Kr.3.2.201b-202a Bewegung im Jetzt und in der Zeit - KrSc

( Kr.3.2.201a20-b25 )

(Polemik gegen Def. der Bew. als Nichtsein; Kap.1/2 ca. 201a20-201b25 nicht zitiert, prüf, ob du es heute anders siehst, August 2015. Januar 2016: Ließen wir uns hier auf die Diskussion ein, die Bewegung als »Nichtseiendes« zu definieren, weil Demokrit das Leere laut Aristoteles' Zeugnis auch als Nichtseiendes bezeichnet habe, so wäre das doppelt und dreifach falsch. Zuerst, weil im Anfang von Bewegung noch nicht die Rede sein kann und dann weil das Leere eines der beiden Teile des Seins ist. Und schließlich weil die affirmative Bezeichnung Nichtseiendes wenn überhaupt einem, dann den Zahlen und Formen zukommt.)

Weg und Bewegung KrK.3.2.201a20.a

Denn wie wir auch an die Bewegung herangehen, wir müssen wissen, was sich 'in' einem Punkt der Bewegung tut. Wir untersuchen also entweder die Bewegung in einem Jetzt, das Sein der Bewegung: die jetzt stattfindende Bewegung. Diese Ausdrucksweise ergibt nur einen Sinn, wenn sie im Sinne des jetzt zurückgelegten Wegs gemeint ist,

oder wir untersuchen die Bewegung vom Anfang bis zum Ende, zwischen 2 Jetzt, vom Anfang des Seins der Bewegung bis zum Ende des Seins der Bewegung; diese Redeweise ergibt nur einen Sinn als der jetzt zurückgelegte Weg:

Rot und Blau KrK.3.2.201a20.b

Im ersten Fall betrachten wir nur die rechte Grenze des Wegs, im zweiten den zurückgelegten Weg selbst, das zwischen linker und rechter Grenze. In beiden Fällen müssen wir wenigstens ein Jetzt erkunden, das Sein und Sein, Nichtsein und Sein bzw. Sein und Nichtsein scheidet (KrK.1.8.191a37.d). Weg, Anfang und Ende spielen nun eine ähnliche Rolle wie der Stoff als das beim Werden Zugrundeliegende Ausgedehnte und die Form als die naturgesetzlich gebildete diskrete Grenze. Nur dass hier der Verlauf der stetigen Bewegung und das fixe Jetzt die Hauptrolle spielen. Auch ist der Stoff der Bewegung keine 3d-Grösse, sondern der Weg. Und die Form ist nicht eine 2d-Gestalt, sondern sind nur zwei Punkte, die wir als 'Jetzt' bezeichnen. Beiden Gegenständen, dem werdenden Wesen und der Bewegung ist eines gemein, sie haben einen stetigen und einen diskreten 'Teil'1. Zwischen den jeweiligen beiden Polen der Paare spielt sich die eigentliche Bewegung ab, bei Stoff und Form haben wir das Naturgesetz als Bewegungsursache des Werdens gefunden, zwischen Nichtsein und Sein der Form oder der ungeformten und geformten Materie. Das ist das gleiche wie das Wirklichsein und Möglichsein, klingt nur nicht so hart.

Stoff Naturgesetz Form

Nichtsein Bewegung Sein

Möglichsein Verwirklichung Wirklichsein

Betrachten wir nicht das Resultat, das Wirklichsein, sondern nur den Prozess in der Mitte, die Verwirklichung oder die Bewegung selbst, so geraten wir in Schwierigkeiten, weil sie einfach nicht stillhält. In der mittleren Zeile ist uns auch ein kleiner Fehler unterlaufen. Denn die Bewegung müsste eigentlich zwischen Nichtsein und Nichtsein stehen. Denn die Bewegung ist ja das Sein der Bewegung. Hört sie auf, fängt wieder das 'Nichtsein' der Bewegung an.

... Kr.3.2.201b27-33 Unvollendetes ist nicht mehr

Dass »aber die Bewegung etwas Unbestimmbares zu sein scheint, davon ist wieder die Ursache die, dass man sie weder unter die Potenz des Seienden, noch unter den Actus [energeia] stellen kann, denn z. B. weder 201b30 dasjenige, was die Potenz hat, quantitativ zu sein, noch das actuell Quantitative, muss darum nothwendig sich bewegen. Andrerseits aber scheint die Bewegung zwar ein Actus zu sein, aber ein unvollständiger; die Ursache hievon aber ist, dass das Potenzielle, dessen Actus sie ist, unvollständig ist.« [P109]

... KrK.3.2.201b33.a wenn es vollendet ist

Die Bewegung ist wie der Tod bei Epikur nicht zu fassen, denn solange du lebst, ist der Tod nicht, ist aber der Tod, bist du nicht mehr. Solange die energeia abläuft, ist das Werdende noch nicht ganz wirklich, sondern unvollständig, halb wirklich. Die Bewegung als Verwirklichung ist also per se unvollständig, ist nämlich verwirklicht, so ist Wirklichsein oder Form oder Ruhe und nicht Möglichsein. Ist aber Wirklichsein, ist es aus mit der Bewegung. Also doch eine Ehrenrettung der 'reinen Aktualität', nämlich genau in dem Fall, wo wir sie nicht mehr brauchen, im Tod und mit dem Aufhören der Bewegung.

Die Umschreibung der Bewegung als Verwirklichung des Möglichen ist eine Arbeitshilfe, eine Eselsbrücke, einfach und in ihrer Art auch genial. Aber sie ist keineswegs, die 'tiefste' Erkenntnis des Meisters! Sie muss sogar an der obersten Oberfläche bleiben, weil sie sonst nicht auf alles, was sich bewegt angewendet werden könnte. Aristoteles braucht sie auch nur in Notfällen (Kapitel 3-8 des dritten Buchs sind der Notfall schlechthin). Es wäre auch wenig erhebend, wenn solche Sätze die höchste Stufe menschlicher Erkenntnis wären: Das Tun der (ungetanen) Tat ist die Tat; das Bauen des (ungebauten) Baus ist das Bauen.

Die sowohl bei Aristoteles als auch bei den Philosophen an den Haaren herbeigezogene Verwendung, dieses mehr verhüllenden als entdeckenden Paares wird hier nur ausnahmsweise benutzt.

Lesen wir einmal den Absatz 322Ar statt mit Potenz-Akt mit Nichtsein-Sein: 'Dass aber die Bewegung etwas Unbestimmbares zu sein scheint, davon ist wieder die Ursache die, dass sie weder ein Nichtsein , noch ein Sein ist ... Andrerseits aber scheint die Bewegung zwar ... zu sein , aber ... unvollständig ...; die Ursache hievon aber ist, dass das ... Sein unvollständig ist.'

Würden wir dies so offen sagen, so müssten wir zugeben, dass der vermeintliche Gegensatz zwischen Sein und Bewegung gar nicht da ist, da alles mit Ausnahme des Leeren bewegt ist, somit 'unvollständiges Sein' hat. Nein, das Sein der Bewegung ist nicht unvollständig, sondern die Bewegung hat wie alles Stetige zwei Definitionen, die 'in' einem Jetzt und die zwischen zwei Jetzt. Die in einem Jetzt scheint unvollständig, imperfekt (die Briten haben sogar ein eigenes Tempus für sie, das present perfect) weil sie noch nicht fertig ist. Die zwischen zwei Jetzt ist vollständig, perfekt, aber nichts bewegt sich mehr.

Aber sind wir damit nicht vom Regen in die Traufe geraten?

<Widerspruch KrK.3.2.201b33.b > Bewegungsbeginn

Denn sofort drängt sich ein logisches und naturphilosophisches Problem auf, das Problem des Widerspruchs . Zwischen Nichtsein und Sein der Bewegung, zwischen t = 0 und s = 0 und t > 0 und s > 0, gibt es keine Zwischenstufe! Die Mathematik sagt, dass es keine kleinste Grösse > 0 gibt, ja sie hat nicht einmal eine Theorie der unendlich kleinen Zahlen, die den unendlich kleinen Grössen entspricht. Es gibt nur die Null und endlich grosse Zahlen und seit ein paar Jahrzehnten auch unendlich grosse Zahlen. Aber vollzieht sich das Werden der Bewegung relativ zum Bezugssystem zwischen Nichtsein und Sein in der Zeit, und sind Bewegung und Zeit lückenlos, stetig, so muss es offenbar (wie in den Zeichnungen in KrK.3.2.201a20.a) einen Zeitpunkt geben, zu dem die Bewegung zugleich ist und nicht ist . Wenn das aber wahr wäre, dann wäre die Logik über den Haufen geworfen, da ihr wichtigstes Axiom der Satz des Widerspruchs ist, der das gleichzeitige Sein und Nichtsein von irgendetwas unter allen Umständen untersagt. Die eben gegebene Definition der Bewegung 'im' Jetzt wäre die Liquidierung der Logik!

Dass wir mittlerweile mathematische Werkzeuge haben, die die Bewegung im Punkt mit links lösen, hilft uns hier keinen Schritt weiter. Dieser 'Widerspruch' gilt aber nicht nur für den Bewegungsbeginn, sondern wie eben bzw. von Zenon festgestellt, für jeden einzelnen Punkt jeder Bewegung und wie wir in Buch 6 sehen werden, für jeden Punkt eines jeden Stetigen überhaupt! Besser, wir versuchen hier noch nicht, diese Fragen zu beantworten. Da käme nur Gerede heraus.

Ob und wie das gleichzeitige Sein und Nichtsein der Bewegung in einer Zeit t = 0 ist und ob es überhaupt eine Zeit t = 0 gibt, das wissen wir vorab nicht, weil die unendlich kleine Zeit, hier sogar das Atom der Zeit in des Wortes Bedeutung für unsere Verstandeskräfte nicht fassbar scheint. Wir wissen aber und lassen uns davon nicht abbringen: Zenons Pfeil fliegt, die Bewegung beginnt, sie ist, und sie endet. Da lassen wir uns auf gar keine Diskussionen ein.

Was vor der Bewegung ist, 'der Anlage nach seiend' zu nennen, ist unklar. Das Nichtseiende gibt es nicht. Gebrauchen wir aber das Nicht-Seiende als Noch-nicht-Seiendes im Sinne von Noch-Nicht-Geformtes Zugrundeliegendes, so bezieht sich das 'nicht' nicht auf das Sein, sondern auf die Zeit,2 denn das Noch-nicht-Seiende wird sein, das Ungeformte seine Form erhalten.

Andererseits sind alle vier Formulierungen, Möglichkeit-Wirklichkeit, Nichtsein-Sein, Noch-nicht-Sein-Sein und Ungeformtes-Geformtes nur Platzhalter für die Benennung zweier Zeitpunkte oder für noch Unbekanntes. Es ist die beste Lösung, 'nichtseiend' als den allgemeinen Platzhalter zu wählen, weil hier das Problem sofort in die Augen sticht und solange ein Stachel bleibt, bis es durch Bekanntes ersetzt werden kann. Die Potenz-Akt-Geschichte ist genial, aber sie ist eine kolossale Fehlgeburt , wie Engels einmal zu Hegels Philosophie sagte, sobald sie zum Erklärungsmuster oder besser zur Ausrede der eigenen Unwissenheit wird, statt zu deren Kennzeichnung. Sie mag vor zweitausend Jahren ihre Berechtigung gehabt haben, heute ist sie altes Eisen. Allen Absurditäten voran ist hier die von Aristoteles verschuldete und von den Metaphysikern liebevoll gehegte Behauptung zu nennen, der Stoff sei das Mögliche und die Form das Wirkliche. Was keiner kennt, ist wirklich, und was jeder kennt, ist blosse Möglichkeit.3 Wir werden Aristoteles in diesem Punkt vom Kopf auf die Füsse stellen oder besser von den Füssen auf den Kopf, um im Bild zu bleiben.

Wenn es Nicht-Bewegung in der Zeit gibt4 und aus ihr Bewegung in der Zeit wird, so müssen wir eine Erklärung finden, wie das vor sich geht, der Beginn, das Ende, sowie jeder einzelne Punkt der Bewegung. Ziel soll es sein, weder die Logik, noch die Mathematik, noch die Stetigkeit von Raum und Zeit aufzugeben bzw. zu leugnen. Wir stellen es zurück, bis Aristoteles es selbst anspricht, das ist in den meisten Fällen das Klügste und erspart viel Arbeit. Erst einmal müssen wir uns über die ganzen zur Bewegung gehörigen Begriffe Klarheit verschaffen.


1. Der stetige Stoff ist stets 3d-ausgedehnt. Die diskrete Form oder der Punkt der Bewegung ist kein metrischer Teil des Stoffs. Wir müssen das Wort 'Teil' hier in einem anderen Sinn als in der Logik und der Geometrie gebrauchen oder uns ein anderes Wort ausdenken, durch das wir den diskreten vom stetigen Teil sondern können. Wir werden im ganzen Buch die Farben Blau für das Stetige und Rot für das Diskrete nehmen.

2. Sondern? Das klingt, als wäre die Zeit nicht ein Seiendes. Nehmen wir es als unglücklich ausgedrückt. Die Zeit kommt im vierten Buch.

3. 2006: Ob die 'virtuellen Teilchen' der modernen Physik aus dieser unseligen Tradition heraus entstanden sind oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ein wenig unwohl wird mir aber schon, wenn ich dort oft vom 'Werden aus dem Nichts' lese.

4. Nichtbewegung ist mit Ausnahme des Leeren immer Nichtbewegung relativ zu einem Anderen, das im übrigen selbst bewegt ist.