Kr.4.9.216b-217b Verdichtung und Verdünnung - KrSc

Dünn und Dicht Kr.4.9.216b22-29

»Einige (Naturforscher) sehen den Beweis für die Existemz eines Leeren in dem Gegensatzverhältnis von Dünn und Dicht. (Sie argumentieren so:) Ohne den Gegensatz von Dünn und Dicht ist ein Volumenverlust und eine Komprimierung ausgeschlossen. Ohne diese beiden aber wiederum (bleiben nur die folgenden Denkbarkeiten übrig:) 25 entweder völlige Unmöglichkeit einer Bewegung oder aber ein Wogen der Grenzen des Weltalls - die Meinung von Xuthos - oder aber Konstanz der Gesamtmengen bei jedem Umsatz von Luft und Wasser (und umgekehrt) - d.h. wenn aus einem Becher Wasser Luft geworden ist, dann müsse gleichzeitig eine ebensogrosse Luftmenge wiederum zu einem Becher Wasser geworden sein - oder aber es muss schliesslich ein Leeres geben: Denn (so sagen sie) Komprimierung und Expansion sind nun einmal anders (ohne ein Leeres) nicht denkbar.« [W105f]

KrK.4.9.216b29

Die Grösse des Alls ist fix. Jede Materie ist stetig. Verdampft Wasser, so werden aus einem Liter stetiger Wassermaterie 1000 oder mehr Liter stetiger Dampfmaterie. Der Wasserdampf verdrängt die stetige Luft, die Luft den stetigen Äther, so dass der Wasserdampf einen kleinen Tsunami verursacht, der sich bis an die Grenzen des Alls fortpflanzt. Die Grösse des Alls wird grösser. Kondensiert Wasserdampf, so wird die Grösse des Alls kleiner. Verdampfen und komprimieren Wasser und Wasserdampf an entgegengesetzten Weltenden immer in der gleichen Menge, so ist Grössenwechsel des Wasser-Stoffs bei konstanter Gesamtgrösse des Alls möglich, so Aristoteles, sich auf die 'Autorität' des Xuthos stützend.

Dies aber nur, wenn der Wasserdampf einen Komprimierungs-Tsunami in Gang setzt, der entweder die Luft verdickt und damit verkleinert oder, wo nicht, der die Luft den Äther verdicken lässt, so dass das Wasserkochen negative Gravitation wäre, elektromagnetische Wellen erzeugte oder dem Raum Elektronen entrisse.

Ernsthaft, wir haben uns auf die unendliche und doch begrenzte Welt festgelegt, damit unser Denken nicht formlos wird, vor allem aber weil uns der ewig unbewegte und unveränderliche Ort der Welt dazu gezwungen hat. Aber wie immer auch diese Grenzen aussehen mögen, wogen können sie nicht, weil das Leere sich nicht bewegt und das Volle nur dort wogen kann, wo ein Leeres ist. Verdünnung des Raums durch die träge Materie muss also zugleich Verdichtung der verdrängten Teilchen in ihrer unmittelbaren Nähe oder in ihrem Inneren bedeuten. Platz genug ist da. Und dass die träge Materie fähig ist, den Raum zu binden, belegt sie durch ihr Dasein.

Das Dichte und das Dünne haben wir bei den Übergängen von der Raummaterie hin zum Leeren und bei den Übergängen von der Raummaterie zur wägbaren Materie gefunden. Dort haben wir es jedoch mit Grössen und Kräften ganz anderen Kalibers zu tun als mit verdampfendem Wasser. Aber beim Wasser wie beim Raum gilt, dass unterm Strich nichts hinzukommt oder verlorengeht.

Kr.4.9.216b30-33

» 30 ... Verstehen sie nun unter dem Dünnen dasjenige, was viele selbständige Leerstellen enthält, dann ist sofort ersichtlich: so gewiss ein selbständiges Leeres genauso unmöglich ist wie ein (3d-)topos im Sinne eines mit dem topos gleichgrossen Leerraums, so gewiss ist auch ein Dünnes (wie sich diese Leute es vorstellen) unmöglich.« [W106]

KrK.4.9.216b33

Das wäre richtig, wenn das Dünne eine aparte Existenz neben dem Leeren hätte, weil dann das Leere an den Leerstellen des Dünnen verdoppelt würde. Es ist falsch, weil das Dünne dünner Raum, das gespannte Bettlaken zwischen zwei Massen ist. Und das Dünne ist nicht ein Stoff, sondern wie jede Materie zwei gleichzeitige Stoffe.

Kr.4.9.216b33-a3

»Lässt man zwar den Gedanken eines selbständigen Leeren fallen, behält aber doch die Annahme bei, in irgendeinem Sinne sei im Dünnen Leeres enthalten, so ist diese Position zunächst zwar weniger unhaltbar, aber es ergibt sich dann erstens, 35 dass das Leere keineswegs der Grund für jedwede Bewegung, sondern (höchstens) für Aufwärtsbewegung sein könnte - das Dünne ist ja das 217a Leichte ... -, sodann dass das Leere nicht in dem Sinne Grund der Bewegung sein kann, dass es das Medium möglicher Bewegung darstellen würde, sondern (höchstens) in dem Sinne, dass es in die Höhe trägt wie Schläuche, welche, indem sie selbst nach oben steigen, auch das mit ihnen Verbundene nach oben tragen.« [W106]

KrK.4.9.217a3

Ob der Auftrieb das passende Beispiel ist, muss bezweifelt werden, weil die Rolle des dünnsten Stoffs der Welt hier vom dichten Wasser eingenommen wird und die Rolle der dichten Materie von der dünnen Luft im Schlauch. Gut gewählt ist das Beispiel aber dennoch, weil das Leere nur eine einzige Bewegung in einer einzigen Richtung zustande bringt, die unendlich schnelle gradlinige Bewegung des Atoms. Dass das zur Materie mutierte Leere sich im unbewegten Vollen bewegt, wie Ar hier unterstellt, ist ebenso Unsinn wie die daraus folgende Frage:

Kr.4.9.217a3-5

»Wie soll es für dieses (im Dünnen als enthalten gedachte) Leere eine Bewegung ... geben können? Hier wird ja (der topos), zu dem das Dünne (mit dem in ihm enthaltenen Leeren) 5 aufsteigt, zum leeren Platz für das Leere!« [W106]

KrK.4.9.217a5

Die Verdopplung des Leeren kommt daher, dass Aristoteles das Leere zur Materie gemacht hat, dem Stoff, der sich bewegt. Verdopplung ist tatsächlich, aber nicht das Leere ist zweimal zugleich, sondern das Volle und das Leere sind zugleich.

Kr.4.9.217a5-6

»Und folgende Frage: 6 Wie wollen diese Leute denn die für das Schwere charakteristische Bewegung nach unten erklären?« [W106]

KrK.4.9.217a6

Zwei dichte Dicke ziehen an einem gemeinsamen lockeren Dünnen, das immer dünner wird, je dicker die Dicken sind.

Völlig richtig dagegen wieder Aristoteles' freier Fall im Leeren, diesmal nach oben:

Kr.4.9.217a6-7

»Wenn der Satz gilt, dass die Bewegung eine Funktion der Dünnheit 7 und des im Körper befindlichen Leeren ist, so muss ein Körper, der völlig leer ist, mit absoluter Geschwindigkeit nach oben steigen.«

KrK.4.9.217a7

Völlig richtig, wenn das bewegende Leere nicht im steigenden oder fallenden Körper (die Richtung im Leeren bleibt sich gleich), sondern im immer dünner werdenden Raum ist und wenn wir dabei bleiben, dass das Leere unbewegt und die Materie bewegt ist.

Statt das Leere zu widerlegen, hat uns Aristoteles viele Anregungen gegeben, physikalische Phänomene mit dem Leeren zu deuten. Wie er es selbst mit der Verdünnung und der Verdichtung hält, sagt er uns jetzt:

Kr.4.9.217a10-b16

»Da wir das Leere bestritten haben, die genannten Schwierigkeiten aber zu recht bestehen, dass Bewegung nicht denkbar sei ohne Dichteunterschiede oder aber die Welt wogen müsse oder immer gleichviel Wasser aus Luft wie Luft aus Wasser sich bilden müsse, - man sieht ja, dass viel mehr Luft aus Wasser 15 entsteht, also muss, wenn ein Zusammenpressen nicht möglich ist, entweder eine Menge die andere verdrängen und so schliesslich ein Aufwallen am Rande verursachen, oder an anderer Stelle eine gleiche Menge Wasser aus Luft entstehen, damit der Gesamtinhalt der Welt gleich bleibt, oder aber es kann sich nichts bewegen ... Das also sind die Gründe, die einige für das Leere anführen. Wir aber behaupten nach unserer Lehre, dass es nur einen Stoff für die Gegensätze gibt ... und dass ... der Stoff ... nur im Sein verschieden ist, 25 und zwar als ein und derselbe, je nachdem für Farbe, Wärme und Kälte. So ist auch für einen grossen und kleinen Körper derselbe Stoff anzunehmen. Wenn nämlich aus Wasser Luft wird, dann ist derselbe Stoff, ohne etwas anderes hinzugenommen zu haben, Luft geworden ... Und wieder wird Wasser ebenso aus Luft, 30 das eine Mal zur Grösse aus Kleinerem, das andre Mal umgekehrt ... So entstehen auch Grösse und Kleinheit bei einer wahrnehmbaren Ausdehnung nicht dadurch, dass vom Stoff etwas dazugenommen wird 217b10 ... Daher ist dasselbe Etwas dicht und dünn, es gibt nur einen Stoff für beides, und zwar ist das Dichte schwer, das Dünne leicht.

15 ... so ist es auch im All zu denken durch Zusammenziehen und Ausbreiten desselben Stoffes.« [G140-142]

KrK.4.9.217b16

Die stetige Materie der Welt bleibt konstant. Wenn es das Leere nicht gibt, dann ändert sich das Volumen der Welt durch Verdichtung und Verdünnung der einen stetigen Materie. Da kann sich Ar dehen und wenden, wie er will. Das ist ein und dasselbe wie das, was die gescholtenen Befürworter des Leeren sagen. Nur müssen diese nicht behaupten, dass sich das Volumen der Welt ändert, wenn die Atome im fixen Leeren einmal näher beieinander und einmal weiter voneinander weg sind. Und für die Atomisten spielt es auch keine Rolle, ob es sich bei der Verdichtung und bei der Verdünnung der Materie um die Raumatome, die chem. Atome oder um eine der vielen noch unbekannten Materieformen handelt, weil sie ja alle aus den Raumatomen bestehen. Die Gesamtzahl der Raumatome - etwa unserer Weltinsel - ist gegeben. Wenn alle Materie aus den Raumatomen entsteht, dann ist der Raum immer verdünnt, je mehr, desto mehr dicke träge Materie aus ihm geworden ist. Die Auflösung der dicken trägen Materie in ihre Bestandteile ist dann bloss die Rückkehr zum Normalzustand, den sie hatte, bevor sie aus dem Raum wurde. Die Argumentation des Xuthos, die die Existenz des Leeren belegen sollte, ist die 'Widerlegung' des Leeren. Und das kurioseste, sie führt zum Wogen des Alls, weil es das fixe Leere nicht gibt, innerhalb dessen Verdichtung und Verdünnung bei gleichbleibendem Volumen stattfindet. Wem dieser Wink mit dem Zaunpfahl nicht genügt:

Kr.4.9.217b20-22

»Aus diesen Darlegungen wird klar, dass es ein Leeres für sich nicht gibt, weder schlechthin noch im Dünnen noch mit irgendeiner Wirkung, wenn man nicht von vornherein als Leeres die Ursache der Ortsbewegung auffassen will.« [G143]

KrK.4.9.217b22

Als Ursache der Ortsbewegung steht das Leere von vornherein fest. Mit der Erforschung des Dichten und des Dünnen werden wir die nächsten Jahrhunderte noch zu tun haben. Das ist der Raum, aus dem alles entsteht und in den alles vergeht.

Für die Materieelemente und deren nähere und weitere räumliche Umgebung gilt, je dichter die Materie, desto grösser die Wechselwirkung mit dem Leeren. Vom unendlich dichten und ewigen Materieelement über die starken Kernbindungskräfte bis hin zur schwachen Massenanziehung der trägen Materie.

Direkt bewegt das Leere allein das Raummaterieteilchen. Alle nachfolgenden Bewegungen und Verbindungen werden durch Verdrängung, Verzögerung, Verdichtung und Verdünnung der Raummaterie zu erklären sein. Dünner Raum im Atom hält den Kern zusammen1. Die verdickten verdrängten Teilchen schwirren oder schwingen um den Kern herum. Die dicke träge Materie vermag den Raum nicht mehr von seiner Unterlage zu trennen, sondern nur noch zu verdünnen, indem sie an ihm zieht.

Abschluss des Leeren Kr.4.9.217b27-28

»Soweit über die Frage, wieso es ein Leeres gibt, und wieso nicht.« [G143]


1. Hier lege ich mir wiegesagt ein Denkverbot auf, um mich nicht vom Materiestaub des Parmenides zermalmen zu lassen 10/19.