Kr.4.4.210b-212a Aristoteles' Definition des topos - KrSc

Ein Problem der unbewegten Formen haben wir immerhin nicht. Das Leere ist unbewegt und stetig, kann also gut den Ort für ebene unbewegte Formen abgeben. Wir dürfen gespannt sein, wie Aristoteles den unbewegten Ort ohne das Leere definieren wird.

Anforderungen an den topos Kr.4.4.210b32-a3

»Was aber wohl der topos sei, möchte in folgender Weise augenfällig werden; wir wollen aber in betreff seiner festhalten, was ihm in Wahrheit und an und für sich zuzukommen scheine. Wir stellen nämlich wenigstens die Zumuthung auf, dass der topos erstens jenes 211a umfasse, dessen topos er ist, und dass er nichts von dem Dinge selbst sei; ferner, dass der zunächst ursprüngliche topos weder kleiner noch grösser als das Ding sei; ferner, dass er von einem jedem Ding ablasse und trennbar sei« [P165]

... KrK.4.4.211a3 Des Kaisers neue Kleider

Des Kaisers neue Kleider müssen ein Gewand sein, das sich in der Grösse nicht von seinem Körper unterscheidet. Es muss genau da anfangen, wo die Haut aufhört. Aber zugleich muss der topos als das Wo unveränderlich da sein und bleiben, wo er ist. Das ist ja der Grund, warum wir uns hier um ihn bemühen. Sobald sich der Kaiser vom Spiegel wegbewegt, muss er nackt sein und sein Gewand im Raum stehen lassen, damit die Geschichtsschreiber einst sagen können, 'dort stand der Kaiser'. Das sagt Ar hier nicht, weil Alexanders Papa ihm wohl die Leviten lesen würde.

... Kr.4.4211a6-11 werden so geschneidert,...

»Auf dieser Grundlage sollen die weiteren Überlegungen ruhen. Man muss versuchen, die Betrachtung so einzurichten, dass die Schwierigkeiten sich lösen«, »als auch das dem topos zukommen Scheinende ihm wirklich zukomme, und 10 ferner auch die Ursache der Misslichkeit und der schwierigen Punkte in betreff seiner augenfällig werde.« [G120,P165]

... KrK.4.4.211a11 wie wir es 'einrichten' .

Wir müssen unsere weiteren Betrachtungen so 'einrichten', dass missliche Sätze wie topos ist sowohl als auch , oder topos ist weder noch Stoff und Form nicht herauskommen. Diese Formulierung erinnert an die Rhetorik.

topos und Bewegung Kr.4.4.211a12-17

»Zunächst muss man bedenken, dass man niemals nach dem topos suchen würde, wenn es keine Bewegung gäbe. Deshalb vor allem nimmt man auch für den Himmel einen topos an, weil er immer in Bewegung ist. Diese zerfällt 15 in Ortsveränderung [phora] und Wachsen und Schwinden. Denn auch mit Wachsen und Schwinden ist eine Ortsveränderung verbunden, was vorher hier war hat den Platz gewechselt und entweder einen grösseren oder kleineren eingenommen.« [G121]

Bewegung und Nichtbewegung KrK.4.4.211a17

An das Nichbewegte kann der Mensch erst dann denken, wenn er über das Bewegte nachgedacht hat. Dann findet er irgenwann heraus, dass jede Bewegung eine unbewegte Grundlage benötigt. Aristoteles könnte es sich einfach machen und die unbewegte Erde als Bezugssystem nehmen. Glücklicherweise behelligt er uns damit nicht in der Physik, weil der Geozentrismus ein Fremdkörper in Aristotles' Physik ist. Denn ginge es nach der Physik und nicht nach dem Augenschein, müsste sich die Erde bewegen. Auch bei Aristoteles. Denn das Unbewegte wird er im achten Buch allein als ein Immaterielles finden und nicht als die dicke Erde. Die Tatsache, dass Aristoteles zehnmal schlauer ist, als wir alle zusammen und die Tatsache, dass er in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Demokrit lebt, spricht für sich. Aber genau wie die andere demokritische Sekte in Rom, rückt er mit seinem kleinen Geheimnis nicht so recht heraus.

Zunächst fällt auf, dass Ar die qualitative Änderung nicht zu den Bewegungen zählt, aber vor allem dass er nun auch das Werden und Vergehen entweder vergessen hat oder nicht zu den Bewegungen rechnet. Ausgiebige Begründungen dafür wird er uns im fünften und sechsten Buch geben.

Nun findet er, dass kein Stoff der Welt als unbewegte Gundlage geeignet ist, weil allein Materie Stoff und alle Materie bewegt ist:

im topos sein Kr.4.4.211a23-29

»Nun sagen wir wohl, jemand befinde sich unter dem Himmel, als an seinem topos, aber doch nur, weil er sich in der Luft befindet, 25 diese sich wieder im Himmelsraum. Und auch dies wieder, nicht weil er sich im ganzen Luftmeer befindet, sondern weil seine Oberfläche und Haut in der Luft ist. Wenn nämlich das ganze Luftmeer sein topos wäre, dann könnte nicht der topos jedes Gegenstandes genau so gross sein, wie er selbst, wie es doch der Fall zu sein scheint. Diese Bedingung erfüllt nur der topos, in dem man unmittelbar ist.« [G121]

im Raum sein KrK.4.4.211a29

Das Sein im topos bedeutet also stets, von einem weiteren topos umgeben zu sein. Das trifft zu für das Sein im 3d-Raum, dem besten Schneider und dem besten Stofflieferanten der Welt, weil er den feinsten Stoff der Welt hat, aus dem er uns nicht nur den Ätherbody schneidert, sondern auch sämtliche Löcher zwischen den chem. Atomen stopft. Über den Raum hat Aristoteles noch gar nichts gesagt. Das Sein im topos ist aber bei ihm wie bei uns die Beschreibung zweier materieller Gegenstände nebeneinander, stetiger Äther und stetige Materie. Diesem Zusammentreffen zweier Stoffe verdanken wir eins der ersten Naturgesetze nach dem Hebelgesetz, die Verdrängung. Sitzt du in der Badewanne, so ist da, wo du sitzt, kein Wasser. Ebenso im Raum. Wenn der Raum aus Raummaterie und Leerem besteht, dann ist dort, wo die widerstehende Materie ist, kein Raum, weil Raummaterie und widerstehende Materie nicht denselben topos einnehmen können.

Der Vergleich mit der Badewanne hinkt, weil dein Körper zum allergrössten Teil aus Raum besteht. Deine womöglich stetige Materie ist insgesamt keinen Kubikmillimeter gross. Falsch ist der Vergleich dennoch nicht, weil da, wo die Materieteilchen deines Körpers sind, keine andere Materie sein kann, auch keine Raummaterie. Das wäre ein Widerspruch. Ob die Raummaterie mit dir fliegt oder durch dich hindurch oder nach welchen Gesetzen der Stoffwechsel zwischen Raummaterie und deiner Materie stattfindet, kann erst geklärt werden, wenn die Raummaterie gefunden sein wird.

Dennoch, wären wir genau, so müssten wir statt 'Bewegung im Raum' sagen, 'teilweise Verdrängung der Raummaterie durch dicke Materie im Leeren', teils Mitnahme, teils Abgabe usw.

Wir müssen also, wenn wir genau sind, die widerstehende Materie von der Raummaterie trennen. Also nicht etwa Raummaterie und Materie zusammenrühren.1 Durch das Zusammenrühren wäre die Lücke im Raum zwar geschlossen, aber die Bewegung der Materie im Raum könnte nicht erklärt werden, sie wäre ja Teil des Raums, bewegte sich mit ihm und nicht in ihm. Und der dünne, energiereiche Raum würde zur dicken trägen Materie vermantscht. Aristoteles liefert eine Hälfte der Lösung, die Trennung von Äther und widerstehender Materie ermöglicht erst eine vernünftige Erklärung der Bewegung im Raum:

Bewegung in Einem und mit Einem Kr.4.4.211a29-36

»Sobald nun das umgebende Mittel nicht vom Gegenstand getrennt ist, sondern mit ihm 30 stetig verbunden, dann sagen wir nicht, dass er in jenem sich befinde als an seinem topos, vielmehr als Teil im Ganzen. Wenn aber Trennung und Berührung stattfindet, dann ist das umgebende Mittel das unmittelbar nächste, in dem der Gegenstand sich befindet, etwas, das weder ein Teil des in ihm Befindlichen ist, noch grösser, als seine Ausdehnung, sondern gleichgross. Denn die Oberflächen sich berührender Gegenstände sind an derselben Stelle. Und wenn ein stetiger Zusammenhang besteht, dann 35 bewegt sich der Gegenstand nicht in jenem Mittel, sondern nur mit ihm, in ihm nur, wenn beide getrennt sind, ganz gleich, ob das Mittel sich auch bewegt oder nicht.« [G121f] .

Berührung ist Ortsidentität KrK.4.4.211a36

Die Oberflächen oder die Formen sich berührender Gegenstände, sagt Aristoteles, sind an derselben Stelle. Das ist nur möglich, wenn sie etwas von beiden Stoffen Verschiedenes sind und wenn sie identisch sind. Denn zwei materielle oder zwei leere Gegenstände, seien sie noch so klein, können nicht denselben Ort einnehmen, das wäre ein Widerspruch. Ist die gesuchte Oberfläche die Grenze des Raums, der den Körper umschliesst? Ist sie der topos? Sicher nicht, denn die Raumlücke schliesst sich mit Verschwinden des Gegenstandes. Den 2d-Ort, das ewig Unbewegte, gäbe es nur in dem einen einzigen Moment, an dem sich der Körper an ihm befindet. As topos wird immer komplizierter (selbst wenn wir zur Vereinfachung sowohl den materiellen Körper als auch den Äther als stetig annehmen): Er darf nicht die Form des Gegenstandes sein, weil der Gegenstand die Form mit sich führt, und er darf nicht zum Leeren gehören, weil es das Leere nicht gibt. Genausowenig kann er das Volle sein. Er muss aber exakt so gross und an derselben Stelle wie die Form des Gegendstands sein.

Teil und Ganzes und Trennung Kr.4.4.211b1-4

» 211b Weiterhin: Setzen sich die Glieder nicht gegeneinander ab, so muss man sagen, (dass das Enthaltene in dem Enthaltenden ist) wie ein Teil in seinem Ganzen, d.h. wie etwa das Sehorgan im Augapfel oder die Hand am Leib. Setzen sich die Glieder hingegen gegeneinander ab, dann (ist das eine Glied im anderen, als in seinem topos) wie etwa das Wasser im Fass oder der Wein im Krug.« [W90]

Hypothese: Unbewegte 0d-, 2d-topoi gehören zum Leeren. KrK.4.4.211b4.a

Der 2d-topos muss wie der Krug vom 3d-Körper getrennt sein. Um die Trennung geht es also, nicht um die Einhüllung! Platon, ick hör dir trappsen. Der Krug als Teil des umgebenden Mediums wird zum Problem, sobald sich der Inhalt bewegt. Da der topos sich nicht bewegt, müsste der Wein an jeder Stelle seiner Bahn einen Krug vorfinden, unendlich viele Krüge und mehr an fast denselben überabzählbar unendlich vielen Orten, in einem Fass unendlich und mehr identische andere Fässer usw. Nein, Fässer und Krüge sind überflüssig, wenn die topoi zum Leeren gehören. Sagen wir, die Orte als Lage und die unbewegten Formen gehören zum Leeren, und die 'bewegten' Formen der Metaphysik gehören zum Vollen. Sie sind Wesens-Teile des Vollen und irgendwie richtige, nicht aber metrische Teile des Leeren. Denn das einzig Unbewegte Seiende ist das Leere, die unbewegten Formen müssen also, wenn sie sind, zum Leeren gehören. Und das einzig Bewegte Seiende ist die Materie, die bewegten Formen müssen also, wenn sie sind, zur Materie gehören.

Formdefinition 1: Zwischen KrK.4.4.211b4.b

Den unbewegten Formen im Leeren wollen wir einen eigenen Namen geben. Wir nennen sie die 'Zwischen' , weil sie sich zwischen zwei stetigen Teilen des Raums, des Leeren oder der Materie befinden. Sie sind nicht metrische Teile des Leeren, weil das Leere Stoff ist und die Zwischen Formen sind. Und dies ist also unsere erste Definition der Form:

Die unbewegten Formen sind die Zwischen im Leeren, an oder in der Materie oder im Raum.

Die Messungsdauer der unbewegten Formen an der Materie müssen wir jedoch auf ein Jetzt beschränken, während die Formen im Leeren ewig dort sein können, wo sie sind, sie sind das Wo.

Aber was wird aus des Kaisers Kleidern, wenn es das Leere nicht gibt?

... Kr.4.4.211b5-9 Was ist der 2d-topos,

» 5 ... Aus dem Bisherigen nun geht das Wesen des topos bereits hervor; denn eines von den folgenden vier wohl muss der topos mit Notwendigkeit sein; entweder Gestalt (F M ) oder aber Material (M) oder aber eine Art Hohlraum (L) , der sich innerhalb der Angrenzungsflächen [des den Gegenstand unmittelbar umgebenden Mittels] erstreckt, oder aber diese Angrenzungsflächen selbst (F R ), und zwar in dem Fall, dass es unabhängig von der Ausdehnungsgrösse des den topos besetzenden Körpers keinerlei solchen Hohlraum gibt« [W90f] ,

... KrK.4.4.211b9.a wenn es das 3d-Leere nicht gibt?

dass es also kein Leeres gibt.

... KrK.4.4.211b9.b Topos ist nicht

Der 3d-topos ist das Leere, den das 3d-Volle da, wo es ist, einnimmt. Dieser topos ist wie die Materie Stoff. Aber wenn das Bild so stimmt und zwei 3d-Volle, M/L und R, sich den 3d-topos innerhalb des Gestrichelten ohne Rest teilen (M+R), dann gibt es gar keinen Unterschied zwischen der Raumform und der Materieform, der bewegten und der unbewegten Form.

... Kr.4.4.211b9-14 a) Form des Vollen

a) » 10 Von den ersten drei Denkbarkeiten kann nun aber zweifellos keine wirklich statthaben. Zwar scheint die Gestalt (F M ) den topos darzustellen, weil sie (ebenso wie der topos F R ) den Gegenstand begrenzt. In der Tat ja fallen die Grenzen des umschlossenen Gegenstandes und des ihn Umschliessenden zusammen. Tatsächlich sind auch beide (die Gestalt und der topos) Begrenzungen; aber (sie sind keineswegs die Grenzen des einen und desselben, sondern die Gestalt ist die (äussere) Begrenzung des Gegenstandes, der topos aber die (innere, mit der Grenzoberfläche des Gegenstandes lediglich zusammenfallende, aber von dieser zu unterscheidende) Begrenzung des den Gegenstand umschliessenden Körpers ... «

KrK.4.4.211b14

a) Form des Vollen darf der topos nicht sein, weil das Volle seine Form mit sich führt, der gesuchte topos aber getrennt und unbewegt ist. Das Volle bewegt sich mit seiner Form von Ort zu Ort und trägt den Ort nicht mit sich herum.

... Kr.4.4.211b14-25 b) das Leere

b) » ... Da nun das 15 Umschlossene und (gleichzeitig) sich gegen das Umschliessende Absetzende nicht selten den topos wechselt, während das Umschliessende an seinem topos bleibt - so etwa, wenn das Wasser aus dem Gefäss abläuft -, scheint das zwischen den Angrenzungsflächen Liegende eine Art Hohlraum zu sein, der etwas von dem seinen topos wechselnden Körper Unabhängiges darstellen würde. Aber das ist keineswegs der Fall, sondern es setzt sich einfach an die Stelle ... irgendein anderer ... Körper« »in das Gefäss hinein; wäre aber die Ausdehnung 20 etwas eigenes, welches seiner Natur nach an dem nämlichen topos wäre und auch bliebe, so gäbe es unbegränzt viele topoi; denn wenn das Wasser und die Luft die Stelle ändern, so würden die sämmtlichen Theile derselben in dem Ganzen das nämliche thun, was das ganze Wasser in dem Gefässe thut, und zugleich würde der topos selbst die Stelle ändern, so dass es sowohl von dem topos wieder einen topos gäbe, als auch viele topoi 25 zugleich wären.« [W91,P169]

KrK.4.4.211b25

b) Leeres: Wieso sich das ewig Unbewegte und ewig Unveränderliche bewegen und verändern soll, ist unerfindlich. Aristoteles redet wissentlich Unsinn, indem er dem Leeren Bewegung unterschiebt.

... Kr.4.4.211b29-a2 c) das Volle

»c) Das Material 30 schliesslich könnte der topos scheinen, falls man den topos nur am ruhenden Gegenstand betrachtet, und zwar an einem solchen, der sich von dem ihn Umschliessenden nicht abhebt, sondern mit ihm einen kontinuierlichen Zusammenhang bildet«; »aber der Stoff ist, 212a wie wir im obigen gesagt haben [Cap. 2], weder trennbar von dem Dinge, bei dem topos aber ist diess beides der Fall.« [W92,P169]

KrK.4.4.212a2.a

c) Volles: Ist der topos die Materie, so gibt es ihn nur, wenn die Materie unbewegt ist, weil der topos sich nicht bewegt. Gleichzeitig dürfte der Gegenstand sein umgebendes Medium nicht bloss berühren, sondern müsste mit ihm eine stetige bewegungslose Einheit bilden, weil ja die ganze Welt voller unbewegter topoi ist. Materie und Raum also auch für Ar eine materielle Einheit, wenn auch genauso unsinnig wie der 'starre Äther'. Bei uns ist die Materie nicht in einen starren Äther eingesperrt, sondern trägt ihn als ein stets frisch gewaschenes Leibchen, das überhaupt nicht aufträgt. Ist das Leere der Gesamttopos, so sind alle 3d-topoi von einer Art, stetig zusammenhängend, und die Bewegung bereitet vorerst keine Probleme. Die 3d-topoi sind Teile des Ganzen und ewig dort, wo sie sind, sie sind das Wo.

... KrK.4.4.212a2.b Und wo ist Form des Leeren?

Da Ar das Leere leugnet, kann er sich die Frage nach den Formen im Leeren sparen.

Und nun endlich Aristoteles' topos-Definition:

Definition: topos ist der Ätherbody F R Kr.4.4.212a2-7

»Wenn aber der topos keines von den dreien ist, weder Gestalt noch Material noch auch eine Art Hohlraum, welcher unabhängig von dem Volumen des seinen topos wechselnden Gegenstands und in bleibender 5 Weise Bestand besässe, so kann der topos nur notgedrungen das sein, was als viertes denkbar geschienen hat: die Grenzfläche des den Gegenstand in sich enthaltenden Körpers 'die dieser mit dem enthaltenen Gegenstand gemeinsam hat'. Unter dem enthaltenen Gegenstand verstehe ich aber den«, »der eine Ortsveränderung ausführen kann.« [W92,G124]

KrK.4.4.212a7.a

Damit sind scheinbar alle Voraussetzungen des topos erfüllt. Die Grenzfläche des umgebenden Mediums ist genauso gross wie der Gegenstand, gehört nicht zum Gegenstand. Wir haben sowohl die bewegte Form, die zum Gegenstand gehört, als auch die nicht zum Gegenstand gehörige 'äussere Form', den Ätherbody. In Wahrheit ist diese Definition ein völliger Reinfall, und wir sind mit A's topos bei einem Gefäss ohne Inhalt angelangt, das aber nicht leer, sondern voll ist. Ausserdem ist die erste äussere Schicht des Mediums, die Aristoteles hier als 2d-topos behauptet, grösser als der Körper, auch wenn sie noch so dünn ist. Es ist eine 3d-Körperwulst:431 da der Raum materiell ist und die Materie ausgedehnt ist, es keine materielle Fläche gibt. Sie verschwände zudem, sobald der Körper verschwindet. Was nützt die schönste Trennbarkeit, wenn sie nur in dem einen Moment da ist, wo der Körper ist und sich vor und hinter ihm schliesst, da das Medium ja keine leere Lücken hinterlassen darf?

Aber das Argument mit der Wulst zieht nicht. Entweder wir gestehehn dem Ätherbody zu, was wir der Form unseres Körpers zugestehen. Oder weder wir, noch der Raum ausser uns haben eine Form. Denn wenn wir darauf beharrten, dass die äussere Form des Raums Stoff ist, der unseren Körper vergrössert, dann müssten wir auch sagen, dass unsere Form Stoff ist und uns kleiner macht, wenn man sie uns über die Ohren zieht.

Die Bewegung macht Aristoteles' topos unmöglich. Suchen wir den unbewegten Ort, so haben wir keine Wahl, weil es nur ein Unbewegtes gibt. Aber das Leere selbst kann der Ort nicht sein, weil das Leere Stoff, der Ort aber Form ist. Also doch ein 'Drittes' zwischen zwei Stoffen?

Trinität der Formen KrK.4.4.212a7.b

Da also der unbewegte topos nicht die erste Schicht des umgebenden materiellen Mittels ist, genausowenig wie die äusserste Schicht des materiellen Körpers, sondern für sich Realität besitzen muss, so kann der topos als Grenze nur das zwischen beiden Befindliche sein. Das kann aber weder zum einen noch zum andern gehören, weil der Stoff stets 3d-ausgedehnt ist. Dennoch ist der Ätherbody, und dennoch ist die Form der Materie. Damit sind wir glücklich bei drei gleichzeitigen Formen angekommen, Materieform, Ätherbody und das Zwischen zwischen den beiden! Dagegen ist ja die Trinität von Materie, Raum und Leerem ein Kinderspiel. Aber wir haben uns die Suppe eingebrockt und werden sie daher auch auslöffeln.

Einerseits sagt Ar, der topos sei Grenzfläche des Mediums, andrerseits, der topos sei unbewegt. Beides zugleich ist nicht möglich. Das Medium, sei es Luft, Wasser oder Äther, weicht aus, bewegt sich und ist nur in dem einen einzigen Jetzt, in dem der bewegte Körper dort ist, wo er ist, an diesem topos, etwa einer sphärischen Fläche. Der 2d-topos, der durch das Medium gebildet wurde, bleibt nicht zurück, sondern fliesst wie das durch das Schiff verdrängte Wasser oder die durch die Tragfläche des Flugzeugs verdrängte Luft am Heck und hinter der Tragfläche wieder zusammen. Er hat also als 2d-topos weder Bestand, noch ist er unbewegt, wenn er zum Medium gehört. Was als topos der bewegten Kugel zurückbleibt, ist der geometrische 2d-topos, das ist die fixe Lage (Wo) der Punktmenge (Was), die Kugelfläche 4 π r 2 (Leeres und Volles sind in einander KrK.4.1.209a27). Diese Form muss aber etwas anderes sein als die Luft oder das Wasser oder der Äther, weil sie bleibt, wo sie ist, während Raummaterie, Wasser und Luft sich hinter dem Körper schliessen. Der 2d-topos kann also weder etwas zum Medium Gehöriges, noch kann er Teil des Stoffs des bewegten Gegenstandes sein. Er kann auch nicht das Leere sein, weil das Leere Stoff, 4 π r 2 aber Form ist.

unbewegter 3d-topos mit 2d-Form Kr.4.4.212a7-16

»Es scheint aber der topos etwas Bedeutendes und schwer zu Erfassendes sowohl darum zu sein, weil der Stoff und die Gestaltung hereinschillern, als auch weil die Platzveränderung des Bewegten in dem umfassenden Körper als einem ruhenden 10 vor sich geht, denn da erscheint es als möglich, dass eine von den bewegten Grössen verschiedene Ausdehnung inzwischen sei ... denn da erscheinen nicht blos die Gränzen des Gefässes als topos, sondern auch das inzwischen Liegende als Leeres (na endlich!). Sowie aber das Gefäss ein 15 übertragbarer topos ist, so ist so ist auch der topos ein unübertragbares Gefäss«. [P169,171]

Möglich oder nicht: bewegte und unbewegte Form? KrK.4.4.212a16

Gefäss hin oder her, es geht neben allen anderen Schwierigkeiten nun auch um die Frage, ob es neben den bewegten noch die unbewegten Formen gibt oder nicht. Gibt es zu dem unbewegten Stoff, dem topos a 3 das Zwischen oder den unbewegten topos a 2 als physische Realität? Wenn ja, so kann er weder zum Vollen, noch zum Raum gehören, weil beide stets bewegt sind.

Aber wenn es neben den bewegten Formen der materiellen Wesen, der geformten Stoffe, auch noch die unbewegten Formen im Leeren gibt, sind dann nicht in jedem Moment zwei oder gar drei Gleichartige an derselben Stelle, und tritt dann nicht der Widerspruch ein? Denn der volle Stoff ist in jedem Moment mit dem leeren Stoff zugleich, sodass die beiden Formen auch zugleich sein müssen. Beim gleichzeitigen Vollen und Leeren haben wir gesagt, dies sei kein Widerspruch, da nicht zwei gleichartige Stoffe, also nicht zwei Materielle oder zwei Leere zugleich behauptet werden. Aber wie wollen wir einen Unterschied zwischen der bewegten und der unbewegten Form machen?! Wir könnten hier zwar (mit Recht) sagen, dass die Form von der Logik ausgeschlossen ist und damit der Widerspruch nicht behauptet werden kann. Aber so einfach wollen wir es uns nicht machen. Zwar wird unsere Untersuchung wohl entweder darauf hinauslaufen, dass zwei gleichzeitige Formen kein Widerspruch sind, oder dass es zwei gleichzeitige Formen nicht gibt. Aber wenn wir behaupten, dass sie sind, dann wollen wir auch wissen, was die beiden Formen sind.

topos durch Wahl des Bezugspunkts ruhiggestellt Kr.4.4.212a16-20

»Wenn daher in einem bewegten Mittel sich etwas bewegt, das darin ist, wie ein Fahrzeug im Flusse, dann wird als Gefäss und topos die Umgebung betrachtet. Der topos will nun einmal unbewegt bleiben, daher nimmt man lieber den ganzen Fluss als topos an, weil er 20 im ganzen sich nicht bewegt.« [G124]

KrK.4.4.212a20.a

Die Schadensbegrenzung bei dem Strömungstopos stiftet nur Verwirrung. Nicht mehr die Grenze des Wassers um das Schiff ist der 2d-topos, sondern das Flussufer als Bezugssystem. Das Schiff treibt unsteuerbar im Fluss wie die Erde in Descartes' Äther. Da bleibt nicht mehr viel von der ursprünglichen Forderung, der topos müsse genauso gross und an derselben Stelle sein wie das den topos Einnehmende. Nur dies: dass er vom Körper getrennt ist und sich nicht bewegt.

Das Medium, die Luft, das Wasser, der Raum, ist bewegt, wenn wir es in einer Zeit betrachten, die grösser als ein Jetzt ist. Der topos ist unbewegt, in einem Jetzt und in jeder Zeit. Das bedeutet, wir müssen den topos woanders als im Medium suchen, nicht da, wo er sein soll, weil wir das Leere nicht mögen, sondern da, wo er ist.

Ist die Form möglich? KrK.4.4.212a20.b

Das ganze Leere ist der 3d-topos der Welt, diese 10 cm 3 sind der topos dieses Würfels, und sie sind Teil des topos der Welt. Sind die 2d-Grenzen auch so etwas wie der 3d-topos, so sind sie nicht Teil des materiellen Gegenstands. Wenn sie sind, so müssen sie etwas davon Verschiedenes sein. Sie können aber auch nicht ein metrischer Teil des Leeren sein, weil das Leere auch Stoff ist. Müssen wir am Ende Stoff und Form trennen, wie es Platon tut? Es sieht ganz danach aus. Aber wenn die Form weder Teil des Vollen, noch Teil des Leeren ist, es aber ausser dem Vollen und dem Leeren nichts gibt, dann müssen wir vielleicht unsere Frage nach den Formen etwas bescheidener formulieren und nur nach deren Möglichsein statt nach deren Sein fragen? Denn wenn wir weiter auf ihrem Sein beharren, dann gibt es ausser der Materie, dem Raum und dem Leeren doch noch etwas, und die drei Anfänge wären nicht die ganze Welt. Ganz abgesehen von der Verdopplung der Dinge, wie sie Aristoteles in seiner Kritik an Platons Idealismus in der Metaphysik beschreibt. Mit weniger als der ganzen Welt wollen wir uns aber nicht zufriedengeben.

Grenze und Begrenztes Kr.4.4.212a28-30

»Und deswegen nun scheint der topos eine Fläche und gleichsam ein Gefäss und ein Umfassendes zu sein, und es ist ferner der topos 30 zugleich mit dem Dinge, denn zugleich auch mit dem Begränzten sind die Gränzen.« [P171]

KrK.4.4.212a30

Bei der Gleichzeitigkeit zweier sich Berührender in einer Grenze werden wir Aristoteles bedingungslos folgen und ihn oft an Kr.4.4.212a28-30 erinnern.


1. Wie es Descartes in seinen Prinzipien aus taktischen Gründen gegenüber der Inquisition getan hat. Er hat Bewegung definiert als die Entfernung gegen das umgebende Mittel und gesagt, die Himmelsmaterie bewege sich gemeinsam mit den Planeten um die Sonne, so, dass die Erde definitionsgemäss 'keine Bewegung' ausführt, weil sie sich ja vom umgebenden Mittel nicht entfernt. Dritter Teil, Nr. 25ff