Kr.4.7.213b-214b Das Leere ist Stoff, nicht Form - KrSc

Ist das Leere 2d oder 3d? Kr.4.7.213b30-34

» 30 In Bezug aber darauf, in welcher von beiden Weisen es sich verhalte [ob das Leere ist oder nicht], müssen wir erfassen, was das Wort bezeichne: es scheint denn nun das Leere ein topos zu sein, in welchem Nichts ist; hievon aber ist die Ursache, dass die Leute meinen, das Seiende sei Körper, jeder Körper aber sei in einem topos, das Leere aber sei der topos, in welchem kein Körper sei, so dass, wenn irgendwo ein Körper nicht ist, dort selbst ein Leeres sei«. [P179]

Leeres ist 3d und 2d! KrK.4.7.213b34

Das Leere ist nicht ein 2d-topos ohne 3d-Volles drin, sondern es ist selbst ein 3d-Körper und hat womöglich eine 2d-Form. An der 0d-, 1d-, 2d-Form können wir zweifeln, am 3d-Stoff können wir nicht zweifeln. Die 2d-Form ohne Stoff gibt es nur in der Geometrie, also als eine gedachte Form. In der wirklichen Welt ist die Form - wenn sie überhaupt ist - immer die Form eines Stoffs.

Ist das Leere 0d? Kr.4.7.214a4-6

» ... ungereimt aber dabei ist es, wenn dann der 5 Punkt ein Leeres ist; denn dasselbe soll ja doch ein topos sein, im topos aber ist Ausdehnung eines tastbaren Körpers.« [P181]

Geometrie, Stoff und Form KrK.4.7.214a6

Der 'leere' Punkt ist tatsächlich ungereimt. Das Leere ist wie die Materie Körper. Der Punkt, das in keiner Richtung Ausgedehnte kann also nicht ein Leeres sein, weil das Leere wie das Volle stets 3d-ausgedehnt ist und nicht, weil das innerhalb einer 2d-Grenze Befindliche tastbar sein muss. Vielmehr ist es genauso ungereimt, den 1d-topos oder den 2d-topos als Leeres zu bezeichnen. Wenn der Punkt nicht ein Leeres ist, dann auch die Linie und die Fläche nicht, weil das Leere wie auch das Volle stets 3d-ausgedehnt ist, Punkt Linie, Fläche aber ohne Ausdehnung in drei, zwei und einer Richtung. Sie sind Form, das Leere und das Volle sind Stoff. Wohin aber mit den Formen, wenn nicht zum Leeren? Es ist zum aus der Haut fahren. Kein Wunder, dass viele Philosophen da zum Platoniker werden und die Formen in Utopia ansiedeln. Es ist ja auch wirklich schwer, zwei so enge Verwandte wie Stoff und Form immer richtig auseinanderzuhalten. Wenn wir dann noch von der Physik in die Geometrie ausweichen, wo der Stoff ein relativer Begriff ist, ist das Chaos vorprogrammiert. Rufen wir uns daher kurz ins Gedächtnis, was wir aus der Geometrie über den Stoff und die Form wissen:

Der Punkt ist nur Form, nie Stoff.

Die Linie ist Form, wenn sie die Fläche begrenzt.

Die Linie ist Stoff, wenn sie vom Punkt begrenzt wird.

Die Fläche ist Form, wenn sie den Körper begrenzt.

Die Fläche ist Stoff, wenn sie von der Linie begrenzt wird.

Der Körper ist nur Stoff, nie Form. Genau wie der Punkt einen Stoff haben kann, kann der Körper eine Form haben. Im Gegensatz zum Punkt aber, der stets an einen Stoff gebunden ist, kann der Körper auch ohne Form auskommen. Die Philosophen, allen voran unser Lehrer Aristoteles, haben aus dieser Tugend eine Not gemacht und verkaufen uns den formlosen Stoff als nicht ganz stubenrein.

Das Leere kann also selbst in der stofflich verstandenen Linie oder in der stofflich verstandenenen Fläche nicht sein, weil beide selbst als »Stoffe« Grenzen sind und Grenzen in wenigstens einer Richtung keine Ausdehnung haben. Dass wir Punkt, Linie und Fläche im Leeren ansiedeln, liegt daran, dass das Leere der einzige stetig ausgedehnte Stoff ist, der ebene Formen beherbergen kann. Es deutet sich an, dass selbst Platon ein heimlicher Demokritschüler ist.

Leeres und Stoff Kr.4.7.214a12-16

»Auf eine andere Art ist leer, wo sich nichts Bestimmtes und kein körperhaftes Wesen befindet. Daher sehen einige im Leeren den Stoff des Körpers, dieselben nämlich, die ihn auch im topos sehen, ohne viel Glück mit dieser Gleichsetzung zu haben. Denn 15 der Stoff ist nicht abtrennbar von den Gegenständen, das Leere jedoch suchen sie als etwas besonderes für sich.« [G131]

Stoff und Materie KrK.4.7.214a16

Dass Platon mit seiner Raumtheorie Aristoteles voraus ist, ist schon gesagt. Auch dass Platon Materie und Raum nicht gleichsetzt, sondern vielmehr Aristoteles Stoff und allein Materie in Eins setzt. Beide haben den Stoff des Leeren nicht erkannt oder erkennen wollen. Der Stoff der Materie ist von der Materie nicht trennbar, und der Stoff des Leeren ist vom Leeren nicht trennbar, weil sie sonst von sich selbst trennbar sein müssten. Beides ist gleich absurd. Beide Stoffe sind nicht für sich, sondern nur miteinander, aber beide Stoffe sind und sind nicht nicht.

körperloser 2d-topos Kr.4.7.214a16-22

»Da wir über den topos schon gesprochen haben und das Leere ein topos sein muss, der vom Körper entblösst ist, und da wir schon wissen, wieso der topos etwas ist und nicht ist, so ist klar, dass es das Leere in diesem Sinne nicht geben kann, weder unabtrennbar noch abtrennbar. Denn das 20 Leere möchte hier gern, ohne Körper zu sein, die Ausdehnung eines Körpers sein. Deswegen, also aus denselben Gründen, wie der topos, scheint das Leere ein Dasein zu haben.« [G131]

formloser 3d-Körper KrK.4.7.214a22

Der 3d-Kaiser ist entblösst, die Klamotten stehen da und sind vielleicht nur eingebildet. Nicht die 2d-Form ist vom Stoff, der 3d-Stoff ist von der Form entblösst. Ich ziehe mir nicht meinen Körper aus, sondern meinen Schlafanzug. Der Stoff des Kaisers ist entblösst, nicht die Form. Daher läuft auch der Kaiser hochrot an und nicht die Form.

Die 3d-Ausdehnung eines Körpers ist Tautologie, denn die 3d-Ausdehnung ist der Körper, sei er voll, sei er leer, sei er geometrisch. Wir sollten dem Leeren seinen Willen lassen. Denn andernfalls gäbe es für uns keinen Ort. Das Einzelding, jeder Teil des Einzeldings, jeder Teil des Raums, des Leeren selbst sowie die ganze Welt haben einen 3d-topos. Beim Leeren sind Haben und Sein identisch. Das Leere ist der Ort der Welt. Allein, weder die Sinne noch die Logik können uns das Leere oder den 3d-topos nachweisen, wir müssen wohl oder übel denken, und statt wie Kant unsere Zeit mit der Frage zu vertrödeln, ob wir das können oder nicht, tun wir es! Die Natur ist ein geduldiger Lehrmeister, sie wird uns eines besseren belehren, wenn wir falsch liegen. Sollte sich herausstellen, dass sich der Körper des Leeren mit dem Körper der Geometrie deckt, dann hätten wir einen Platz für unsere Formen gefunden und Platon in die Physik zurückgeholt. Wenn nicht, nicht. Es geht um die Wahrheit und nicht um das Rechthaben.

3d-topos Kr.4.7.214a21-26

»Darum scheint auch das Leere deshalb Etwas zu sein, weil auch der topos Etwas zu sein scheint, und aus den nämlichen Gründen; es erwächst freilich die Raumbewegung sowohl Jenen, welche vom topos behaupten, dass er ein Etwas neben den in ihn hineinfallenden Körpern sei, als auch Jenen, welche behaupten, dass das Leere sei; für eine Ursache der Bewegung aber halten sie das Leere 25 in dem Sinne, als sei es dasjenige, in welchem die Bewegung vor sich geht; dies aber wäre ungefähr ebenso, wie einige von dem topos behaupten, dass er existire.« [P181]

Ursache und Ort der Bewegung und des Zusammenhalts KrK.4.7.214a26

Das Leere ist direkt nur für die Bewegung der ersten Materiestücke zuständig. Beide, der Raum und die Materieatome werden wohl alles andere Werdende und Vergehende überdauern. Alle anderen Bewegungen sind über den Raum und damit durch zweiseitige Berührung vermittelt, also nur noch indirekt vom Leeren verursacht, aber unmöglich ohne das Leere.

Verdrängung Kr.4.7.214a26-31

»Aber das Leere ist in Wahrheit keineswegs eine unerlässliche Bedingung für die Möglichkeit einer Bewegung ... auch die Ortsveränderung hat keineswegs die Existenz eines Leeren zur unerlässlichen Voraussetzung. Denn die in Bewegung befindlichen Körper können einander 30 gleichzeitig verdrängen, ohne dass es also irgendeinen von den bewegten Körpern unabhängigen Hohlraum gibt.« [W98f]

KrK.4.7.214a31

Verdrängung der Materie ohne ein Immaterielles, das die materiellen Körper aufnimmt, gibt es nicht.

leichte Widerlegung des Leeren Kr.4.7.214b10-11

» 214b10 ... Kein Zweifel also, dass sich die Argumente zugunsten der Existenz eines Leeren leicht widerlegen lassen.« [W99]

KrK.4.7.214b11

Sagt Aristoteles, um uns nun die Grundlage zu der hier vorliegenden Theorie des Leeren und des Raums zu liefern. Zu schade, dass die Bibliothek in Alexandria abgefackelt wurde. Wir wüssten sicher mehr von den Atomisten, als wir heute wissen.