Ka.11.13b-14a hnam

Das Gegenteil vom Guten (agathon) ist notwendig das Schlechte (kakon), wie sich durch Betrachtung (epagoge) des Einzelnen ergibt; so ist die Krankheit notwendig das Gegenteil von der Gesundheit 14a und die Feigheit von der Tapferkeit und dasselbe gilt für andere solche Fälle. Aber von dem Schlechten ist bald das Gute, bald das Schlechte das Gegenteil; denn wenn der Mangel ein Schlechtes ist, so ist auch das Übermaass ein gegenteiliges Schlechtes; gleichzeitig ist aber auch die Mitte, welche das Gute ist, das Gegenteil von jenen beiden. Dieser Fall wird weniger häufig vorkommen; 5 in den meisten Fällen ist das Gegenteil vom Schlechten immer das Gute.

KaK.11.14a6

Wie bei der Drachme das Eigentum oder bei dem Schwarzen die Farbe, so schafft beim Guten der Bereich des Ethischen ein universe mit drei Teilen. Denn im Bereich des Ethischen ist alles entweder gut oder schlecht oder keins von beiden. Ein Säugling oder ein unter Zwang Schlechtes oder unter Zwang Gutes Tuender handeln weder gut noch schlecht. Hier ist jedoch nicht die Ontologie, sondern die Ethik oder der Gesetzgeber zu befragen, genau wie bei der Drachme die Ökonomie und bei der Farbe die Physik. Würden wir die Logik befragen, dann müssten wird statt des universe das Universum nehmen. Dann würden das Gute und das nicht-Gute das All restlos ausfüllen, wären aber in der Ethik nicht mehr bzw. nur noch als universelle Relation zu gebrauchen, in der das nicht-Gute nicht nur das Schlechte, sondern auch die Goldhamster und der Weltraum außer den Guten mit Inhalt sind.

Bei den Gegenteilen ist es nicht notwendig, dass wenn das eine vorhanden ist, auch das andere bestehe; denn wenn alles Lebende gesund ist, so besteht zwar die Gesundheit, aber nicht die Krankheit; ebenso besteht, wenn alles weiß ist, das Weiße, aber nicht das Schwarze.

KaK.11.14a10

Dass ein aus Einem bestehendes universe oder ein aus Einem bestehendes Universum absurd ist, lehrt schon Parmenides den jungen »Aristoteles« im gleichnamigen Dialog Platons ( Pa.9-12 ). Seitdem unterstellt die »gebildete« Welt einschließlich Aristoteles diese Absurdität dem Parmenides als sein Eins.

Wenn ferner das Gesundsein 10 des Sokrates von dem Kranksein desselben das Gegenteil ist, und es nicht möglich ist, dass Sokrates beides zugleich sein kann, so wird es auch nicht möglich sein, dass, wenn eines von beiden besteht, dann auch das andere bestehe; denn wenn das Gesundsein des Sokrates ist, so wird das Kranksein desselben nicht sein. 15 Auch erhellt, dass die Gegenteile von Natur an Gegenständen, die zu derselben Art oder Gattung gehören, entstehen. So entsteht von Natur die Krankheit und Gesundheit an den Körpern der lebenden Wesen; die Weiße und die Schwärze an den Körpern überhaupt; die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit an der Seele der Menschen.

KaK.11.14a18

Das medizinische universe und das gesetzliche universe, sind jeweils in zwei Teile geteilt, das Gesunde und das Kranke, das Gesetzliche und das Ungesetzliche, die von den Medizinern und Gesetzgebern untersucht und jedes auf seine Art beeinflusst und gestaltet werden. Das Farbenuniverse hat keine zwei Gegenteile, sondern eine Vielzahl von ineinander übergehende Bereiche. Die einfache Zweiteilung ist in solchen universes oft sehr schwierig oder gar nicht zu bestimmen oder unterliegt im Verlauf der Zeit mehrfachen Revisionen.

Es ist auch notwendig, dass die Gegenteile sich entweder in derselben Gattung gegenüberstehen, 20 oder in den gegenteiligen Gattungen oder dass sie selbst Gattungen seien. So gehören das Weiße und das Schwarze zu derselben Gattung (denn die Farbe ist ihre Gattung); ferner gehören die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit zu gegenteiligen Gattungen (denn die eine gehört zur Gattung der Tugend, die andere zu der des Lasters); das Gute und das Schlechte endlich gehört nicht zu einer Gattung, sondern sie selbst 25 sind Gattungen.