Kr.2.192-200 Das Ende der Bewegung - KrSc

Blick zurück

Denn wenn wir mit Vernunft von den Bewegungen der uns umgebenden Dinge reden wollen, dann können wir das nicht mit der Ursuppe der ungeformten Materie tun, weil wir ja in ihr schwimmen und nun das Schwimmende, nicht das Wasser betrachten. Wir können die »Kurspflege«1, die dichterische Inspiration oder den freien Fall nicht mit der Bewegung der Atome im Leeren erklären. Um die zusammengesetzten Bewegungen zu erklären und die Gier, die Muse oder die Erde als Ursachen zu benennen, müssen wir ein paar Milliarden Jahre überspringen oder uns an den Beckenrand stellen.

Die beiden Anfänge erklären die erste und einfachste Bewegung, die den dritten Anfang ergibt. Wie der materielle und der nicht materielle Anfang des Seins, so ist er der Anfang aller weiteren Bewegung. Die nachfolgenden Wissenschaften hier vor Ort, am anderen Ende der Zeit, an dem der Mensch, sei es Aristoteles oder Sie, über den Anfang der Zeit nachdenkt, müssen je nach Zweck, ihre eigenen Ursachen und Anfänge betrachten, bei denen das Leere und die Materieatome nur noch in mittelbarer Weise oder überhaupt keine Rolle mehr spielen. Andernfalls müsste für jede Ursache, etwa die Ursache des Vogelflugs nach Süden im Herbst die Kette aller Ursachen und Bewegungen aufgereiht werden, es wäre also nichts gewonnen. Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben, käme der Vogelflugerklärer zwar im Unendlichen oder nach ein paar Milliarden Lichtjahren bei Atome/Raum/Leeres an, aber Airbus und Storch hätten dieselbe Ursache ihres Fluges.

Betrachten wir nur unsere allernächste Umgebung, so finden wir uns von einer Unzahl unterschiedlicher Dinge und Bewegungen umgeben. Das Wasser fliesst, der Vogel fliegt, der Stein fällt, der Wind weht, die Stimme ertönt, die Jungfrau errötet, der Mensch denkt.

Wir suchen nun nach den Gemeinsamkeiten dieser Dinge und Bewegungen. Das bedeutet, wir betreten ein Gebiet, in dem sich die Fehler im Denken häufen. Denn die Dinge und Bewegungen, die uns umgeben, sind unendlich zusammengesetzt, haben eine unendliche Geschichte hinter sich und somit unendlich viel zu erzählen. Folglich müssen die allgemeinen Begriffe, die wir uns von ihnen gebildet haben, unendlich vieles weglassen und stark vereinfachen. Da bringt man schon einmal etwas durcheinander.

So wurde zum Beispiel bei dem Begriffspaar Ursache und Wirkung die Wirkung über die Jahrhunderte mit der Ursache vertauscht, indem die Form, die doch gar nichts tut, ausser da zu sein, als die Ursache erklärt wird. Bei Aristoteles und Platon ist das noch zum grösseren Teil historisch bedingt, zum kleineren ideologisch. Heute sind die Denkfehler zum weitaus grössten Teil ideologisch, zum kleinsten Teil historisch bedingt. Denn gemessen an der Quantität der wissenschaftlichen Entdeckungen dürften uns eigentlich keine grösseren Fehler im Denken mehr unterlaufen. Aber dem Fortschritt der Wissenschaften entspricht leider ein künstlicher Rückschritt in der Wissenschaft des Denkens, den böse Zungen als Verdummung bezeichnen. Bei den Griechen gab es ausser der Astronomie, Geometrie, der Logik, der Ontologie, dem Hebelgesetz und der Verdrängung noch keine Naturwissenschaften und -gesetze, die die vielen Formen und Bewegungen der Dinge erklären. Heute haben wir die Wissenschaften, aber haben das Denken abgeschafft. Ein guter Schritt nach vorn dabei war die Leugnung des Raums kurz vor der Enthüllung seiner Geheimnisse.

Im ersten Buch waren die Bewegungen und Materieteile nur Teile des noch völlig unstrukturierten Ganzen. Das Erkannte steht noch auf recht wackligen Füssen, weil sich das Leere und das Materieatom den Sinnen entziehen, noch nicht belegte und vielleicht nie belegbare Hypothesen sind. Die ersten Dinge waren einfach, nämlich das Leere bzw. zweifach, Materieteilchen und Leeres bzw. dreifach zusammengesetzte Materie, Raum und Leeres.

Jetzt gehen wir den umgekehrten Weg und untersuchen die zusammengesetzten Dinge und Bewegungen, wie der Mensch sie wahrnimmt und sich seinen Reim darauf macht. Wir schauen vom Ende in Richtung Anfang.

Die erste Unterscheidung von Buch 1 und Buch 2 ist also rein zeitlich:

Buch 1: Anfang der Bewegung, einfache Bewegung, Volles, Leeres.

Buch 2: Ende der Bewegungen, zusammengesetzte Bewegungen, Begriffe über den Anfang der Bewegung bilden oder Wissenschaft treiben.

In beiden Büchern geht es um die Bewegung des Ganzen und seiner Teile. Im ersten Buch ist es jedoch allein die erste Bewegung der unstrukturierten Materie oder der ersten Materiestruktur oder des ersten Materieaggregats, des Raums, des Anfangs aller weiteren Bewegungen. Das Ganze und die Teile sind hier noch völlig homogen, Hesiods Chaos. Im zweiten Buch suchen wir nach den Gemeinsamkeiten aller Bewegungen der zusammengesetzten Teile des Ganzen, die sich seit dem Anfang vor einigen Milliarden Jahren bis heute gebildet haben. Diesmal vom Ende aus zurück zum Anfang. Hier können naturgemäss nur ganz allgemeine und ungenaue Angaben gemacht werden. Wir dringen nur so weit zum Anfang zurück, wie es die jeweilige Betrachtung erfordert. Die Genealogien, das Werden und Vergehen der chemischen Elemente, der Gattungen und Arten der Himmelskörper, der Kontinente, der Lebewesen oder der Abschnitte der Menschengeschichte oder gar des Denkens erfordern jeweils andere Zeiträume und andere Bewegungsarten als die Betrachtungen der jetzt und hier vorhandenen Gattungen und Arten und der zugehörigen Bewegungen dieser Dinge. Ihr Sein, die Entstehung, die Entwicklung oder die Bewegung untersuchen wir entweder im Hier und Jetzt. Das wären die sammelnden und sichtenden Einzelwissenschaften am rechten Ende des Pfeils. Oder wir untersuchen sie, seit wir wieder gelernt haben, dass sich die Dinge in der Zeit entwickeln, werden und vergehen, zwischen Anfang und Ende entlang des dicken Pfeils. Wenn wir aber ganz zum Schluss wieder zurück an den Anfang gehen, dann müssten wir weiter links vom Wirbel dasselbe wiederfinden, was wir im ersten Buch gefunden haben, die unendlich schnelle gradlinige Bewegung der Atome im Leeren.

Die nächstliegenden Werkzeuge zur Beantwortung der Fragen, was sich entlang des Pfeils tut und was sich am Anfang des Pfeils tut, sind wie bereits gesagt das Studium und das Erkennen des Alten und das Messen und das Erkennen des Neuen (Erkenntniswerkzeuge KrK.1.1.184a23.c). Zum Messen benötigen wir die Sinne und Werkzeuge, aber auch schon die Vernunft, um etwa zu zählen, die Masseinheiten festzulegen, bei einem Experiment zwischen wesentlichen und unwesentlichen Dingen unterscheiden zu können oder um das Ziel des Versuchs benennen zu können. Zum Erkennen benötigen wir die Vernunft. Die Vernunft teilt sich in den Verstand und den Glauben. Der Verstand hat vorwiegend mit der Logik und der Mathematik zu tun, während der Glaube über die Grenzen des Verstandes hinausgeht bzw. sich mit deren Grenzen befasst. Verstand und Glaube geben dem Gemessenen, Erkannten, Geglaubten ein Gewand, mit dem man Schlüsse ziehen und mit dem man rechnen kann. Nur richtet sich der Glaube des Physikers nicht auf Aussernatürliches, sondern allein auf Natürliches. Die Glaubenssätze des Physikers heissen Hypothesen und Theorien . Der Glaube ist also kein Privileg der Unwissenden, sondern Teil der Wissenschaft.

Um die Gemeinsamkeiten der Bewegungen zu finden, müssen wir zunächst das Gemeinsame des Seins finden. Wir müssen herausfinden, was allen bewegten Gegenständen, dem Wasser, dem Vogel, dem Stein, dem Menschen nicht nur im Jetzt und Hier, sondern auch in ihrer Entwicklung, in ihrem Werden und Vergehen in der Zeit gemeinsam ist.

Kr.2.1.192b-193b Natur ist Stoff und Form

Kr.2.2.193b-194b Mathematische und physische Form

Kr.2.3.194b-195b Die vier Ursachen

Kr.2.4-195b-196b Kapitel 4 bis 6: Der Zufall

Kr.2.5.196b-197a Zufall

Kr.2.6.197a-198a Unterschied zwischen tyche und automaton

Kr.2.7.198a-198b Verdopplung der Form

Kr.2.8.198b-199b Teleologie

Kr.2.9.199b-200b Zusammenfassung


1. »Kurspflege« ist die liebevolle Bezeichnung bei Banken, selbst emitierenden produzierenden Unternehmen und Staat (»emittieren« heisst, Kredite wahllos im Überall und Nirgendwo aufnehmen, sie wieder einsammeln und an der Börse damit spielen), wenn ein paar Millionen oder Milliarden auf Knopfdruck hierhin und dorthin verschoben werden und dabei das Geld Geld ausschwitzt, ohne dass der Schieber einen Finger dafür krumm macht. Aristoteles bezeichnet die Masslosigkeit des Gelderwerbs um seiner selbst willen noch in hochmoralischer Empörung als die »Vermehrung des Geldes ins Unendliche« oder sagt, »Zins aber ist Geld von Geld, so dass allen Erwerbszweigen dies der naturwidrigste« . (Karl Marx, Das Kapital, Band 1 S. 167 und S. 179 ) Dass der Kredit einmal eine durchaus vernünftige Angelegenheit sein könnte, ist für ihn noch undenkbar. Er lässt sich aber vom Schein der Drachme nicht blenden und sieht, dass alles, was verprasst wird, zunächst einmal produziert werden muss.