Kr.1.8.191a-191b Werden aus Nicht-Seiendem - KrSc

Werden aus Nichts Kr.1.8.191a23-30

»Dass aber allein auf diese Weise auch die von den Alten erhobene Schwierigkeit gelöst wird, zeigen wir nun nach dem Bisherigen. Es suchten nämlich die ersten 25 Philosophen die Wahrheit und die Natur der seienden Dinge, irrten aber, fortgetrieben durch den Mangel an Erfahrung, gleichsam auf einen Nebenweg hin ab, und sie behaupteten, dass keines der seienden Dinge entstehe und vergehe, weil das Entstehende nothwendig entweder aus Seiendem oder aus Nicht-seiendem entstehen müsse, beides aber unmöglich sei, denn einerseits 30 entstehe das Seiende nicht (da es ja bereits sei), und andrerseits entstehe aus Nicht-seiendem Nichts (denn Etwas muss zu Grunde liegen); und so demnach übertrieben sie das, was sich infolge hievon ergibt, und behaupteten, es gebe gar nicht Vieles, sondern eben nur das Seiende selbst. « [P45]

Ewiges und dennoch Gewordenes KrK.1.8.191a33

Durch den Anfang, der ewig und dennoch geworden ist, haben wir ein Seiendes, das aus den beiden ewigen anderen, dem Leeren und der Materie geworden ist. Ist dieses Werden die erste Bewegung, so sind das Leere und die erste Materie an den zusammengesetzten Bewegungen ebenso beteiligt. Ist das proton ewig, so haben wir ein unendliches Reservoir, aus dem die Dinge werden und in das die Dinge vergehen können.

Da Aristoteles das Leere leugnet, tischt er uns nun einen bunten Reigen aus 'Nichtseienden' auf, der irgendwie den Gegensatz zur Materie darstellen soll. Teilweise wird das kurios, teilweise sehr fruchtbar für die Wissenschaft, etwa als mathematischer und physikalischer Platzhalter für das noch nicht Bekannte.

Nichtsein ist allein Platzhalter Kr.1.8.191a33-37

»Jene nun fassten aus den angegebenen Gründen diese Meinung; wir aber sagen ... dass aus Seiendem 35 oder Nicht-seiendem das Entstehen sei. Wir aber sagen ebenfalls, es werde Nichts schlechthin aus Nicht-seiendem, aber doch werde etwas aus Nicht-seiendem, gleichsam je nach Vorkommnis.« [P47]

Werden zwischen Nichtsein und Sein KrK.1.8.191a37.a

Das Werden werden wir später mit Aristoteles wider besseres Wissen als die Bewegung zwischen 'Nichtsein' und Sein bezeichnen, Das 'Nichtsein' als ideeller Platzhalter ist so lange sinnvoll, solange die Teile einer Bewegung noch nicht bekannt sind oder wo das Ende einer Bewegung oder das Produkt einer Entwicklung bekannt ist, aber der Anfang und das Dazwischen nicht oder nur bruchstückhaft. Gäbe es da nicht Platzhalter für Unbekanntes, so käme die Wissenschaft nie vom Fleck. So ist zum Beispiel klar, dass es eine Gegenkraft zur Gravitation geben muss, die unser bekanntes Teilall auseinanaderfliegen lässt. Solange wir nicht wissen, was diese Kraft ist, begnügen wir uns am Dass und nennen sie die 'Nicht-Gravitation' oder die 'Antigravitation'.

Möglichsein KrK.1.8.191a37.b

Da aber aus Nichts nicht Etwas werden kann, sucht und findet Aristoteles als eines der Nichtseienden seine berühmteste Ausrede oder seinen genialsten Wurf, da streiten sich die Geister, die das Nichtsein etwas abmildert, das Möglichsein. Davon werden Buch 3 und später Buch 5 handeln. Da das Möglichsein aber auch an etlichen Stellen mit der Wirklichkeit kollidiert und Aristoteles gewissenhaft jedes Abweichen von der Wahrheit auch und gerade gegen sich selbst ahndet, wird er gezwungen sein, mehrere 'Nichtseiende' zu konstruieren. Sie spielen in der Physik keine Rolle. Ausserdem würde es zu absurden Ergebnissen führen. Das Werden des Sokrates ist der mögliche Sokrates, der zum wirklichen Sokrates wird. Sokrates' Sohn wird nicht aus der Xanthippe und dem Sokrates. Entstünde aber der Sohn nicht aus den Eltern, sondern aus dem Nichtsohn, dann wäre es danach aus mit dem Werden. Dass Aristoteles weit von solchen Albernheiten entfernt ist, belegen nicht nur hunterte von Stellen aus seinen naturkundlichen Schriften, etwa die Beobachtungen an bebrütetetn Hühnereiern, die schon fast Caspar Friedrich Wolffs Entdeckung der menschlichen Generation vorwegnehmen1, sondern auch die weitere Entwicklung der Physik selbst.

Nichtsein gibt es nicht KrK.1.8.191a37.c

Aber er sagt es hier bei der Untersuchung der Anfänge. Und da müssen wir uns auf die Seite Parmenides' schlagen und das Nichtsein kategorisch ablehnen.

Werden in der Zeit und im Jetzt KrK.1.8.191a37.d

Fasst man das Nichtseiende als das Noch-nicht-Seiende dieses bestimmten Gegenstandes und das Werden als einen Vorgang in der Zeit, verzichtet also auf die bequeme Formulierung des 'Möglichseins', so sticht ein Problem sofort in die Augen, das uns noch viel beschäftigen wird. Das Werden dieses Gegenstandes kann man unter den genannten Vorbehalten als den Vorgang zwischen dem Nichtsein und dem Sein bezeichnen. Hat das »Werden aus dem Nichtseienden diese Bedeutung ... also aus etwas, sofern es noch nicht ist« [G54] , so wird es zu einem zeitlichen Vorgang, der ein Vorher, das Nichtsein, ein Jetzt oder eine bestimmte Zeit, das Werden und ein Nachher, das Sein hat:


Im ersten Fall findet das Werden in einem einzigen Jetzt statt. Im zweiten Fall ist das Werden ein Vorgang zwischen zwei Jetzt, die an das Nichtsein und das Sein angrenzen. Aristoteles wird 'Werden' zunächst nur in der ersten Variante gebrauchen, wo das Werden zwischen Nichtsein und Sein in einem Moment stattfindet. Mit den daraus erwachsenden Problemen zwischen Stetigkeit und Diskretion wird sich das ganze Buch befassen, besonders Buch 6. Nur das letzte Buch bleibt davon verschont und wird allein der Werden und Vergehen in der Zeit untersuchen.


1. Wolff hat nicht nur entdeckt, dass der Mensch wie jedes andere vergleichbare Lebewesen aus Ei und Samen entsteht, sondern auch dass der menschliche Embryo sich entwickelt, alle Entwicklungsstadien der Evolution vom Einzeller bis hin zum Säuger durchläuft und damit einen Grundstein für die Evolutionstheorie gelegt. Vgl. Caspar Friedrich Wolff, Theoria Generationis, Halle 1759, dt. Leipzig 1896, vgl. auch Engels MEW20, S. 319 .