Kr.4.13.222a-222b Das bewegte Jetzt - KrSc

bewegter Punkt Kr.4.13.222a10-13

» 222a10 Das Jetzt aber ist, wie gesagt wurde, die Continuität der Zeit [Jetzt, Zeit und Stetigkeit Kr.4.11.220a4-11], denn es hält die vergangene und künftige Zeit als continuirliche zusammen; und überhaupt ist es eine Gränze der Zeit, denn es ist Anfang der einen und Ende der anderen aber diess nicht so augenfällig wie bei dem ruhig bleibenden Punkte«. [P219,221]

nullte und erste Dimension der Zeit KrK.4.13.222a13

Aristoteles will uns den bewegten Zeitpunkt unterschieben. Der Jetztpunkt ist der Ort, und der ist ewig unbewegt. Als das kleinste Kleidungsstück ist er das Wämschen aus dem Anfang und dem Ende der 1d-Bewegung. Geht die Zeit von der nullten in die erste Dimension, wird der Jetztpunkt zur Linie, die eine Fläche begrenzt. Als 'bewegten Punkt' haben wir die Zeit-Gerade gefunden, wenn wir sie uns mit y = x erklären (Zeit-Gerade ist ideell KrK.4.11.219b11.b). Der Punkt ist nur Form. Die Linie dagegen ist sowohl Stoff des Punkts, als auch Form der Fläche. Betrachten wir die Bewegung Zeit, so ist die Linie blau. Betrachten wir die durch die Linie überstrichenen Flächen, so ist die Linie rot. Wir dürfen mit Stoff und Form jonglieren, wir dürfen Bewegung und Nichtbewegung ein wenig grosszügig interpretieren, wenn es sich bei beiden um ein Ideelles handelt, ein nicht Wirkliches. Wir dürfen das aber nur tun, wenn wir unser Tun am wirklichen Stoff messen, an der Wirklichkeit, den bewegten Punkt am wirklichen Weg, die bewegte Welle am wirklichen Medium. Dass der Stoff das Wirkliche ist, wird nur von den Philosophen bestritten, die das, was du anfassen kannst, zum Unwirklichen und das, was du nicht begreifen, geschweige denn angreifen kannst, zur reinen Wirklichkeit erklären. Wir konstruieren die Welt nicht vom Punkt über die Linie, die Fläche zum Körper, sondern wir abstrahieren vom Körper die Fläche, von der Fläche die Linie, von der Linie den Punkt. Der Körper ist. Die Fläche ist Abstraktion vom Körper. Die Linie ist Abstraktion von einer Abstraktion usw.

Jetzt trennt und verbindet? Kr.4.13.222a14-20

»Und sofern es Grenze ist, ist das Jetzt immer wieder ein anderes, 15 sofern es aber die Zeit zusammenhält ist es immer dasselbe ... Sofern es ein Punkt bleibt, ist auch die Strecke im Ganzen eine Einheit. So bildet das Jetzt auch für die Zeit teils ... einen Schnitt , teils eine gemeinsame Grenze und damit Zusammenhalt. Schnitt und Zusammenhalt 20 sind dasselbe und beziehen sich auf dasselbe Jetzt, nur im Sein sind sie nicht dasselbe.« [G156]

Jetzt trennt nur! KrK.4.13.222a20

Dasselbe Jetzt trennt und verbindet , ist bewegt und unbewegt? Das unbewegte Jetzt trennt, das bewegte Jetzt verbindet? Wie soll das möglich sein! Wie soll es sich beim unbewegten Jetzt und dem bewegten Zeitpunkt um ein und denselben Punkt handeln? Das distanzierende »beziehen sich auf« hat ja nur einen Sinn, wenn es das gemeinsame Jetzt gibt, auf das sie sich beziehen.

Diese Aussage geht über unseren bisherigen Kenntnisstand hinaus. Ob und wie ein Punkt zugleich bewegt und unbewegt sein kann, können wir erst beurteilen, wenn wir nicht nur die Eigenschaften des Punkts, also stetige Verbindung, diskrete Trennung, das Zwischen zwischen zwei Stetigen usw. untersucht haben, sondern den Punkt selbst und damit die Urform aller Formen.

Der Unterschied zwischen dem Jetzt als Schnitt und dem bewegten Zeitpunkt als Stetigmacher, wie ihn Ar hier schildert, ist hier aber auf keinen Fall nachvollziehbar. Der Schnitt ist das Zwischen. Das Zwischen gehört weder zum Vollen noch zum Leeren, ist aber mit ihnen zugleich. Der Schnitt trennt und verbindet nicht. Wollen wir dem Schnitt einen Ort zuweisen, so kann dies nur das Leere sein, weil nur das Leere unbewegt ist.

Wir wollen darauf beharren, dass der Punkt nur ein roter Punkt ist und nicht ein blauer. Ist er blau, so ist es ein Bewegungspunkt und nicht ein Jetzt und nicht ein Ort.

( Kr.4.13.222a21-27 413.3)

(gelöscht: Ortsbestimmungen mit fixem Jetzt)

Ist Zeit ewig? Kr.4.13.222a28-33

»Wenn es nun keine Zeit gibt, die nicht einmal Gegenwart war, dann wäre also jede Zeit begrenzt.« »Wird (die Zeit) also 30 einmal aufhören? Oder wird sie es nicht tun, nachdem immer Bewegung besteht? Ist die Zeit demnach stets eine andere oder in oftmaliger Wiederkehr stets wieder dieselbe? Zweifellos sind die Verhältnisse der Bewegung für die Zeitverhältnisse massgebend. Wenn die Bewegung je einmal als identische wiederkehrt, dann auch die Zeit; wenn es die Bewegung nicht tut, dann auch die Zeit nicht.« [G157,W120]

unendliche Bewegung in ewiger Zeit KrK.4.13.222a33

Die unendliche und doch begrenzte Welt hat dieses Problem nicht. Aristoteles muss ein wenig schummeln, denn Zeit kann genausowenig wie Bewegung wiederkehren. Vorbei ist vorbei. 1997 ist nicht 1998, obwohl beide ein Jahr sind. Die Endlichkeit oder Unendlichkeit der Zeit folgt der Bewegung. Ist die Bewegung unendlich, dann die Zeit.

Jetzt und Widerspruch Kr.4.13.222a33-b7

»Da aber das Jetzt Ende 222b und Anfang einer Zeit, aber nicht Ein und derselben, sondern Ende der verflossenen und Anfang der künftigen ist, so hat wohl, wie der Kreis gewissermassen an der nämlichen Stelle das Convexe und Concave hat, so auch die Zeit immer ein Jetzt am Anfange und Ende 5 ... [aber] nicht von Ein und derselben Zeit ist das Jetzt Anfang und Ende, denn sonst wären an dem Nämlichen zugleich die Gegensätze, und sie wird demnach keine Lücke lassen, denn sie ist immer im Anfange begriffen« . [P221,223]

Wagner: »denn der Jetztpunkt ist nicht für die nämliche Zeit Anfang und Ende; wäre er es, dann hätte er den Widerspruch in seinem Wesen. Und so nimmt (Zeit) denn auch kein Ende; denn ununterbrochen hebt sie (in jeglichem Jetztpunkt wieder) an.« [W120]

Gohlke: »und die Zeit wird nie aufhören, weil sie immer im Anfang steht.« [G157]

Jetzt und trinitarischer Widerspruch KrK.4.13.222b7.a

Die Grenzen von Vergangenheit und Zukunft sind nicht nur keine Gegensätze, sondern identisch mit dem ewig unbewegten Zwischenjetzt. Daran müssen wir festhalten, müssen aber herausfinden, ob und wie das ohne Widerspruch vonstatten geht.

Aristoteles' Analogie der vorweggenommenen Formrechnung: Im Punkt ist die Gerade am Kreis und die Gerade im Kreis ein und dieselbe, oder Kreis und Gerade sind kommensurabel . Den Punkt selbst können wir hier als das Differential dingfest machen (eine blaue Null, die rot wird). Darüber, was das Differential ist, pendeln die Meinungen, von der Null bis zur endlich grossen Grösse hin und her. Kepler - wenn auch gegen seinen Willen - die eigentliche Ursache für die Gleichsetzung, wenn nicht des konvexen und konkaven, so doch des krummen und Geraden, beharrt noch strikt auf der Trennung von Krumm und Gerade:

Kepler, Cusanus KrK.4.13.222b7.b

»Der Cusaner und manche andere gelten mir auch darum als so bedeutende Geister, weil sie das wechselseitige Verhalten des Geraden zum Krummen so hoch eingeschätzt, ja sogar gewagt haben, das Krumme mit Gott , das Gerade mit seinen Geschöpfen in Beziehung zu setzen ... da haben sie ein nützlicheres Werk geleistet, als jene, die das Krumme durch Gerades, den Kreis durch das gleichzeitige Viereck auszudrücken versuchen.

...

So hat der Allerweiseste also die Grössenwelt ersonnen, deren ganzes Wesen in den beiden Unterschieden des Gerad- und Krummlinigen beschlossen ist.« Zusammenklänge der Welten, Jena 1918, S. 144f

Der bewegte Zeitpunkt y = x muss Anfang und Ende zugleich sein, Logik hin oder her, weil er sonst nicht mit dem unbewegten Jetzt x und dem unbewegten Ort y zur Deckung kommen kann. Die Mitte, das Zwischen zwischen Anfang und Ende, das Ende und der Anfang sind orts-identisch.

Und eine über die Ortsidentität hinausgehende Identität gibt es nicht. Da werden wir mit der Logik ins Gehege kommen, wenn wir nicht nur diese 'Trinität' im bewegten Zeitpunkt erklären sollen - das ist noch das Leichteste - sondern verschiedene Geschwindigkeiten oder gar Geschwindigkeitsänderungen in diesem einen Zeitpunkt , dürfen dem Konflikt aber nicht ausweichen, sondern müssen ihn suchen - nur so können wir ihn ausfechten (siehe Buch 6.8).

Aristoteles' Erklärung für die Ewigkeit durch Berührung von Ende und Anfang, die er im dritten Buch noch gegen die Unendlichkeit angeführt hat (viele Endlichkeiten sind nicht unendlich Kr.3.8.208a11-13). überzeugt uns nicht. Woher sollen wir wissen, ob es nicht doch ein letztes Jetzt ohne einen neuen Anfang gibt oder ein erstes Jetzt ohne ein vorhergehendes? Theologen und Weltuntergangspropheten leben von diesen beiden Jetzt. Also selbst wenn Aristoteles so formuliert hätte: Da im Jetzt immer Ende der Vergangenheit und Anfang der Zukunft zugleich sind, so wird es nie ein Jetzt geben, auf das nicht eine Zukunft folgte usw., wäre das nur voraussetzungsweise richtig. Die Voraussetzung nämlich, dass die Bewegung nicht aus dem Nichts erschaffen sein kann und daher ewig sein muss.

Abschluss: Zeit und Jetzt Kr.4.13.222b27-29

»Dass die Zeit da ist und was sie ist, ferner in wieviel Bedeutungen man vom Jetzt ... spricht, ist damit gesagt.« [G158]