Ka.8.8b-11a hnam

25 Beschaffenheit (Poioteta) nenne ich das, wonach etwas so oder so beschaffen genannt wird. Die Beschaffenheit (poiotes) gehört zu den Worten, welche in mehrfachem Sinne gebraucht werden. Als die eine Art sollen die Eigenschaften (exis) und Zustände (diatheseos) gelten. Die Eigenschaft unterscheidet sich von dem Zustande dadurch, dass sie viel anhaltender und dauerhafter ist. Solcher Art sind die Kenntnisse und die Tugenden; denn die 30 Kenntnisse scheinen zu dem Bleibenden und schwer Veränderlichen zu gehören, selbst wenn sich Jemand dieselben auch nur in mäßiger Weise erworben hat, sofern nur nicht Krankheit oder sonst etwas der Art eine große Veränderung bewirkt. Dasselbe gilt von den Tugenden, z. B. von der Gerechtigkeit, von der Selbstbeherrschung und jeder anderen solchen; sie unterliegen nicht 35 leicht einer Veränderung oder einem Wechsel. Als Zustände gelten dagegen die, welche veränderlich sind und schnell wechseln, wie z. B. die Wärme, die Erkältung, die Krankheit, die Gesundheit und anderes der Art. Der Mensch verhält sich zu ihnen in einer gewissen Weise; aber er verändert sich dabei schnell und geht aus der Wärme in einen kalten Zustand und aus dem Gesundsein in das 9a Kranksein über und ebenso ist es mit den andern Zuständen, sofern nicht von diesen Zuständen etwan einer durch die Länge der Zeit eingewurzelt und unheilbar geworden oder nur schwer zu verändern ist, wo man dann denselben mehr für eine Eigenschaft erklären wird. Es erhellt also, dass man nur diejenigen Beschaffenheiten Eigenschaften 5 nennen mag, die längere Zeit anhalten (esti polychroniotera) und schwer veränderlich sind (dyskinetotera). Wenn Jemand eine Wissenschaft nicht genau inne hat, sondern sie leicht wieder vergisst, so nennt man das keine Eigenschaft von ihm, obgleich er sich irgendwie zu den Kenntnissen, sei es schlechter oder besser, verhält. Sonach unterscheiden sich also die Eigenschaften von den Zuständen dadurch, dass die einen sich leicht verändern und die andern dauerhafter und 10 schwer veränderlich sind. Die Eigenschaften sind auch Zustände, aber die Zustände sind nicht notwendig Eigenschaften; denn wer eine Eigenschaft hat, verhält sich auch irgendwie zu derselben; aber die, welche sich irgendwie verhalten, haben deshalb nicht allemal eine Eigenschaft.

Eine zweite Art von Beschaffenheiten sind die, wonach Jemand als geschickt zum Faustkampf, oder als geschickt zum Laufen oder als 15 gesund oder stark (nosodeis, krank) bezeichnet wird; überhaupt gehört dazu alles, was sich auf ein natürliches Vermögen oder Unvermögen bezieht; denn diese Bestimmungen werden nicht wegen irgend eines Zustandes Beschaffenheiten genannt, sondern weil in ihnen ein natürliches Vermögen oder Unvermögen enthalten ist, vermittelst dessen etwas leicht bewirkt wird, oder kein Erleiden statt hat. So heißen z. B. die Faustkämpfer und die Läufer nicht 20 deshalb so, weil sie sich irgendwie verhalten, sondern weil sie ein natürliches Vermögen haben, etwas leichter zu vollbringen; ebenso heißt man gesund, weil man ein natürliches Vermögen hat, vermöge dessen man von eintretenden Ereignissen nicht leicht etwas erleidet, und man heißt krank, weil man in dieser Hinsicht unvermögend ist und von Zufälligkeiten leicht etwas erleidet. Ebenso verhält es sich 25 mit dem Harten und Weichen; denn man nennt etwas hart, weil es das Vermögen hat, nicht leicht zu zerreissen, und weich, weil ihm dieses Vermögen fehlt.

Eine dritte Art von Beschaffenheiten sind die leidenden Beschaffenheiten und die leidenden Zustände. Der Art sind z. B. die Süßigkeit, die Bitterkeit, 30 die Säure und alles dem Verwandter auch die Wärme und die Kälte und die Weiße und die Schwärze. Dass sie Beschaffenheiten sind, ist klar; denn das, was sie angenommen hat, wird nach ihnen beschaffen genannt; so heißt der Honig dadurch, dass er die Süßigkeit angenommen hat, süß und ein Körper dadurch, dass er die Weiße angenommen hat, weiß. 35 Ebenso verhält es sich mit den andern Beschaffenheiten dieser Art. Leidende Beschaffenheiten heißen sie nicht 9b deshalb, weil die Dinge, welche diese Beschaffenheiten angenommen haben, selbst dadurch etwas erlitten hätten; denn der Honig heißt nicht süß, weil er etwas erlitten hat, und auch kein anderer Gegenstand deshalb so. Ebenso werden die Wärme und die Kälte nicht deshalb leidende Beschaffenheiten genannt, weil etwa die Dinge, welche sie angenommen haben, etwas erlitten haben, 5 sondern sie heißen deshalb leidende Beschaffenheiten, weil jede der genannten Beschaffenheiten in Bezug auf die Sinne ein Leiden bewirkt. So bewirkt die Süßigkeit ein gewisses Leiden für den Geschmackssinn und die Wärme für den Gefühlssinn und ähnlich die andern Beschaffenheiten. Dagegen werden die Weiße und die Schwärze und die andern Farben 10 nicht in gleichem Sinne, wie die vorgenannten, leidende Beschaffenheiten genannt, sondern deshalb, weil sie aus einem Leiden entstanden sind. Dass viele Veränderungen der Farben in Folge eines Erleidens entstehen, ist klar; denn wenn Jemand sich schämt, so wird er rot, und wenn er sich fürchtet, blass und ähnliches geschieht in andern Fällen. Hat also Jemand 15 in Folge äußerlicher Ereignisse in natürlicher Weise so etwas erlitten, so wird er auch die entsprechende Farbe annehmen; denn der körperliche Zustand, welcher jetzt in Folge des Schämens entstanden ist, wird sich bei anderer Gelegenheit der natürlichen Körperconstitution gemäß in gleicher Weise wieder einstellen und deshalb wird auch dieselbe Farbe wieder zur Erscheinung kommen. Alle solche 20 Zufälligkeiten, welche von gewissen, schwer veränderlichen und beharrenden Leidenszuständen ausgehen, heißen leidende Beschaffenheiten. Mag sich in Folge der natürlichen Körperkonstitution eine Blässe oder eine Schwärze gebildet haben, die man dann Beschaffenheiten nennt (denn nun wird danach beschaffen genannt) oder mag diese Blässe oder Schwärze durch eine lange 25 Krankheit oder durch Brand entstanden sein, so dass sie sich nicht leicht wieder verliert, sondern gar lebenslang sich erhält, so nennt man auch sie Beschaffenheiten; denn man wird auch hier demgemäß beschaffen genannt. Alles dagegen, was sich leicht wieder auflöst und schnell beseitigt werden kann, heißt ein Zustand, und nicht eine Beschaffenheit; denn man wird nicht danach 30 beschaffen genannt. Weder der, welcher aus Scham errötet, wird rot genannt, noch der, welcher, aus Furcht erblasst, blass, sondern man sagt eher, dass sie etwas erlitten haben; deshalb heißen diese Fälle leidende Zustände und nicht leidende Beschaffenheiten.

In Übereinstimmung hiermit spricht man auch von leidenden Beschaffenheiten und Zuständen 35 bei der Seele. Alles was gleich von der Geburt in Folge schwer veränderlicher Zustände entsteht, heißt eine leidende Beschaffenheit, z. B. die 10a Raserei (ekstasis), der Zorn und anderes Ähnliche; denn die Menschen werden darnach beschaffene genannt, nämlich zornige oder rasende Menschen. Ebenso heißen auch alle nicht natürlichen, sondern aus äußeren Zufällen entstandenen Beschaffenheiten so, insofern sie schwer zu vertreiben oder ganz unheilbar 5 sind; denn man wird auch danach beschaffen genannt. Alles dagegen, was aus schnell wieder vergehenden Erregungen entsteht, heißt ein leidender Zustand, z. B. wenn Jemand, weil er geärgert wird, in Zorn geräth; man heißt dann nicht ein Zorniger, wenn man in solchem Zustande zornig wird, sondern es heißt mehr, dass man etwas erlitten habe. Solche Fälle heißen deshalb leidende Zustände 10 und keine leidenden Beschaffenheiten.

Die vierte Art der Beschaffenheit bilden die Figuren und die Gestalten der einzelnen Dinge; ferner neben diesen das Gerade und das Krumme und was sonst dem ähnlich ist; denn nach allen diesen einzelnen Bestimmungen wird etwas beschaffen genannt. So gilt das dreieckig-oder 15 viereckig-sein als eine Beschaffenheit; ebenso das gerade-und das krumm-sein. Auch nach der Gestalt wird ein jedes beschaffen genannt. Auch das Lockere und das Dichte, sowie das Rauhe und Glatte scheint eine Beschaffenheit zu bezeichnen, indess dürften sie wohl nicht zu den Einteilungen der Beschaffenheit gehören, vielmehr 20 scheinen sie mehr eine Lage der Teile zu bezeichnen; denn etwas ist dicht dadurch, dass seine Teile nahe bei einander sind, und locker dadurch, dass sie von einander mehr abstehen; ferner glatt dadurch, dass seine Teile gleichsam in gerader Richtung liegen, und rauh dadurch, dass sie bald hervorragen, bald zurücktreten. 25 Vielleicht fände sich wohl noch eine andere Art von Beschaffenheiten; indess sind die bisher erwähnten wohl die, welche am meisten so genannt werden.

Beschaffenheiten sind also die erwähnten und beschaffen werden die Gegenstände danach durch Ableitung des Namens oder sonst wie genannt. In den meisten Fällen und beinah überall geschieht 30 die Bezeichnung durch Namens-Ableitung (paronymos); so heißt etwas von der Weiße weiß, von der Sprachlehre sprachgelehrt, von der Gerechtigkeit gerecht und von andern Beschaffenheiten ebenso. In einzelnen Fällen jedoch, wo die Beschaffenheiten keinen Namen haben, kann deshalb der Gegenstand nicht durch Namens-Ableitung danach benannt werden; so wird z. B. Jemand, der 35 nach seinem natürlichen Vermögen als geschickt im Laufen oder im Faustkampf genannt wird, nicht von einer 10b Beschaffenheit durch Namens-Ableitung so genannt; denn für die Vermögen, nach denen diese Personen beschaffen genannt werden, ist kein Name vorhanden, wie dies dagegen für die Wissenschaften der Fall ist, nach denen Jemand faustkämpferisch oder ringkämpferisch in seinem Zustande genannt wird; denn die betreffende Wissenschaft heißt die Faust-kampf-Wissenschaft und die Ringkampf -Wissenschaft und die, welche sich so verhalten, werden 5 durch Namens-Ableitung danach beschaffen genannt. Mitunter wird selbst da, wo ein Name vorhanden ist, doch das demgemäß Beschaffene nicht ableitungsweise so benannt; so ist das »sittlich« nicht von der Tugend abgeleitet; man heißt sittlich, weil man die Tugend besitzt, aber die Bezeichnung geschieht nicht durch Ableitung von dem Worte Tugend. Dies kommt jedoch nicht häufig vor. Beschaffen werden also 10 die Gegenstände durch Ableitung von den erwähnten Beschaffenheitsworten, oder in sonst einer Weise nach denselben genannt.

Bei den Beschaffenheiten bestehen auch Gegenteile; so ist die Gerechtigkeit das Gegenteil der Ungerechtigkeit und die Weiße das Gegenteil der Schwärze u.s.w.; dies gilt auch für die demgemäß beschaffenen Gegenstände; so ist 15 ungerecht das Gegenteil von gerecht und weiß das Gegenteil von schwarz. Indess gilt dies nicht allgemein; denn für das Feuerrote und das Blasse und anderes solches Farbige gibt es kein Gegenteiliges.

Ferner ist, wenn von den Gegensätzen der eine ein Beschaffenes ist, auch der andere ein solches. Dies ergibt sich, wenn man die andern Kategorien zur Hand nimmt; so ist z. B. wenn 20 die Gerechtigkeit das Gegenteil der Ungerechtigkeit ist und die Gerechtigkeit eine Beschaffenheit ist, auch die Ungerechtigkeit eine solche; denn keine der andern Kategorien ist auf die Ungerechtigkeit anwendbar; weder die Größe, noch die Beziehung, noch der Ort, noch sonst eine andere, sondern nur die Beschaffenheit. Ebenso verhält es sich mit den 25 Gegenteilen anderer Beschaffenheiten.

Die Beschaffenheiten nehmen auch das Mehr und das Weniger an; so heißt Eines mehr oder weniger weiß, als das Andere und gerecht Eines mehr als das Andere; ja die eine Beschaffenheit selbst ist der Steigerung fähig, denn das Weiße kann weißer werden. Dies 30 gilt zwar nicht allgemein, aber doch für die meisten Beschaffenheiten. So könnte man zweifeln, ob bei der Gerechtigkeit ein solches Mehr oder Weniger ausgesagt werden könne; und auch bei den übrigen Zuständen erhebt sich der Zweifel. Manche bestreiten dies und behaupten, dass man bei der Gerechtigkeit keine als ein Mehr oder Weniger gegen die andere bezeichnen dürfe; auch bei der Gesundheit dürfe dies nicht geschehen, wohl aber könne der Eine 35 weniger Gesundheit oder Gerechtigkeit haben, als der Andere; 11a auch gelte dies für die Sprachwissenschaft und andere Zustände. Allein die darnach benannten Dinge sind unzweifelhaft des Mehr oder Weniger fähig; denn der Eine wird sprachgelehrter, oder gerechter, oder 5 gesünder als der Andere genannt und dies gilt auch bei allen übrigen solchen Beschaffenheiten. Dagegen scheinen das Dreieck und das Viereck und überhaupt die Figuren das Mehr nicht annehmen zu können; denn die Figuren, welche unter den Begriff des Dreiecks oder des Kreises fallen, sind alle in gleicher Weise Dreiecke oder Kreise und von den Figuren, die nicht darunter fallen, ist es die eine nicht mehr 10 als die andere; so ist das Viereck nicht mehr ein Kreis als jede andere geradlinige Figur, da keine von ihnen unter den Begriff des Kreises fällt. Überhaupt kann dann, wenn zwei Gegenstände nicht unter denselben Begriff fallen, der eine nicht mehr als der andere ein solcher genannt werden. Sonach nimmt also nicht jede Beschaffenheit das Mehr oder Weniger an. 15 Die bisherigen Bestimmungen sind keine Eigentümlichkeiten der Beschaffenheiten; dagegen wird das Ähnliche und das Unähnliche lediglich von Beschaffenheiten ausgesagt; denn kein Gegenstand ist einem andern in Bezug auf etwas anderes, als auf seine Beschaffenheit ähnlich; deshalb hat nur die Beschaffenheit das Eigentümliche, dass lediglich in Bezug auf sie etwas ähnlich oder unähnlich genannt werden kann. 20

KaK.8.11a19

Parmenides definiert die Ähnlichkeit als Teil der Teilidentität und die Unähnlichkeit als Teil der Teilverschiedenheit ( Pa.16 ). Das ist das, was Aristoteles in der Analytik den bejahenden Teil-Satz und den verneindenden Teil-Satz nennt.

Übrigens sorge ich mich nicht darum, dass mir Jemand vorhalten könnte, ich hätte bei Abhandlung der Beschaffenheit vieles mit zu ihr hinzugerechnet, was zu den Beziehungen gehöre; denn ich habe allerdings früher die Eigenschaften und die Zustände für Beziehungen erklärt. Indess werden beinahe von allen Beschaffenheiten die Gattungen als Beziehungen gebraucht, aber nicht die Beschaffenheit der einzelnen Gegenstände. So wird die 25 Wissenschaft, als Gattungsbegriff, als das, was sie ist von einem andern ausgesagt (denn man sagt: die Wissenschaft von etwas); aber von den besonderen Wissenschaften wird keine als das, was sie ist, von einem anderen ausgesagt; so sagt man von der Sprachlehre nicht: die Sprachlehre von Etwas, und auch nicht: die Musiklehre von Etwas. Werden sie aber in Bezug auf den Gattungsbegriff gebraucht, so werden auch sie als Beziehungen behandelt und die 30 Sprachlehre heißt dann die Wissenschaft von Etwas, aber nicht Sprachlehre von Etwas und die Musiklehre heißt dann die Wissenschaft von Etwas, aber nicht die Musiklehre von Etwas.

KaK.8.11a31

Hier hat Aristoteles nachgeholt, was er oben bei der Drachme versäumt hat, das hypokeimenon der Relation bestimmt, statt nur die zwei zueinander Relativen nebeneinanderzusetzen.

Deshalb gehören die besondern Wissenschaften nicht zu den Beziehungen. Dagegen wird der Mensch (Rolfes: heißen wir) als beschaffen nach den besondern Wissenschaften bezeichnet ; denn diese besitzt er und er heißt ein Wissender dadurch, dass er irgend eine der besondern Wissenschaften inne hat. So 35 dürften deshalb die besondern Wissenschaften zu den Beschaffenheiten gehören und nach ihnen wird auch wohl der Inhaber beschaffen genannt; allein Beziehungen sind sie nicht. Aber selbst, wenn es sich auch träfe, das ein und dasselbe eine Beziehung und eine Beschaffenheit wäre, so wäre es doch nicht widersinnig, dasselbe zu beiden Gattungen zu rechnen.

KaK.8.11a38

Das Kapitel über die Qualität war eine Sammlung von Sätzen über die Bezeichnungen von Sinneswahrnehmungen und Gefühlen des Menschen. Als Platzahlterkategorie für noch nicht Erforschtes, noch nicht Benennbares oder auch noch nicht Messbares kann die Qualität Anspruch auf ein Dasein erheben. Wir benutzen die Qualität heute als Bezeichnung eines Gütegrades.