Kr.2.3.194b-195b Die vier Ursachen - KrSc

Ursachen, Art und Zahl der Kr.2.3.194b16-23

»Nachdem wir aber nun das Bisherige festgestellt haben, müssen wir die Erwägung über die Ursachen [aitia, Mz. aition] anstellen, wie beschaffen und wie viele der Zahl nach sie seien; denn da die Untersuchung um des Wissens willen ist, wir aber ein Jedes nicht eher zu wissen glauben, als bis wir das Warum bei einem jeden erfasst haben (diess heisst aber eben, 194b20 die erste Ursache erfassen), so ist klar, dass auch wir dieses in Betreff sowohl des Entstehens und Vergehens [genesis und phtora] als auch der gesammten natürlichen Veränderung [metabole oder alloiosis] thun müssen, damit wir die Principien wissen und dann auf dieselben ein Jedes von dem, was wir suchen, zurückzuführen versuchen.« [P67]

Bewegung hat Anfang und Ende KrK.2.3.194b23.a

Nehmen wir eine bereits zusammengesetzte Bewegung, den Wirbel als den Anfang und uns, die wir uns Gedanken über den Wirbel machen als das Ende, so scheint die vom Wirbel bis jetzt aus gesehene alles umfassende Bewegung einen Anfang und ein Ende zu haben und die Bewegung selbst, die sich zwischen dem Anfang und dem Ende abspielt.

Was für das Ganze gilt, gilt für den Teil. Und was für den Teil gilt, gilt für das Ganze, wenn wir den Teil als Teil des Ganzen richtig erkannt haben

Erste Bewegungsursache im Grossen sind das Volle und das Leere. Warum? Darum. Hier hat das Warum keinen Sinn. Anders als beim Wirbel oder bei der Bewegung hier vor Ort. Warum fällt der Stein? Weil er mit Masse mal Erdbeschleunigung angezogen wird. Warum wird er mit Masse mal Erdbeschleunigung angezogen? Weil... Warum... Die Kette der Weils und Warums liesse sich bis zu den ersten Ursachen hin verlängern, wenn es stimmt, dass sich das chemische Atom aus dem Materieatom, die materiellen Gegenstände aus dem chemischen Atom entwickelt haben. Welches das richtige erste Warum ist, hängt davon ab, wie sehr zusammengesetzt die Bewegung ist, wieweit wir zurückblicken und ob wir innerhalb einer Bewegungsart bleiben oder die Umwandlung von einer in die andere Art untersuchen. Die Frage, wie aus der gradlinigen Bewegung des Atoms der Wirbel wird, hat Epikur versucht zu beantworten (Beugung der Atombewegung KrK.8.8.262a12.a). Wir lassen sie vorerst unbeantwortet und nehmen den Wirbel als gegeben hin, verweisen aber schon jetzt darauf, dass der Wirbel nur die dicke träge Materie und nicht das Atom sein kann. Den Unterschied zwischen Bewegung und Veränderung, kinesis und metabole oder alloiosis, werden wir nicht nachvollziehen, sondern stets versuchen, die qualitative Veränderung auf die quantitative Bewegung zu reduzieren, wo es möglich ist. Oder umgekehrt, den Umschlag von der Quantität in die Qualität einer neuen Bewegungsart, wie ihn Hegel, aber auch Aristoteles schildern.

Allerdings werden wir dabei im Gegensatz zu Hegel und mit Aristoteles den Widerspruch vermeiden, weil der das sichere Kennzeichen ist, dass wir etwas falsch gemacht haben.

Bewegung ist zwischen Anfang und Ende KrK.2.3.194b23.b

Jede Bewegung hat einen Anfang und ein Ende und die Bewegung selbst zwischen Anfang und Ende. Den zugrundeliegenden Stoff, eine Ursache und eine Wirkung, die Form. Ganz allgemein untersuchen wir das Woher und das Wohin (Ursache-Wirkung), das Woraus und das Wozu1 (Stoff-Form) einer Sache. Wir fragen also nicht nur nach dem Was (Stoff-Form), sondern auch nach dem Warum (Ursache-Wirkung). Und wenn wir das nicht herausfinden, wenigstens nach dem Wie (und wenn wir das nicht finden, nach dem Wieviel). Beide, das Warum oder das Wie, scheinen irgendwie in allen vier Begriffen zu stecken, weshalb Ar auch nicht so unrecht alle vier als 'Ursache' bezeichnet.

Ursachen: U1 - U4 KrK.2.3.194b23-26

Aristoteles zählt nun seine berühmten vier Ursachen auf:

U1 = Stoff Kr.2.3.194b23-26

1. Das Woraus, die Materie: »Ursache wird erstens der Bestandteil genannt, aus dem etwas entsteht, z. B. 25 die Bronze der Bildsäule und das Silber der Schale und die Gattungen dieser Stoffe.« [G65f]

U2 = Form Kr.2.3.194b26-27

2. Das Wozu, die Form: »nach einer andern Auffassung aber die Form [eidos] und das Muster [paradeigma] , diess aber ist der Wesensbegriff [logos] « [P67]

U3 = Anfang Kr.2.3.194b29-32

3. Das Woher, die Ursache: »ferner heisst Ursache dasjenige, woher der erste Anfang der Veränderung oder 30 der Ruhe ausgeht, wie z. B. der Rathgeber ist Ursache, und der Vater Ursache des Kindes, und überhaupt das Bewirkende Ursache des Bewirkten und das Verändernde Ursache des Veränderten«. [P67]

U4 = Ende Kr.2.3.194b32-a2

4. Das Wohin, die Wirkung: »Viertens endlich das Ziel [telos] ; dieses ist der Zweck [das um Eines willen, eneka] , z. B. für das Umhergehen die Gesundheit. Warum geht jener umher? Wir antworten: 'Damit er gesund bleibt.' und glauben, damit die Ursache angegeben zu haben; 35 und was sich sonst als Mittel zum Zweck dazwischenschiebt, nachdem die Bewegung von einem anderen eingeleitet ist ... 195a Alles dies ist um eines Zieles willen da.« [G66]

U1 = Anfang = zwei Stoffe KrK.2.3.194b23.c

1. Es gibt nicht nur einen Stoff, sondern zwei Stoffe, die Materie und das Leere. Die Stoffe in der richtigen Zusammensetzung stehen am Anfang der Bewegung (s. U3).

U2 = Ende = Zwei Formen KrK.2.3.194b26

2. Es gibt zwei Formen, die Grenze der Grösse (des Teils des Leeren) und die Grenze des materiellen Gegenstands. Die eine ist ewig unbewegt, die andre bewegt und vergänglich. Die Form steht am Ende der Bewegung. Die dritte Form im Kopf, die ideelle Form, werden wir, solange wir es nur irgend können, aus der Physik heraushalten.

U3 = Ursache = Bewegung KrK.2.3.194b29

3. Die dritte Ursache haben wir heute für den Begriff 'Ursache' reserviert. Im Bereich der belebten und unbelebten Natur nennen wir diesen Begriff Naturgesetz, den kleinen Beweger in der Physik. Im Bereich des Menschen nennen wir ihn Willen . Beide Begriffe stehen synonym für den Verlauf einer Bewegung vom Anfang (U1) bis zum Ende (U2, U4). Instinkte, Reflexe und ähnliche Ursachen gehören nicht in die Physik, sondern in andere Wissenschaften. Der menschliche Wille dagegen spielt sehr wohl eine Rolle in der Physik, da der Mensch die Naturkräfte willentlich auf ein bestimmtes Ziel wirken lässt.

U4 = U2 = Ende = Ziel KrK.2.3.194b32

4. Das Ziel ist das Ende der Bewegung. In ihm erlangt der Stoff seine Form. Einen Zweck, ein um Eines Willen als Ziel gibt es nur im ideellen Bereich, weil es nur dort einen Willen gibt. Wo also das gedachte, gewünschte, begehrte Ende der Bewegung an den Anfang gesetzt werden kann, beim Menschen und bis zu einem gewissen Grad auch bei Tieren, etwa beim Löwen, der sich das Zebra als ein leckeres Abendmahl vorstellt, aber dann, wenn er von der Potenz zum Akt schreiten will, eins vor den Latz geknallt bekommt und darüber nun vielleicht doch ins Grübeln gerät, ob die an den Anfang gestellte Form wirklich die 'reine Aktualität' ist. Ziel und Form sind identisch oder doch weitgehend identisch, etwa wenn Polykleites die Form des Hermes wie vorgenommen aus dem Marmor meisselt. Ziel fällt in der Physik weg. Aber im letzten Absatz steht doch das Gegenteil! Das stimmt. Das Ziel beim Aufbau eines Experiments ist es, die Natur selbst sprechen zu lassen und nicht, ihr unsere Vorstellungen von der Natur aufzuschwatzen. Mit anderen Worten, das gute Experiment zeichnet sich dadurch aus, dass sich unsere Ziele mit den Naturgesetzen wie Eins : Eins verhalten. Das Ziel oder das Ende der naturgesetzlichen Bewegung im Experiment wird erreicht, wenn das Naturgesetz wirkt und nicht wenn wir wollen, dass das Naturgesetz wirkt.

Für die Bewegungen an unserem Ende der Bewegung des Ganzen gilt also dasselbe wie für die erste Bewegung des Ganzen. Sie alle haben einen Anfang, ein Ende und die Bewegung selbst zwischen dem Anfang und dem Ende.

Mensch und Natur KrK.2.3.195a2.a

Es gibt ähnliche Gemeinsamkeiten zwischen natürlichen und vom Menschen geschaffenen Gegenständen. Der Mensch gibt seinen Gegenständen eine Form, wie auch die von Natur entstehenden Gegenstände eine Form bekommen; der Mensch stellt sich die Gegenstände gemäss seinen Zwecken her; auch die Naturgegenstände sind in vielfacher Weise zweckmässig an ihre Umgebung angepasst und scheinen den Zweck als Ziel zu verfolgen; die Form des Gegenstandes steht vor der Herstellung fest, der Mensch hat ein Bild des Bettes im Kopf, bevor es fertig ist; bei den von Natur aus entstehenden Gegenständen - etwa einem Menschen - weiss man vorher auch ungefähr wie er aussehen wird; man kann also bei beiden nach der Produktion eindeutig feststellen, ob es sich um einen Menschen oder um ein Bett handelt. Einmal handeln Naturgesetze, das andere Mal der denkende und arbeitende Mensch. Beide Vorgänge finden in derselben Natur statt.

Wille KrK.2.3.195a2.b

Betrachtet man die Gemeinsamkeiten näher, so sieht man, dass bei den Gegenständen, die der Mensch herstellt, der Wille, die planende Absicht eine Rolle spielt, was beim natürlichen Werden nicht ist. Strenggenommen bleiben nur die Gemeinsamkeiten, dass beide Werdevorgänge den gleichen Naturgesetzen unterworfen sind und beide an materiellen Gegenständen stattfinden.

Der Mensch und der Stein sind beide aus der gleichen Materie, im selben Raum und mit dem Leeren zugleich. Dagegen verläuft das Werden ausserhalb des Menschen nach dem Naturgesetz, während der Mensch ein Werden nach seinem Willen bewirken kann. Beides sind natürliche Bewegungsursachen, so dass wir Aristoteles' oben gegebene Definition der »Natur [als] ein Prinzip und Ursache des Bewegens und Ruhens2« [ Ph.2.1.192b21 ], differenzieren müssen, wenn der Mensch zur Natur gehört.

Wir trennen also Wille und Naturgesetz als die beiden natürlichen Bewegungsursachen, sonst müssten wir uns Gedanken wie Antiphon darüber machen, »dass, falls man einen Stuhl vergrübe und die Feuchtigkeit so viel Kraft bekäme, um einen Blättersprössling hervorzutreiben, dann ja nicht ein Stuhl, sondern Holz entstünde.« [Kr.2.1.193a9-17, P57]

Formen und Ziele KrK.2.3.195a2.c

Ist das Naturgesetz der kleine Beweger, so ist der Wille der kleinste Beweger, weil er sich dem Naturgesetz beugen muss. Dafür ist er aber im Gegensatz zum Naturgesetz, das nur eine Aufgabe beherrscht, ein Generalist, der potentiell unendlich Vieles bewegen kann. Der Wille kann mit den ideellen Formen, etwa den geometrischen Grössen oder den Begriffen, tun, was die Natur ausser ihm nicht kann, nämlich die Form, die am Ende der Bewegung ist, an den Anfang setzen. Da Stoff, Wille und Form einander entsprechen müssen, will der Mensch den Stoff zweckgemäss formen, genau wie Stoff, Naturgesetz und Form denselben Umfang haben, da der Mensch die Form verallgemeinern und als Begriff des Gegenstandes vom Gegenstand lösen kann, wenn er sie kennt oder zu kennen glaubt, da er die natürlichen Bewegungen in Gedanken aus der Zeit herausnehmen kann, kann er noch einen Schritt weitergehen: Da Dinge, die denselben Umfang haben und nicht in der Zeit sind oder die nicht bereits im Werden befindlich sind, vertauscht werden können a = b b = a, so kann der Mensch diese von ihm geschaffenen begrifflichen Formen an den Anfang einer Bewegung stellen, das physikalisch Unmögliche möglich machen und den zeitlichen Verlauf umkehren.

Er kann die begriffliche Form, das Ende an den Anfang setzen, ohne gleichzeitig die für die Bewegung nötige Materie haben zu müssen. Er kann Dinge nach seinem Bild, der Form im Geist erzeugen.

Mehr noch, er kann etwa in der Chemie aus den Formen auf die stoffliche Zusammensetzung schliessen, kann durch die naturgesetzliche Verbindung der materiellen Teile der von ihm richtig oder falsch erkannten Formen neue Formen oder Gesetze entdecken

ideelle Umkehr des zeitlichen Verlaufs KrK.2.3.195a2.d

Das Naturgesetz als Mittler zwischen Form und Stoff war den Griechen noch nicht bekannt. Das Werden der Wesen erklärten sie sich aus dem einen oder dem anderen, aus Form oder Stoff. Für uns wichtig ist hier nur, dass wir eine ideelle Umkehr des zeitlichen Verlaufs mit Hilfe des Naturgesetzes bewerkstelligen können. Wir können nicht nur vorhersagen, was unter gegebenen Bedingungen das Ergebnis einer Bewegung sein wird. Wir können auch mit den entsprechenden Hilfsmitteln diese Bewegung selbst erzeugen. Das tun wir bei der Arbeit, der Kunst und Wissenschaft sowie in allen zwischenmenschlichen Dingen.

Idealismus Platons KrK.2.3.195a2.e

Aristoteles lehnt den Idealismus Platons ab und sagt, dass die Formen der Dinge nicht von den Dingen getrennt sind. Er sagt, die Formen existierten nicht getrennt von der Materie, sowenig wie der Stoff von sich selbst getrennt ist, sondern hafteten allein an den materiellen Dingen. Es gibt keinen 'getrennten' Menschen neben diesem Menschen hier. Gäbe es die 'Idee Mensch' oder die 'Form Mensch' getrennt von diesem individuellen Menschen, so, wie es Hunde und Katzen gibt, so wäre sie. Wenn es aber von allem, was ist, die Idee gibt, so müsse es auch die Idee der Idee geben, auch die müsse sein usw. ins Unendliche. Die ausführliche Kritik an Platons Formen oder Ideen steht in der Metaphysik 2006-> oder in Platons Parmenides , wo Parmenides ähnlich polemisch gegen die Ideen des jungen und eingeschüchterten Sokrates argumentiert und sich darüber hinaus noch über das andere Spielzeug Platons, das 'Eins' der Pythagoreer amüsiert. <-2021 Da habe ich den Zugang zum Eins des Parmenides noch nicht gefunden.

Idealismus Aristoteles' KrK.2.3.195a2.f

Aristoteles macht nun etwas ähnliches oder das gleiche, eigentlich sogar etwas Schlechteres als sein Lehrer, die erste Abkehr von der Unschuld des Idealismus. Er erklärt die Formen zum Bewegungsprinzip der Natur. Hat man die Formen zum bewegenden Prinzip der Natur gemacht, muss man der Natur menschliche Attribute, einen Willen, planende Absicht unterstellen, weil ein Dreieck weder Beine, noch ein Gehirn hat. Mit dem Dreieck kann man aber wenigstens rechnen, mit dem Willen der Natur nicht.

Seele KrK.2.3.195a2.g

Die Seele, daran müssen wir unseren Lehrer erinnern, gibt es nur in der organischen Natur. Und die vernünftige und unvernünftige Seele nur beim Menschen. Wäre die Natur selbst ein beseeltes Wesen, so könnte sie sich Ziele setzen. Das Ziel als Zweck am Anfang der Bewegung gibt es nur beim Menschen. Da unsere ganze Philosophiegeschichte ein einziges Umlügen dieser Tatsache ist, indem die Form an den Anfang gesetzt wird, sei es noch einmal hervorgehoben.

Untersuchen wir also einmal den Zusammenhang zwischen den Ursachen und Wirkungen, die allein den Menschen, denen, die allein die Natur und denen, die beide betreffen.

Die vom Menschen willentlich zu seinen Zwecken verursachten Bewegungen, die zu einem bestimmten Ziel führen sollen, lassen sich wie die naturgesetzlichen Bewegungen als Einheit darstellen.

Auch hier verwundert zunächst, dass der zeitliche Verlauf der Zeichnung zu widersprechen scheint. Logisch gesehen handelt es sich jedoch nur um ein Jetzt, in dem der Zweck willentlich das Ziel zu erreichen beginnt oder das letzte Jetzt, in dem er es erreicht, das Werden des Wesens beginnt oder vollendet wird oder irgend ein Jetzt dazwischen, solange es nur ein Jetzt ist, in dem alle drei eine Einheit sind. Wir müssen diese Einschränkung zunächst machen, wenn wir mit diesen Begriffen logisch umgehen wollen. Denn natürlich gilt die Umfangsidentität auch, wenn wir eine Zeit zwischen zwei Zeitpunkten herausgreifen. Da die Zeit aber einen Anfang und ein Ende hat, verdoppeln bzw. verunendlichfachen wir das Problem nur. Wie diese Einheit von Zweck, Wille und Ziel in einem Zeitpunkt vor sich geht, ohne die Gesetze der Logik zu verletzen, die mit dem Jetzt sehr pingelig ist, kann erst später geklärt werden (Kr.6.231-241). Hier genügt: Wir können das ideelle Bild des Stuhls im Kopf des Schreiners an den Anfang setzen, die Arbeit am Stuhl in die Mitte und den fertigen Stuhl, der dem Bild entspricht, ans Ende. Das beweist die Erfahrung, die jeder Mensch mehrere Jahrzehnte fünf Tage in der Woche bei der Arbeit macht.

Die Umfangsidentiät von Zweck und Ziel lässt die beiden in einem ähnlichen Zwielicht erscheinen wie Stoff und Form oder Ursache und Wirkung, das WennDann in der Logik, weil man sie nicht so recht auseinanderhalten kann. Setzen wir die drei Paare gegenüber, so steht einem Woher ein Woher, einem Warum ein Warum und einem Wohin ein Wohin gegenüber.

Mensch Natur
Woher : Zweck Materie
Warum : Wille Naturgesetz
Wohin : Ziel Form

Bedingung-Ursache-Wirkung KrK.2.3.195a2.h

Die linke Seite entspricht dem Menschen, die rechte der Natur ausser dem Menschen. Da der Mensch ein Teil der Natur ist, brauchen wir nur noch die übergeordneten Kategorien zu benennen, denen beide Bewegungen M N F und Zw Wi Zi gehorchen. Es sind die Ursache als das Bewegende und die Wirkung als Ergebnis. Fehlt noch eine, das Woher: die Bedingung oder das Zugrundeliegende.

Der menschliche Wille ist wie das Naturgesetz »Ursache(n) des Sichbewegens und Ruhens« (Kap.1), der Zweck wie die Materie ist die Bedingung (das Zugrundeliegende) der Bewegung, und das Ziel ist wie die Form die Wirkung. Für beide Bewegungen, naturgesetzliche und willentliche gilt also

Bedingung-Ursache-Wirkung:

Und im Zusammenhang:

Mensch Alles Natur
Woher: Zweck Bedingung Materie
Warum: Wille Ursache Naturgesetz
Wohin: Ziel Wirkung Form

Für alle drei gilt: Erst einmal muss etwas da sein, materiell oder ideell,3 das sich bewegt oder verändert. Dann kann eine Bewegungsursache auf das Zugrundeliegende wirken, und schliesslich kommt dabei ein Ergebnis heraus. Die Gattung Bedingung-Ursache-Wirkung steht über den beiden Arten Stoff-Naturgesetz-Form und Zweck-Wille-Ziel, weil Form und Ziel beides Wirkungen sind, Naturgesetz und Wille beides Ursachen und Materie und Zweck beides Bedingungen oder Zugrundeliegendes. Die Schwierigkeit in der Betrachtung, sowohl im menschlichen, als auch im natürlichen Bereich, liegt darin, dass Stoff und Form, ebenso wie Zweck und Ziel, im Umfang identisch sind. Und wir daher mit diesen Begriffen logisch eigentlich nicht hantieren dürften, weil in der Logik die Teile und das Ganze immer von der gleichen Art sind und zum andern der Teil immer kleiner als das Ganze ist. Die Darstellung in logischen Schlüssen dient hier nur der Veranschaulichung.

2016: Der nachstehende Rekonstruktionsversuch in Blau steht nicht im Buch. Dort frage ich Seite 78: »Wo ist 232-235?« und nenne es jetzt »195a2.i«->

Wo ist KrK.2.3.195a2.i ?

KrK.2.3.195a2.i muss noch erarbeitet werden, 09/2008: das war die Physik-Analytik<-weg!, 01/2012: Dass ich PAN (Physik-Analytik) rausgenommen hatte, lag vielleicht daran, dass ich »gefühlt« habe, dass das gemeinsame Auftreten von Stoff und Form in der Logik unangebracht ist.<-PAN weg!! 21.01.2016 ->Das war ein Irrweg. Da hatte ich versucht, eine Art »Einursachelogik« zu etablieren, bei der es nur ja oder nein gab. Die Gegenüberstellung des idealistischen und des materialistischen Modells anhand der vier Ursachen (die ich nicht gelöscht habe) war dann eine Art Erläuterung dieser Logik. Die Manuskripte meiner »Einursachenlogik« sind vernichtet.

Der hier von mir ausgelassene Teil ist 195a3 bis 195b16. Das sollte vielleicht als einzige Information hier stehen. Der Versuch, einen Überblick über das Zusammenspiel der Ursachen zu geben, muss schon aus dem Grund scheitern, dass die Form und der Stoff keine Wirkungen aufeinander ausüben können, weil sie getrennt sind, der Stoff nie förmlich, die Form nie stofflich sein können. Leisten sie einander Stellvertreterdienste, wie die Form in der Logik als Ganzes oder als Teil auftritt oder der Stoff in der Mathematik als Träger der Formen fungiert, so tun sie das immer unter Ausschluss des jeweils anderen und nicht in Kooperation. <-21.01.2016

KrK.2.3.??

Zusammenspiel der vier Ursachen

Die Ursachen in Physik (Elemente Feuer, Wasser usw. als Ursachen der Körper), Logik (Prämissen Ursachen des Schlusses, Teile als Ursachen des Ganzen) und im ideellen Bereich (das von selbst Gute, auto agathon und das nur gut Scheinende, phainomenon agathon).

Naturgemäss ist bei den zusammengesetzten Bewegungen, die sich vor unseren Augen abspielen, die

Kr.2.3.195a29-35

»'Ursache' ... ein vieldeutiges Wort, und selbst unter 195a30 den artgleichen Ursachen gibt es wieder Rangunterschiede, z. B. Ursache für Gesundheit ist Arzt und Künstler, für die Oktave das Doppelte und die Zahl überhaupt«. [G67] Eine Ursache kann als Einzelursache oder als Teil einer Ursachenart oder -gattung wirken, »z. B. ist Ursache des Bildwerks in einer Weise Polykleitos, in anderer Weise ein Bildhauer, weil dieser 35 Bildhauer gerade Polykleitos heisst.« [G67f]

KrK.2.3.195a35

Aristoteles vertieft bzw. verflacht den Gedanken noch, indem er alle Einzelursachen und Ursachenarten noch in mögliche und wirkliche Ursachen unterteilt, worauf wir hier nicht eingehen, da wir uns ja schon auf das Naturgesetz als die Ursache in der Physik festgelegt haben. Wichtig ist dagegen die Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung.

Ursache und Wirkung sind gleichzeitig Kr.2.3.195b17-20

Sei es in einem Jetzt, sei es in einer Zeit, »die wirkliche Einzelursache [ist immer] zugleich mit ihrer Wirkung da, z. B. dieser wirkende Arzt mit diesem behandelten Kranken und dieser Baumeister 195b20 mit diesem Bauwerk«. [G68]

Stetiges und Diskretes KrK.2.3.195b20.a

Das Verhältnis des Stetigen zum Diskreten. Die Umfangsidentität von M, N, F ist genau an eine der beiden Bedingungen gekettet: M, N und F werden genau in einem einzigen Zeitpunkt betrachtet, oder M, N, und F werden genau zwischen zwei auseinanderliegenden Zeitpunkten betrachtet. Denn die Form ist genau so gross und stets am selben Ort wie die sie tragende Materie, das Naturgesetz wirkt auf das ganze Wesen, vom ersten bis zum letzten Atom. Das kann in einem Zeitpunkt sein oder in einer Zeit. Ist es in einer Zeit, so müssen M, N und F in jedem Zeitpunkt einschließlich des ersten und des letzten einander entsprechen. Betrachten wir die Materie und die Form im nächsten Moment, das Naturgesetz im dritten, so wäre der Schluss falsch, das »=« dürfte nicht da stehen. Da ist die Logik unerbittlich, und wir müssen uns ihr beugen, selbst, wenn wir mit Zenon erkennen müssen, dass es in einem Zeitpunkt überhaupt keine Bewegung geben kann.

Im ersten Fall müssen wir wissen, was in einem Zeitpunkt ist, im zweiten wenigstens, was in zwei Zeitpunkten passiert. In jedem Fall benötigen wir einen Zeitpunkt. Oder anders gesagt, die Bewegung in einem Zeitabschnitt kann logisch erst gefasst werden, wenn sie in einem Zeitpunkt gefasst ist, oder noch anders, die Stetigkeit erkennen wir erst, wenn wir den diskreten Punkt erkennen, vorher nicht.

Idealismus und Materialismus KrK.2.3.195b20.b

Ein weiteres Problem, auf das wir oft zurückkommen müssen, ist das Verhältnis von Idealismus und Materialismus. Seit Platon und Aristoteles treten die beiden Modelle in Konkurrenz zueinander auf. Jedes behauptet von sich, die Welt allein und allein richtig wiederzugeben. Der Idealismus setzt ein bewusstes Wesen an den Anfang, der Materialismus die Materie und das Leere.

Idealistisches Modell KrK.2.3.195b20.c

Das idealistische Modell der Physik dreht die tatsächliche Reihenfolge um und setzt das Ende an den Anfang.

Im idealistischen Modell verursachen Zweck, Wille und Ziel die naturgesetzlichen Bewegungen. Zweck, Wille und Ziel gibt es jeweils einmal am Anfang. Das Naturgesetz, der Zufall und die Notwendigkeit sind willentlich verursacht. Wissenschaft ist mit diesem Modell entweder nicht möglich oder beruht auf falschen Prämissen, weil die naturgesetzlichen Bewegungen nicht willentlich verursacht sind.

materialistisches Modell KrK.2.3.195b20.d

Im materialistischen Modell stehen unter dem Sein die Materie, das Naturgesetz und die Form am Anfang und wir mit unseren unendlich vielen Wünschen am Ende. Im materialistischen Modell kann der Mensch auf das Naturgeschehen zurückwirken, im idealistischen ist er ihm ausgeliefert. Der Idealismus, der ein geistiges Prinzip, die Idee, die planende Natur oder Gott an den Anfang stellt, ist mit Aufkommen der modernen Naturwissenschaften nicht nur zum Anachronismus geworden, er macht den Menschen zur willenlosen Kreatur ohne Zweck und Ziel. Wenn auch die menschlichen Bewegungen bis hin zum Begriffebilden unendlich komplizierte Bewegungen sind, so sind sie doch naturgesetzliche Vorgänge, weil sie sich in ein und derselben Natur wie der Fall des Steins oder die Bewegung des Atoms abspielen und nicht in einer anderen und letztlich auf ein und dieselben Bewegnugsursachen führen wie dieser. Diese Erkenntnis, dass wir uns vom Atom, das nur eine einzige Bewegung in nur einer einzigen Richtung zustandebringt, emporgearbeitet haben zum vernünftigen Denken, lässt mich Ehrfurcht vor dem menschlichen Denken empfinden. Im idealistischen Modell sind die naturgesetzlich verursachten Formen unzusammenhängend nebeneinander und führen letztliche auf ein persönliches Wesen, das der Natur seinen Willen aufzwingt. Im materialistischen Modell haben wir unter dem Sein drei Dinge, nämlich den naturgesetzlichen Zusammenhang, der der Materie die Formen gibt. Und wir haben unendlich viele Formen, mit denen wir spielen und experimentieren können, um dem allgemeinen naturgesetzlichen Zusammenhang auf die Spur zu kommen.

(...)

Abschluss der Ursachen Kr.2.3.195b30

»Wie viele Ursachen es gibt, und auf welche Weise sie Ursachen sein können, 195b30 sei hiermit geklärt.« [G69]

Überleitung zum Zufall KrK.2.3.195b30

Bedingung, Ursache und Wirkung der naturgestzlichen Bewegung geklärt, fragen wir stets erneut nach dem Warum der Bewegung. Da jede das Produkt einer unendlichen Folge von Bewegungen ist, wenn die Welt unendlich in der Zeit ist, lautet die Antwort oft »Ich stelle keine Hypothesen auf« oder »Ich weiß es nicht« oder »Eben darum«, drei Antworten mit der gleichen Information. Die Bewegung der Atome im Leeren führt ja auch nicht schnurstracks zu Keplers oder Newtons Formeln oder Goethes Dramen. Der weitaus überwiegende Teil der Bewegungsursachen ist unbekannt. Dennoch muss jede Bewegung eine Ursache, jeder Gegenstand einen besonderen Anfang haben. Aristoteles' Forderung:

Prinzip des Forschens Kr.2.3.195b21-22

» 195b21 Man muss für jeden Gegenstand nach der obersten Grundlage forschen, wie man ja auch sonst bis zum Ende vordringen soll« [G59] ,

KrK.2.3.195b22

stößt also bei den konkreten Bewegungen bald auf eine Grenze, wenn wir im eben entwickelten materialistischen Modell bleiben. Dieses Modell hat einen Nachteil gegenüber dem idealistischen Modell: Es fehlt die Willkür am Anfang, die die Dinge einmal so, einmal anders laufen lässt.

Wir sind bisher stillschweigend davon ausgegangen, dass die naturgesetzlichen Bewegungen so und nicht anders, mit Notwendigkeit verlaufen. Denn gäbe es keine Notwendigkeit, so gäbe es kein Naturgesetz, mit dem sich mit Gewissheit der Ablauf der Bewegung vorhersagen ließe. Dass es die Notwendigkeit gibt, kann und muss nicht bewiesen werden. Wenn wir uns aber eine ehrliche Rechenschaft darüber ablegen, was die Notwendigkeit ist, so wird uns außer den Größenverbindungen in der Logik und der daraus folgenden Notwendigkeit in den mathematischen Dingen nicht viel einfallen. Aber mehr brauchen wir auch nicht. Die Notwendigkeit, so viel können wir hier in der Physik sagen, ist eine Ursache dafür, dass etwas so und nicht anders ist oder eine Ursache dafür, dass sich etwas so und nicht anders bewegt. Wären aber jedes Seiende und jede Bwegung gleich notwendig , so könnte keine Entwicklung und Veränderung stattfinden. Gleiches erzeugte stets Gleiches. Die Gattungen und Arten der Elemente, die Himmelskörper oder Lebewesen wären entweder ewig oder durch den göttlichen Schöpfungsakt in die Welt gekommen.

Da die naturgesetzliche Bewegung nicht umkehrbar ist, bei gegebenen Bedingungen zwar diese und keine andere Form herauskommt, viele Ursachen aber diese Form bewirken können: so wird es uns in vielen Fällen trotz größter Mühe nicht gelingen, von der Form auf die zugrundeliegende Materie zu schließen, die Ursache einer Bewegung zu finden, oder aber eine Bewegung verläuft anders als es das Naturgesetz oder der Wille erwarten ließen, eine andere Form entsteht, eine andere Wirkung tritt ein.

Diese Überlegungen führen zu der Betrachtung des Zufalls.


1. Im Sinne von: Wozu wird etwas? Nicht im Sinne von: Wozu soll das gut sein?

2. 2016: im gedruckten Exemplar [P55]: »Natur [als] ein gewisses Princip und Ursache des sich Sichbewegens und Ruhens«

3. Wobei, wie mehrfach gesagt, das »materiell« nicht ein Gegensatz zum »ideell« ist. Der Gegensatz zur Materie ist das Leere. Was die Idee ist, wissen wir noch nicht. Wer darauf beharrt, dass sie immateriell ist, beharrt darauf, dass seine Idee die Leere ist. Ehrlich währt am längsten.