Kr.2.9.199b-200b Zusammenfassung - KrSc

Notwendigkeit Kr.2.9.199b34-35

»Gibt es Notwendigkeit nur auf Grund bestimmter Voraussetzungen 35 oder auch schlechthin?« [G83]

KrK.2.9.199b35

Jetzt sitzt Ar in der Patsche! Wenn das Naturgeschehen nämlich von einer Art ist und nicht von mehreren, Zweck und Notwendigkeit Natur sind, der zum Ziel gebrachte Zweck aber auf einem Vorsatz beruht, dann muss auch die Notwendigkeit auf einem Vorsatz beruhen. Nicht allein der willentliche Zufall, auch die willentliche Notwendigkeit müssten angenommen werden. Aber Ar ist vorsichtig. Er sagt nur, dass die Notwendigkeit voraussetzungsweise ist, so »wie« das bewusste Zweckesetzen, er sagt nicht, dass die Notwendikeit auf einer bewussten Handlung beruhe. Entweder aber sagt er damit etwas Überfüssiges, denn natürlich geschieht alles, was geschieht, aufgrund irgendwelcher Voraussetzungen, oder wir müssen die Voraussetzung doch als Vorsatz interpretieren:

Materie und Notwendigkeit Kr.2.9.199b35-a15

»Jetzt sieht mancher die Notwendigkeit im 200a Werden so, wie wenn man sagen wollte, die Wand entstehe mit Notwendigkeit, weil alles Schwere seiner Natur nach abwärts strebe, das Leichte jedoch aufwärts, weswegen die Steine nach unten sich bewegten als Grundmauern, darauf die Erde, weil sie leichter sei, ganz oben 5 das Holz als das Leichteste. Aber obwohl ohne diese Eigenschaften die Mauer nicht so geworden wäre, wie sie ist, so sind sie doch nicht der Grund, sondern der liegt darin, dass sie etwas verwahren und schützen soll. Ähnlich ist es auch sonst überall, wo es Zwecktätigkeit gibt. Der Zweck kommt nicht ohne die naturnotwendigen Eigenschaften zustande, freilich auch nicht durch sie, höchstens 10 vom Stoff aus gesehen, sondern zu einem Zweck. Warum z. B. ist die Säge so? Damit sie dies tun kann und zu dem und dem Zweck. Dieser Zweck kann freilich nur erreicht werden, wenn sie aus Eisen ist ... Mithin gilt die Notwendigkeit nur unter Voraussetzungen, aber nicht schlechthin als Ziel. Im Stoff steckt nämlich die Notwendigkeit, der Zweck 15 im Begriff.« [G83]

KrK.2.9.200a15

Eine der Stellen, in der bewusstes Handeln und Natur fast aufdringlich aneinandergerückt werden, zudem eine schwache Polemik, die sich fast mit der heutigen niveaulosen Polemik gegen den Materialismus messen kann. Den Zweck als gedanklich vorweggenommenes Ziel hat nur der Mensch. Der Notwendigkeit im Bereich des menschlichen Handelns stellen wir die Freiheit gegenüber. Sie ist Gegenstand der Ethik und anderer sozialen Wissenschaften, wie der Ökonomie, die sich mit einer nicht unbedeutenden Voraussetzung der Freiheit befassen sollte, nämlich der Fleischfrage, genügend Essen auf jeden Tisch zu bringen. In der Ethik hat Ar etwas frei interpretiert die Freiheit als die Einsicht in die Notwendigkeit (#b3k3) bezeichnet.1 Dort stellt er auch richtig der Freiheit den Zwang und nicht die Notwendigkeit gegenüber.

Aber stellen wir uns ruhig einmal Aristoteles' Fragen und beantworten sie. Steckt die Notwendigkeit in der Materie? Die Materie ist notwendige Voraussetzung des Naturgeschehens ganz wie der Zweck bei den notwendigen Dingen, die der Mensch zustandebringt, aber die Notwendigkeit 'steckt' sowenig in der Materie wie der Zufall. Sie ergibt sich aus dem Zusammenwirken aller Bedingungen, die die naturgesetzliche Bewegung auslösen. Wie der Zufall ist die Notwendigkeit keine Ursache, sondern ein Attribut der Ursache. Der Natur sind diese Differenzen völlig gleich. Uns, die wir diese Differenzen in den Bewegungen erkennen, sind sie nicht gleich.

Ist die Notwendigkeit der Naturgesetze voraussetzungsweise oder nicht? Sie ist voraussetzungsweise in dem, was Ar als »Notwendigkeit« bezeichnet, nämlich in der zugrundeliegenden Materie. Ohne Anfang als Voraussetzung kein Naturgesetz M - N - F. Die Notwendigkeit steckt aber nicht in dem Anfang, sondern im Naturgesetz, dem Zusammenwirken aller Bedingungen des Naturgesetzes oder des Zufalls. Nicht die Materie, das Naturgesetz ist notwendig oder zufällig. Das Atom bewegt sich zufällig. Das Atom bewegt sich notwendig. Zufall und Notwendigkeit in der Physik sind Akzidentien der Bewegung, nicht der Materie.

Bei der Materie als Anfang angekommen, stellt sich die Frage nach Notwendigkeit oder Zufall nicht mehr. Sie ist einfach. Notwendigkeit und Zufall fangen an bei den ersten und allen nachfolgenden Bewegungen. Die Notwendigkeit in den nicht bewegten Dingen wird in Logik und Mathematik behandelt.

Aristoteles' Spott richtet sich aber gegen ihn selbst, da die Natur als Häuslebauer seine eigene und Platons Konstruktion ist, um den Zweck und die Ideen in sie zu verfrachten. Daher ist der Satz:

Notwendigkeit nur unter Voraussetzung Kr.2.9.200a13

»Mithin gilt die Notwendigkeit nur unter Voraussetzungen« [G83]

KrK.2.9.200a13

so falsch, weil er voraussetzt, was bewiesen werden soll.

Ausserdem hat Aristoteles unterderhand die Notwendigkeit nur am bewegten Gegenstand untersucht und seine eigenen Untersuchungen über die sogenannte voraussetzungslose Notwendigkeit schlechthin, nämlich die Grössenverbindungen in der Logik, nicht einmal beim Namen genannt!

Aufgabe der Physik KrK.2.9.200b12

Nachdem wir einige metaphysische Begriffe erläutert haben, die wir in vielen Wissenschften benötigen, verlassen wir unseren engen Begriffshorizont - gross an der Zahl, aber klein im Sein - und wollen die nächste Aufgabe der Physik formulieren.

Das Sein ist alles, was ist. Daher sein Name. Alles andere ist nur, weil es Teil von ihm oder durch es ist. Der Stoff der Welt selbst, das Volle und das Leere, ist ewig und ursachenlos.

Die drei Ellipsen sollen keine grösser-kleiner Relation andeuten, sondern bedeuten nur, dass wir erst einen kleinen Teil der Bewegungen nach zufälligen und notwendigen und einen noch kleineren Teil nach Bedingung, Ursache und Wirkung geschieden haben. Ausserdem sind hier Begriffliches und Stoffliches bunt durcheinandergewürfelt. Die richtige Darstellung der drei Ellipsen wären eine dreifache Trinität. Die innerste Trinität gehört insofern nur dem Menschen an, als dass nur er Wissenschaft treibt. Die mittlere insofern, als dass nur er Zufall und Notwendigkeit voneinander scheidet. Die äussere ist das Sein oder die Wahrheit. Die kann der Mensch nur erkennen oder es bleiben lassen.

Allen Bewegungen, seien sie menschlich oder nicht, ist eines gleich. Sie haben ein Woher: beim Menschen den Zweck, sonst die Bedingung oder die unfgeformte Materie und ein Wohin: beim Menschen das Ziel, sonst die Wirkung oder die geformte Materie. Dazwischen ist der Ursprung der Bewegung, der Wille, das Naturgesetz oder allgemein, die Ursache.

Die nächste Aufgabe ist die zweite Frage der Physik: Was ist Bewegung?


1. Wie in der Logik die Notwendigkeit aus dem einfachen und vollständigen Vorhandensein der Grössen hervorgeht, so geht der freie Wille aus dem einfachen und vollständigen Wissen aller Voraussetzungen und Folgen einer Handlung hervor.2015: Aktuelles Beispiel: In TGML ist das »Wenn« in einem »wenn-dann-Satz« die vollständige Auflistung aller Elemente, denen das »dann« folgt.