Ka.2.1a-1b hnam

Die Worte werden entweder in Verbindung (symploke) oder ohne Verbindung gesprochen; ersteres z. B. bei den Worten: der Mensch läuft; der Mensch siegt; ohne Verbindung z. B. bei den Worten: Mensch; Stier; läuft; siegt. 20 Von dem Seienden (Ton onton) wird manches von einem Unterliegenden (hypokeimenon) ausgesagt, aber ohne dass es in einem Unterliegenden ist; so wird z. B. der Mensch von einem unterliegenden einzelnen Menschen ausgesagt, aber er ist in keinem unterliegenden Menschen.

KaK.2.1a22

Bei dem Satz » 'Mensch' ist der ganze Sokrates«, wird das Unterliegende Mensch von Sokrates, nicht aber Sokrates von dem Unterliegenden Mensch ausgesagt, so Aristoteles. Diese unnötig komplizierte und zum Teil falsche Formulierung liegt daran, dass Aristoteles zwar den Teil und das Ganze der Tat nach nach in der Analytik und der Hermeneutik, aber auch in der Metaphysik und an anderen Stellen seines Werkes entwikkelt, wie es kein Zweiter nach ihm getan hat: kein Absatz in der Analytik, wo nicht der Teil oder das Ganze steht - dass er aber noch nicht über den Formalismus verfügt, dem sich seine Forschungsergebnisse fügen. Daher tut er, was er in solchen Fällen immer tut: Er nimmt allein das, dessen er sich vollkommen sicher ist - das ist der ganze Sokrates - und lässt die genaue Bestimmung des Menschen offen. Natürlich gibt es auch Stellen, an denen er die wechselseitige Aussage der Dinge voneinander benennt, etwa in der Physik, wo er fragt, wie etwas in einem Anderen sein kann.

Ganz sicher traut er sich auch wegen der parmenidischen Schelte am jungen Sokrates nicht an den Teilmenschen heran, weil dies eine Teilung des unteilbaren Begriffes »Mensch« bedeutete ( Pa.2-8. 127-136 und HeK.14.24b9 ).

Anderes ist dagegen in einem Unterliegenden, aber wird von keinem Unterliegenden ausgesagt; (mit: »in einem Unterliegenden« meine ich, was 25 ohne Teil eines Dinges zu sein nicht getrennt von dem bestehen kann, in dem es ist;) so ist diese einzelne Sprachkenntniss (grammatike) in der unterliegenden Seele, aber sie wird von keinem Unterliegenden ausgesagt1 und ebenso ist dieses einzelne »Weiß« zwar in diesem unterliegendem Körper (denn jede Farbe ist in einem Körper (apan gar chroma en somati) aber es wird von keinem Unterliegenden ausgesagt.2

(+)Seel=[+]Wiss
(+)Wiss=[+]Spra
(+)Seel=[+]Spra

Manches dagegen wird von einem Unterliegenden 1b ausgesagt und ist auch in einem Unterliegenden; so ist die Wissenschaft in der unterliegenden Seele und wird von der unterliegenden Sprachkenntniss ausgesagt; Manches ist endlich weder in einem Unterliegenden, noch wird es von einem Unterliegenden ausgesagt, z. B. »dieser Mensch« und »dieses 5 Pferd«; denn keines von diesen ist in einem Unterliegenden und keines wird von einem Unterliegenden ausgesagt.3 Überhaupt wird das Unteilbare und der Zahl nach Eine von keinem Unterliegenden ausgesagt, indess kann Manches davon in einem Unterliegenden sein; denn »diese einzelne Sprachkenntniss« gehört zu den in einem Unterliegenden Seienden, aber sie wird von keinem Unterliegenden ausgesagt.

KaK.2.1b10

Das zweite Kapitel war eine durch die Blume gehaltene Verteidigungsrede des allgemein bejahenden Satzes aus der Analytik und eine Hervorhebung des ganzen Einzelnen aus der Metaphysik. Zum Verständnis der merkwürdig anmutenden Behauptung, dass das Einzelne nicht von einem Anderen ausgesagt werden könne, muss man sich erinnern, dass Aristoteles Sätze, die mit einem Ganzen anfangen, in der Ersten Analytik durchgehend ablehnt und als allgemein bejahenden Satz nur Sätze in der oben gezeigten Form akzeptiert, die mit einem Teil beginnen und die mit einem Ganzen enden. Dieser einzelne Mensch wäre aber »der ganze Mensch« und dieses einzelne Pferd »das ganze Pferd«. Seine Rechtfertigungen dafür lese man in einer Übersetzung der Analytik nach wie der von Heinrich von Kirchmann, die dieser Forderung nachkommt. Kirchmann ist der erste deutsche Übersetzer, der ihr nachgekommen ist und der nicht der Verdrehung der Sätze von Boethius folgt, die das Ganze mit Rücksicht auf den weniglesenden Römer und ohne Rücksicht auf den zu übersetzenden Text nach links setzen.

24.12.2015 So: Das Singuläre als die Instanz bei Aristoteles: Aristoteles' Umgang mit dem einzelnen Exemplar einer Definition, der »Instanz«, ist zwiespältig. Einserseits hat er sie entdeckt und mit dem Zungenbrecher »was-es-war-dies-zu-sein« in die Wissenschaft eingeführt ( Me.7.4 ). Andererseits verwahrt er sich gegen sie in der Analytik. Das mag daran liegen, dass der Begriff der Instanz bei ihm noch nicht in der Reinheit vorliegt, der seine Formalisierung in der Analytik gestattet. Es mag aber auch daran liegen, dass Aristoteles seine Pappenheimer kennt, die mit den Sätzen, die mit »alle x sind« beginnen, allerlei Unsinn treiben. Bezogen auf die Seinsgleichung existieren diese ganzen Probleme nicht. Dort sind solche Sätze einfach die, die links ein Ganzes stehen haben.


1. »Ein Teil der Seele ist diese ganze Sprachkenntnis«, betrachtet Aristoteles in der Analytik als den vollkommenen Satz schlechthin und wird auch sofort diesen Schluss nahelegen.

2. Was das Unterliegende der Farbe ist, hat noch bis vor wenigen Jahren zu Kotroversen geführt, sollte aber spätestens seit dem experimentellen Nachweis der Ätherschwingungen durch Heinrich Hertz gesicherte Erkenntnis sein. Für Aristoteles sind die Lichtwellen aber ein Paradebeispiel einer Entität, der kein Anderes unterliegt, sondern die nur für sich steht. Die moderne Physik folgt hier nicht der Entdeckung von Hertz, sondern dem Fehler des Aristoteles.

3. Dieser Mensch und dieses Pferd, Sokrates und Fury, sind die Gegenstände der Metaphysik. Der Mensch und das Pferd als Allgemeine sind die Gegenstände der Analytik.