Kr.4.208-224 Topos, Leeres, Zeit - KrSc

KrK.4.1.208a27

Einleitung

Buch 4 ist neben dem ersten, sechsten und dem achten Buch das wichtigste Buch der Physik.

In den ersten fünf Kapiteln des vierten Buchs untersucht Aristoteles den vom materiellen Körper getrennten topos. Und zwar nicht den 0d-topos, den Punkt als Lage im Raum oder den 3d-topos, das, was der materielle Körper an Grösse einnimmt, da, wo er gerade ist, sondern den 2d-topos, die Form des materiellen Körpers oder die Form des 3d-topos, also eine 2d-Fläche im 3d-Raum oder im Leeren.

Ich setze überall ausnahmsweise das griechische Wort topos für die 2d- und 3d-topoi, damit der Ort seine Bedeutung im heutigen Sprachgebrauch der Physik als die Lage eines Punktes im Raum oder im Leeren behält. Aristoteles' Untersuchungen des topos sind so schon schwierig genug; da wäre es Konfusion, dem Wort Ort auch noch einen anderen als den heute üblichen Sinn zu geben. Wenn ich das Wort Ort hin und wieder im umgangssprachlichen Sinn als 3d-topos gebrauche, ist es aus dem Zusammenhang erkenntlich. Etwa wenn gesagt wird, dass zwei Dinge nicht denselben Ort einnehmen können oder vom Ort der Welt die Rede ist. Obwohl Aristoteles auf eine topos-Definition hinarbeitet, die eine 2d-Fläche im 3d-Raum ist, breitet er zunächst in der ihm eigenen Gründlichkeit alle möglichen und unmöglichen Vorstellungen über die 0 und die 1-3d-topoi aus. Bis auf wenige Ausnahmen benutzt er für alle das Wort topos.1

Das Ziel der fünf Kapitel in der vorliegenden Auslegung ist zunächst der Nachweis der Existenz der 3d-ausgedehnten physikalischen Entität, die nicht materiell ist, zur Aufbewahrung aller materiellen Dinge dient und der Grösse und Lage nach mit diesen Dingen identisch ist; ferner die Untersuchung, ob diese 3d-Entität wie jeder Stoff eine 2d-Form hat oder nicht.

In den nachfolgenden Kapiteln 6 - 9 behandelt Aristoteles dann auch ganz folgerichtig das Leere.

Bei der Behandlung der Zeit in Kap. 10 - 14 werden wir mit Ar finden, dass sich Zeit und Bewegung wie Form und Stoff verhalten. Bei seiner Untersuchung der Zeit macht Ar selbst vor seinen eigenen 'Widersprüchen' nicht halt, versucht nicht, gefällige Formulierungen zu finden und kommt schiesslich zu zwei Definitionen, die unvereinbar zu sein scheinen oder sich im Kreis definieren, Zeit als 'Zahl der Bewegung' und Bewegung als 'Zahl der Zeit'.

Stoff und Form als Materie und Gestalt, wie wir sie aus der Metaphysik kennen, wurden bisher als selbstverständlich hingenommen. Wenn es aber an die Untersuchung der Form oder der Grenze selbst geht, müssen wir unser Alltagsbewusstsein transzendieren. Wir müssen herausfinden, wie die Form als solche Selbstverständlichkeit in das Alltagsbewusstsein hineingekommen ist. Von dieser Frage an datiert der Beginn der Philosophie als Wissenschaft. Nennenswertes von der Seite der Form gibt es von den Pythagoreern, Platon, Aristoteles und von der Seite des Stoffs von Demokrit, Aristoteles und Marx. Alle Denker haben die Form als die die Sinne transzendierende Entität nicht deshalb erkannt, weil sie den Stoff beiseitegeschoben haben, sondern weil sie sich vom Stoff haben leiten lassen. Ausnahme sind viellleicht die Pythagoreer. Die scharfe Trennung zwischen Stoff und Form ist eines der grössten Verdienste der giechischen Philosophie und die Ursache, warum die Wissenschaft entstehen konnte. Dass die nachfolgende Formverliebtheit bei vielen Philosophen zu Grössenwahn führte, hat der Erkenntnis der Form geschadet, nicht genutzt.

Die meisten Denker haben sich auf eine der beiden Seiten geschlagen. Auf die Seite Platons: Form ist ideell, Form ist Zahl. Oder auf Aristoteles' Seite: Form ist igendwie an der Materie und nicht ideell. Wir müssen erneut wie die Alten fragen: Gibt es die Form oder nicht? Wenn es sie gibt, was ist sie, und wie ist sie? Buch 4 wird eine erste Antwort auf diese Frage geben (Schnitt im Leeren KrK.4.6.213b27.a).

Kr.4.1.208a-209a Kapitel 1 bis 5: Der topos

Kr.4.2.209a-210a Topos und Logik

Kr.4.3.210a-210b Zenons Paradoxie des Ortes

Kr.4.4.210b-212a Aristoteles' Definition des topos

Kr.4.5.212a-213a Leeres und Form

Kr.4.6.213a-213b Kapitel 6 bis 9: Das Leere

Kr.4.7.213b-214b Das Leere ist Stoff, nicht Form

Kr.4.8.214b-216b Nachweis des Leeren durch Aristoteles

Kr.4.9.216b-217b Verdichtung und Verdünnung

Kr.4.10.217b-218b Kapitel 10 bis 14: Das aristotelische Raum-Zeit-Kontinuum

Kr.4.11.218b-220a Das unbewegte Jetzt, die Zeit

Kr.4.12.220a-222a Zahl und Mass

Kr.4.13.222a-222b Das bewegte Jetzt

Kr.4.14.222b-224a Orientierung in Zeit und Raum


1. Hier die Begründungen der Übersetzer für die jeweilige Übertragung: Gohlke: »Die Übersetzung von topos macht bisweilen Schwierigkeiten, weil sie sowohl Ort wie Raum bedeuten kann.« S.322 Prantl: »Es ist übrigens nicht ohne Absicht geschehen, dass ich das deutsche Wort »Raum« nur für chora ... gebrauchte, für topos aber, welcher der Gegenstand dieser ganzen Untersuchung ist, das Wort 'Ort' wählte« S.495 Wagner:» 'Ort' (topos). Ar. hat eigentlich keine Raumlehre ... Was Ar. allein ins Auge fasst, ist der Ort, d.h. nur eine besondere Bestimmtheit als solche selbst, die jedem 'räumlichen' Gegenstand und dem Universum der 'räumlichen' Gegenstände ... zukommt ... Mit seiner Ortslehre schiebt Ar. in nicht recht erfreulicher Weise die Raumlehre Platons beiseite ... Ähnlich schiebt er auch mit der gesamten Lehre des Demokritos vom Leeren die in dieser enthaltenen raumtheoretischen Motive beiseite.« S. 533 Zekl übersetzt topos durchgehend mit Ort. Weisse sagt abwechselnd Raum und Ort. Hardie und Gaye übersetzen meistens mit place, manchmal mit space.