Kr.1.7.189b-191a Das erste Werden - KrSc

Raum ist nicht einfach KrK.1.7.189b29.a

Es fällt nämlich schwer, den Raum als einen Anfang anzuerkennen, wo er doch aus zwei Anfängen, der Materie und dem Leeren zusammengesetzt ist. Zwar gilt für alle Materie, dass sie mit dem Leeren zugleich ist, aber bei der übrigen Materie nehmen wir das nur billigend in Kauf und ignorieren es ansonsten, weil es eine Konstante ist, die bei allen Materiestücken dieselbe ist. Wir sagen nur 'der Stein' und nicht 'der Stein und das Leere'. Beim Raum dagegen sagen wir, das Leere sei Teil des Raums. Hier haben die Begriffe Teil und Ganzes eine völlig andere Bedeutung als in der Logik. Beide Teile des Raums und der ganze Raum sind nicht nur gleichgross, sondern auch am selben Ort. Kein Wunder, dass Aristoteles da nicht mitspielen will.

Raum als »Materie«? KrK.1.7.189b29.b

Warum sagen wir nicht 'Materie' zum Raum? Warum geben wir der Raummaterie diesen Vorzug und einen eigenen Namen? Wir sagen zum Materieatom 'Materie', aber zur Gesamtheit der bewegten Materieatome 'Raum'. Wie wird aus der 'Materie' der 'Raum'? Durch die Bewegung und durch die Menge. Wir sagen, 'Der Baum biegt sich im Wind' und nicht, 'Es prallen viele Luftatome auf den Baum'. Die Bewegungen unendlich vieler Teilchen bezeichnen wir als ein neues Aggregat der Materie, den Raum. Wir könnten das neue Aggregat auch 'Feld' oder 'Gaga' nennen und dann über den Dualismus von Atom und Gaga nachdenken. Da wir uns aber festgelegt haben, dass sich das Atom bewegt und nicht die Bewegung atomt, ist uns dieser Weg versperrt.

Raum, Werden des Kr.1.7.189b30-a13

» 30 Wir nun sprechen hierüber Folgendes aus, indem wir dabei über jedes Entstehen überhaupt handeln (denn es ist naturgemäss, zuerst das Gemeinsame anzugeben, und so dann erst das dem Einzelnen eigenthümliche zu betrachten)«.»Nun: Wo wir vom Werden sprechen, da sagen wir, eines werde aus dem anderen, [oder] etwas werde anderes,« »indem wir dabei entweder das einfache oder das verbundene meinen; hiemit aber will ich Folgendes sagen: es ist der Fall, dass ein 35 Raum ein dünner wird, es ist aber auch der Fall, dass dasjenige, welches ein Dünnes ist, ein Dichtes wird, oder dass der 190a dünne Raum ein dichter Raum wird. Dabei nun nenne ich 'einfach' dasjenige, welches wird, nämlich den Raum und nicht das Dichte; 'verbunden' aber ist die Verknüpfung sowohl von demjenigen, was es wird, als auch jenem, welches wird, nämlich wenn wir sagen, dass der dünne Raum 5 ein dichter Raum wird. Bei dem einen von diesen beiden aber sagt man nicht bloss, dass es ein bestimmtes Etwas werde, sondern auch, dass es aus einem bestimmten werde, z. B. aus einem Dünnen ein Dichtes, bei dem Anderen hingegen sagt man nicht in allen Fällen so, denn z. B. sagt man nicht 'aus einem Raum wurde er ein Dichtes', sondern 'der Raum wurde dicht'. Von demjenigen aber, welches wird (in dem Sinne, wie ich sage, dass das einfache wird), 10 wird das Eine, während es bestehen bleibt, das Andere aber, während es nicht bestehen bleibt; nämlich der Raum bleibt, während er ein dichter wird, als Raum bestehen und ist ein Raum, das Dichte aber und das Dünne bleibt dabei weder einfach noch in der Verbindung bestehen.« [W22,P37,39]

KrK.1.7.190a13

Bei Ar steht für

dicht: gebildet

dünn: ungebildet

Raum: Mensch

Dicht und dünn, gebildet oder ungebildet, sind Attribute an einem Wesen, dem Raum oder dem Menschen. Das Werden und Vergehen dieser Attribute ist daher nur nebensächliches oder akzidentelles Werden und Vergehen, während das Werden eines Menschen oder das Werden eines Raums ein wesentliches Werden ist. Das Werden eines Raums wäre das erste Werden überhaupt, wenn die RM-Teilchen ewig sind. Die Aussage über das 'Werden des Raums' muss hier noch so im Vagen stehen und wird im Verlauf der Arbeit klar werden.

Der Raum ist wie das Eis oder das Gas oder das Plasma ein Aggregatzustand der Materie. So sagen wir nicht 'ich sauge Milliarden Sauerstoffmoleküle in die Lunge', sondern 'ich atme'. Wir sagen nicht 'Wassermoleküle in eingeschränkter Bewegung' sondern 'Eis'. Ebenso sagen wir nicht 'Viele schnelle Raummaterieteilchen', sondern Raum. Nicht nur die Bewegung, sondern auch die Menge bestimmt den Gegenstand. Das Besondere am Raum ist: Der Raum ist das erste Materieaggregat, weil die Raumatome ewig sind und der Raum die erste zusammengesetzte Materie ist.

Werden, Anfang des ersten Werdens Kr.1.7.190a13-20

»Nachdem wir aber dieses mit Bestimmtheit so unterschieden haben, kann man, wenn man darauf achtet, was wir sagen, aus allem Werdenden das abnehmen, dass 15 immer Etwas zu Grunde liegen muss, nämlich dasjenige, welches wird und dass dieses, wenn es auch der Zahl nach Eines ist, doch wenigstens der Form nach nicht Eines ist (nämlich 'der Form [eidos] nach' und 'dem Begriffe [logos] nach' nenne ich das nämliche ...), ferner, dass das Eine bestehen bleibt, das Andere aber nicht bestehen bleibt; dasjenige nämlich, bei welchem Nichts gegenüberliegt, bleibt bestehen (denn der Mensch bleibt bestehen), das Gebildet und 20 das Ungebildet hingegen bleibt nicht bestehen« [P39]

Werden aus Etwas KrK.1.7.190a20

'Der Mensch wird aus dem Menschen' sagt Ar immer wieder, um zu 'untermauern', dass das werdende Wesen sich selbst zugrundeliege. Das ist aber falsch. Der Mensch wird aus dem Ei und dem Samen oder der Sohn wird aus der Xanthippe und dem Sokrates, aber nicht aus 'dem Menschen'.

Der Raum wird nicht aus dem Raum, sondern, aus den Atomen und dem Leeren. Das bedeutet aber, dass es ein Zusammensein von Raumatomen und Leerem geben muss, das nicht Raum ist! Würde er aus sich selbst, so wäre das kein Werden, sondern eine Bewegung oder Veränderung des Raumes, ein Wachsen. Die Ansicht, Gleiches werde aus Gleichem ist naturgemäss die vorherrschende Ansicht, wo die Einzelwissenschaften noch nicht da, geschweige denn voneinander geschieden sind. Aristoteles ist ja der erste und bislang auch einzige Mensch, der diese Aufgabe auf sich genommen und bewältigt hat.

Ob, wie Ar weiter sagt, die Form und der Begriff der Form 'das nämliche' ist oder, um es modern auszudrücken, ob unsere ideellen Bilder der Dinge den Dingen wie Eins : Eins entsprechen, ist seit jeher das Gebiet heftigster Debatten. Wer wie Aristoteles die Auffassung vertritt, dass die Welt eine stetige Einheit ist, muss diese Frage bejahen, sieht sich dann aber als Atom-Konvertit vor die Aufgabe gestellt, die ebenen und stetigen Formen in einer Welt aus 'diskreten'1 Atomen unterzubringen, ohne auf den Beistand Aristoteles' hoffen zu können. Denn Aristoteles vertritt stur die Auffassung, dass die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und der göttliche Äther allesamt stetige Wesen sind, geteilte Luft immer wieder Luft, geteiltes Wasser immer wieder Wasser ergeben, ohne je ein kleinstes Wasser- oder Luftteilchen zu ergeben.

Werden 'aus Etwas' Kr.1.7.190a21-26

»Der Ausdruck aber 'aus Etwas werden' ... wird mehr bei demjenigen, welches nicht bestehen bleibt, gebraucht, z.B aus einem Dünnen ein Dichtes werden, nicht aber: aus einem Raum ein Dichtes werden; doch sagt man auch bei demjenigen, welches bestehen bleibt, bisweilen so, denn wir sagen, dass 25 aus dem Erze die Statue werde, nicht dass das Erz eine Statue werde« [P39]

Ewiges wird nicht KrK.1.7.190a26

Wir sagen nicht, dass die Materie eine bestimmte Form der Materie wird, sondern dass aus der Materie eine bestimmte Form der Materie wird. Also aus dem Materieatom wird der Raum. Aus dem Materieatom und dem Leeren, dem ersten Gegensatz, das dem ersten Werden Zugrundeliegende. Das bringt Aristoteles in Bedrängnis. Denn sein Zugrundeliegendes ist bis jetzt allein die Materie, den 'Gegensatz' hat er zwar oft beschworen, aber noch nicht benannt.

Werden aus allen Bewegungsarten Kr.1.7.190b4-11

»Immer nämlich ist Etwas da, welches zu Grunde liegt, woraus das Werdende wird, wie z. B. die Pflanzen und Thiere aus 190b5 dem Samen werden. Es wird aber dasjenige, was schlechthin wird, theils durch Umformung, wie z. B. die Statue aus Erz, theils durch Zusatz, wie z. B. das Wachsende, theils durch Wegnahme, wie z. B. aus dem Steine die Hermessäule, theils durch Zusammensetzung, wie z. B. ein Haus, theils durch qualitative Aenderung, wie z. B. dasjenige, was im Stoffe eine Wendung erfährt; dass aber alles, was so wird, 10 aus zu Grunde Liegendem wird, ist augenfällig. Folglich ist aus dem Gesagten klar, dass alles Werdende immer ein zusammengesetztes ist«. [P41]

atomistisches Werden KrK.1.7.190b11.a

Diese vereinfachende mechanische Darstellung aller möglichen Werdevorgänge erinnert an die Haken und Ösen der Atomisten. Es ist bemerkenswert, dass Ar hier bei den Anfängen und Prinzipien alle qualitativen Veränderungen auf reine quantitative Bewegungen zurückführt und alle Bewegungen dem Werden unterordnet. Das hat man oft bei den Philosophen, dass sie beim Materialismus Zuflucht nehmen, weil den jeder vernünftige Mensch als Autorität akzeptiert. Es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass es den Materialisten nur um die Wahrheit geht. Aber selbst wenn es so einfach ist: Wo ist der versprochene Gegensatz zur Materie, von dem so viel die Rede war?

Weil er den wirklichen Gegensatz leugnet, muss Aristoteles einen künstlichen Gegensatz erdenken. Ar sagt, das Zugrundeliegende ist die Materie (hyle) , der Gegensatz ist die Form (eidos) und die Formlosigkeit, die 'Beraubung' (steresis) der Form.

Aber weder die Form, noch die Formlosigkeit sind ein Gegensatz zum Stoff. Die Form ist - wenn sie überhaupt ist - die Grenze des Stoffs, kein Gegensatz. Und die Nicht-Form gibt es allenfalls als ideellen Platzhalter für noch Unbekanntes, ebenfalls nicht als Gegensatz. Der Gegensatz zu einem Anfang kann nur ein zweiter Anfang sein und nicht dessen Begrenzung.

Das Unbefriediegende ist nicht so sehr die Form, die ja alles Mögliche sein kann, aber nicht ein Gegensatz zur Materie. Das Unbefriedigende ist auch nicht die steresis, die Nicht-Form, unter der man sich alles und nichts vorstellen kann; das Unbefriedigende ist, dass Ar wie die Alten den Gegensatz von dem Anfang trennt und damit die Eine Welt zweiteilt. Denn wo und woran sollte sich die »beraubte Form« befinden? Wir werden unsere ganze Mühe aufbringen müssen, um die Form zu lokalisieren. Da lassen wir uns hier bei den Anfängen auf keinen Kuhhandel mit der Nicht-Form ein. Auch ist es hier noch zu früh für die Form. Wir schwimmen ja noch in der Ursuppe der Materie, der ungeformten 'prima materia', und da gibt es erst zwei Formen und eine Bewegung, nämlich die Form des Atoms und die Form des Ganzen und die unendlich schnelle gradlinige Bewegung des Atoms im Leeren. Wir stellen sie uns beide wie Parmenides als Kugel vor, das unendlich Kleine und Begrenzte und das unendlich Grosse und Begrenzte. Über die Grenze oder die Form wird noch ausgiebig gesprochen.

Ursuppe Raum KrK.1.7.190b11.b

Die grösste Schwierigkeit ist sicher, dass die Vielfalt des Werdens und Vergehens durch Demokrits Atome und das Leere auf Hinzufügung und Wegnahme reduziert wird. Die formlose erste Materie , die Ursuppe Raum, würde durch bloss quantitative Verschiebungen alle qualitativen Unterschiede der unbelebten und belebten Materie hervorzaubern! Aber wenn sich die vielfältigen und schillernden Qualitäten tatsächlich auf die Hinzufügung oder die Wegnahme vieler Quantitäten reduzieren lassen, dann ist es eben so. Die Schwierigkeiten haben wir nur, wenn wir die dichterische Inspiration, die Verdauung oder den Spaziergang mit der Bewegung der Atome im Leeren erklären wollen, noch so eine Schrulle der Idealisten, wenn sie ihr Publikum über den Materialismus aufklären. Was der moderne Physiker fertigbringt, nämlich diverse Qualitäten mit gigantischen Quanten zu erklären, das sollte doch auch der Philosoph auf die Reihe kriegen! Dabei verlangen wir gar nicht viel vom Philosophen. Er muss nur die Form des Atoms wieder vom Atom unterscheiden lernen, das Äpfelchen von der Schale des Äpfelchens oder der Zahl des Äpfelchens.

Schon die Bewegung der Raummaterie zeigt, dass die Quantität in verschiedenen Bereichen verschiedene Qualitäten annimmt (ein, zwei, drei oder mehr Materieatome sind Materie, viele unendlich schnelle Materieatome sind Raum, noch mehr verzögerte endlich schnelle Atome auf engem Raum sind wieder Materie), die in eigenen Wissenschaften und in den Wissenschaften in den der jeweiligen Wissenschaft eigenen Bewegungs- und Stoffarten untersucht werden. Bis aus der Ursuppe Raum die Ursuppe des Lebens im Meer auf unserem Planeten wird, sind noch hunderte oder tausende solcher qualitativen Sprünge erforderlich, an deren Ende immer wieder nach neuen Bewegungsgesetzen und mit eigenen Massstäben gemessen, gerechnet, gedacht und geglaubt wird.

Vergehen des Raums KrK.1.7.190b11.c

Ein viel schwerwiegenderer Grund, der gegen den Raum als einen Anfang spricht, ist sein Werden und Vergehen: Wenn der Raum ein aus Materie und Leerem zusammengesetztes und bewegtes Wesen ist, ist er geworden. Was aber geworden ist, vergeht, ist nicht ewig. Also kein Anfang! Alles, was geworden ist, hat einen Anfang in der Zeit. Und alles, was geworden ist, vergeht, hat ein Ende in der Zeit. Soll der Raum dennoch ein Anfang sein, so müsste er also ein Ding sein, das gleichzeitig ewig und nicht ewig ist!

Das einfache Volle, die erste Materie, das proton=erste in des Wortes ursprünglicher Bedeutung kann nicht werden, wenn nicht Etwas aus dem Nichts entstehen kann. Ob es sich bei dem proton um das Raummaterieteilchen handelt oder nicht, kann nur gemutmasst werden, solange das Teilchen selbst nur auf dem Glauben beruht. Sicher ist nur, dass es erste Teilchen geben muss, wenn die Welt ewig ist und aus Nichts nichts wird. Denn »Nichts« gibt es nicht. Ob wir diese ersten Teilchen jemals finden, ist die andere Frage. Da stossen wir immer wieder an Grenzen, etwa, wenn der zu beobachtende Gegenstand kleiner ist als das Beobachtungsmittel. So war das Mittel zuerst das blosse Auge, dann die auf das Auge treffenden Wellen, dann die Partikel, aus denen die Welle besteht. Bei der Forschung nach den kleinsten Teilchen ist kein Ende abzusehen, fast 'stündlich' werden kleinere entdeckt. Und immer noch sind wir meilenweit vom Raummaterieteilchen entfernt.

Werden des Leeren KrK.1.7.190b11.d

Das Leere kann nicht entstehen oder vergehen, weil es immateriell ist und sich daher nicht bewegt. Veränderung setzt aber Bewegung voraus oder besser gesagt, Veränderung ist zusammengesetzte Bewegung. Das Leere ist ewig mit dem proton zugleich. Beide können nicht aus einander werden, Materie nicht aus Immateriellem, Immaterielles nicht aus Materie. Ein 'Werden' des Leeren kann man sich allenfalls aus dem Mittelding vorstellen, das selbst aus den Gegensätzen ist. Vielleicht kann das 'Werden' des Leeren durch die Materie über den Raum vermittelt werden?

Denn unmöglich ist zwar die Trennung des Leeren von der Materie, weil sich ein ewig Unveränderliches und ewig Unbewegtes nicht verändern oder bewegen lässt. Wohl aber ist es vorstellbar, dass die Materie sich vom Leeren trennt, wenn auch nur im eingeschränkten Sinn, nämlich die Trennung von dem leeren Ort, an dem sie sich gerade befindet hin zu einem anderen leeren Ort. Zwar nimmt sie dann wieder einen leeren Ort ein, weil das Leere überall ist. Wenn aber alle Materieteilchen aus einem bestimmten Bereich das Leere dieses Bereichs verliessen und keine andere Materie nachströmen würde, so könnte man dies als eine Trennung der Materie vom Leeren oder ein 'Werden' des Leeren bezeichnen.

Weder Raum, noch Materie, allein das Leere ist einfach : Wenn aber das Leere ewig, einfach und unbewegt ist, so kann dieses Werden nur eine örtliche Bewegung der Materie sein, die örtliche Trennung und 'Verschluckung' der Raummaterie durch die sinnlich wahrnehmbare Materie. Das ist aber das Vergehen des Raums in diesem Bereich, wonach umgekehrt die Trennung der Raummaterie von der sinnlich wahrnehmbaren Materie, die die Raummaterie zuvor verschluckt hat, das Werden des Raums sein müsste. Aber das ist schwer vorstellbar. Eher, scheint es, bricht das Universum zusammen oder auseinander, als dass sich ein Leeres örtlich getrennt von der Materie herstellen liesse.

Wenn das aber stimmt, dann müsste nach dem Vergehen des Raums auch der umgekehrte Weg möglich sein, vom Leeren über den Raum zur Materie, wie wir sie kennen, das Werden der kunterbunten Elementarteilchen bis hin zu den chemischen Atomen aus den Raum-Atomen. Auch hier 'würde' die Materie nicht aus dem Nichts, sondern es fände eine örtliche Trennung und Verdichtung der Raummaterie vom Leeren statt. Alle geheimnisumwitterten physikalischen Phänomene um Raum und Zeit, um Werden und Vergehen lassen sich mit dieser Annahme Demokrits erklären. Das Hohelied der »Fruchtbarkeit« der demokritischen Atomhypothese, das alle Physiker pro forma anstimmen, ist meist Heuchelei. Denn es endet in der Regel lapidar mit dem Abgesang, dass diese Hypothese falsch ist. Dann werden Platons Dreiecke als die wahren Atome aus der Gruft geholt, und dieser scholastische Schrott wird dann dem Publikum als Neuigkeit verkauft. Wir bleiben dabei: Das Atom ist Stoff, und Stoff ist 3d-ausgedehnt. Das Dreieck ist Form, und Form ist in wenigstens einer Richtung nicht ausgedehnt. Form ist nicht Stoff, und Stoff ist nicht Form. Etwas so Einfaches sollten doch studierte Männer gebacken kriegen. Mögen die Theologen den Stoff zur Form plattquetschen (die plattgequetschte Form KrK.4.6.213b2.b, Fussnote), in der Physik ist das mehr als peinlich.

Wenn wir den Raum als Grundlage des Werdens und Vergehens der Dinge betrachten, also ewig obwohl geworden, so können wir ihn für den Zweck als einen und einfach ansehen, so, wie wir es mit der sinnlich wahrnehmbaren Materie auch tun, obwohl er wie sie zweifach ist.

Die Ewigkeit der elementaren Materieteilchen kann nur hypothetisch gesetzt werden, da wir sie selbst noch nicht kennen; jedes neu entdeckte erste Element hat sich bislang als etwas Vergängliches herausgestellt, warum sollte es bei den Raummaterieteilchen, die ja ständig miteinander kollidieren müssen, nicht so sein? Wenn andererseits Neutrinos ungehindert durch die Erde fliegen, kann das Gedrängel unter den Raumatomen nicht allzu gross sein. Die Ewigkeit der Materie selbst wie die des Leeren ist notwendig, weil es andernfalls ein Werden aus dem Nichts gäbe. Also, bestehen bleiben die Materie, das Leere und der Raum, die aus den dreien zusammengesetzten vielen Formen der Materie und Bewegung werden und vergehen. Der Raum ist das erste aus Materie und Leerem zusammengesetzte bewegte Wesen, bei dem die Frage nach der Form offen bleibt. Sie kann erst beantwortet werden, wenn wir sein Werden und Vergehen besprechen. Der Raum wird und vergeht auch. Da er als Anfang ewig ist, so ist sein Werden und Vergehen ewig.

Gegensatz und das erste Gewordene Kr.1.7.190b29-a5

»Darum muss man in gewissem Sinne sagen, dass die Principien zwei sind, in gewissem Sinne aber auch, 30 dass es drei sind; und in gewissem Sinne muss man sagen, dass es die Gegensätze sind, wie z. B. wenn man das...« Volle und das Leere »...annähme, und in gewissem Sinne wieder nicht, weil die Gegensätze wechselseitig voneinander keine Einwirkung erfahren können2... Folglich sind die Principien gewissermassen weder mehrere als die Gegensätze, sondern so zu sagen der Zahl nach zwei, noch hinwiederum ganz und gar nur zwei ...sondern 191a drei ... Wie viele nun die Principien des dem Werden unterworfenen Natürlichen seien, und in welchem Sinne, haben wir hiemit angegeben, und es ist klar, dass Etwas 5 den Gegensätzen zu Grunde liegen müsse, und dass die Gegensätze zwei sein müssen; in gewisser anderer Weise aber ist dies auch wieder nicht nothwendig, denn es wird hinreichend sein, dass der eine von den zwei Gegensätzen nur durch seine Abwesenheit und Anwesenheit die Veränderung bewirke.« [P43]


1. In Gänsefüsschen, weil das Atom, auch wenn es unendlich klein ist, nicht ein Diskretes, sondern ein Stetiges ist, nämlich der 3d-ausgedehnte Baustein der Materie.

2. Sondern beide auf ein Drittes, die Grundlage wirken. Liebe und Streit oder Nicht-Form und Form auf die Materie. Weil die Gegensätze bei Empedokles und Aristoteles von der Grundlage getrennt sind, müssen beide auf Aussernatürliches zurückgreifen, um dem Gegensatz ein Handlungsmotiv zu geben. Dadurch wird aber der Gegensatz zugleich überflüssig. Denn ein Motiv erfordert einen Willen, und der Wille kann, muss aber nicht durch einen Gegensatz in Bewegung geraten.