Kr.2.6.197a-198a Unterschied zwischen tyche und automaton - KrSc

Ich werde in diesem Kapitel tyche und automaton stehen lassen, wo Ar sie gebraucht, damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann. Die Übersetzer verfahren hier uneinheitlich.

Bis jetzt hat sich Ar noch nicht klar geäussert, welche Rolle der Zufall in der Physik spielt. Er redet um den heissen Brei. Glücklicherweise tut er das so ausführlich, dass wir daraus lernen können. Wir wissen aus dem dritten Kapitel, dass die Form bei Aristoteles aktives Bewegungsprinzip ist und können daraus schliessen, dass es ein zweckesetzendes Wesen in der Natur geben muss, das die Formen bildet und das die Leer-Stelle der Nichtform aus dem ersten Buch einnimmt. Denn dass eine Grösse, die in einer Richtung ohne Ausdehnung ist, gar nichts tut, ist klar. Zunächst aber, völlig übereinstimmend mit unserer Zweiteilung in willentliche und naturgesetzliche Bewegungen:

natürlicher und menschlicher Zufall Kr.2.6.197a36-b3

»Was von ... selbst geschieht, hat einen weiteren Bereich, denn jede Schicksalsfügung [tyche] kommt von selbst, was aber von selbst [automaton] eintritt, ist nicht immer 197b Schicksalsfügung. Diese kann nur solchen begegnen, die auch Glück [eutychia] haben und überhaupt handeln können, weswegen auch die Schicksalsfügung auf dem Gebiete des Handelns liegen muss.« [G74]

tyche < automaton KrK.2.6.197b3

Die tyche spielt sich in einem kleineren Bereich als das automaton ab, weil sich unsere Mittel in Raum und Zeit über einen sehr kleinen Teil des Ganzen erstrecken.

Das automaton ist also 'grösser', oder besser, sein Auftreten zahlreicher als das der tyche.

Das automaton gibt es auch bei Tieren und unbelebten Gegenständen, ohne dass eine Absicht vorliegt; allein bei der tyche muss Zweck und Absicht da sein.

automaton in der Natur Kr.2.6.197b13-23

» Automaton gibt es auch bei den andern Tieren [ausser dem Menschen] und bei vielen 15 leblosen Dingen; so sagen wir, ein Pferd sei automatisch gekommen, weil es dadurch gerettet wurde, es kam aber nicht deswegen. Und der Dreifuss sei heruntergefallen; er lag gerade richtig zum Sitzen, aber nicht deswegen war er heruntergefallen. Man sieht also, dass wir da vom automaton sprechen, wo im Gebiete der einfachen sinnvollen Vorgänge 20 etwas aus äusserem Anlass eintritt, was nicht deswegen geschehen ist. Tyche dagegen liegt da vor, wo etwas automatisch eintritt im Bereich der beabsichtigten Handlungen.« [G75]

tyche nur in der bewussten Natur Kr.2.6.197b32-37

»Am wenigsten aber hat die tyche mit dem von Natur aus Geschehenden zu schaffen, denn wann etwas im Widerspruche mit der Natur geschieht, dann sagen wir nicht, es sei tyche, 35 sondern es sei automatisch geschehen ... von jenem ist die Ursache ausserhalb seiner selbst, von dem von Natur aus Geschenden aber innerhalb seiner selbst.« [P85]

KrK.2.6.197b37

Bis hierher lassen Aristoteles' Ausführungen die Interpretation zu, dass die tyche den menschlichen Dingen und das automaton dem naturgesetzlichen Geschehen untergeordnet sind.

Kr.2.6.198a1-2

» 198a Was also nun das automaton sei und was die tyche, haben wir hiemit angegeben, sowie auch, worin sich beide von einander unterscheiden.« [P85] »Soll man sie in einer der Ursachen unterbringen, so fallen sie beide unter 'Ursprung der Bewegung', da sie immer entweder zu den natürlichen oder von der Vernunft bestimmten Ursachen gehören. Deren 5 Menge ist jedoch nicht zu bestimmen.« [G76]

KrK.2.6.198a5

Zum Abschluss des Kapitels rückt Ar mit der Sprache heraus.

Vernunft und tyche Kr.2.6.198a5-13

»Da also automaton und tyche Ursachen sind, wie sie entweder die Natur oder die Vernunft wirksam werden lässt, sobald Vorgänge von gleicher Art nebenbei verursacht werden, und da die Nebenbedeutung der eigentlichen niemals vorgehen kann, so kann auch die Nebenwirkung nicht ranghöher sein, als die eigentliche. Also müsse 10 tyche und automaton auf niedrigerer Stufe stehen, als Vernunft und Natur. Wenn daher der Himmel auch noch so sehr automatisch entstanden ist, so müssen dennoch Vernunft und Natur vorher am Werke gewesen sein, ganz besonders in diesem Weltall.« [G76f]

MonoPoly oder Pan KrK.2.6.198a13

Automaton und tyche fallen beide als Nebenprodukte unter die vernünftige Natur. Ohne erkennbaren Zusammenhang zum Vorangegangenen taucht die vernünftige Natur auf, so dass der Verdacht naheliegt, Ar habe die letzten Kapitel nur konstruiert, damit sich der Leser die Erklärung selbst daraus zusammenbastelt. Dabei ist es gleich, ob wir nun Zeus nehmen, der von aussen auf die Natur einwirkt oder ob wir die Natur selbst vernünftig machen. Pan-, Poly- oder Monotheismus spielen keine Rolle für uns. Die Vernunft hat der Mensch und sonst keiner. Wann hat er sie? Wenn er das Sein, so, wie es ist, zur Sprache oder zu Papier bringt. Vernunft ist das bewusste Sein.

Wir übernehmen, dass Zufall und Notwendigkeit 'im Rang' niedriger sind als die Ursachen, weil sie nur zwei Eigenschaften der Ursachen sind und nicht selbst Ursachen.

Abrupt verlässt Ar den Zufall und wendet sich wieder den vier Ursachen zu (Die vier Ursachen). nun aber mit einer erstaunlichen Wendung.