Ka.12.14a-14b hnam

Früher (Proteron), als ein anderes wird von etwas auf vierfache Weise gesagt. Erstens und hauptsächlich geschieht es in zeitlicher Hinsicht, wonach etwas den Jahren oder dem Dasein nach älter als ein anderes genannt wird; denn etwas heißt so, weil es längere Zeit bestanden hat. Zweitens heißt etwas so, wenn es 30 in Bezug auf die Folge des Seins sich nicht umkehren lässt; so ist die Eins früher als die Zwei; denn wenn die Zwei ist, so folgt sofort, dass auch die Eins ist; aber wenn die Eins ist, so ist nicht notwendig auch die Zwei; deshalb gilt die Umkehrung nicht, dass wenn die Eins ist, auch die andern Zahlen seien, und dasjenige gilt als das Frühere, bei dem umgekehrt 35 der Satz von der Folge des andern nicht statthaft ist.

Drittens heißt etwas früher in Bezug auf eine bestimmte Ordnung, wie z. B. bei den Wissenschaften und den Reden; denn bei den auf Beweisen ruhenden Wissenschaften beruht das Frühere und das Spätere auf der Ordnung (denn die Elemente sind der Ordnung nach früher als die 14b Figuren und in der Sprachlehre sind die Buchstaben (ta stoicheia) früher, als die Silben)

KaK.12.14b2

Im Anfang ist die Bleiletter, die Aristoteles als Element bezeichnet. Ihr folgt die Silbe, die aus einer Anzahl von Bleilettern besteht. Ihr folgt das Wort, das aus einer Anzahl von Silben besteht. Dem Wort folgt der Satz, der aus einer Anzahl von Wörtern besteht usw..

und ebenso verhält es sich bei den Reden (ton logon), denn das Vorwort (prooimion) ist der Ordnung (taxis) nach früher als die Ausführung (diegesis).

KaK.12.14b3

Dass Aristoteles diese beiden Bereiche auf Buchstabenebene und auf Buchelementebene voneinander trennt, hat Charles Goldfarb in den siebziger und achziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem formalen System entwikkelt, dass er die entity structure und die element structure eines document nennt. Die document structure in seinem Formalismus

<!ELEMENT book (vorwort, ausführung, nachwort)>

bedeutet, das element book besteht aus einem element vorwort, gefolgt von einem element ausführung, gefolgt von einem element nachwort. Dabei ist Aristoteles so klug (weise?), die buchstaben, silbe, wort, satz entities nicht als pseudo-Hierarchie zu betrachten, wie ich es gerade nahegelegt habe und wie es die 123 Logik für ihre Sprachen tut, die aus 100 Wörtern bestehen. Denn das ist Unsinn, was die Buchstruktur angeht. Hier führt nicht der Buchstabe das Kommando über das Denken und Schreiben, wenn auch alles aus ihm ist. Sondern Aristoteles legt nur Wert darauf, dass es sich bei den Buchstaben und Silben im Buch um voneinander getrennte Entitäten mit einer Ordnung des Nebeneinander und Nacheinander handelt. Dasselbe tut Goldfarb, wenn er stets wieder betont, dass das Buch letztlich a string of characters ist.

Wer das SGML Handbook studiert und die frappierenden Übereinstimmungen zwischen der entity structure und der element structure Goldfarb's und den Ausführungen Aristoteles' sieht, darf sich nicht zu falschen Schlüssen über die seherischen Fähigkeiten des Aristoteles verleiten lassen. Denn Goldfarb und Aristoteles ist es nur gelungen, die universellen Gesetze in Worte zu fassen, denen auch das geistige Tun des Menschen bei der Produktion eines strukturierten Ganzen wie der eines Buchs unterworfen ist. Diese Gesetze waren vor dreitausend Jahren ohne Buchdruck und SGML genauso gültig wie sie es in dreitausend Jahren sein werden. Leider belegt es auch einmal mehr, dass sich die Menschen, die die beiden Strukturprinzipien des Seins erkennen, die die Alten das Getrennte und das Geteilte nannten, an einer Hand abzählen lassen.

Neben diesen angeführten Fällen scheint auch das Bessere (to beltion) und Geehrtere (to timioteron) 5 der Natur nach ein Früheres zu sein und die Menge (hoi polloi) pflegt von den geehrteren und von ihnen mehr geliebten Männern zu sagen, dass sie die Ersten bei ihnen seien. Indess ist diese Weise des Gebrauchs von Früher wohl die ungewöhnlichste (allotriotatos).

Dies sind so ziemlich die Weisen, in denen das Früher gebraucht 10 wird; indess dürfte es ausser denselben noch eine andere Art seines Gebrauchs geben; denn von den Dingen, wo gegenseitig das Dasein des einen aus dem Dasein des andern folgt1, dürfte der Grund irgendwie mit Recht das von Natur Frühere gegen die Folge genannt werden und dass dergleichen vorkommt, ist klar; denn das Dasein eines Menschen gestattet die Umkehrung (antistrephei) dahin, dass aus 15 dem Sein desselben die Wahrheit der dies ausdrückenden Rede und aus der Wahrheit dieser das Sein desselben folgt; denn wenn der Mensch ist, so ist auch die Rede wahr, womit man ausspricht, dass der Mensch ist; und dies lässt sich auch umkehren; denn wenn die Rede wahr ist, womit man ausspricht, dass der Mensch ist, so ist auch der Mensch vorhanden. Nun ist aber die wahre Rede keineswegs der Grund (aitia) von dem Dasein des 20 Gegenstandes; wohl aber erscheint der Gegenstand irgendwie als der Grund von der Wahrheit der Rede; denn weil der Gegenstand vorhanden ist oder nicht ist, gilt die Rede von seinem Dasein als wahr oder falsch. Sonach wird also auf fünf verschiedene Weisen das eine als das Frühere gegen das andere ausgesagt.

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Die Definition des wahren logos als Wiedergabe dessen, was ist oder dass der logos als das Spätere dem Sein als dem Früheren folgt, dass also das Sein das Bewusstsein bestimmt, kann nur der Anfang der Definition des Wahren sein, bleibt aber der Anfang, der einen Halt gibt.


1. Rolfes: »Wo sich zwei Dinge in bezug auf die Abfolge des Seins umkehren (antistrephonton) lassen«