Kr.1.9.191b-192b Platon und Aristoteles - KrSc

Platon und 'Parmenides' Kr.1.9.191b35-a1

»Dicht herangekommen an diese Lösung waren auch schon andere Denker, aber nicht dicht genug. Zunächst geben sie zu, dass ein Werden schlechthin aus dem Nichtseienden 192a erfolge, insofern habe Parmenides recht gehabt.« [G55]

Zitat ist falsch KrK.1.9.192a1

Wenn einer das Nichtsein ablehnt, dann Parmenides. Was der Satz zu bedeuten hat, ist rätselhaft. Wenn Ar einen so offensichtlichen Patzer begeht, dann will er meistens auf etwas hinweisen. Hier könnte es das Leere sein, das Demokrit ja auch als ein Nichseiendes bezeichnet. Aber das ist nur geraten und auch nicht so wichtig.

Anfang, unterschiedslos und einer Kr.1.9.192a2

»sodann sind sie noch der Meinung, diese Wesenheit müsse, so gewiss sie numerisch eine sei, auch ihrer Bedeutung nach unterschiedslos eine sein.« [W29]

Leeres allein kann einfach sein KrK.1.9.192a2

Das Leere ist das einzige Seiende, das Eines sein kann, weil das Leere ohne die Materie sein kann, die Materie aber nicht ohne das Leere. Platons 'Ideen' sind da ebensowenig ein Ersatz wie Aristoteles' 'Formen' - nicht hier bei den Anfängen. Ursprünglich sind ja beider Formen dasselbe. Der Unterschied ist nur, dass Platon die Formen von der Materie trennt und nach Utopia versetzt, während Aristoteles die Formen untrennbar an die bewegte Materie kettet. Wir werden herausfinden, wo beide rechthaben und wo beide sich irren.

Den Rest des Kapitels zankt sich Ar noch ein wenig mit Platon, wessen Nichseiendes das bessere ist, gesteht verschämt Platons Raum ( vgl. Kap. 6 ) als Anfang ein: » 13 Nämlich jenes Substanzielle, welches bestehen bleibt, ist allerdings Mitursache für die Gestaltung des Entstehenden, gleichsam wie eine Mutter« [P49] , verliert sich dann aber in Gut und Böse, schön und hässlich, als habe er ein schlechtes Gewissen wegen falschen Zitierens.

Und endlich der Stoff :

Materie als Anfang Kr.1.9.192a31-34

» 192a31 Das was von Anfang an jedem werdenden Ding zugrunde liegt, nenne ich seinen Stoff, also das, was an ihm erhalten bleibt und zwar nicht nur als Eigenschaft. Und wenn das Ding wieder vergeht, dann löst es sich in diesen Stoff zuletzt wieder auf, sodass er also auch schon vor der Auflösung diesen Zustand hat.« [G57]

Materie ist ewig Kr.1.9.192a25-30

»aber was das Vergehen und Entstehen des Stoffes betrifft, so gibt es in gewissem Sinne ein solches, und in gewissem Sinne wieder nicht; nämlich als dasjenige, in welchem die möglichen Gegensätze enthalten sind, vergeht er an und für sich,« »sieht man dagegen auf seine Wirksamkeit [dynamis] , dann vergeht er an sich nicht, ist er vielmehr dem Vergehen und Werden notwendig entzogen. Denn wenn er auch wieder entstünde, müsste wieder etwas anderes zugrundeliegen«. [P51,G57]

und die Form :

Form als Anfang Kr.1.9.192a34-b2

»Über die Gestalt [eidos] als Grundlage, über die Frage also, 35 ob es eine sei oder viele und von welcher Art, hat mit Genauigkeit die erste Philosophie zu handeln, sodass wir dies bis zu dieser Gelegenheit 192b zurückstellen. Über die natürlichen und vergänglichen Gestalten werden wir in den folgenden Büchern handeln und sprechen.« [G57]

Stoff und Form KrK.1.9.192b2.a

Ob die unbewegten und unveränderlichen geometrischen Formen andere Formen sind als die bewegten und vergänglichen Formen, können wir nur dann entscheiden, wenn wir sie beide untersuchen. Auch dann können wir erst entscheiden, ob die Form ein Anfang ist oder nicht. Es scheint auf den ersten 'Blick' nicht so, weil, wenn einer nichts tut, dann die Form.

Form bei Aristoteles und Platon KrK.1.9.192b2.b

Vielleicht verhält es sich ja mit den Formen unserer beiden Meister, den ewig unbewegten Formen Platons, die Ar hier in die Metaphysik verweist und den an der Materie haftenden und damit bewegten und vergänglichen Formen Aristoteles' so wie mit dem unbewegten Einen des Parmenides und dem Alles Bewegten des Heraklit, und beide sind wahr, beide Formen sind in ein und derselben Welt zu Hause. Denn warum sollte für die Form nicht gelten, was für den Stoff gilt. Der unbewegte Stoff ist ja auch stets mit dem bewegten Stoff zugleich. Wenn ja, sind dann Platons geometrische und arithmetische Formen im Leeren und Aristoteles' physische Formen im Raum oder bei der Materie? Um über die unscheinbare Frage nach dem Verhältnis zwischen Stoff und Form ein Urteil zu fällen, müssen wir noch eine Menge Arbeit hinter uns bringen. Aber zum Sein und zum Werden der Formen müssen wir gleich hier etwas sagen.

Form, Sein der KrK.1.9.192b2.c

Weder die Materie, das Leere oder der Raum, also der Stoff ist das eigentliche Problem, das uns die beiden grossen Denker des Altertums, Platon und Aristoteles hinterlassen haben; das unscheinbarste an allen diesen Dingen, die Form, hat sich bislang am hartnäckigsten allen Enthüllungsversuchen entzogen.

Form, Trennung vom Stoff KrK.1.9.192b2.d

Der Streit der beiden Philosophen um die Form hatte ganz unspektakuläre Ursachen. Wie lassen sich die Formen von Körpern, Form und Stoff in ihrer ursprünglichen Bedeutung, wie lassen sich die Formen von den Körpern lösen? Irgendwie müssen sie sich ja von den Körpern lösen lassen. Wenn ich einen Würfel schnitze, habe ich zunächst ein ungeformtes Stück Stoff, etwas Holz in der Hand. Und die Formen a 3 oder die sechs aneinanderliegenden a 2 sind nicht im Holz sondern irgendwie 'im Kopf' oder wo auch immer das Denkorgan sitzt. Erst nachdem ich mit dem Schnitzen fertig bin, sind die gedachte Form und die Form am Stoff ungefähr eins. Die Form ist also doch nicht nur im Kopf, sondern dann irgendwie mit dem Stoff zugleich. Oder ein komplizierteres Beispiel: Wächst die befruchtete Eizelle heran, so steht die Form des Lebewesens, das sich entwickelt, im Moment der Befruchtung ungefähr fest, ohne in irgendeinem Kopf zu sein (wo aber dann?). Sie entwickelt sich dann nach verschiedenen Naturgesetzen der Physik, Chemie, Genetik usw., aber auch nach äusseren Umständen, die die Naturgesetze durchkreuzen, etwa wenn die Mutter übermässig Alkohol trinkt oder selbst nicht genug zu Essen hat, um das Kind im Mutterleib zu ernähren. Die Antworten, die Aristoteles und Platon zum Sein und zum Werden der Formen geben, sind beide unbefriedigend. Und mit Fleischfragen, die keine Geistfragen sind, befasst sich die Philosophie schon mal gar nicht.

Formen, getrennte und nicht getrennte KrK.1.9.192b2.e

Das Ideenreich Platons erlaubt keine Physik, weil die Formen ewig unbewegt sind. Die Formen des Aristoteles, die mit den Dingen zugleich sind, sind zwar auf den ersten Blick 'physische' Formen. Aber auch sie erlauben keine Wissenschaft, weil sie mit den Körpern vergehen, wenn diese vergehen. Offenbar haben beide recht und unrecht. Platon hat recht, wenn er die Formen von den Dingen trennt, wenn er entweder ein Bleibendes oder ein Begriffliches sucht. Er hat unrecht, wenn er sie in seinem Ideenreich ansiedelt und damit eine unüberbrückbare Hürde zu den natürlichen Formen schafft. Aristoteles hat recht, wenn er die Formen wieder in die Gegenstände verfrachtet und darauf beharrt, dass auch die bewegten und vergänglichen Dinge irgendwie Formen haben (sich aber wohlweisslich davor hütet, von bewegten Formen zu sprechen). Er hat unrecht, wenn er sich mit Händen und Füssen gegen die Trennung der Formen von den Dingen sträubt, wenn es darangeht, das 'irgendwie' präziser zu fassen. Nun lässt sich darüber streiten, was die Begriffe von den Formen sind. Das ist aber ein ebenso nutzloser Streit wie der Streit über die Zusammensetzung des Materieatoms, weil wir es noch nicht wissen. Formen sind Begriffe nicht. Der Gedanke an das Dreieck ist kein Dreieck, so wenig, wie der Gedanke an den gedeckten Tisch satt macht.1 Bedenkt man jedoch, dass die Begriffe die kompliziertesten aller Gegenstände sind, da sie das Endprodukt einer endlich oder unendlich langen und verwickelten Bewegungskette sind, bedenkt man ferner, dass wir heute noch nicht wissen, was die einfachsten Formen sind, nämlich der Punkt a 0 , die Linie a 1 , die Fläche a 2 , der Körper a 3 , dann scheint es angebracht, das Schwierige nach dem Einfachen zu beantworten. Aristoteles' Bemühen, Platons Ideenlehre zu überwinden, ist nur teilweise gelungen und hat uns genauso viele Probleme gebracht. Denn wie Platon die Form auf den ewig unbewegten Thron setzt, wird Aristoteles der Form, die doch gar nichts tut, ausser da zu sein, die Herrschaft über den Stoff einräumen. Er wird sogar noch einen Schritt weitergehen als sein Lehrer und die Form zum Tätigen, den Stoff zum Leidenden erklären. Bei Platon rackert sich die Materie ab, um irgendwie den ewigen Formen nahezukommen. Bei Aristoteles wird der ewige Nichtstuer, der nichts tun kann, zum Tätigen erklärt. Wir wollen zuerst wissen, was die Form ist. Danach können wir fragen, was der Begriff von der Form ist. Die erste Frage gehört in die Physik. Die zweite gehört nicht in die Physik bzw. erst in eine Wissenschaft in 300 Jahren, der es gelungen sein wird, die physischen Bestandteile eines Begriffs im individuellen, gesellschaftlichen, historischen Menschen und im Menschen als Gattung zu bestimmen.

Beide Denker sind über das Ziel des Philosophen hinausgeschossen, als sie für alle Werde- und Bewegungsvorgänge mit der Form die eine Formel behauptet haben, die das Entstehen von der Schwere bis zur Schönheit zu erklären vermag. Die Naturphilosophie, die sich um die ersten Prinzipien der Bewegung bemüht, darf daher nicht vorschnell diese Prinzipien auf die der Zeit nach letzten anwenden, den Formen der uns umgebenden Dinge. Sie gerät sonst leicht in Gefahr, sich lächerlich zu machen. Das wäre genauso umgekehrt, wenn wir das Werden des Sokrates aus Raum, Materie und Leerem zu erklären versuchten. Dennoch hat die Form ganz ohne Zweifel eine physische Grundlage, beispielsweise bei den geometrischen Begriffen.

Form, Natur, Mensch KrK.1.9.192b2.f

Wir gehen heute davon aus, dass die Natur keine Zwecke setzt, keine Formen bewusst bildet, dass den menschlichen Begriffen Wille, Zweck, Ziel im Bereich der Physik natürliche Dinge entsprechen. Die für die Physik wichtigsten herauszufinden, ist der Gegenstand von Buch 2. Dabei werden wir trennen nach Begriffen und Formen, die allein dem Menschen, allein der Natur und solchen, die beiden, sowohl der Natur als auch dem Menschen angehören.

Zwar kann man mit Recht einwenden, dass jeder Begriff, der der Natur angehört, auch dem Menschen angehört. Denn jeder Begriff ist in einem Kopf und nicht anderswo. Ich setze aber Leser voraus, denen nicht erklärt werden muss, dass es zwischen den Produkten ihres Hirns und den Produkten der Welt ausserhalb des Hirns einen Unterschied gibt, dass also die Idee der Schweinshaxe nicht die Schweinshaxe ist - und die weiter nicht davon überzeugt werden müssen, dass den Begriffen, die wir uns von der Natur machen, ein Etwas in der Natur entsprechen muss. Das bedeutet für die Physik, dass Begriffe, die sowohl dem Menschen als auch der Natur angehören, für Dinge reserviert sind, bei denen wir von der Natur gezwungen werden, diese Trennung aufzuheben. Berühmtestes Beispiel eines solchen Begriffs in der Physik ist die 'Welle', aber auch der 'Kreis', den das Karussell beschreibt oder das 'runde' Gesicht von Mama, das unser kleiner Metaphysiker in der Wiege als erste Form erkennt und von deren Nichtexistenz ihn kein noch so beredter Philosoph überzeugen wird.

Abschluss Buch 1 Kr.1.9.192b2-4

» 2 Dass es also Grundlagen gibt und welche und in welcher Zahl, soll hiermit erörtert sein. Und nun wollen wir noch einmal von vorne anfangen.« [G57]


1. Das hindert unsere Philosophen seit Jahrtausenden freilich nicht daran, mit untrüglicher Gewissheit zu behaupten, dass die Begriffe immateriell sind, womit sie zugeben, dass ihre Gedanken leer sind.