Ka.5.2a-4b Die ousia

Von den Dingen ( ousia ) sind die hauptsächlichsten ( kyriotata ), und die welche auch zuerst ( protos ) und am meisten ( malista ) als Dinge gelten, diejenigen, welche weder von einem Unterliegenden ausgesagt werden, noch in einem Unterliegenden sind; wie z. B. dieser Mensch, oder dieses Pferd. Dinge zweiter Ordnung (deuterai de ousiai) heißen die, in deren Arten die sogenannten Dinge erster Ordnung 15 enthalten sind und zwar heißen so sowohl diese Arten wie die Gattungen dieser Arten.

[+]Sokrat=(+)Mensch
[+]Mensch=(+)Geschö
[+]Sokrat=(+)Geschö

So ist z. B. dieser Mensch im Menschen, als seiner Art enthalten und die Gattung zu dieser Art ist das Geschöpf. Diese Arten und Gattungen heißen also Dinge zweiter Ordnung, wie z. B. der Mensch und das Geschöpf.

KaK.5.2a19

Wie in der Ersten Analytik, so hat Aristoteles auch hier bei den erläuternden Beispielen keinerlei Scheu, ein linkes Ganzes zuzulassen. Er geht hier aber den Schritt, den er in der Analytik nicht geht und lässt das linke Ganze auch in einem Schluss gelten, so dass der Mensch und das Geschöpf zu einem Ding »zweiter Ordnung« werden. Die Dinge zweiter Ordnung wird er in der Metaphysik einerseits heftig bekämpfen, weil dort zwei ousiai aus Fleisch und Blut nicht an einem Ort sein können, ohne zu einem Widerspruch zu führen. Das ist beim Sokrates, der im Menschen, der im Geschöpf ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Denn die sind alle drei an einem und demselben Ort, ohne ein Widerspruch zu sein. Dass wir aber den Menschen in das Geschöpf und den Sokrates in den Menschen stecken können, verdanken wir den Untersuchungen der Metaphysik, wo dies nicht erlaubt ist, weil dort allein der Sokrates untersucht wird.

In derselben Metaphysik findet Aristoteles andererseits bei der Untersuchung der Definition, dass allein eine Beziehung der Gattung zur Art eine richtige Definition ist. Das Rätselraten, ob die Kategorien zur Ontologie oder zur Logik »gehören«, löst sich dadurch, dass für Aristoteles eine Logik, die nicht auf die Dinge der Welt anwendbar wäre, notwendig absurd wäre.

Aus dem Gesagten erhellt, dass das von einem Unterliegenden 20 Ausgesagte sowohl nach seinem Namen (onomos), wie nach seinem Begriffe (logos1) von dem Unterliegenden ( hypokeimenon2 ) ausgesagt werden kann; so wird z. B. Mensch von einem unterliegenden bestimmten Menschen ausgesagt und er wird auch mit diesem Namen bezeichnet; denn man wird das Wort Mensch von dem 25 einzelnen Menschen aussagen. Ebenso wird der Begriff des Menschen von demselben ausgesagt; denn der einzelne bestimmte Mensch ist sowohl ein Mensch wie ein Geschöpf; so dass mithin sowohl der Name wie der Begriff von dem Unterliegenden ausgesagt werden kann. Dagegen wird in der Regel weder der Begriff noch der Name des in einem Unterliegenden Enthaltenen von dessen Unterliegenden ausgesagt3; in einzelnen Fällen 30 kann es wohl mit dem Namen geschehen; aber mit dem Begriff ist es nicht möglich. So wird z. B. das in einem unterliegenden Körper enthaltene Weiß auch von ihm ausgesagt (denn man nennt den Körper weiß), aber der Begriff des »Weiß« kann niemals von einem Körper ausgesagt werden. Alles Übrige wird entweder 35 von den Dingen erster Ordnung als unterliegenden ausgesagt, oder ist in ihnen, als unterliegenden enthalten. Dies erhellt, wenn man das Einzelne zur Hand nimmt;

(+)Ge=[+]Me
(+)Me=[+]So
(+)Ge=[+]So

so sagt man: Geschöpf von dem Menschen aus und es kann deshalb Geschöpf auch von diesem bestimmten Menschen ausgesagt werden; denn 2b wenn es von keinem bestimmten Menschen ausgesagt werden könnte, so könnte es auch von dem Menschen überhaupt nicht ausgesagt werden. Ebenso ist die Farbe in dem Körper überhaupt; also auch in einem bestimmten Körper. Denn wenn dieses nicht wäre, so könnte sie auch nicht in dem Körper überhaupt sein. Sonach wird alles Andere entweder von den Dingen erster 5 Ordnung als dem Unterliegenden ausgesagt, oder es ist in ihnen, als dem Unterliegenden, enthalten. Wenn also keine Dinge erster Ordnung wären, so könnte auch von den Andern keines sein.4

Von den Dingen zweiter Ordnung ist die Art mehr ein Ding, als die Gattung, da sie den Dingen erster Ordnung näher steht. Denn wenn Jemand angeben wollte, was ein Ding erster Ordnung sei, so wird er es deutlicher und bezeichnender tun, wenn er dessen Art, als 10 wenn er dessen Gattung angibt. So wird, wenn man einen bestimmten Menschen bezeichnen will, man es deutlicher tun, wenn man sagt, er sei ein Mensch, als wenn man ihn bloß als ein Geschöpf bezeichnet; denn jene Bezeichnung trifft mehr das, was das Eigentümliche dieses einzelnen Menschen ist, während die Gattung mehreren Dingen gemeinsam ist.

KaK.5.2b13

In der Gattung ist die Art. In der Art ist dieses Individuum. In dieser Unbefangenheit spricht Aristoteles diese Beziehungen nur hier im fünften Kapitel der Kategorien aus und wendet sie unzähligemale in der Analytik an. In der Metaphysik dagegen wird ihm eine ousia allein ein einzelnes Ding aus »Fleisch und Blut« sein, ein einzelner anfassbarer Gegenstand wie eine »Bleiletterinstanz« im Setzkasten, die von jeder anderen Bleiletterinstanz getrennt ist und den einen allein ihr gehörigen Ort einnimmt. Gegenstände, die in Gegenständen sind, wird er dort rigoros ablehnen. Das liegt nicht daran, das er hier oder dort dümmer wäre als am jeweils anderen Ort, sondern am Unterschied der Untersuchungsgegenstände. Während er hier mehr mit den logischen Kategorien arbeitet, bei denen die »horoi« beliebig tief geschachtelt ineinander sein können oder einen element content haben, geht es ihm in der Metaphysik explizit um die Untersuchung des Einzelgegenstandes, der keine weiteren Elemente enthalten darf. Eine solche ousia kann nicht in einer anderen sein und ebensowenig eine andere in ihr. Eine ist neben der anderen.

Ebenso wird man diesen einzelnen Baum deutlicher bezeichnen, wenn man von ihm angibt, er sei ein Baum, als, er sei eine Pflanze. 15 Auch gelten die Dinge erster Ordnung deshalb am meisten als Dinge, weil sie allem Anderen unterliegen und weil alles Andere entweder von ihnen ausgesagt wird, oder in ihnen ist.

KaK.5.2b17

Hier wird die Bedeutung der ousia aus »Fleisch und Blut« deutlich. Allein ein bestimmter Gegenstand ist an einem Ort, in einer Zeit, mit einer Qualität behaftet usw. Eine Art oder eine Gattung, von deren Ungewordensein Aristoteles ausgeht, hat nur die Bestimmungen des Ineinander und des Nebeneinander, aber keine der anderen Kategorien.

So wie sich hierin die Dinge erster Ordnung zu allem Anderen verhalten, so verhalten sich auch die Arten zu ihren Gattungen; denn die Art liegt der Gattung unter und 20 die Gattungen werden wohl von den Arten ausgesagt, aber nicht umgekehrt die Arten von den Gattungen.

KaK.5.2b21

Obwohl uns Aristoteles gerade gezeigt hat, dass er sowohl

(+)G=[+]A , also auch

[+]A=(+)G kennt,

sagt er, dass nur das eine vom anderen, nicht aber das andere vom einen ausgesagt wird. Das liegt am Verzicht auf das Aussprechen des Teils auf der linken Seite im ersten Satz in der Ersten Analytik. Denn nur durch den Verzicht auf das Aussprechen des Teils auf der linken Seite glaubt Aristoteles die Einheit des Satzes retten zu können. Der Einheit von A=B verdanken wir die Tatsache, dass Aristoteles die linke Seite seiner Sätze nicht quantifiziert. Und das war gut so. Denn wichtiger noch als der fehlende Formalismus des Ganzen und des Teils ist die Einheit des Satzes. Der Formalismus kann nachgereicht werden, aber auf die Einheit kann von Anfang an nicht verzichtet werden. So sagt Aristoteles, »'Mensch' wird vom ganzen Sokrates ausgesagt«, ohne sich um das Teilsein oder das Ganzsein des Menschen zu kümmern. Was für »Mensch« allein zählt ist seine Identität mit dem ganzen Sokrates. Allein durch die Einheit gelingt es, logische Sätze und Schlüsse mit derselben Sicherheit aufzustellen wie eine mathematische Gleichung. Wie genau die Identität zustandekommt herauszufinden, hat Aristoteles der Nachwelt überlassen. Dass die Einheit ist, hat er ihr vorgeschrieben.

Deshalb ist auch die Art mehr ein Ding, als die Gattung; aber von den einzelnen Arten, so weit sie nicht Gattungen sind, ist keine mehr ein Ding, als die andere; denn man wird diesen einzelnen Menschen, wenn man ihn 25 einen Menschen nennt, nicht eigentümlicher bezeichnen, als wenn man dieses einzelne Pferd ein Pferd nennt. Ebenso ist keines von den Dingen erster Ordnung mehr als das andere ein Ding; denn dieser Mensch ist nicht mehr als dieser Stier ein Ding.5 30 Ganz passend werden nach den Dingen erster Ordnung von allen übrigen Kategorien nur die Arten und Gattungen Dinge zweiter Ordnung genannt; denn sie allein von den Kategorien (kategoroumenon) offenbaren das, was die Dinge erster Ordnung sind; denn wenn Jemand von diesem bestimmten Menschen angeben will, was er ist, so wird er es in treffenderer Weise tun, wenn er dessen Art als dessen Gattung angibt und er wird es deutlicher tun, wenn er ihn als einen Menschen, als wenn er ihn als ein Geschöpf bezeichnet. Wenn er ihn aber nach einer andern Kategorie 35 bezeichnet, so wird er nicht gehörig angegeben haben, was dieser Mensch ist; z. B. wenn er von ihm angäbe, dass er weiß sei, oder dass er laufe, oder sonst etwas der Art. Deshalb werden mit Recht nur diese allein von den andern Kategorien Dinge genannt.6 Ferner werden die Dinge erster Ordnung hauptsächlich deshalb Dinge 3a genannt, weil sie das Unterliegende für alle andern Kategorien abgeben, und so wie sich die Dinge erster Ordnung zu allem Anderen verhalten, so verhalten sich die Arten und Gattungen zu allen übrigen Kategorien; denn alle diese übrigen werden von ihnen ausgesagt. Denn wenn man diesen bestimmten Menschen einen 5 sprachgelehrten nennt, so wird man auch den Menschen und das Geschöpf sprachgelehrt nennen. Gleiches gilt für die andern Kategorien.

KaK.5.3a6

Die Ferne der Dinge zweiter Ordnung von den Dingen erster Ordnung oder die größere Nähe der Art zu den Dingen erster Ordnung ist dann nicht da, wenn die Definitionsinhalte ihre Definitionen vollständig ausfüllen: Alle Arten sind die ganze Gattung, und alle Individuen (Instanzen) einer Art sind die ganze Art, so dass alle Individuen aller Arten und die ganze Gattung identisch sind. Die Gattung und die Art sind so gesehen genauso Dinge erster Ordnung wie Sokrates, nur haben sie mehr Teile. Keine der bisherigen Aussagen wird damit aufgehoben, sondern alle werden dadurch bestätigt, dass die Bleiletter das Sagen hat.

Allen Dingen ist es gemeinsam, dass sie in keinem Unterliegenden enthalten sind; denn Dinge erster Ordnung sind weder in einem Unterliegenden, noch werden sie von einem Unterliegenden ausgesagt; und von den Dingen zweiter Ordnung ist auch in folgender 10 Weise klar, dass sie in keinem Unterliegenden sind; nähmlich »Mensch« wird zwar von diesem bestimmten unterliegenden Menschen ausgesagt, aber »Mensch« ist in keinem Unterliegenden; denn »Mensch« ist nicht in diesem bestimmten Menschen. Ebenso kann man wohl »Geschöpf« von einem bestimmten unterliegenden Menschen aussagen, aber es ist nicht in diesem 15 bestimmten Menschen.

KaK.5.3a15

Wenn alle Tiere alle Arten sind und alle Arten alle Individuen, so lauten die vollständigen Definitionen der Tiere und der Tierarten :

[+]T=[+]A
[+]A=[+]I

Alle Tiere sind mit allen Arten identisch.

Alle Arten sind mit allen Individuen identisch, woraus folgt

[+]T=[+]I

Alle Tiere sind mit allen Individuen identisch.

Das bedeutet, eine vollständige Definition hat auf beiden Seiten der Definitionsgleichung ein Ganzes. Hier gelten ähnliche »Rechenregeln« wie in der Mathematik, bzw. in der Mathematik gelten ähnliche Regeln wie hier. Wer hier der Ober und der Unter ist, mögen die dazu Berufenen klären.

Auch kann von dem in einem Unterliegenden Seienden wohl in einzelnen Fällen der Name vom Unterliegenden selbst ausgesagt werden, aber der Begriff kann es nicht. Dagegen wird in den Dingen zweiter Ordnung sowohl der Begriff wie der Name vom Unterliegenden ausgesagt; denn man wird von einem bestimmten Menschen den Begriff des Menschen aussagen, 20 und ebenso den Begriff des Geschöpfes7.

Somit dürften die Dinge nicht zu dem gehören, was in einem Unterliegenden ist.

KaK.5.3a21

24.12.2015 In jedem einzelnen Menschen und in der ganzen Art Mensch gilt dieselbe Definition (+) Tier = [+] Mensch oder [+] Mensch = (+) Tier. Wer links oder rechts steht, ob Mensch erster oder zweiter Ordnung ist, bleibt sich gleich. Der Teil und das Ganze machen alles unter sich aus.

Indess ist dies keine Eigentümlichkeit der Dinge, vielmehr sind auch die Art-Unterschiede nicht in einem Unterliegenden; denn man sagt wohl das: auf dem Lande Lebende, und: das Zweifüßige von dem unterliegenden Menschen aus; allein in dem unterliegenden Menschen ist es nicht; denn in dem Menschen ist 25 weder das zweifüßige, noch das Befußte (pezon)8. Auch der Begriff des Art-Unterschieds wird von demjenigen Unterliegenden ausgesagt, von welchem der Name des Art-Unterschieds ausgesagt wird, wenn z. B. das auf dem Lande lebende vom Menschen ausgesagt wird, so kann auch der Begriff des auf dem Lande lebend vom Menschen ausgesagt werden; denn der Mensch ist auf dem Lande lebend. Man lasse sich übrigens nicht durch das Bedenken beunruhigen dass doch die Teile der Dinge in ihnen 30 als dem Ganzen enthalten seien, weil man etwa dann genötigt sein könnte, die Teile nicht für Dinge zu erklären; denn der Ausdruck: »in einem Unterliegenden sein« ist nicht in dem Sinne, wie die Teile einer Sache in ihr enthalten sind, gemeint.9

Den Dingen zweiter Ordnung und den Art-Unterschieden ist es gemeinsam, dass alles einnamig ( synonymos ) nach ihnen benannt wird10; denn alle 35 von ihnen entlehnte Namen werden entweder von den Einzeldingen (kata tou atomou) oder von den Arten ausgesagt. Denn von den Dingen erster Ordnung werden keine zu Aussagen benutzt; diese Dinge werden von keinem Unterliegenden ausgesagt; allein von den Dingen zweiter Ordnung wird der Name der Art von den Einzeldingen ausgesagt und der Name der Gattung sowohl von den Arten wie von den Einzeldingen. 3b Ebenso werden die Namen der Art-Unterschiede von den Arten und von den Einzeldingen ausgesagt. Aber auch den Begriff der Arten und Gattungen nehmen die Dinge erster Ordnung an, und die Art nimmt den Begriff ihrer Gattung an, 5 da alles, was von der Aussage gilt, auch dem Unterliegenden beigelegt werden kann11. Ebenso nehmen die Arten und die Einzeldinge den Begriff ihrer Art-Unterschiede an. Einnahmig sind nähmlich nach dem Frühern die Gegenstände, welche sowohl den Namen wie den Begriff gemeinsam haben und mithin werden alle Dinge zweiter Ordnung und alle Art-Unterschiede einnamig (synonymos) benannt. 10 Jedes Ding scheint ein bestimmtes Dieses (tode ti) zu bezeichnen. Bei den Dingen erster Ordnung ist es unzweifelhaft und wahr, dass sie ein bestimmtes Dieses bezeichnen; denn das damit Benannte ist ein Einzelnes und der Zahl nach Eines. Bei den Dingen zweiter Ordnung scheint zwar ebenso nach der Form der Aussage ein bestimmtes Dieses gemeint zu sein, wenn man 15 »Mensch« oder »Geschöpf« sagt; indess ist dies nicht richtig, vielmehr wird damit mehr eine Beschaffenheit bezeichnet; denn das Unterliegende ist nicht, wie bei den Dingen erster Ordnung, ein Einzelnes, sondern Mensch und Geschöpf wird von vielen Einzelnen ausgesagt12. Indess bezeichnen die Dinge zweiter Ordnung nicht lediglich eine Beschaffenheit, wie z. B. das Weiße tut; denn dies bezeichnet nichts Anderes als eine Beschaffenheit; dagegen 20 bestimmen die Art (eidos) und die Gattung (genos) die Beschaffenheit eines Dinges (ousia) in Bezug auf sein Wesen; denn es bezeichnet das so beschaffene Wesen eines Dinges13. Die Abgrenzung durch die Gattung umfasst mehr Einzelne, als die durch die Art; denn wenn man »Geschöpf« sagt, so begreift man mehreres, als wenn man »Mensch« sagt.

KaK.5.3b23

Man kann die Teilungen der Gattung(en) in Arten und der Arten in Individuen als »atomistische Teilung« bezeichnen. Jedes Atom ist in seiner Klasse unteilbar, und jedes Atom ist von jedem anderen Atom getrennt. Die Atome der Gattungen sind die Arten, die Atome der Arten sind die Unteilbaren. Die Zahl der jeweiligen Atome wächst exponentiell mit der Anzahl der Teilungsstufen. Nach der ersten Freude über die Entdeckung dieser gemeinhin als »hierarchisch« bezeichneten Teilungsmethode wird man bald entdekken, dass nicht alles, was möglich ist, auch gut ist. Die meisten Hierarchien folgen dem Prinzip der Dinosaurier: kleiner Kopf auf zu großem Körper. Das führt wieder bei Vielen dazu, das Prinzip der atomistischen Teilung ganz zu verwerfen, wie es Luther getan hat oder wie es Berners-Lee (der Erfinder des WWW) getan hat, was dumm ist. Denn das Atom ist nur ein anderes Wort für die Instanz, und die Definition ist ohne die Instanz genauso wertlos wie die Instanz ohne die Definition. Und es führt dazu, dass das Feld der »Hierarchie« denen überlassen wird, in deren Händen alles zu Schmutz wird.

Den Dingen kommt ferner zu, dass sie kein Gegenteil 25 haben; denn was sollte wohl das Gegenteil von einem Dinge erster Ordnung sein, wie z. B. von diesem Menschen oder diesem Geschöpfe? Hier gibt es kein Gegenteil. Aber auch für den Menschen überhaupt, und für das Geschöpf überhaupt besteht kein Gegenteil. Indess ist dies keine Eigentümlichkeit der Dinge, sondern es findet sich auch bei vielem Anderen, z. B. bei den Größen; denn vom Zweielligen und Dreielligen gibt es kein Gegenteil; 30 auch nicht von der Zehn, noch von andern Solchen, wenn man nicht etwa das Viele für das Gegenteil von dem Wenigen oder das Große für das Gegenteil vom Kleinen erklären will. Dagegen ist von den bestimmten Größen keines ein Gegenteil des andern. 14

Die Dinge scheinen auch weder das Mehr noch das Weniger (mallon kai hetton) anzunehmen. Ich will damit nicht sagen, dass kein Ding mehr 35 oder weniger Ding sein könne, als ein anderes (denn dass dies der Fall ist, habe ich bereits gesagt), sondern nur, dass kein Ding als das, was es ist, mehr oder weniger es sein kann. Wenn z. B. dieses Ding ein Mensch ist, so wird er nicht einmal mehr, das anderemal weniger Mensch sein und zwar weder in Bezug auf sich, noch in Bezug auf einen andern Menschen; denn kein Mensch ist mehr Mensch als der andere, etwa so wie ein Weißes mehr oder weniger 4a weiß, als ein anderes genannt wird, oder ein Schönes mehr oder weniger schön als ein anderes. Bei Dergleichen gilt dies selbst für einen und denselben Gegenstand, so sagt man von einem weißen Körper, dass er jetzt weißer sei als früher und 5 dass ein warmer Körper mehr oder weniger warm sei, als früher. Aber die Dinge werden nicht mehr oder weniger Dinge genannt; denn weder ein Mensch heißt jetzt mehr Mensch als früher, noch sonst ein anderes Ding. Deshalb dürften die Dinge kein Mehr oder Weniger annehmen. 10 Die hauptsächlichste Eigentümlichkeit bei den Dingen dürfte aber die sein, dass dasselbe eine Ding (to tauton kai hen arithmo15) das Entgegengesetzte annehmen kann (ton enantion einai dektikon), während man von den andern Kategorien, so weit sie keine Dinge sind, wohl nicht wird behaupten können, dass sie als eine einzelne das Entgegengesetzte annehmen können. So wird z. B. eine einzelne bestimmte Farbe 15 nicht weiß und schwarz, und eine einzelne bestimmte Handlung nicht schlecht und gut werden können, was dann auch von allen anderen Kategorien gilt, so weit sie nicht Dinge bezeichnen. Dagegen kann das Ding als bestimmtes und einzelnes das Entgegengesetzte annehmen; so wird z. B. dieser selbige einzelne Mensch das eine mal weiß und das andere mal schwarz, 20 das eine mal warm und das andere mal kalt, und ebenso schlecht und gut. Bei den andern Kategorien zeigt sich Solches nicht, es müsste denn Jemand einwerfen und behaupten wollen, dass die Rede und die Meinung das Entgegengesetzte annehmen könnten. Derselbe Ausspruch kann allerdings anscheinend wahr und falsch sein; wenn z. B. der Ausspruch, dass Jemand 25 sitze, wahr ist, so wird dieser selbe Ausspruch, wenn er aufsteht, falsch sein. Ebenso verhält es sich mit der Meinung; denn wenn Jemand richtig meint, dass ein Anderer sitze, so wird, wenn dieser aufgestanden ist, jener, wenn er derselben Meinung bleibt, falsch meinen. Wenn man indess dies auch zugeben wollte, so besteht hier doch in der Art und Weise ein Unterschied. Bei 30 den Dingen verändern sich nämlich diese selbst und nehmen dadurch das Entgegengesetzte an; denn das Ding ist aus einem warmen ein kaltes geworden (denn es selbst hat sich verändert) und aus einem weißen ist es ein schwarzes und aus einem schlechten ein gutes Ding geworden. Ebenso kann jedes andere Ding, indem es sich verändert, das Entgegengesetzte annehmen. Dagegen bleibt die Rede und die 35 Meinung selbst durchaus und in jeder Beziehung unverändert (akineta) dieselbe, und nur dadurch, dass sich die Sache ändert, entsteht in Bezug auf sie das Entgegengesetzte. So 4b bleibt die Rede, dass Jemand sitze, unverändert dieselbe und nur weil die Sache sich ändert, gilt sie einmal als wahr und das anderemal als falsch. Ebenso verhält es sich mit der Meinung. Sonach ist es nur den Dingen in dem Sinne eigentümlich, dass sie vermöge ihrer eigenen Veränderung das Entgegengesetzte annehmen können. Wenn man aber behauptete, dass auch in diesem Sinne 5 die Rede und die Meinung das Entgegengesetzte annehmen könnten, so würde dies nicht richtig sein; denn die Rede und die Meinung sind nicht deshalb des Entgegengesetzten fähig, weil sie selbst etwas annehmen, sondern dadurch, dass bei einem Andern der Zustand sich geändert hat. Weil also die Sache sich so oder nicht so verhält, deshalb gilt die Rede für wahr oder falsch, 10 aber nicht deshalb, weil sie selbst das Entgegengesetzte annehmen kann. Überhaupt ändert sich die Rede und die Meinung selbst in keinem Stücke, und deshalb kann sie, da kein anderer Zustand in ihr eingetreten ist, auch nicht das Entgegengesetzte annehmen. Aber die Dinge gelten, weil sie selbst das Entgegengesetzte annehmen, deshalb des Entgegengesetzten fähig; denn sie nehmen die Krankheit und die Gesundheit, 15 die Weiße und die Schwärze an und indem sie jedes von diesen annehmen, sind sie dadurch fähig, das Entgegengesetzte anzunehmen. Sonach dürfte es eine Eigentümlichkeit der Dinge sein, dass die einzelnen und bestimmten Dinge dadurch, dass sie selbst sich verändern, das Entgegengesetzte annehmen können.

KaK.5.4b18

Der lange Abschnitt über die angeblich wichtigste Eigenschaft der ousia, Gegenteiliges annehmen zu können, was Aristoteles oft betont, hat eine einfache logische Erklärung: Er verzichtet in der Analytik freiwillig auf das non-A, weil das non-A keine genaue ousia (in der Analytik: kein genauer horos) ist, sondern eine unbestimmte unendlich vieldeutige Entität. Das logische Atom A kommt aber ohne das negative A, das nicht-A, nicht aus und setzt sich gebieterisch über jeden derartigen »Verzicht« hinweg. Man kann Aristoteles' vorstehenden Ausführungen überlesen und für die Eigenschaft der ousia für das Gegenteilige empfänglich zu sein das non-a setzen. Das benötigt dann keine langen Rechtfertigungen, wohl aber der genauen formalen Formulierung. Dass sein Verzicht auf das non-A freiwillig ist und er mit dem non-A besser als wir alle zusammen umgehen kann, stellt er beispielsweise am Ende des ersten Buchs der Ersten Analytik unter Beweis ( A1.1.46 ).

So viel mag über die Dinge, als Kategorie, gesagt sein.


1. Der logos ist der Inhalt der Definition eines Gegenstandes. Lautet die Definition Mensch = Tier, so ist Tier der logos des Menschen ( Me.7 ).

2. Das hypokeimenon ist die stoffliche Grundlage des werdenden Gegenstandes, die für diesen Gegenstand vorgesehene ungeformte Materie, die beim Werden die Form des werdenden Gegenstandes annimmt, so Arisoteles.

3. Vom Menschen wird nicht Sokrates ausgesagt, von den Tieren nicht Vögel, sondern umgekehrt werden Mensch von Sokrates und Tier von den Vögeln ausgesagt.

4. Seit der Erfindung von SGML (Structured Generalized Markup Language, ISO 8879), HTML, XML und wie die ganze Schaar der MLer heißt, kann man folgende Analogie aufstellen: Die Bleilettern sind die Grundlage jedes gedruckten Dokuments. Ohne sie kein Buch. Aber ohne die Phrasen-Elemente, die Absatz-Elemente, die Abschnitt-Elemente, die Kapitel-Elemente wäre im Buch-Element nur eine ungeordnete Aneinanderreihung von Zeichen, so dass auch ohne diese Elemente das Buch nichts wäre. Die Phrase oder das Wort sind die ousiai erster Ordnung, weil sie aus Bleilettern bestehen, die Elemente über den Absätzen sind die ousiai zweiter Ordnung, weil sie aus Elementen bestehen. An der Metaphysik wie an SGML scheitern die Mittelmäßigen am letzten Formelement, das zwischen dem reinen Stoff und der reinen Form steht. Denn dieses ist weder ein reines Formelement, noch ein reines Stoffelement. SGML ist hier der Metaphysik voraus, weil es dort das Element mit mixed content gibt, den Absatz, der sowohl Elemente als auch Bleilettern enthält.

5. Die einzelnen ousiai sind von einander getrennt, und jede ist als ousia jeder anderen ousia als Gleiche unter Gleichen gleich.

6. Allein hier vertritt Aristoteles wiegesagt diesen später »realistisch« genannten Standpunkt, bei dem die Arten und Gattungen Seiende sind. Aber bereits hier versucht Aristoteles stets, das Augenmerk auf die ousiai aus »Fleisch und Blut« zu lenken.

7. Der logos des Tieres ist etwa »organisches Wesen« oder »Zellenverband« im Gegensatz zu den anorganischen oder mineralischen Wesen.

8. Kirchmann: auf dem Lande lebende

9. Der Teil und das Ganze sind in den Dingen, ohne selbst Dinge zu sein. Ob das Dingsein beim Teil und beim Ganzen dieselbe Frage ist wie bei den Arten und Gattungen, kann hier nicht geklärt werden. Es sieht aber so aus, als ob es sich bei der Gattung und der Art um besondere Ganze und/oder Teile handelt, dass also das Ganze und der Teil den Gattungen und Arten übergeordnet wären.

10. Zwei Gleiche im Ganzen werden synonym als Teile des Ganzen benannt, ohne von einander Teil zu sein, denn jeder Gleiche ist von jedem Gleichen getrennt.

11. Da in vollständigen Definitionen nur Ganze vorkommen, kann jedes von jedem mit gleichen Recht ausgesagt werden.

12. Erst wenn Gleichungen mit Ganzen auf beiden Seiten möglich sein werden, wenn also nicht nur von vielen, sondern von allen die Rede ist, kann diese Aussage korrigiert werden.

13. Aristoteles spricht nur von der ousia. Kirchmann benutzt Ding und Wesen für ousia.

14. Aristoteles' langwierigen Untersuchungen über die Gegenteile in der Metaphysik und der Analytik müssen mit der als Zweiteilung (diairesis) bekannten Methode der Definition gelöst werden: Wird ein Ganzes A in genau zwei Teile B und C geteilt, so ist B nicht-C, und C ist nicht-B. Beide sind »Gegenteile« von einander. Diese Methode untersucht Aristoteles an mehreren Stellen seines Werks ( z. B. Me.7.12 ).

15. Dasselbe und der Zahl nach Eins.