Kr.5.224-231 Die unbewegte Form - KrSc

KrK.5.1.224a21.a

Bewegung im Jetzt

Es gibt vier Bewegungsgattungen

Werden und Vergehen

Ortsbewegung

Wachsen und Schwinden

qualitative Veränderung

wie wir sie von den Griechen und von Aristoteles kennen.

Für den Physiker ist die Ortsbewegung die wichtigste Bewegung. An den Grenzen aller Bewegungsarten finden das Werden und Vergehen statt. Die Bewegung fängt an oder wird. Die Bewegung hört auf oder vergeht.1 Innerhalb ihrer Grenzen sind die Ortsbewegung oder das Wachsen und Schwinden, sowie die qualitative Veränderung.

Aristoteles' Definition der Bewegung im dritten Buch ist der Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Das ist die abgemilderte Definition des Werdens und Vergehens an den Grenzen der Bewegung. Aristoteles nennt sie die Bewegung 'gemäss Widerspruch in einem Jetzt'. Dass das zu logischen Komplikationen führt, haben wir dort so kommentiert: 'Der Pfeil fliegt, die Bewegung beginnt, ist, und sie endet. Das genügt uns vorerst.' (<Widerspruch KrK.3.2.201b33.b> Bewegungsbeginn). Dort haben wir nach einer möglichst allgemeinen Bewegungsdefinition gesucht und konnten uns nicht mit solchem 'Kleinkram' wie den Punkten einer Bewegung abgeben. Wenn wir aber den Beginn und das Ende der Bewegung untersuchen, also die diskreten Grenzen der Bewegung, die uns schon bei der nicht bewegten 'Bewegung' Zeit beschäftigt haben, dann können wir nicht mehr abmildern, sondern müssen uns der Bewegung im Jetzt stellen. Aristoteles entscheidet sich (im fünften Buch) dagegen. Er schliesst das Werden von der Bewegung aus und erklärt alle Bewegungen zu (qualitativen) Veränderungen. Die komplizierteste Bewegung innerhalb der Ortsbewegung, die Veränderung, wird zur ersten Bewegung, und die erste, die Ortsbewegung, kriegt ihre Grenzen, das Werden und Vergehen, abgenommen. Wir werden ihm hier nicht folgen, sondern die Bewegung in der Naturphilosophie so auffassen, wie er es uns gelehrt hat. Dabei werden wir immer wieder auf ein Problem stossen, die Ursache für den 'Ausschluss' des Werdens von der Bewegung.

<Widerspruch KrK.5.1.224a21.b > Erklärung des Widerspruchs

Die Bewegung 'gemäss Widerspruch' kann es nicht geben, weil es den Widerspruch physisch nicht gibt: Zwei Volle oder zwei Leere oder zwei Orte können nie und unter keinen Umständen zugleich (in 1 Jetzt = an 1 Ort) sein. Umgekehrt können ein Volles, ein Leeres ein Ort nie und unter keinen Umständen zugleich an 2 Orten = in 2 Jetzten sein, solange die Orte sich nicht selbst davonlaufen können. Dem Widerspruch entgehen wir aber nicht, auch nicht, wenn wir ein wenig tricksen: Wenn wir die Bewegung 'in' einem Jetzt ein wenig strecken und sie als Bewegung zwischen zwei auseinanderliegenden Jetzt betrachten, haben wir aus einem Widerspruch nur zwei gemacht, denn die beiden Grenzen am Anfang und am Ende der Bewegung werden das gleiche Problem stellen, so, wie das jeder einzelne Punkt jeder Bewegung tut. In einem Jetzt gibt es von vornherein keine Bewegung, weil wir die Zeit angehalten haben. Trotzdem wollen wir wissen, was mit der Bewegung 'in' diesem Jetzt ist! Und zwar nicht nur eine abstrakte Bewegung wie bisher, die sich als unser Zögling nicht gegen uns wehren kann, sondern eine oder mehrere bestimmte Bewegungen bestimmter Gegenstände in einem und demselben Jetzt.

Ein Problem haben wir durch die verschiedenen Gleichzeitigkeiten (Zeitgleichheiten) schon nicht mehr: Die Zuordnung Jetzt = Ort gilt zwar nur für die abstrakte Bewegung Zeit, weil sonst keine zwei Bewegungen - nicht eine einzige Bewegung - betrachtet werden könnten. Denn die finden in einem Jetzt an verschiedenen Orten statt. Aber das Jetzt gilt ausser für sich selbst auch noch für die vier Gleichzeitigkeiten (Zeitgleichheiten) im Weg, der Fläche, dem Raum und der Ewigkeit (Gleichzeitigkeit und Jetzt KrK.4.12.221a18.b). Sagen wir also Jetzt finden drei oder vier Ortsbewegungen statt, so ist deren gemeinsamer Weg, deren gemeinsame Fläche oder deren gemeinsamer Raum gleichzeitig (zeitgleich). Was wir nicht tun dürfen, ist, Flächen, Wege und Räume durcheinanderbringen. Wenn wir zwei Bewegungen in 1 Jetzt betrachten, so müssen beide in derselben Geraden, in derselben Fläche, im selben Raum oder in der Ewigkeit sein.

Kr.5.1.224a-225b Bewegung und Widerspruch

Kr.5.2.225b-226b Kategorien des Seins und der Bewegung

Kr.5.3.226b-227b Die unbewegte Form

Kr.5.4.227b-229a Die Einheit der Bewegung

Kr.5.5.229a-229b Entgegengesetzte Bewegungen

Kr.5.6.229b-231a Entgegengesetzte Ruhe und Bewegung


1. 2006: Das erklärt Aristoteles' Schwanken, das Werden und Vergehen zur Bewegung zu rechnen oder nicht. Denn das Werden und Vergehen als Grenze der Bewegung ist so wenig Bewegung wie das Jetzt als Grenze der Zeit. Da aber das Werden und Vergehen wie jede Bewegung einen stetigen sowie einen diskreten Teil haben, rechnen wir die beiden von Anfang an zur Bewegung, die wie jede andere Bewegung auch an ihren Grenzen werden und vergehen.