Kr.2.8.198b-199b Teleologie - KrSc

Hinweis: Mit dem Kapitel bin ich noch nicht zufrieden. Es besteht noch aus zwei Manuskriptversionen, die mit ms5 und ms6 bezeichnet sind. ms5 sind die Marginalien Kr.2.8.198b10-12 bis Kr.2.8.199b9-14, ms6 sind Kr.2.8.199a3-12 bis Kr.2.8199b32-33. Hier ringe ich noch nach den richtigen Worten. Denn in der harmlosen Angelegenheit des Zielesetzens, der Teleologie, haben die Denker der Wurstfabrikanten eine so grosse Menge Unrat aufgehäuft, dass bei dessen Betrachtung depressive Schübe, die zur Abeitsunfähigkeit führen, unausweichlich sind. Ziel des Kapitels soll eine materialistische Polemik gegen die heutigen Spielarten der Teleologie sein. Hier besteht die Gefahr, dem Gegner eine Blösse zu bieten, statt ihn zu schlagen.

ms5

Zweck und Notwendigkeit Kr.2.8.198b10-12

» 10 Demnach also ist zuerst anzugeben, warum die Natur zu den um eines Zweckes willen wirkenden Ursachen gehöre, und dann ist über das Nothwendige zu sprechen [Kap.9], wie sich dieses bei den Naturdingen verhalte«. [P89]

Zufall und Notwendigkeit KrK.2.8.198b12.a

Nicht Zweck-Notwendigkeit sind das passende Paar, sondern Zufall-Notwendigkeit. Gäbe es den Zufall nicht, der die Änderung der naturgesetzlichen Bewegung und Form bewirkt, sondern nur die Notwendigkeit die immer wieder die gleiche Bewegung und Form hervorruft, einen zeitlich vorübergehenden Ausschnitt aus dem Seienden, den wir erkannt haben und an dem wir mitunter hartnäckig festhalten, so könnte sich in der Welt nichts verändern, gleiches würde immer wieder den gleichen Kreislauf durchmachen. Das ist aber im Ganzen nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die Gattungen und Arten der Lebewesen, die Wiederkehr von Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die chemischen Elemente, die Bewegungen der Himmelskörper und die Himmelskörper selbst, alle haben ihre Dauer, ihre Wiedererzeugung, ihre regelmässige oder periodische Bewegung nur für eine begrenzte Zeit und werden früher oder später durch irgendeinen Zufall abgelöst.

Vielleicht kann nach den Aufgeregtheiten zu Beginn de 20. Jahrhunderts mit einigen eher peinlichen philosophischen Erscheinungen heute auch wieder vernünftig von den Sinnen geredet werden, ohne dass das dazu führt, die Welt als Produkt des Erkennenden zu blamieren. Zufall und Notwendigkeit sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, der Bewegung der Materie. Wir haben sie uns geschaffen, weil wir einerseits der Begrenztheit unserer Sinne und des begrifflichen Fassungsvermögens Rechnung tragen müssen: Die einen Bewegungsursachen kennen wir bereits durch Erfahrung und Experiment, die anderen sind entweder neu oder unwesentlich oder einfach zu viele. Weil wir aber andrereseits über die heutigen Grenzen morgen hinauskönnen und das heute benennen können müssen, etwa, wo die Sinnesdaten und Erkenntnisse lückenhaft sind, benötigen wir eine Form der Bewegung als vorläufige Erklärung. Unsere Vernunft transzendiert die Sinne, seitdem wir mit der Natur kommunizieren. Das tut sie, wenn sie zum ersten Mal eine Form erkennt, 'Mamma!' sagt und wenn sie über die Unendlichkeit des Universums spekuliert, zwei transzendente Erkenntnisse, die sich nur in der Grösse unterscheiden. In beiden Fällen lässt sich die Vernunft durch kein noch so beredtes Philosophieren davon abbringen, dass die Mama existiert oder das Universum. Das bringen nur die Freunde der Weisheit fertig. Seit wir mit der Natur kommunizieren, schaffen wir uns metaphysische Begriffe wie Notwendigkeit und Zufall, um für den jeweils vorliegenden Zweck das Wesentliche vom Unwesentlichen scheiden zu können. Dass diesen metaphysischen Begriffen Etwas in der Natur entspricht, wenn sie wahr sind, ist jedem klar, der bei Sinnen ist. Die mathematische Physik (spricht) sprach hier eine klare Sprache. Da diese Begriffe aber von unvollkommenen Wesen geschaffen sind und da die Dinge der Natur nicht unbewegt, sondern bewegt sind, werden und vergehen, so muss es auch unseren Begriffen so ergehen, wenn sie wahr bleiben wollen. So einfach ist das mit unseren gedanklichen Lieblingen. Sie kommen und gehen wie die Liebe.

Im gleichen Moment, in dem der Zufall eintritt, der die Änderung der naturgesetzlichen Bewegung bewirkt, wird er Ursache der Abweichung von der bisherigen Notwendigkeit und Ursache einer anderen natürlichen Bewegung. Was aber Ursache einer natürlichen Bewegung ist, ist notwendig (Kr.2.5.196b-197a), so dass der Zufall in einem und demselben Moment Zufall und Notwendigkeit ist, Zufall für die bisherige und Notwendigkeit für die von nun ab stattfindende Bewegung.

Darwin und der Zufall KrK.2.8.198b12.b

Unterstellt man der Natur Zweck, Wille und Ziel, so muss man sagen, der Stein fällt, damit er den Boden erreicht, die natürlichen Formen wie die Gattungen und Arten der Lebewesen entstehen wegen des Zieles der Natur oder mit dem Vorhaben des Individuums, diese besondere Form zu erlangen. Aber nicht der Wille der Natur oder der Wille des Strandvogels, der sich reckt und streckt, um für die Nahrungsaufnahme am schlammigen Ufer besser gerüstet zu sein, wie ein Vorgänger Darwins, Lamarck meinte, verursachen seine Körperform (Zw Wi Zi).1

Sondern das zufällig mit langen Beinen geborene Individuum wird seine Form an seine Nachkommen vererben, die sich dieser hervorragenden Eigenschaft bedienen und im Gegensatz zu ihren im Schlamm watenden Kollegen einen Nutzen daraus ziehen und ein besseres Auskommen haben. Sie werden ihre langen Beine wieder an ihre Kinder weitergeben, wie Darwin entdeckte und damit die Naturgesetzlichkeit des Zufalls oder die Gleichzeitigkeit von Zufall und Notwendigkeit nachwies, vor allem aber die Teleologie aus ihrem letzten Refugium, der Schöpfung des Ebenbildes Gottes, vertrieb. Nicht das zielgerichtete Pneuma oder das Leere zeugen Fleisch, sondern der blinde Zufall!2

Ein einheitlicher Plan der Natur, »das Finalitätsprinzip 'eine unbestimmbare geheimnisvolle Macht, die für den einen das Fatum, für den anderen der Wille der Vorhersehung ist, durch deren ununterbrochenen Einfluss auf die lebenden Wesen aller Zeitalter die Form, der Umfang und die Dauer eines jeden Geschöpfes, je nach seiner Bestimmung in der Reihe der Dinge, zu der es gehört, fortgesetzt wird' «3 als Erklärungsversuch der Arten der Lebewesen mag für die in den Kinderschuhen stehende Wissenschaft ein angemessenes Modell gewesen sein. Vielleicht mit eine Erklärung gegen die zunächst kindische Ablehnung seines Werks. Eine andere mag Darwins vielfach ausdrückliche Ablehnung eines persönlichen Schöpfers sein. Auch heute noch findet ein vielfaches Umlügen seiner Theorie statt, weil er nicht mehr widerlegt werden kann. Den Geist der zugehörigen Denker ermisst man daran, dass sie eben noch die unüberbrückbare Kluft zwischen Geist und Materie oder zwischen Mensch und Tier behaupten und im selben Atemzug den 'Kampf ums Dasein', das 'Überleben des Stärkeren', diese bewusstlos wirkenden Variationsprinzipien der Arten, die für Amöbe, Turteltaube und Mensch gleichermassen gelten und im Falle des Menschen nicht in geschichtlichen, tagespolitischen und ökonomischen Massstäben zu messen sind, zu den obersten Prinzipien des geschichtlichen, tagespolitischen und vor allem 'ökonomischen' Menschseins machen.

So wird 'Geist' wieder in die Natur hineingetragen, um mit dem sozialen Darwinismus einer überlebten Gesellschaft eine 'wissenschaftliche' Daseinsberechtigung zu geben, wenn es wieder einmal gilt, ein paar Millionen Menschenleben als lebensunwert auszulöschen, damit danach ein Neuanfang des Alten beginnen kann. Das Dümmste ist bei solchen Gelegenheiten immer noch gut genug, sei es die Endlösung der Judenfrage oder die Endlösung der Moslemfrage, die Endlösung der Altenfrage oder die Endlösung der Krankenfrage, solange es nur nicht die Lösung der Reichenfrage ist.

Gibt es nicht doch Fälle, in denen der Zufall als eine Ursache und nicht bloss als eine Eigenschaft der Ursache zu bezeichnen ist? Aristoteles zitiert ausführlich den ersten grossen Gegner der Teleologie, Empedokles:

Empedokles und der Zufall Kr.2.8.198b16-32

»Es hat aber auch seine Schwierigkeit, was denn dem im Wege stehe, dass die Natur ohne einen Zweck, um dessen Willen, und ohne eine Rücksicht auf das Bessere thätig sei, sondern dass es sich ebenso verhalte, wie ja auch Zeus nicht regnet, damit er das Getraide wachsen mache, sondern durch Nothwendigkeit4; denn die aufgestiegene Ausdünstung muss erkalten, und das Erkaltete muss, 20 zu Wasser geworden, wieder herabkommen; dass aber, wenn dies geschehen ist, das Getraide wächst, ergibt sich von selbst; ebenso aber auch, wenn Jemandem das Getraide in der Scheune [auf dem Dreschplatz] verdirbt, regnet es nicht um dessen willen, damit es verderbe, sondern dies ergibt sich von selbst. Was demnach steht dem im Wege, dass auch die Theile [der Tiere] in der Natur sich ebenso verhalten, dass z. B. die Zähne durch Nothwendigkeit hervorkommen, nämlich 25 die vorderen schneidig und tauglich zum Zertheilen, hingegen die Backenzähne breit und brauchbar zum Zermalmen der Nahrung, da sie nicht um dessen willen so würden, sondern dies eben nebenbei erfolge; und ebenso auch bei den übrigen Theilen, bei welchen das um eines Zweckes willen Wirkende vorhanden zu sein scheint; und die Dinge dann nun, bei welchen alles einzelne gerade so sich ergab, als wenn es um eines Zweckes willen entstünde, diese hätten sich, nachdem sie ... von selbst in tauglicher Weise sich gebildet hätten, auch erhalten; 30 bei welchen aber dies nicht der Fall war, diese seien schon zu Grunde gegangen und giengen noch zu Grunde, wie Empedokles von dem 'Rinder-Entsprossenen Männergesichtigen' sagt.« [P89,91]

Darwin und der Zufall KrK.2.8.198b32.a

Darwin zitiert diese Stelle auf der ersten Seite seines Werks (S. 8) und meint:

»Wir finden hier zwar eine dunkle Ahnung des Prinzips der natürlichen Zuchtwahl bei Empedokles;5 wie weit aber Aristoteles selbst davon entfernt war, es völlig zu erfassen, zeigen seine Bemerkungen über die Bildung der Zähne.«

Zufall und Notwendigkeit KrK.2.8.198b32.b

Der Zufall wird im Moment seines Auftretens zur notwendigen Erbinformation 'scharfer Zahn' oder 'langes Bein'. Aristoteles hat sich auf den bewussten Zufall festgelegt. Genauso ausführlich, wie er ihn zitiert, versucht er daher, Empedokles zu widerlegen und, wo das nicht möglich ist, zu verspotten:

bewusster Zufall und Notwendigkeit Kr.2.8.198b34-a3

»Aber es ist unmöglich, dass sich die Sache so verhalte; 35 denn solches und alles von Natur aus Entstehende entsteht entweder immer oder wenigstens meistentheils so, wie es entsteht, hingegen bei keinem Zufälligen und von selbst Eintretenden ist dies der Fall; 199a denn nicht zufällig und als ein bloss nebenbei Erfolgendes [symptoma = Zufall] 6 scheint es zu geschehen, wenn es im Winter häufig regnet, wohl aber, falls dies zur Zeit des Hundssternes eintritt7, und ebenso auch nicht, wenn die Stickhitze zur Zeit des Hundssternes eintritt, wohl aber, falls zur Winterszeit« [P91]

KrK.2.8.199a3

Die Neigung der Rotationsachse der Erde gegen die Sonne, die mit Notwendigkeit für die Jahreszeiten sorgt, ist zufällig irgendwann einmal entstanden und wird auch wieder vergehen, dann wird es notwendig kalt zur Zeit des Hundssterns.

Aristoteles' Erklärung, dass der Zweck für die Naturvorgänge verantwortlich sei, muss nun gekünstelt ausfallen. Hier irgendwo sagen, dass Ar bei seiner Polemik gegen den Zufall oft die tyche nimmt, also mit dem 'absichsvollen Zufall' Empedokles lächerlich machen will.

Kr.2.8.199a3-12

Im gedruckten Buch steht S. 96 zu 196a3ff: »284 - 28.12 ab hier bis auf 287 (ist: 199b14) erstmal nach ms6«

... KrK.2.8.199a33 Empedokles' Mutationen

Die Wirkungen der Bewegungen aus Zufall können neue Formen und (vermittelt) andere Ziele oder Hypothesen sein. Diese können dem Zusammenhang, in dem sie sind, den äusseren Bedingungen, dem Lebensraum (Naziwort, griechisch Biotop) oder den Zwecken besser oder schlechter angepasst sein, sich entwickeln oder degenerieren. In jedem Fall aber bewirken sie über kurz oder lang Veränderung statt Gleichbleiben, wie Aristoteles vermutete. Setzte sich die Natur jedoch ihre Zwecke und Ziele, so geschähe das Abweichen von einer Form entweder aufgrund ihrer freien Entscheidung, oder wir müssten ihr eine gewisse Tollpatschigkeit zugestehen:

... Kr.2.8.199a33-b7 sind Kunstfehler...

»Fehler kommen auch im Arbeitsgang des Handwerks vor, ein Schreiber schreibt einmal falsch, und der Arzt mischt einmal 35 die Medizin falsch. Daher kann dies natürlich auch in der 199b Natur vorkommen. Wenn es also beim Handwerk so ist, dass der richtige Hergang dem Zweck entspricht, während der falsche zu einem bestimmten Zweck versucht wird, diesen aber nicht erreicht, dann wird es auch in der Natur so sein, und die Missgeburten sind Fehler auf dem Wege zum eigentlichen Zweck. 5 Und wenn unter den Gebilden der Urzeiten jene »Rindergeburten« [des Empedokles] nicht zu einem bestimmten Entwicklungsziel gelangen konnten, dann lag das an der Verderbnis ihres Ursprungs, wie es jetzt an der Verderbnis des Samens [sperma] liegt, wenn eine Missgeburt erfolgt.« [G81]

KrK.2.8.199b7

Was aber hat den Samen verändert? Wir sagen beispielsweise, die Mutation. Genauso könnten wir aber sagen, der Zufall.

Kr.2.8.199b7-9

» 7 Auch musste sich ja erst einmal Same bilden und (es konnten sich) nicht sofort die Tiere (bilden). Jenes

'Ungegliederte am Anfang'

(von dem Empedokles spricht) war nichts anderes als Same.« [W54]

KrK.2.8.199b9

Anstatt das zweckvolle Zusammenwirken der Naturdinge auf das Zusammenspiel von zufälligen und notwendigen Bewegungen zu reduzieren, reduziert Aristoteles es auf den Zweck selbst, was eine Tautologie ist, solange nicht ein zweckesetzendes Wesen ausser dem Zweck angenommen wird. Wenn nicht, wäre das wie der Anfang des Johannisevangeliums, in dem das Wort sich selbst ausspricht. Apropos Johannisevangelium, Ar sagt bis auf wenige Nebensätze wie am Schluss des sechsten Kapitels nirgendwo, dass da ein zweckesetzendes Wesen sitzt, wie es die Theologie aus der Physik herausgepresst hat. Er sagt nur, dass sich die Naturdinge zweckentsprechend verhalten. Mangels besserer Erklärung und durch die Eindringlichkeit, teils Aufdringlichkeit, in der er das tut, nötigt er dem Leser freilich die Annahme auf, da sei irgend ein Wesen, das die Zwecke setzt. Aber er sagt das nicht.

ms6

Zweck in der Natur Kr.2.8.199a3-12

»Wenn nun alles entweder zufällig [apo symptomatos] oder zweckmässig zu sein scheint und wenn 199a5 syptoma und automatos ausgeschlossen sind, dann kann ja der Vorgang nur zweckmässig sein ... Folglich gibt es in den Naturvorgängen und -dingen eine Zwecktätigkeit. Wo es aber einen Zweck gibt, da geschieht alles, was der Reihe nach auf ihn hinführt, um seinetwillen. Wie also etwas wirkt, 10 so ist seine Natur, und wie seine Natur ist, so wirkt es, wenn nicht etwas dazwischen kommt.« [G80]

KrK.2.8.199a12

Wenn wir alle Ursachen bis auf den Zweck ausschliessen, bleibt der Zweck als Ursache übrig und alles geschieht um seinetwillen. Das Ziel ist das Ende, der Zweck ist der Anfang. Anfang und Ende, die beiden Grenzen jeder Bewegung, benötigen niemanden, der sie denkt.

Baut der Baumeister ein Haus, so tut er dies um eines Zweckes willen, oder wenn wir Naturgegenstände nachbilden, so verhalten sich Zweck und Form ungefähr wie 1 : 1.

Natur als Handwerker Kr.2.8.199a18-20

»Wenn also das Handwerk zwecktätig arbeitet, dann auch die Natur, weil in 20 beiden die Reihenfolge der Handgriffe sich genau entspricht.« [G80]

KrK.2.8.199a20

Ein gewagter Schluss. Das Universum richtet sich nach dem Häuslebauer. Platon ist in seinen Dialogen unerschöpflich mit dieser Analogie.8 Der Hausbauer wird seinem Ziel nur dann gerecht, wenn er sich den Naturgegebenheiten des Stoffs fügt, also nicht versucht, das Wasser zu hobeln oder das Holz zu giessen.

... Kr.2.8.199a20-30 wo Zweckmässigkeit, da Zweck

»Ganz besonders zu erkennen ist es bei den andern Geschöpfen, die nicht, wie wir, durch Kunst oder aufgrund von Forschung und Überlegung handeln. Daher hat schon mancher überlegt, ob nicht die Spinnen mit einer Art Verstand arbeiten und die Ameisen und dergleichen Tiere. Und wenn man nur einen Schritt weitergeht, dann scheint auch in der Pflanzenwelt nur das vor sich zu gehen, was dem Zweck 25 dienlich ist, z. B. die Blätter zu wachsen zum Schutz für die Frucht. Wenn also aus Natur und zielstrebig die Schwalbe ihr Nest baut und die Spinne ihr Netz und die Pflanzen ihre Blätter um der Früchte willen wachsen lassen und die Wurzeln nicht nach oben treiben, sondern nach unten, um Nahrung aufzunehmen, dann muss man doch einsehen, dass diese Art Ursache auch 30 in den Naturvorgängen und -dingen sich findet.« [G80f] 9

... KrK.2.8.199a30 Widerlegung durch Darwin

Die schönste Stelle zur Rechtfertigung der Teleologie bei Aristoteles, wie ich finde. Hier möchte ich nochmals die Lektüre von Darwins Werk empfehlen, das genau diese Argumente nimmt, um sie zu widerlegen und das in genau der gleichen Schönheit, wie man sie nur in epochemachenden Arbeiten findet.

Form am Ende oder am Anfang? Kr.2.8.199a30-32

»Und auch, da die Natur doppelt ist, nämlich einerseits Stoff und andrerseits Gestaltung [morphe] , die letztere aber Endzweck und um des Endzwecks willen das Uebrige ist, so ist doch wohl diese Ursache die im Endzweck beruhende.« [P93]

KrK.2.8.199a33 ist in ms5

... Kr.2.8.199b9-14 Pflanzen-Mutationen

»Auch bei den 10 Pflanzen gibt es die Finalität, nur ist sie hier nicht so deutlich fassbar. Soll es nun etwa auch bei den Pflanzen als Entsprechung zu den 'Rindern mit menschlichem Vorderleib' vielleicht Weinstöcke mit einer Ölbaumvorderseite gegeben haben? Die Annahme ist widersinnig. Aber sie wäre unvermeidlich, sobald derartiges bei den Tieren (für möglich gehalten würde).« [W54]

... KrK.2.8.199b14.b wären auch nur Missgeburten

Die Annahme ist nicht widersinnig, sondern das Normale, entzieht sich nur den Sinnen, weil es über längere Zeiträume geschieht, es sei denn wir züchten Pflanzen- oder Tierarten. Die Abweichung von der 'Norm' erscheint bei Ar nur als Missgeburt, vgl. Über die Zeugung der Geschöpfe, Buch IV, Kap. 4 und 5, dt. Paul Gohlke, Paderborn 1959 , ( Aristoteles im Kontext, deutsch von Aubert-Wimmer, 1860 . in sein_A ar-heute engl. Arthur Platt, haben einige html die Größe 0, ändern )

... Kr.2.8.199b13-18 Konstanz des Sperma

»Und es müsste ja auch aus jedem Samen irgendetwas Beliebiges hervorgehen«, »aber, 15 wer so spricht, hebt überhaupt gänzlich das von Natur aus Seiende und die Natur selbst auf; denn von Natur aus seiend ist dasjenige, was von einem in ihm selbst liegenden Anfange an continuirlich in Bewegung gesetzt zu einem gewissen Endzwecke gelangt; aber nicht entsteht von einem jeden Anfange an bei jedem das nämliche und auch nicht das zufällig nächste beste, hingegen allerdings ist die Bewegung immer in der Richtung auf das nämliche, wofern nicht ein Hinderniss entgegentritt.« [G82, P95]

... Kr.2.8.199b18-26 wenn nichts dazwischen kommt

»Der Zweck kann wohl auch einmal durch tyche erreicht werden, 20 wie wir sagen, durch tyche kam der Freund und ging wieder ... ohne aber zu diesem Zweck gekommen zu sein. Und das ist dann eine Nebenwirkung [symbebekos] , die tyche gehört ja zu den Nebenursachen [symbebekos] , wie wir früher auseinandergesetzt haben. Wenn dies jedoch immer oder überwiegend so eintritt, 25 dann handelt es sich nicht mehr um Zufall [symbebekos] und tyche. In der Natur aber geschieht es immer gleich, wenn nichts dazwischen kommt.« [G82]

Zweck, unsichtbarer Kr.2.8.199b26-30

»Unsinnig ist es, deshalb nicht an einen Zweck glauben zu wollen, weil man nicht sieht, wie das, was in Bewegung setzt, überlegt. Denn wenn die Zimmermannskunst in dem Holze steckte, würde das Schiff genauso von Natur aus wachsen. 30 Wenn also im Handwerk Zwecke walten, dann auch in der Natur.« [G82f]

KrK.2.8.199b30

Dass es sinnlich nicht Wahrnehmbares gibt, haben wir bereits gesehen. Unsinnig ist es aber zu schließen, etwas sei, weil es nicht sinnlich wahrnehmbar ist.

Natur und Zweck Kr.2.8199b32-33

»Dass also die Natur eine Ursache ist, und zwar in diesem Sinne der um eines Zweckes wirkenden Ursache, ist augenfällig.« [P95]


1. »Zweites Gesetz. Alles, was Thiere durch den Einfluss der Verhältnisse, denen sie während langer Zeit ausgesetzt sind, und folglich durch den Einfluss des vorherrschenden Gebrauchs oder konstanten Nichtgebrauch eines Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die Nachkommen vererbt ... man sieht ... ein, dass der Strandvogel, der nicht gerne schwimmt, der sich indessen dem Ufer des Wassers nähern muss, um dort seine Beute zu finden, beständig im Schlamme stehen muss. Dieser Vogel nun, der verhindern will, dass sein Körper in das Wasser taucht, macht alle Anstrengungen, um seine Beine auszudehnen und zu verlängern. Es ergibt sich, dass die lange währende Gewohnheit, die Beine auszudehnen und zu verlängern, welche dieser Vogel und alle seiner Race annehmen, bewirkt, dass jene Individuen dieser Race wie auf Stelzen stehen.« Jean Lamarck, Zoologische Philosophie, Jena 1876 (1806?)

2. Charles Darwin, Die Entstehung der Arten, Reclam, Stuttgart Das ist natürlich nur ein kleiner, aber als Prinzip umso bedeutenderer Teil aus der Fülle seiner Entdeckungen. Der »Zufall allein genügt nicht, um einen so hohen Grad von Unterschieden zu erklären, wie er zwischen den Arten derselben Gattung besteht.« Es ist zu wünschen, dass dieses grossartige und fesselnde Werk mehr gelesen würde.

3. Darwin zitiert M. Naudin, reclam, S. 21

4. Da wird selbst Zeus seine Probleme bekommen, denn willentlich notwendig kann er ebensowenig handeln, wie willentlich zufällig. Aristoteles will Empedokles vorführen.

5. a.a.O., S. 11 »Zucht« und »Wahl«, zwei ausschliesslich dem bewussten Handeln vorbehaltene Begriffe für die bewusstlos wirkende natural selection. Ich habe mich allein wegen der falschen Übersetzung dieses zentralen Begriffs jahrelang geweigert, Darwins großartiges Werk zu lesen. Tun Sie nicht dasselbe.

6. Das vierte Wort für Zufall, symbebekos, tyche, automaton, symptoma. Gohlke übersetzt: Zufall, Prantl: nebenbei Erfolgendes, Wagner: blinder Zufall oder Resultieren aus Umständern

7. Grosser Hund: Sternbild am südlichen Himmel

8. Fußnote von 2006 ist verloren.

9. »Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.« Karl Marx, Das Kapital, Band I, Seite 193