Kr.5.1.224a-225b Bewegung und Widerspruch - KrSc

KrK.5.1.224a21.c

Nachdem wir die drei Anfänge des Seins und den Anfang der Bewegung, die Bewegung des Raums, erörtert haben, herausgefunden haben, dass jede Bewegung einen Anfang, ein Ende und sich selbst mittendrin hat; nachdem wir die Orte und den Raum der Bewegung sowie die zugehörigen Zeiten und Gleichzeitigkeiten herausgefunden haben, können wir den Versuch von Buch 2 wieder aufnehmen und darangehen, die unterschiedlichen Bewegungen an dem Ende betrachten, an dem wir uns befinden.

s, t, m in der Physik KrK.5.1.224a21.d

Die Physik benötigt als einzige Wissenschaft nur den Raum, die Zeit und den bewegten Gegenstand zur Betrachtung der Bewegung oder der Bewegungslosigkeit. Sie umfasst damit gewissermassen alle anderen Wissenschaften, die auch bewegte und unbewegte Körper in Raum und Zeit untersuchen. So untersucht die Chemie nur die Bewegungen und Relationen der Körper im atomaren und subatomaren Bereich. Die Biologie spezialisiert sich auf die belebten Körper. Die Medizin untersucht einen Teil in den belebten Körpern oder besser bestimmte Qualitäten der belebten Körper. Geschichte und Ökonomie untersuchen die zusammengesetzten Bewegungen vieler belebter Körper usw. Die Physik ist das Ganze, Chemie, Biologie, Medizin usw. die Teile. Das bedeutet nicht, dass eine 'physikalische Ökonomie' das Ideal ist, ebensowenig wie der entzündete Blindarm mit Materie, Raum und Leerem operiert werden kann. Es bedeutet nur, dass Medizin und Ökonomie nicht ausserhalb der Gesetze der Natur stehen und über kurz oder lang auf die Nase fallen, wenn sie sich ihnen widersetzen.

Alle Wissenschaften, die sich mit wirklich bewegten Gegenständen befassen, sind also auf einen räumlich, vielfach auch zeitlich kleineren Teil als die Physik beschränkt, finden dort aber, weil sie zur gleichen physis gehören, letztlich nach den gleichen Gesetzen oder im gleichen Körper statt.1

Kr.5.1.224a21-34

»Es verändert [metaballein] sich aber Alles, was sich verändert, theils bloss nach Vorkommniss [kata symbebekos], wie z. B. wann wir sagen, dass das Gebildete [to musikon] gehe, weil dasjenige, an welchem es vorkömmt, dass es ein Gebildetes ist, geht, - theils aber wird von Etwas darum gesagt, dass es sich überhaupt im Allgemeinen verändere, weil Etwas von ihm sich verändert, - wie z. B., 25 wovon es in Bezug auf seine Theile gesagt wird, nämlich 'es genes't der Körper', weil das Auge oder die Brust genes't, diess aber sind Theile des ganzen Körpers -, theils aber giebt es denn nun auch Etwas, was weder bloss je nach Vorkommniss bewegt wird, noch auch darum, weil etwas Anderes von dem, was zu ihm gehört, bewegt wird, sondern darum, weil es selbst an und für sich ursprünglich bewegt wird; und diess ist das an und für sich Bewegbare, was aber je nach einer anderen Bewegung ein Verschiedenes sein kann, wie z. B. 30 ein der qualitativen Aenderung [alloiosis] Fähiges, und innerhalb der qualitativen Aenderung ist es als Heilbares oder Erwärmbares wieder ein Verschiedenes. Es ist aber auch bei dem Bewegenden ebenso, denn theils ist es ein Bewegendes bloss je nach Vorkommniss, theils in Bezug auf einen Theil darum, weil Etwas von ihm ein Bewegendes ist, theils aber an und für sich ursprünglich, wie z. B. der Arzt heilt, und die Hand schlägt.« [P235]

Bewegung und Veränderung KrK.5.1.224a34.a

Wir können das Bild noch weiter spinnen und die Physik als Körper, die Einzelwissenschaften als Glieder und Organe und die Wissenschaft als den Arzt begreifen, der die Harmonie der Teile im Ganzen untersucht. Aber das würde zum einen schnell zur Märchenstunde verkommen, weil die Analogie immer nur für ein einziges Bild funktioniert, danach versagt. Zum andern ist es in einer Welt, wo die Heilkräfte der Wissenschaft nicht dazu dienen, Wasser und Brot, sondern Waffen und Tod zu produzieren, sicher ein wenig naiv oder ein Verbrechen (Brecht), weil es zur Verherrlichung der Mörder dient. Sparen wir uns also die Wissenschaften als das Gute auf, bis wir das Böse besiegt haben und die Wissenschaft dem Guten dient. Bis dahin soll uns das Wahre genügen. Es ginge auch über das Ziel der Physik hinaus und ist einer völlig neuen Wissenschaft vom Ganzen2 in einer völlig neuen Welt vorbehalten. In unserer ist sie nicht möglich, weil Denken in unserer Welt gleichbedeutend ist mit dem Untergang dieser Welt und weil das Denken daher für diese Welt vom Übel ist.

Als erstes fällt auf, dass die konkrete Bewegung an unserem Ende der Unendlichkeit in der Regel als qualitative Veränderung beschrieben werden muss und dass die Ortsbewegung, die uns bisher als die übergeordnete Bewegung schien, nun offenbar hinter die Veränderung, die metabole oder die Bewegung innerhalb einer Qualität, die alloiosis, zurücktreten muss. Die Physik also nicht die Wissenschaft der Bewegung, sondern die Wissenschaft der Veränderung? Auch den Raum können die Einzelwissenschaften nur bedingt gebrauchen. Sie finden vielmehr ihre eigenen 'Räume' wie die Gesundheit in der Medizin oder die Arbeit in der Ökonomie. Auch unterscheidet sich das ursprünglich Bewegende, die erste Bewegungsursache, in alle Wissenschaften von einander.

Gemeinsamkeiten der Bewegungen KrK.5.1.224a34.b

An Gemeinsamkeiten aller Bewegungen bleibt, was wir bereits im ersten Buch gefunden haben, dass sie alle eine Ursache und eine Wirkung haben, nämlich den Stoff, der geformt wird. (Je nach Weltbild rechnen wir die Ursache vereinfachend zum Stoff oder zur Form. Hier wird sie zum Stoff gerechnet.) Und dass alle Bewegungen in Raum und Zeit stattfinden:

Stoff ist bewegt, Form ist unbewegt Kr.5.1.224a34-b11

»Da aber einerseits das ursprünglich Bewegende Etwas ist, andrerseits aber auch das Bewegtwerdende Etwas ist, 35 und ferner dasjenige, in welchem die Bewegung vor sich geht, nämlich die Zeit, Etwas ist, und ausser diesem auch noch dasjenige, aus welchem und in welches die Bewegung vor sich geht, - 224b denn jede Bewegung geht aus einem Etwas [z. B. dem Holz] und in ein Etwas vor sich...so ist demnach klar, dass die Bewegung in dem Holze , 5 und nicht in der Form [en to xyle ouk en to eidei] ... liegt; denn weder bewegend noch bewegtwerdend ist die Form oder der Ort oder die Quantität [it is clear that the motion is in the wood , not in its form: for the motion is neither caused nor experienced by the form or the place or the quantity. [HG] , sondern Bewegendes und Bewegtwerdendes hat sein Sein eben für jenes, in welches die Bewegung vor sich geht, denn mehr auch wird die Veränderung jenes genannt, in welches, als jenes, aus welchem die Bewegung vor sich geht; darum (?) ist auch das Vergehen eine Veränderung in das Nicht-seiende, obgleich aus einem Seienden das Vergehende sich verändert, und das Entstehen eine Veränderung in das Seiende, obgleich aus einem Nicht-seienden. 10 Was nun die Bewegung sei, ist früher schon gesagt worden [III,1], ... « [P235,237]

Form ist unbewegt KrK.5.1.224b11.a

Die Form ist unbewegt . Der Stoff ist bewegt . Aristoteles hat damit endgültig das Grab seiner Metaphysik ausgeschaufelt, nach der die Form untrennbar mit dem Stoff verbunden ist. Wir werden später nachholen, was Aristoteles und seine Nachfolger aus der Geistfraktion vergessen haben müssen, nämlich für eine würdige Bestattung sorgen und danach die Form für immer in unserem Geist bewahren.

Tatsächlich haben wir bei der Zeit gesehen, dass die Form als Ort t 0 , Weg t 1 und Fläche t 2 notwendig ein ewig Unbewegtes ist, haben uns dort aber nicht getraut, den Weg und die Fläche der Zeit als stetig zu bezeichnen.

<Widerspruch KrK.5.1.224b11.b > Bewegung gemäss Widerspruch

Ferner müssen wir Aristoteles an seine Definition des Werdens und Vergehens als der Bewegungen gemäss Widerspruch erinnern. Werden und Vergehen nennt er nun 'Veränderungen' in ein Gegenüberliegendes. Das ist zwar in Ordnung, weil das Werden wie jede Bewegung neben dem diskreten auch einen stetigen Teil hat. Aber ausgedehnte Bewegungen im Bereich der Qualität sind für die Grundfragen der Physik nicht sonderlich geeignet, wie wir noch sehen werden.

Diese beiden Bewegungen sind so wichtig, dass Aristoteles darüber ein eigenes Werk verfasst hat, das Vom Werden und Vergehen derzeit: GenerationCorruption.htm heisst und nicht etwa Vom Wachsen und Schwinden oder Von der Veränderung . Dieses Buch hat er - wieder überspitzt gesagt - in Polemik gegen die Atomisten geschrieben, bei denen das Werden der Form nicht möglich ist. Denn das Werden der Form ist an einen stetigen Stoff gebunden, der in immer wieder Teilbares teilbar ist. Aus ihm entstehen die Elemente erst, und das funktioniert nur, wenn das zeitliche Element des Werdens das Jetzt ist, damit es mit dem Grenzübergang der Materie von Warm zu Kalt, von Feucht zu Trocken usw., der dem Werden der Dinge zu Grunde liegt, in Eins fallen kann. Das ist zwar alles unmöglich, weil ein Teller dieser stetigen Ursuppe so schwer wie das Universum wäre, aber es ist seine Meinung, an die wir ihn hier erinnern müssen und die wir, was das Jetzt angeht, teilen. Diese Arbeit handelt aber nicht von dem Werden und Vergehen als den beiden Grenzen aller Bewegungen, die in der Physik die Hauptrolle spielen, sondern vom stetig ausgedehnten Werden und Vergehen , das wir nur im achten Buch betrachten.

Das Atom der Bewegung erkennen, heisst, das Werden und Vergehen erkennen. Und das funktioniert nur, wenn wir die Bewegung in einem Jetzt betrachten! Aber nicht etwa, wie Aristoteles meint, weil die Ursuppe der Materie stetig ist, sondern weil der Ort diskret ist! Die dynamische Stetigkeit des Raums ist ja nur für unseren Hausgebrauch gut, etwa bei seinem Nullwiderstand, der 'Schwerelosigkeit' usw. Für die wirkliche Stetigkeit dagegen benötigen wir ein einziges Zwischen, ein Jetzt, einen Ort. Denn unser schärfstes Instrument zur Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, funktioniert nur in einem einzigen Jetzt. Zwar können wir die bei der Zeit erkannten vier oder fünf Gleichzeitigkeiten benutzen. Wir können aber innerhalb einer Gleichzeitigkeit, etwa der Gleichzeitigkeit in einer Fläche, verschiedene Orte nur in einem einzigen Jetzt untersuchen.

<Widerspruch KrK.5.1.224b11.c alle Gleichzeitigkeiten in 1 Jetzt>

Beim Differnzieren können wir die Gleichzeigkeit im Punkt, beim Wandern können wir die Gleichzeitigkeit auf dem Weg, bei der Welle können wir die Gleichzeitigkeit der Fläche oder im Raum können wir die Gleichzeitigkeit im 2d-topos nur dann untersuchen, wenn wir das Jetzt haben. Kommt es aber zur Frage, ob sich in einer der Gleichzeitigkeiten ein Widerspruch abspielt oder nicht, so kann das nur im Jetzt sein. Da aber die Gleichung Jetzt = Ort gilt, die verschiedenen Gleichzeitigkeiten (Zeitgleichheiten) aber alle überabzählbar viele Orte umfassen, haben wir hier noch einmal einen Hinweis, dass die Zeit wohl ein Ideelles.

Form ist unbewegt Kr.5.1.224b11-16

» ... die Formen aber und die Zustände und der Ort, in welche das Bewegtwerdende bewegt wird, sind unbewegbar, wie z. B. das Wissen und die Wärme; und doch könnte man eine Schwierigkeit erheben, woferne die Zustände Bewegungen sind, die Weisse aber ein Zustand ist; ... 15 vielleicht jedoch ist ja nicht die Weisse eine Bewegung, sondern wohl das Weisswerden . « [P237]

(object of thought Kr.5.1.224b18-22 )

(weggelassen: a thing which is becoming white changes accidentally to an object of thought, the colour being only accidentally 20 the object of thought ; it changes to colour, because white is a part of colour, or to Europe, because Athens is a part of Europe; but it changes essentially to white colour [HG] )

Form ist unbewegt Kr.5.1.224b22-26

»In welchem Sinne nun eine Bewegung an und für sich stattfinde, und in welchem Sinne bloss je nach Vorkommniss [kata symbebekos] , ... diess nun ist sowohl bei dem Bewegenden als auch 25 bei dem Bewegtwerdenden klar, sowie auch, dass die Bewegung nicht in der Form, sondern in dem Bewegtwerdenden und actuell Bewegbaren liegt.« [P237,239]

Wo soll das hinführen? KrK.5.1.224b26

Wo soll uns das hinführen! Wenn wir tatsächlich diese platonische Behauptung der unbewegten Formen von der Zeit auch auf die bewegten Wesen übertragen, wird uns da nicht alles durcheinandergeraten? Oder werden wir gezwungen werden, mit Zenon alles in das ewig Unbewegte einzusperren? Wir werden sehen. Die Form, wie wir sie gemeinsam mit Aristoteles beschrieben haben, ist jedenfalls unbewegt. 'Daneben' muss es aber auch bewegte Formen geben!

<Widerspruch Kr.5.1.224b26-32 > Widerspruch und Gegensatz

»Über die mittelbare Veränderung wollen wir nicht weiter reden, sie findet sich ja überall und in allem. Dagegen die unmittelbare Bewegung3 spielt sich nicht in allem ab, sondern nur zwischen Gegensätzen und deren Zwischengliedern sowie zwischen sich widersprechenden Gliedern. 30 Das lehrt die Erfahrung. Aus den Zwischengliedern findet die Umwandlung deshalb statt, weil sie für jedes der Endglieder als Gegensatz gelten. Denn die Mittelglieder sind in gewissem Sinne beides« [G165]

t = 0 und t > 0 KrK.5.1.224b32.a

Aristoteles meint mit gegensätzlich und widersprüchlich folgendes: Bewegung findet zwischen den 'Gegensätzen' statt. Schwer-Leicht, Feucht-Trocken, Warm-Kalt, Dicht-Dünn, Sein-Nichtsein. Solange stetige Zeit zwischen den beiden Gegensätzen g1 und g2 liegt, heisst die Bewegung gegensätzlich. Fallen aber die ausgedehnten Gegensätze g1 und g2 in einen Zeitpunkt zusammen , sodass von »einem und demselben Gegenstand in derselben Beziehung und zugleich« gesagt wird, er sei, und er sei nicht irgendetwas, dann ist das widersprüchlich. In der Logik haben sich dafür die Begriffe konträr für gegensätzlich und kontradiktorisch für widersprüchlich eingebürgert:

gegensätzlich (konträr) = Zeit zwischen den Gegensätzen = zwischen 2 Jetzt

widersprüchlich (kontradiktorisch) = keine Zeit zwischen den Gegensätzen = in 1 Jetzt.

<Widerspruch KrK.5.1.224b32.b > Definition: Widerspruch ist Bewegung in 1 Jetzt

Das Bild zeigt, dass Aristoteles' Definition des Werdens und Vergehens als der Bewegungen 'gemäss Widerspruch' genau die richtige Bezeichnung ist, weil es den Widerspruch ebensowenig gibt, wie die Bewegung in 1 Jetzt. Trotzdem wird genau diese Bewegung und keine andere bis zum Ende des sechsten Buches die Hauptrolle der Physik spielen.

<Widerspruch KrK.5.1.224b32.c > Werden in der Zeit, Werden in 1 Jetzt

Nehmen wir Werden und Vergehen als die beiden allgemeinsten Bewegungen, so sehen die konträren und kontradiktorischen Bewegungen so aus:

<Widerspruch KrK.5.1.224b32.d alle Bewegungen in 1 Jetzt>

Alle Bewegungen im Bereich der Qualität, der Quantität und des Wesens können mit beiden Teilbäumen untersucht werden. Allein das Werden und Vergehen als die Grenzen am Anfang und am Ende jeder Bewegung stecken in allen Bewegungen.

Zwischen und Zeit Kr.5.1.224b30-32

» 30-32 aus dem zwischen den Gegensätzen liegenden aber geht die Veränderung vor sich ... es ist nämlich gewissermassen (?) das Dazwischenliegende Nichts anderes, als die beiden äussersten Enden.« [P239] Oder Wagner: »In einem gewissen Sinne ist ja das Zwischenglied gleichzeitig ein jedes der beiden Gegensatzglieder.« [W128]

<Widerspruch KrK.5.1.224b32.e > 'gewissermassen'

Mit einem Widerspruch, der gewissermassen oder in gewissem Sinn ein Widerspruch ist, können wir nichts anfangen, genau so wenig wie wir aus einem Jetzt eine Zeit machen können (1 Jetzt ist 1 'Zwischen' KrK.4.11.219a30).

<Widerspruch KrK.5.1.224b32.f > Erklärung des Widerspruchs

Der Widerspruch in der Physik ist der vorgeblich gelungene Versuch zweier Voller oder zweier Leerer, im selben Jetzt oder zur selben Zeit denselben 3d-topos (umgangssprachlich Ort ) einzunehmen. Oder es ist der vorgeblich gelungene Versuch eines Vollen oder eines Leeren, in einem Jetzt an zwei Orten zu sein.

A ist um 10:00 Uhr hier an genau dieser Stelle, und B ist um 10:00 Uhr an genau derselben Stelle.

Oder A ist um 10:00 Uhr an dieser Stelle, und A ist um 10:00 Uhr einen Meter weiter weg.

Beides ist nicht möglich.

Zwei Volle können nicht zugleich am selben Ort sein, weil sie undurchdringlich sind, zwei Leere nicht, weil das Leere ewig und ununterbrochen ist, wo es ist usw. Ein Volles kann nicht zugleich in Hamburg und in München sein, sowenig wie sein leerer Schatten. Mit anderen Worten, den Widerspruch gibt es in der Natur nicht. Weder gewissermassen, noch sonstwie.

<Widerspruch Kr.5.1.225a1-7 > Veränderung in eine Bejahung!

»Da aber 225a jede Veränderung aus einem Etwas in ein Etwas vor sich geht, ... so kann das sich Verändernde in vierfacher Weise sich verändern: entweder nämlich

aus einem zu Grunde liegenden in ein zu Grunde liegendes, oder

aus einem zu Grunde liegenden in ein 5 nicht zu Grunde liegendes, oder

nicht aus einem zu Grunde liegenden in ein zu Grunde liegendes, oder

nicht aus einem zu Grunde liegenden in ein nicht zu Grunde liegendes;

ich meine aber hiebei unter dem zu Grunde liegenden [hypokeimenon] das affirmativ ausgedrückte [kataphasis, Bejahung] . « [P239]

Scherzt Aristoteles? KrK.5.1.225a7.a

Wie!? Wir werden nicht aus Stoff und Form, sondern aus Ja und Nein? Will uns Aristoteles auf den Arm nehmen? - Man kann ja darüber streiten, ob die Veränderung, die Bewegung im Bereich der Qualität, in Graden, der rein quantitativen Bewegung von Ort zu Ort, der kinesis , vorangeht oder nicht. Jede kinesis , so Ar hier, ist eine metabole . Denn Bewegung ohne Veränderung gibt es ebensowenig wie Veränderung ohne Bewegung. Man kann genauso sagen, jede metabole ist eine kinesis . Darüber kann man streiten.

Worüber man nicht streiten kann, ist: Die metabole sollen wir uns als eine Veränderung zwischen Bejahung und Verneinung vorstellen. Die Digitalisierung der Welt, noch dazu eine bloss ideelle Digitalisierung oder die Quantifizierung der Qualität stehen noch nicht auf dem Fahrplan. Weder Hegel noch Zuse haben das Wort, sondern die Welt, wie sie ist und sich bewegt. Und die Welt sagt, ich bewege mich stetig und analog, nicht diskret und digital. Seht zu, wie ihr damit klarkommt!

Quantität und Qualität KrK.5.1.225a7.b

Auf diese Ja-Nein-Bewegung lassen wir uns nicht ein. Im Gegenteil, die Bewegung im Bereich der Qualität können wir erst dann untersuchen, wenn wir uns tatsächlich an die Frage herantrauen, wie Quantität und Qualität miteinander zusammenhängen und ob und wie aus der einen die andere werden kann. Wenn wir also das untersuchen, womit die alten Naturphilosophen sehr vage und Aristoteles im Werden und Vergehen etwas konkreter angefangen haben und was sich später Hegel , Marx und Engels und viele Andere auf die Fahne geschrieben haben, nämlich die Welt in ihrem Entstehen und Vergehen und ihrer Entwicklung zu betrachten. Wenn wir im siebenten und achten Buch den Blick aufs Ganze wagen, werden wir um die Dialektik nicht herumkommen. Hier jedoch wollen wir 'nur' die Bewegung von Ort zu Ort untersuchen. Bewegung bleibt also kinesis, bleibt Ortsbewegung.

Das Zugrundeliegende wird hier wie seit dem ersten Buch und bis zum letzten Buch als ein Seiendes und nicht als eine Bejahung behandelt. Bejahung ist Feststellung des Seins durch Lothar Seidel oder Renate Müller, Verneinung ist Feststellung des Noch-Nicht- oder Nicht-Mehr-Seins. Man kann ja alles mögliche bejahen oder verneinen, in der Physik interessiert nicht die Meinung über einen Gegenstand, sondern nur, was ist. Das Zugrundeliegende, das hypokeimenon ist unabhängig von unserem Dafürhalten.

<Widerspruch Kr.5.1.225a7-12 > nothwendig drei Veränderungen

»Demnach muss es in Folge des Gesagten nothwendig drei Veränderungen geben:

die aus einem zu Grunde liegenden in ein zu Grunde liegendes, und

die aus einem zu Grunde liegenden in ein nicht zu Grunde liegendes, und

die aus einem 10 nicht zu Grunde liegenden in ein zu Grunde liegendes:

denn die

aus einem nicht zu Grunde liegenden in ein nicht zu Grunde liegendes

ist gar keine Veränderung, weil sie nicht in einer Gegenüberstellung beruht, denn sie ist weder ein Gegensatz noch ein Verhältniss von Affirmation und Negation.« [P239] Wörtlich: gemäss Widerspruch: kat' antiphasin . Von Bejahung und Verneinung steht da nichts. Hier hat Prantl Aristoteles' Zumutung in die Übersetzung hineininterpretiert. Denn Bejahung und Verneinung können zeitlich auseinanderfallen, das gleichzeitige Sein und das Nichtsein im Widerspruch dagegen nicht. Gohlke: »weder ... Gegensätze, noch ... widersprechende Glieder« [G166] , Wagner: »weder ein konträres noch ein kontradiktorisches Verhältnis« [W129]

<Widerspruch KrK.5.1.225a12.a > Bewegung gemäss Widerspruch

Aristoteles hat eine ähnliche, eigentlich die gleiche kleine Sünde wie wir mit dem bewegten Punkt begangen, als er das Werden als die Bewegung gemäss Widerspruch definiert hat, nämlich einen Ort als zwei Orte oder zwei Orte als einen Ort auszugeben. Es liegt in beiden Fällen an uns, ob aus der kleinen Sünde ein grosses Unglück, oder eine Unendlichkeit an Erkenntnissen wird. Ar will sich nun Absolution erteilen, indem er die Sünde leugnet und das Werden von der Bewegung ausschliesst. Er drückt sich also vor den Folgen des eigenen Tuns. Je näher zwei Punkte aufeinander zurücken, seien es zwei Zeitpunkte oder zwei Punkte einer beliebigen Grösse, desto unausweichlicher wird es zu sagen, dass Zwei zugleich sind und damit der Widerspruch tatsächlich einträte. Das darf aber unter keinen Umständen geschehen.

<Widerspruch KrK.5.1.225a12.b > Widerspruch vermeiden

Daher die haarsträubend hergeleitete Veränderung aus Vorhandenem in Vorhandenes, die dann noch als Veränderung von Bejahendem in Bejahendes umbenannt wird, nähme man das ernst. Das ist nicht der richtige Weg, den Widerspruch zu vermeiden. Vermieden werden muss er! Ob wir ihn nur dadurch vermeiden können, wenn wir ihn wie eine Erkältung hinnehmen oder ob wir ihn auch wieder loswerden, ist vorab noch ungeklärt.

Alle vier Bewegungen ++, +-, -+, -- sind möglich. Und eigentlich umfasst die vierte sogar alle anderen. Die beiden 2H 2 und O 2 ergeben ein Drittes, 2H 2 O, Nicht-Wasser ergibt Wasser und umgekehrt.4 Die Materieteile vor und nach einer chem. Reaktion, werden weder bejaht oder verneint, sie sind. Jedem Werden folgt ein Vergehen, sodass der Gesamtprozess Nicht-Wasser Wasser Nicht-Wasser ist. Jede Bewegung ist also genauso zwischen Nicht-A und Nicht-A, wie sie zwischen ++, +-, -+ sein kann.

Werden aus Nichts Kr.5.1.225a12-20

»Wo wir nun einen Prozesstypus vor uns haben, an dessen Ausgangspunkt kein Gegenstand, an dessen Endpunkt hingegen ein solcher steht, (Ausgangspunkt und Endpunkt) demnach im kontradiktorischen Verhältnis (zueinander stehen), da haben wir Werden vor uns, einmal in absoluter Weise als Entstehen, sodann (in relativer Weise) als Entstehen eines blossen Moments am Gegenstand - der Prozess z. B., 15 der von Nichtweiss zu Weiss führt, ist ein Entstehen dieser Bestimmtheit; der Prozess hingegen, der vom Nichtsein überhaupt schlechtweg zum Sein führt, ist Entstehung des Gegenstandes, derzufolge wir dann sagen, er sei schlechthin geworden und nicht etwa bloss das oder das geworden. - Derjenige Prozesstypus hingegegen, an dessen Ausgangspunkt ein Gegenstand steht, während an seinem Endpunkt kein solcher mehr da ist, heisst Vergehen ; wir haben ein absolutes Vergehen, wenn der Gegenstand aus seinem Sein überhaupt in Nichtsein überhaupt übergeht, relatives Vergehen hingegen, wenn seine Bestimmtheit in ihr negatives Gegenteil übergeht - der nämliche Unterschied also, wie 20 wir ihn schon beim Entstehen angetroffen haben.« [W129]

<Widerspruch KrK.5.1.225a20 > Jetzt und Zeit

Was Aristoteles hier über den Widerspruch zusammenstottert, sollte man vom Begründer der Logik eigentlich nicht erwarten. Stünde am Anfang oder am Ende des Werdens kein Gegenstand, so wäre das das Werden aus dem Nichts und das Vergehen in das Nichts. Beides gibt es nicht, weil es das Nichts nicht gibt, wie wir von Aristoteles und Parmenides gelernt haben. Die beiden Jetzt der Schöpfung und der Apokalypse spielen in der Theologie eine Rolle, nicht in der Physik. Das heisst, sie spielen eine Rolle in dem eschatologischen Teil der Physik, der Kosmogonie, der Genesis des Kosmos. Die kommt aber erst zum Schluss dran. Und dort wird uns weniger ein popeliges Jetzt interessieren als die Unversehrtheit des Leibes der ganzen Welt bei ihrer Wiederauferstehung. Nicht ein Atom darf dabei verlorengehen.

Das Verhältnis kontradiktorischer und konträrer Gegensatz (keine Zeit und Zeit zwischen den Gegensätzen) spielt dagegen nicht nur in der Logik, sondern auch in der Naturphilosophie bei allen Bewegungsarten in jedem Jetzt ein und dieselbe Rolle.

Das Werden aus schlechthin nicht Seiendem und das Vergehen in schlechthin nicht Seiendes gibt es nicht. Aristoteles' Überlegungen in diesem Kapitel sind der Versuch, den Widerspruch aus einem Jetzt in die Zeit zwischen zwei Jetzt zu verfrachten, damit er dort nur noch ein Gegensatz ist. Das mag etwas unbeholfen wirken, und das fünfte Buch wird auch vielfach deswegen gescholten. Aber die Bewegung 'in' einem Jetzt muss hier - fernab der heilen Welt der Logik in den Niederungen der Physik - aus Aristoteles' Sicht unter allen Umständen abgewehrt werden. Die gibt es nicht. Gäbe es sie, so wäre sie gleichbedeutend mit dem gleichzeitigen Sein und Nichtsein am Ort oder der Gleichzeitigkeit mehrerer Orte an einem Ort und damit dem Sein des Widerspruchs.

schlechthin nicht ein bestimmtes Etwas! Kr.5.1.225a25-32

»was schlechthin nicht ein bestimmtes Etwas ist, kann in keinerlei Weise bewegt werden, denn unmöglich ist es, dass das Nicht-seiende bewegt werde; wenn aber diess unmöglich ist, so ist es auch unmöglich, dass das Entstehen eine Bewegung ist, denn das Nicht-seiende ist es, welches entsteht ... in gleicher Weise ist aber auch das 30 Ruhen unmöglich ... [und als Krönung:] woferne alles Bewegtwerdende in einem Orte ist, das Nicht-seiende aber nicht in einem Orte ist; denn dann wäre dieses ja irgendwo.« [P241]

<Widerspruch KrK.5.1.225a32 > Werden aus Nichts gibt es nicht

Was ist das für ein Werden! Ein 'schlechthin nicht ein bestimmtes Etwas'! Ein 'Nichtseiendes' das weder bewegt noch nicht bewegt ist! Ein werdendes Nichtseiendes! Nein, das Werden und Vergehen bleiben die beiden Bewegungen gemäss Widerspruch, nämlich Bewegungen in einem einzigen Jetzt. Denn nur im Jetzt ist der Widerspruch ein Widerspruch. Das Werden und Vergehen in der Zeit können wir auch in den anderen Bewegungen unterbringen, brauchen es also nicht in der Zeit zu untersuchen, und das Werden 'schlechthin' aus dem Nichts ist Unsinn.

Nach den Entwürfen der alten Naturphilosophen und seinen eigenen Ausführungen: »Wenn es nämlich ein Werden schlechthin geben wird, dann entstünde etwas schlechthin aus dem Nichts« oder »Damit ist der Grund angegeben, warum das Werden schlechthin Vergehen eines bestimmten Dinges ist und das Vergehen schlechthin ein besonderes Werden« oder »so redet man ähnlich vom Werden aus dem Nichts, auch wenn es nur aus Unwahrnehmbarem erfolgt« [ Vom Werden und Vergehen, dt. P. Gohlke, Buch 1.3 ] oder Buch 1.7: »Nachdem wir aber dieses mit Bestimmtheit so unterschieden haben, kann man, wenn man darauf achtet, was wir sagen, aus allem Werdenden das abnehmen, dass immer Etwas zu Grunde liegen muss« [P39] , und so könnten noch unzählige Stellen zitiert werden; nach diesen eindeutigen Ausführungen, dass ein Werden aus dem Nichts nicht möglich ist, weil es das Nichts nicht gibt, nun ein solcher Absturz. Das Werden war im dritten Buch die Defininition aller Bewegung, denn das Möglichsein-Wirklichsein ist ja nur die abgemilderte Form von Nichtsein-Sein. Jetzt ist das Werden keine Bewegung mehr. Da spielen wir nicht mit.

Wir nähern uns langsam Zenons Erkenntnis, dass es in 1 Jetzt keine Bewegung gibt (Kr.6.9.239b-240b). Diese Tatsache ist die Grundlage der Logik, wie sie Aristoteles aufgestellt hat. Aristoteles' vorauseilendem Gehorsam gegen den zweiten der beiden grossen Eleaten wollen wir auch diesmal nicht Folge leisten. Er irrt sich hier genau wie bei Parmenides im ersten Buch. Gleichzeitig müssen wir Ar aber als seine Schüler folgen: Zwei widersprechende Glieder widersprechen sich nur in einem einzigen Jetzt, alles andere ist kein Widerspruch. Das Werden als die Grenze vom 'Nichtsein' zum Sein und den anderen Grenzen zwischen gross und klein, schön und hässlich usw. bleibt also die Bewegung gemäss Widerspruch. Ich kann hier, lieber Leser, vorerst nur an Ihren Glauben appellieren, wenn ich Ihnen versichere, dass wir genau mit dieser Definition des Werdens, die ja weder von mir, noch von einem verhegelten Partyphilosophen stammt, sondern von Aristoteles, den Widerspruch in der Physik in den Griff bekommen werden.

<Widerspruch Kr.5.1.225a34-b9 > Bewegung in Qualität, Quantität und Ort

»Da aber jede Bewegung eine Veränderung ist, Veränderungen aber es 35 die drei oben angegebenen gibt, von diesen aber die in Entstehen und Vergehen liegenden 225b keine Bewegungen sind, eben diese aber nach dem Verhältnisse von Affirmation und Negation [gemäss Widerspruch: kat' antiphasin] vor sich gehen , so muss nothwendig die Veränderung aus einem zu Grunde Liegenden in ein zu Grunde Liegendes einzig und allein Bewegung sein, das zu Grunde Liegende dabei aber entweder die Gegensätze oder das zwischen ihnen Liegende ... Wenn also nun die Kategorien nach Wesen, und Qualität und Ort und Zeit und Relation und Quantität und Thun und Leiden geschieden sind, so muss es nothwendig drei Bewegungen geben; die des Qualitativen und die des Quantitativen und 9 die örtliche.« [P241,243]

<Widerspruch KrK.5.1.225b9.a > Bewegung in Wesen, Qualität, Quantität und Ort

Bewegung ist eine Teilgrösse von Veränderung. Drei Veränderungen sind keine Bewegungen. Werden und Vergehen, weil es da Widersprüche gibt, die dritte zwischen Nichtsein und Nichtsein gibt es nicht. Nur die Veränderung zwischen Sein und Sein oder zwischen Bejahung und Bejahung ist Bewegung. Dem grössten Denker aller Zeiten zu unterstellen, er meine diese diletantische Dialektik im Ernst, wäre arg. Solche Stolperstellen haben bei ihm immer Aufforderungscharakter, ungelöste Probleme zu erkennen und vielleicht zu lösen, vielleicht aber auch, die Unlösbarkeit einzugestehen. Oder weniger nachsichtig: Aristoteles sagt nicht die Wahrheit. Das Haben und die Lage zählt Aristoteles hier nicht zu den Kategorien, vielleicht weil sich die Lage im Ort und das Haben im Leiden unterbringen lassen. Was die drei Bewegungsarten bedeuten, und warum es bei den anderen Kategorien des Seins keine Bewegung gebe, erklärt Aristoteles im zweiten Kapitel.

Wir bleiben dabei: In allen vier Fällen erfolgt die Bewegung aus einem Etwas in ein Etwas, ein Werden aus oder ein Vergehen in Nichts gibt es nicht - und schon gar nicht in eine Verneinung. Das Nichtsein ist Platzhalter für noch Unbekanntes oder für Noch-Nicht-Seiendes. Die Bewegung gemäss Widerspruch 'in' einem Jetzt, an der Grenze der Zeit, muss geklärt werden.

<Widerspruch KrK.5.1.225b9.b > alle Bewegungen in 1 Jetzt und zwischen 2 Jetzt

Fassen wir zusammen. Aristoteles unterscheidet normalerweise vier Bewegungsarten, das Werden und Vergehen, das Wachsen und Schwinden, die qualitative Bewegung sowie die Ortsbewegung. Die Wesensbewegung oder das Werden und Vergehen, scheidet Ar hier von den Bewegungen aus, weil sie allein den Widerspruch offen zur Schau trägt. Aber seine Begründungen, das Werden von der Bewegung auszuschliessen, sind fadenscheinig. Der einzige und wahre Grund ist schlicht der: Da bewegt sich nichts. In einem Jetzt oder einem Ort, einer zeitlosen Zeit oder einem weglosen Weg kann keine Zeit vergehen und kann kein Weg zurückgelegt werden. Werden und Vergehen sind bei uns wie auch üblicherweise bei Aristoteles die bewegungslosen Grenzen jeder Bewegung. Schauen wir uns alle Bewegungen in der Zeit an, so finden wir bei jeder Bewegung einen diskreten und einen stetigen Teil. Zunächst bei der Bewegung im Bereich der Qualität:

50113010

Die qualitative Änderung läuft genauso wie das Werden und Vergehen auf den Widerspruch hinaus. (Oder auf einen vermeintlichen Widerspruch. Denn es sollte uns stutzig machen, dass wir grade eben gesagt haben, in einem Jetzt oder einem Ort bewegt sich nichts.) Aber die Grenzen sind hier ungleich schwerer zu ziehen und zu benennen. Etwa wenn aus der Reibung zweier Gegenstände die Wärmebewegung vieler Trillionen Moleküle wird. Auch wird es uns schwerfallen, das Jetzt zu finden, ab dem das Hässliche schön zu werden beginnt, oder in dem es mit einem Schlag schön wird, ausser wir nehmen den Froschkönig zum Vorbild der Physik. Aber genauso ist es ja beim Werden. Das Nichtsein, das im Jetzt auf das Sein trifft, scheint ja eher eine abstrakte Grösse zu sein oder in einer Welt zu Hause, in der das Jetzt des männlichen Samenergusses und nicht die neunmonatige Knochenarbeit der Frau Zeugung genannt wird. Ob wir das Jetzt aufspüren, in dem aus dem hässlichen Entlein der Schwan wird, ist auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass es ein Jetzt geben muss, in dem aus der einen Qualität die andere wird. Hätten wir beispielsweise das Fieber genommen, dann hätten wir auch eine qualitative Bewegung in Celsiusgraden mit dem fixen Grad 37, der krank von gesund scheidet.

Ebenso das Wachsen und Schwinden:

50113020

Auch hier ist der Widerspruch ein wenig an den Haaren herbeigezogen, aber er ist da. Würden wir nämlich statt der allgemeinen und ungenauen Grössenangaben gross und klein konkrete Grössenangaben machen wie die Striche an der Tür, mit denen die Jetzte und Grössen genau festgehalten werden, an denen unser kleiner Sohn gross wird, dann hätten wir auch den Widerspruch dokumentiert, wo der junge Mann 'hinüberwuchs aus einem Kind'. Und damit haben wir auch rot auf blau den Grund dafür, warum die Ortsbewegung für die Physik eine so herausragende Rolle spielt:

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Bei der Ortsbewegung finden wir die bei der Zeit schon gefundene erfreuliche Eigenschaft wieder, dass Stoff und Form der Zahl nach identisch sind. Jeder Ort kann als Anfang oder als Ende der Bewegung genommen werden. Wir haben in jedem Jetzt genau einen Anfang, ein Ende und die Bewegung zwischen den beiden. Wir haben aber auch eine weniger erfreuliche Eigenschaft: Die Bewegung in jedem Ort der Ortsbewegung ist widersprüchlich, wie es Engels schon richtig fand, aber nicht weil der Widerspruch in der Natur ist, wie Engels vermutet, sondern weil wir von einer Bewegung sprechen, wo keine ist. Denn wir verlangen ja das Unmögliche vom Ortsbewegten, dass es, wo kein Weg ist, bewegt ist. Beim Werden und Vergehen spielen nur jeweils zwei Orte oder Jetzte diese Rolle. Das mag uns gefallen oder nicht. Wir müssen es zur Kenntnis nehmen und das Beste daraus machen.


1. Logik, Mathematik und Ontologie (Metaphysik), die sich jede in ihrer Art mit dem geformten Stoff befassen, nehmen noch einmal einen Sonderplatz ein. Ebenso wie die Physik gelten sie für alle Wissenschaften. Im Gegensatz zu den anderen Wissenschaften untersuchen die Drei aber die Stoffe und die Formen selbst, nicht ihr Verhalten in Zeit und Raum. Und wenn sie es doch tun, etwa in der Formrechnung, dann müssen sie so tun, als täten sie es nicht! Mit fliessenden Zahlen, wie Newton die Differentiale nannte, lässt sich nicht rechnen.

2. Das Ganze wird nicht ganzer, wenn man ihm ein paar Silben anhängt und es ganzheitlich nennt, wie es die meeressäugerliebenden Bauchdenker tun. Über die Landsäuger, die Ratten, denen der Mensch so unbarmherzig den Lebensraum (biotop) streitig macht, verlieren sie keine einzige Träne. Vermutlich verdienen die Nager eine Sonderbehandlung.

3. Gohlke übersetzt Veränderung falsch mit Bewegung, Wagner verhegelt Bewegung und Veränderung unter den gemeinsamen Oberbegriff Prozess . Prantl bleibt bei Veränderung für metabole und alloiosis und bei Bewegung für kineses . Solange unsere Beziehung zur Natur in dieser Frage zwiespältig ist und wir einen Unterschied zwischen der qualitativen Veränderung und der quantitativen Bewegung machen, sollten wir diesen Zwiespalt auch aushalten. Davon bricht die Welt nicht zusammen. Jeder weiss ja, dass jede Bewegung auch eine Veränderung ist oder dass jede Veränderung eine Bewegung ist. Das ist eine Binsenweisheit.

4. Vom Massendefekt sehen wir ab, da hat der Raum die Finger im Spiel, der für seine Verbindungsdienste seinen Teil abhaben will.