denn in einem jeden von diesen ist ein Gegensatz-Paar. Die Bewegung nun in Bezug auf das Qualitative möge qualitative Aenderung [alloiosis] heissen, denn diese Bezeichnung gilt als gemeinschaftlich den beiden Gegensätzen auferlegt ... Jene aber 30 in Bezug auf das Quantitative hat keinen den beiden Gegensätzen gemeinschaftlichen Namen, nach je beiden derselben aber heisst sie Zunahme und Abnahme, die Bewegung nämlich in die vollkommnere Grösse hinein Zunahme, und die aus derselben heraus Abnahme. Die Bewegung aber in Bezug auf den Ort hat sowohl keinen gemeinschaftlichen als auch keinen speciellen Namen, doch möge sie im Gemeinschaftlichen Raumbewegung [phora] heissen« [P247]

KrK.5.2.226a33

Die Gegensätze brauchen wir nicht, weil die Wissenschaft dem Stadium der vagen Ahnungen (warm-kalt, nass-trocken) entwachsen ist. Es gibt nur zwei Gegensätze, das Volle und das Leere und deren Bewegung und Nichbewegung. Sie sind nur im ersten und im letzten Buch wichtig, wo es um die ersten und letzten Bewegungen geht. Bei der konkreten Bewegung brauchen wir nur den Ort, die Zeit und das Bewegte, s, t und m. Uns genügen der Anfang und das Ende der Bewegung und sie selbst mittendrin. Aber die, den Anfang und das Ende, wollen wir haben und lassen sie uns nicht wegdefinieren.1

Qualität Kr.5.2.226b1-8

» 226b ... Die Veränderung [metabole] aber, welche innerhalb der nämlichen Art in dem höheren und geringeren Grade besteht, ist auch eine qualitative Aenderung [alloiosis] ; denn die aus einem Gegensatze in einen Gegensatz gehende ist Bewegung [kinesis] ... 7 der höhere und geringere Grad aber liegt darin, dass ein Mehr oder Weniger von dem Gegensatze dabei enthalten ist oder nicht.« [P249]

KrK.5.2.226b8.a

Jetzt entschliesst sich Aristoteles, den Hauptakteur der Physik, die Bewegung zum Statisten zu machen und sagt, die Bewegung im Bereich der Qualität, die Veränderung sei die Hauptsache, und die Bewegung im Bereich der Quantität sei die Nebensache. Er schiebt die Bewegung an die Seite, verhegelt die Veränderung zum Ganzen und die Bewegung zum Teil. Wir bleiben bei der Bewegung als dem Hauptgegenstand der Physik, dabei, dass jede Bewegung genau wie jede fixe Grösse einen stetigen und einen diskreten Teil hat. Die Dialektik werden wir dort anwenden, wo sie hingehört und nicht, wo sie uns das Denken abnimmt und versüsst.

Alle drei Bewegungen, die Ar schildert, sind zwischen dem noch-nicht und dem nicht-mehr eingeschlossen, so dass wir darauf beharren, dass Werden und Vergehen, Wachsen und Schwinden sowie die Veränderung im Bereich der Qualität, dass alles dies Bewegung ist. Ja, auch das Werden und Vergehen einer Bewegung selbst ist Bewegung! wogegen Aristoteles heftig protestiert hat, weil das ja dann die Bewegung der Bewegung wäre usw. ins Unendliche. Aber wenn das All aus den Atomen wird und das Leere nur eine einzige Bewegung zu Stande bringt, dann müssen auch die unterschiedlichen Bewegungen selbst werden und vergehen. Wenn wir das untersuchen werden, kommen wir um die Dialektik nicht herum. Nicht die Natur, sondern Aristoteles ist hier der Sophist. Wir bleiben dabei, dass Bewegung entweder in einer stetig ausgedehnten Zeit oder einem diskreten Jetzt betrachtet wird.

jede Bewegung ist zweifach KrK.5.2.226b8.b

Alle Bewegungen in der Zeit sind Relationen wenigstens zweier Bewegungen. Nämlich der abstrakten unbewegten Bewegung Zeit und des mit der Zeit gleichzeitig verlaufenden Gesundens, des Wachsens, des Laufens usw. Die Zeit haben wir auf der x-Achse untergebracht, so dass der 'Raum Gesundheit' beim Gesunden die y-Achse etwa der Celsius-Grad, der 'Raum Grösse' beim Wachsen die Körpergrösse ist usw. Es ist dort ebenfalls eine unbewegte Bewegung, da er ja mit den Jetzten koinzidiert. Bei den meisten Bewegungen lassen sich jedoch nicht so einfache Koordinaten oder 'Räume' aufstellen. Die fixen Räume sind jedoch stets das Ideal, mit dem sich dann nachprüfbar rechnen und vergleichen lässt.

Werden, Vergehen, Sein zugleich! KrK.5.2.226b8.c

Was die Ortsbewegung vor den anderen auszeichnet, ist, dass bei ihr jeder Punkt Anfang, Ende und Bewegung zugleich sind. Werden, Vergehen und Sein in Einem! Bei der Ortsbewegung fallen die drei Grenzen in jeden einzelnen Punkt der Bewegung unausweichlich in Eins zusammen.

Unbewegtes und Ruhendes Kr.5.2.226b8-16

»Dass es also nur diese drei Bewegungsarten gibt, ist einzusehen. 10 Unbewegt ist, was entweder überhaupt seinem Wesen nach nicht beweglich ist ... und auch etwas, das seinem Wesen nach sich bewegen kann, aber zu der Zeit gerade sich nicht in dem Sinne bewegt, wie es ihm zur Zeit möglich wäre. Nur diesen letzten Fall nenne ich 'ruhen'. 15 Denn Ruhe ist der Bewegung entgegengesetzt, bedeutet also deren Fehlen an einem Ding, das sie haben könnte.« [G171f]

KrK.5.2.2256b16

Was das seinem Wesen nach nicht Bewegliche ist, sagt er nicht. Er könnte die Erde meinen, hebt sich aber das absolut nicht Bewegte bis zum Schluss auf, wo wir auch sehen werden, dass die Nichtbewegung der Erde ein Fremdkörper in Aristoteles' Physik ist. Folgen wir ihm und sprechen vom Ruhen nur beim Vollen, meinen damit aber stets nur relative Nichtbewegung in der Zeit von A in bezug auf B, weil das Volle immer bewegt ist. Ein absolut Unbewegtes an der Bewegung haben wir seit dem ersten Buch im Leeren und seit dem vierten Buch in der Form der Bewegung, der Zeit.

Kr.5.2.226b16-17

» 16 Was Bewegung ist und Ruhe und wieviel Arten von Bewegung und Wandlung es gibt, ist aus dem Gesagten klar geworden.« [G172]

KrK.5.2.226b17

Alle Veränderung ist Bewegung. Qualitative Veränderung ist eine aus vielen quantitativen Bewegungen zusammengesetzte Bewegung. Werden und Vergehen sind die beiden Grenzen jeder Bewegung in jedem Jetzt. Die Ortsbewegung scheint nur aus Grenzen zu bestehen. Da aber das Ortsbewegte bewegt und nicht unbewegt ist, wird unsere Untersuchung der Grenzen wohl darauf hinauslaufen, dass die Grenzen irgend etwas mit unserer geistigen Grosstat, der Trennung der Form vom Stoff zu tun haben.

Ar hat die Gegensatzpaare auseinandergerückt in die stetigen Bewegungen zwischen den Gegensätzen, die nicht widersprüchlich sind (siehe t = 0 und t > 0 KrK.5.1.224b32.a). Die Gegensätze sind die Grenzen der Bewegungen. Zwischen ihnen liegt Zeit. Was aber tut sich an den Grenzen selbst? Da, wo das Warme kalt, das Kleine gross, oder allgemein das Unbewegte sich zu bewegen, das Nichtseiende zu sein beginnt ?

Wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen, wir kommen immer wieder auf den Zeitpunkt oder die diskrete unbewegte Grenze zurück. So auch Aristoteles.


1. Aristoteles' Leugnen des Werdens wird unbarmherzig auf ihn zurückfallen. Da er die 'Bewegung' an den Grenzen leugnet, also seine eigene Definition der Bewegung 'gemäss Widerspruch', wird er im sechsten Buch die Grenzen selbst leugnen müssen.