Kr.2.4-195b-196b Kapitel 4 bis 6: Der Zufall - KrSc

tyche und automaton Kr.2.4.195b31-36

»Man sagt aber auch, der Zufall und das [grundlos] von selbst Eintretende1 gehöre zu den Ursachen, und Vieles sei und werde durch den Zufall und das von selbst Eintretende; nach welcher Auffassungsweise nun der Zufall und das von selbst Eintretende unter die obigen Ursachen gehöre, und ob 35 dieselben das nämliche oder von einander verschieden seien, und überhaupt was jedes von beiden sei, ist zu erwägen ... «

bewusster und unbewusster Zufall KrK.2.4.195b36

Auf den ersten Blick scheint es, als kämen uns die Griechen in unserer eben aufgestellten Zweiteilung von naturgesetzlich und willentlich verursachten Bewegungen entgegen, wenn sie zwei Begriffe für den Zufall haben.

Tyche , von der gleichnamigen Glücksgöttin, ist Glück oder Unglück, das einem Menschen widerfährt, good luck oder bad luck: eutychia oder dystychiya (eu=gut dys=miss) also menschlicher Zufall, während das von Selbst to automaton, vorwiegend der unbelebten Natur zugeordnet wird, ohne dass dafür ein besonderer Grund vorzuliegen scheint. Aber auf den zweiten Blick helfen uns diese beiden Begriffe bei unserer Zweiteilung gar nicht weiter. Denn die tyche benutzt Ar sowohl bei willentlichen als auch bei naturgesetzlichen Vorgängen, teils wegen der ursprünglichen Bedeutung als good luck, bad luck beim Menschen, teils wegen der pantheistischen (pan=das Ganze, das All, theos=der Gott) Züge der teleologisch interpretierten Natur. Er benutzt sie, das gleich zu Beginn seiner Ausführungen über den Zufall, in ideologischer Absicht. Da das erste Gegensatzpaar Form-Nichtform nicht so überzeugend war, die Bewegung der Welt zu erklären, wird Ar nun ganz auf den Gegensatz verzichten und die planende Absicht in die Natur hineinschwindeln, indem er der Form ein Ziel andichtet. Denn wenn es in der Welt überhaupt ein Etwas gibt, das der geometrischen Form entspricht, dann tut es gar nichts, ausser da zu sein. Da kommt ihm die doppelte Ausführung des Zufalls gelegen.

Zufall als Ursache? Kr.2.4.195b36-a3

» ... Einige nämlich erheben die Schwierigkeit, ob solches überhaupt existire oder nicht, denn sie sagen, 196a Nichts werde durch Zufall, sondern eine bestimmte Ursache gebe es von allem demjenigen, von welchem wir sagen, dass es von selbst eintretend oder durch Zufall entstehe« [P73] ,

KrK.2.4.196a3

z. B. wenn der fallende Gegenstand durch den Sturm von der erwarteten Bahn abgebracht wird, so ist das kein Zufall, sondern die Sturmursache, die auch wieder eine Ursache hat usw.

Kr.2.4.196a5-8

»und ebenso auch bei dem übrigen, was man zufällig nennt, könne immer Etwas als Ursache erfasst werden, nicht aber der Zufall, da ja, wenn es den Zufall gäbe, dies in Wahrheit als ungereimt sich zeigen würde« [P73,75]

KrK.2.4.196a8

Denn entweder ist er eine Ursache, die selbst ursachenlos ist, was ja nur von den ersten Anfängen/Ursachen gesagt werden kann, oder er wird wie die anderen Ursachen des Naturgeschehens gesehen; dann aber ist er nicht zufällig, sondern notwendig. Oder wenn das Naturgeschehen von einem bewussten Wesen geleitet wird, kommt dabei der willentliche Zufall heraus. So bei Empedokles, der als Einziger den Zufall untersuchte:

Empedokles zum Zufall Kr.2.4.196a22-24

» Er sagt in seiner 'Weltentstehung' :

'So hat es ein Gott [theos, vgl. Zeus] damals gefügt, doch oftmals auch anders'« [G70]

»und auch von den Theilen der Thiere sagt er, dass die meisten zufällig entstehen.« [P75]

die Alten zum Zufall Kr.2.4.196a8-20

Andererseits ist es merkwürdig, dass

»keiner der früheren Philosophen bei der Angabe der Ursachen des Entstehens und Vergehens irgendetwas über den Zufall feststellte, 10 sondern, wie es scheint, auch Jene gar nicht glaubten, dass irgend Etwas zufällig sei. Aber auch diess wieder ist wunderbar; denn vieles wird und ist zufällig und von selbst eintretend, und daher nennen Alle, wohlwissend dass man ein Jedes von dem was geschieht, auf irgend eine Ursache zurückführen kann ... dennoch das eine zufällig, anderes nicht zufällig. Darum hätten auch Jene wenigstens in irgend einer Weise davon Erwähnung machen sollen; aber allerdings glaubten sie auch nicht, dass der Zufall irgend eines von jenen Principien sei, wie z. B. die Liebe oder der Streit oder der Verstand oder das Feuer oder sonst etwas dergleichen. Ungereimt also ist es, sowohl wenn sie annahmen, der Zufall existire nicht, als auch wenn sie bei der Meinung, er existire, ihn übergiengen, noch dazu da sie ihn bisweilen anwendeten. 20 « [P75]

Ganzes aus Zufall Kr.2.4.196a24-28

»Es gibt aber Einige, 25 welche das ... von selbst Eintretende als Ursache auch des Himmelsgebäudes und des gesammten Kosmischen angeben, nämlich ... von selbst trete der Wirbel [dinä] und jene Bewegung ein, welche die Auseinandersichtung bewirkte und das All zu der bestehenden Ordnung herstellte« [P75]

Teil nicht aus Zufall Kr.2.4.196a28-b1

»Dies ist ganz erstaunlich, weil sie dabei lehren, die Tiere und die Pflanzen könnten durch Zufall weder sein noch werden, sondern 30 daran sei entweder Natur oder Vernunft oder sonst dergleichen schuld. Denn es entstehe ja nicht irgend etwas aus einem Samen, sondern aus dem einen ein Ölbaum, aus dem andern ein Mensch; der Himmel dagegen und das Göttlichste, was wir sehen, soll von ungefähr entstanden sein, 35 ohne solche Ursache, wie sie bei Tieren und Pflanzen annehmen. Und doch wäre dies, wenn es wirklich so wäre, des Nachdenkens wert und Grund genug, darüber sich zu äussern.« [G70f]

KrK.2.4.196b1

Leukipp und Demokrit, auf die sich diese Polemik auch bezieht, stehen ja eigentlich für die Notwendigkeit des Naturgeschehens; Aristoteles sieht aber, dass ihre Kosmogonie ohne den Zufall nicht auskommt. Notwendigkeit und Zufall in einem Atemzug! Und noch schlimmer, Natur und Ordnung: Kosmos und Wirbel und Unordnung: Chaos.

das darf nicht sein Kr.2.4.196b1-5

» 196b Zu allem Widersinn in dieser Lehre kommt noch, dass sie von Männern vorgebracht wird, die genau sehen, dass gerade am Himmel nichts von ungefähr geschieht, während in den Vorgängen, die nicht vom Zufall bestimmt sein sollten, gerade sehr vieles zufällig sich ereignet. Es müsste doch gerade umgekehrt sein!« [G71]

Was ist der Zufall? Kr.2.4.196b7-9

»Demnach ist nun zu erwägen, was das ... von selbst Eintretende und was der Zufall sei, und ob dieselben das nämliche oder von einander verschieden seien, und wie sie unter die oben festgestellten Ursachen fallen.« [P73,75]

... KrK.2.4.196b9.a Zufall ist keine Ursache,

Ist der Zufall neben den beiden Ursachen, die wir bisher gefunden haben, Naturgesetz und Wille, eine weitere Ursache? Das 'Vorrecht', Ursache genannt zu werden, hat das Naturgesetz ja nur, weil wir aus der Unzahl der Bewegungsgattungen und - arten einige wenige erkennen, deren Woher und Wohin wir benennen, berechnen und reproduzieren und nach Ursache und Wirkung scheiden können. Zufall und Notwendigkeit sind also zunächst nur zwei Riegel, die dem Quälgeist vorgeschoben werden, der stets nach dem Warum fragt. Denn lautet die Antwort auf das Warum: 'Es geschah aus Zufall', oder 'Es geschah aus Notwendigkeit', dann besitzt sie den gleichen Informationsgehalt wie die Antwort: 'Es geschah eben darum, weil es geschah.'

Der weitaus überwiegende Teil der natürlichen Bewegungen ist uns noch nicht bekannt oder ist für die gerade betrachtete Bewegung nebensächlich. Aber auch diese Bewegungen haben eine Ursache. Da bietet es sich an, die Ursachen in zwei Bereiche aufzuteilen, zufällige Ursachen und notwendige Ursachen.

... KrK.2.4.196b9.b sondern eine Ursache ist zufällig.

Das ändert aber die Fragestellung. Nicht ob der Zufall eine Ursache sei oder nicht, sondern ob eine Ursache zufällig oder notwendig sei. Der Zufall oder die Notwendigkeit sind also Eigenschaften der Ursache. So wie die Bewegung ein Attribut des Atoms ist, ist der Zufall ein Attribut der Bewegung. Der Zufall bewegt so wenig wie die Bewegung atomt, sondern die Bewegung ist zufällig, und das Atom bewegt sich.


1. Gohlke übersetzt tyche und automaton mit »Schicksal und Ungefähr«, Zekl mit »undurchschaubare Schicksalsfügung und Zufall [automaton]«, Wagner mit »Fügung und der leere Zufall«. Prantl richtig mit »Zufall [tyche] und das grundlos von selbst Eintretende [automaton]«. Das »grundlos«, habe ich in den Zitaten weggelassen. Hardie/Gaye: »chance and spontaneity« und Weisse: »der Zufall und das Ungefähr«