Kr.2.5.196b-197a Zufall - KrSc

Zufall in der ersten Bewegung KrK.2.5.196b10

Schauen wir wieder auf den Anfang und dort auf den Teil und das Ganze. Die Bewegungsbahn des einzelnen Atoms lässt sich weder vorhersagen, noch vorherbestimmen, ist zufällig. Es sei denn, man hielte es für eine angemessene Beschäftigung, die Bewegungsbahn des einzelnen Atoms als die notwendige Resultierende aller Bewegungsbahnen aller Atome nachzuweisen. Betracheten wir aber den Raum oder einen Teil des Raums, so ist die Bewegung der vielen Atome im Leeren die erste notwendige Bewegung, die so und nicht anders ist und deren Resultat der Raum mit seinen bereits gefundenen und noch zu findenen Eigenschaften ist. Wenn in der ersten Bewegung der Zufall ist, so ist zu vermuten, dass er auch bei den nachfolgenden Bewegungen eine Rolle spielt.

Zufall ist ein Etwas Kr.2.5.196b10-17

» 10 Erstens nun, da wir sehen, dass einiges immer, anderes wenigstens meistentheils, in der nämlichen Weise geschieht, so ist augenfällig, dass der Zufall oder das Zufällige als Ursache von keinem dieser beiden (weder von dem nothwendig und immer Geschehenden, noch von dem meistehtheils Geschehenden) genommen wird; aber da es auch etwas gibt, was im Widerspruch mit diesem beiden geschieht, und von solchem 15 Alle sagen, es sei zufällig, so ist augenfällig, dass der Zufall und das ... von selbst Eintretende irgend etwas sind, denn wir wissen sowohl, dass das derartige zufällig sei, als auch dass das Zufällige eben derartig sei.« [P77]

KrK.2.5.196b17.a

M, N und F stimmen nicht mehr wie erwartet überein, die Form will nicht zur zugrundeliegenden Materie passen, das Naturgesetz nicht zur Form (Materie - Naturgesetz - Form KrK.2.2.194b15.f). Irgendetwas scheint beim naturgesetzlichen Werden der Form schiefgelaufen zu sein. Nach einigem Hin und Her entdecken wir, dass ein anderes Naturgesetz gewirkt hat oder dass das Ausgangsmaterial nicht mit M identisch war oder/und dass unsere Schlüsse auf falschen Annahmen beruhten usw. Jetzt gehen wir daran, das neue Gesetz zu erforschen oder das alte zu verbessern oder daran, mit anderen Ausgangsmaterialien zu experimentieren. Oft genug müssen wir jedoch passen und die Ursache als zufällig bezeichnen. Im Idealfall sieht es mit diesem Zufall so aus:

Zufall als Abweichung der naturgesetzlichen Bewegung KrK.2.5.196b17.b

Zufällig verursacht ist einmal eine Bewegung, die von einer bekannten naturgesetzlichen oder willentlichen abweicht, deren vermeintlich notwendiger oder beabsichtigter Verlauf bekannt ist. Da bei gegebenen gleichen Bedingungen oder/und Ursachen immer wieder die gleiche Bewegung erfolgt, die die gleiche Form hervorbringt: M N F oder Zw Wi Zi, so ist diese Art des Zufalls durch die Änderungen der Bedingungen und/oder Ursachen bedingt. Sind die geänderten Bedingungen zur neuen Bedingung bzw. Ursache geworden, bekannt, so ist der bisherige Zufall nicht falsch, sondern überflüssig geworden: Der Stein fällt mit Notwendigkeit im Winkel von 90° zur

Erdoberfläche und braucht so und so lange dafür. Zufällig stört der Sturm das Experiment, der Gegenstand beschreibt eine Kurve. Die Untersuchung dieser zufälligen Bewegung zeigt, dass die Fallzeit aus der Höhe h in beiden Fällen die gleiche ist, die Sturmbewegung beeinträchtigt die Dauer des Falls nicht. Die zufällige Bewegung hat die Entdeckung einer notwendigen zusammengesetzten Bewegung ermöglicht.

Zufall und erkannte Notwendigkeit KrK.2.5.196b17.c

In diesem Sinn ist es garnichts Geheimnisvolles zu sagen, der Zufall sei notwendig oder die zufällige Ursache ist naturgesetzlich und notwendig. Das Geheimnisvolle kommt nur daher, dass wir den Zufall zu einer Ursache aufbauschen, wie wir früher die Wärme zu einem Wärmestoff aufgebauscht haben oder heute die Energie zu einem Energiestoff aufbauschen. Denn wenn die Hauptursache einer Bewegung zufällig ist, natürliche Bewegungen durch Naturgesetze bewirkt werden, so ist der Zufall naturgesetzlich; wenn aber das Naturgesetz notwendig ist, so ist der Zufall notwendig. Aber im Moment dieser Erkenntnis wird der Zufall überflüssig.

Der Natur gilt der Zufall ebensowenig wie die Notwendigkeit. Die Natur ist zunächst nur und ist bewegt. Der Zufall erscheint uns geheimnisvoll, weil er als Störenfried auftritt, der die immer wiederkehrenden Bewegungen, die wir als notwendig bezeichnen, durcheinanderbringt.

Denn es kostet uns einige Mühe, eine naturgesetzliche Bewegung zu erkennen, wir gehen oft in die Irre, müssen viele Irrtümer aus dem Weg räumen, um schliesslich einer naturgesetzlichen Bewegung gewiss zu sein. Da halten wir manchmal lange an Urteilen fest, wenn sie sich als Vorurteile herausstellen.

Die Leugner des Zufalls fragen: Ist der Zufall eine Ursache?

Fragen wir dies, so müssen wir auch fragen: Ist die Notwendigkeit eine Ursache?

Wir sagen nämlich: Die Notwendigkeit ist die Ursache des Falls, die Notwendigkeit ist die Ursache der Erkältung, die Notwendigkeit ist die Ursache der chem. Verbindung, die Norwendigkeit ist die Ursache der Sturmflut. So dass also die Erkältung und die Sturmflut die gleiche Ursache haben, meinten wir dies im Ernst. Genauso mit dem Zufall.

Ursache ist notwendig, nicht Notwendigkeit KrK.2.5.196b17.d

Die Notwendigkeit ist genausowenig wie der Zufall eine Ursache, sondern wir unterteilen alle Ursachen in notwendige und zufällige Ursachen, eine Ursache ist notwendig oder zufällig, aber nicht Notwendigkeit oder Zufall. Zufall oder Notwendigkeit haften also einer Ursache an. Ursache ist das Naturgesetz.

Ebenso im menschlichen Bereich. Ursache ist der Wille. Die Frage darf nicht lauten, ob der Zufall eine Ursache ist, sondern ob die Ursache zufällig oder notwendig ist.1 Alle Ursachen sind also entweder zufällig oder notwendig, aber eine Ursache ist weder Zufall noch Notwendigkeit, sondern ein Wille oder ein Naturgesetz.

Notwendigkeit und erste Ursache KrK.2.5.196b17.e

Die erste Bewegungsursache in der Physik ist zugleich der Stoff der Welt, das Volle und sein Doppelgänger bzw. seine Herberge. Die Bewegung der Atome im Leeren als Ganzem ist notwendig. Die Bewegung des einzelnen Atoms ist zufällig. Zufall und Notwendigkeit sind in der ersten Bewegung zugleich und saldieren sich zu Null. Eine Frage der Menge.

Zufall der grossen Zahl KrK.2.5.196b17.f

Man kann die eine Art des Zufalls als noch nicht erkannte Notwendigkeit bezeichnen. Der Zufall wird erst entdeckt, wenn schon mindestens eine notwendige Bewegung erkannt ist, von der er abweicht (Kr.2.8.198b-199b). Dieser subjektive Zufall wird also über kurz oder lang als Notwendigkeit erkannt, die Zufallsseite der Ursache wird immer kleiner, die Notwendigkeitsseite immer grösser. In der Mathematik gibt es heute einen eigenen Teilbereich, die Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der sich dieser Zufall, der auf der grossen Anzahl beruht, quantifizieren lässt. In der Physik die Wärme- oder die Gastheorie. Vieles davon gibt es auch in der Quantenphysik, die in dieser Arbeit jedoch allein von der naturphilosophischen Frage nach der Behandlung des Stetigen und des Diskreten beleuchtet wird. Der Zufall der grossen Anzahl kann - zusammenfassend - vergehen, die Ursache bleibt bestehen.

Zufall der unendlich grossen Zahl KrK.2.5.196b17.g

Dann gibt es noch eine zweite Art des Zufalls, die auch mit der Anzahl zu tun hat. Neben den Hauptbedingungen hat jede Bewegung auch Nebenbedingungen, nämlich wie angeführt, genaugenommen alle Bewegungsursachen im Universum ausser ihr. Die für die Einzelbewegung nicht wesentlichen Ursachen anderer Bewegungen bezeichnen wir auch als zufällig. Was dem Naturphilosoph in Buch 1 Wohltat war, wird dem Physiker hier wieder zur Plage. Jede Bewegung hat nicht nur unendlich viele, sondern alle haben auch (fast) die gleiche Ursache, nämlich den allgemeinen naturgesetzlichen Zusammenhang bis auf sie selbst. Denn wenn wir als brave Sophisten die Bewegung dieses einzelnen Atoms als die Resultierende Bewegung aller Atombewegungen nachweisen können, dann ist die Ursache für den freien Fall dieses Steins ebenso das All. Daher ist es die Kunst des Naturforschers, der sich nicht mit solchen Kindereien befasst, von den unwesentlichen und zufälligen Bewegungsbedingungen abzusehen, um so zu der oder den Hauptbedingungen vorzudringen:

Haupt- und Nebenbedingung Kr.2.5.196b27-29

»dasjenige nun, was an und für sich Ursache ist, ist fest bestimmt, was aber bloss je nach Vorkommniss [symbebekos, Akzidens] , das ist unbestimmbar, denn unbegränzt Vieles könnte an dem Einen vorkommen.« [P77,79]

KrK.2.5.196b29.a

Die Gesamtheit der Nebenbedingungen muss sich demnach so verhalten, dass sie vernachlässigt werden kann. Was nicht vernachlässigt werden kann, ist Hauptbedingung.

Die Hauptbedingungen für den Fall des Steins sind die Massen der Erde und des Steins, ihre Wirkungen auf den Raum um sie. Die Masse der Erde taucht indirekt in der Erdbeschleunigung, die des Steins (und des Raums) auf der Waage auf. Wie wichtig die Vernachlässigung ist, zeigt dieses Beispiel. Die Steinbeschleunigung müsste genaugenommen zur Erdbeschleunigung ins Verhältnis gesetzt werden, was aber die Sache unnötig komplizierte, weil sie fast Null im Verhältnis zur Erdbeschleunigung ist. Etwas anderes wäre es, wenn der Mond auf die Erde fiele. Dann stimmte unsere Schulweisheit nicht mehr, dass alles im Schwerefeld der Erde gleich schnell fällt. Dann bräuchten wir die Weisheit auch nicht mehr.

Während also die eine Art des Zufalls durch die Abweichung der Nebenbedingung und/oder Ursache gekennzeichnet ist, die zur Hauptbedingung und/oder Ursache wird, ist die zweite Art des Zufalls die Beibehaltung der unendlich vielen Nebenbedingungen, die für die gerade vorliegende Untersuchung vernachlässigt werden. Während die erste früher oder später als notwendige Bedingung, Ursache, bzw. Wirkung erkannt wird, wird die zweite unendlich viele und schliesslich die ursachenlosen Anfänge und Prinzipien selbst sind.

Natur, Zweck, Zufall KrK.2.5.196b29.b

Aristoteles' Absicht ist eine andere, sonst hätte er sich selbst mit dem symbebekos aus der Metaphysik zitiert, den Zufall also einfach als nebenursächlich, als Anhängsel der Ursache bezeichnet. Das bietet er jedoch gleich nur als eine von mehreren Möglichkeiten an. Da Natur Ziel und Zweck ist und Zufall Natur, konstruiert er den Zufall in den Zweck, hier ganz unverfänglich das um eines Willen: eneka, hinein und kommt so zu der Gegenüberstellung von Zweck (eneka) und Zufall statt von Zufall und Notwendigkeit. Er sagt das hier noch nicht ausdrücklich, sondern stellt den Zweck in der Natur als blosse Möglichkeit dar. Ich gebe nur einige Textpassagen unkommentiert wieder:

Zufall und Zweck Kr.2.5.196b17-24

»Von allem aber, was geschieht, geschieht das eine um eines Zweckes willen, das andere nicht um eines Zweckes willen ... b21 um eines Zweckes willen aber ist sowohl alles, was durch die Denktäthigkeit als auch alles, was durch die Natur vollbracht wird. Wann nun derartiges bloss je nach Vorkommniss geschieht, so sagen wir, es sei zufällig«. [P77]

Zufall und Zweck Kr.2.5.196b29-33

»Also, wie gesagt, wann bei dem um 30 eines Zweckes willen Geschehenden diess der Fall ist, so nennt man diess ein von selbst Eintretendes und ein Zufälliges; der gegenseitige Unterschied dieser beiden aber ist hernach [C.6] festzustellen; für jetzt mag so viel augenfällig sein, dass beide zu dem um eines Zweckes willen Geschehenden gehören«. [P79]

Zufall und Zweck Kr.2.5.197a5-9

»Also ist klar, dass der Zufall folgendes ist: eine bloss je nach Vorkommniss [symbebekos] seiende Ursache bei demjenigen, was unter dem um eines Zweckes willen Geschehenden in Bezug auf eine Vornahme geschieht; - darum sind auch Denkthätigkeit und Zufall immer bei dem nämlichen Ereignisse beisammen, denn Vornahme ist nicht ohne Denkthätigkeit. - Dass nun die Ursachen, durch welche das Zufällige geschieht, unbestimmbar sind, ist ganz nothwendig. « [P79]

Zufall und Zweck Kr.2.5.197a32-36

»Also beides, sowohl der Zufall als auch das von selbst Eintretende, sind« »Ursachen im Bereich dessen, was nicht schlechthin eintritt 35 oder meistenteils, und zwar muss es sich dabei um zweckvolles Geschehen handeln.« [P81,G74]

Nicht mit uns! KrK.2.5.197a36

Bei den pantheistischen Theologen und den Sozialdarwinisten hat er damit leichtes Spiel. Die tyche trägt stets menschliche Züge. Bei uns kommt er damit nicht durch, zumal die Züge nicht erst seit Malthus und Darwin ihre Unschuld verloren haben. In Platons Gorgias (S.85f=483b-483d) klagt einer der Sophisten über die verweichlichten Demokraten, die den griechischen Staat zu Gunsten der Schwachen und Unfähigen plündern:2

»Die Gesetzgeber aber sind, denke ich, die schwächlichen Menschen und die grosse Masse! In Rücksicht auf sich und ihren eigenen Vorteil geben sie die Gesetze, sprechen sie Lob und Tadel aus. Sie wollen die stärkeren Menschen, welche die Kraft haben, sich Vorteil anzumassen, einschüchtern, damit sie es nicht ihnen gegenüber tun, und sagen deshalb, es sei hässlich und ungerecht, sich Vorteile anzumassen, und das versteht man unter Unrechttun, sich Vorteile vor dem andern anzumassen suchen. Denn sie sind, denke ich, zufrieden, weil sie schwächer sind, wenn sie nur den gleichen Teil behalten. Daher also wird dies durch das Gesetz als ungerecht und hässlich bezeichnet: das Streben, mehr zu haben als die meisten; und dieses nennt man Unrechttun. Die Natur selbst aber beweist, dass es gerecht ist, dass der Stärkere mehr habe als der Schwächere und der Fähige mehr als der Unfähige. Unter vielen anderen Beweisen hierfür zeigt sie unter den Tieren überhaupt und unter den Menschen in ganzen Staaten und Geschlechtern; dass das anerkanntes Recht ist, dass der Stärkere über den Schwächeren herrsche und mehr habe als jener.« Deuschle WBG I S. 352

Man meint, einen Nazi der Weimarer Republik oder eine der heutigen Standort-Deutschland-Heulbojen zu hören. Das Interesse beider, der Nazis wie der Heulboje ist dasselbe: die Senkung der Arbeitskosten auf Null, die Verlängerung des Arbeitstages auf 24 Stunden und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit von der Wiege bis zum Tod. Nur wissen die einen nicht, wie man Interesse schreibt, die andern nur, wie man es zählt. Wie sollten da beide wissen, dass ihr gemeinsames gedankliches Erbe der Idealismus ist.


1. Beim Menschen kommt die Freiheit des Willens hinzu, die man dem Zufall beigesellen könnte. Aber wir wollen die Analogien, die ja die schlechtesen 'Schlüsse' sind, nicht übertreiben, zumal in einer Welt, in der die Willkür einiger gieriger Dummköpfe mit der Freiheit in Eins gesetzt wird.

2. Die linken Sozialdemokraten, die den »wahren Reformen« aus der Vergangenheit nachheulen, seien an die wahren Reformen Bernsteins in »Voraussetzungen des Sozialismus«, erinnert, die vollmundig als »Revision des Marxismus« den Reformismus einläuteten. Ein kläglicher Abgesang des korrumpierten Philisters an alles, was im entferntesten mit Marx zu tun hat. Erbärmliche Schmeichelei an das Bürgertum im Namen der Arbeiter. Abstossende Kumpanei mit den Feinden der Arbeiter im Namen der Arbeiter.