Wir sind das Kapital. Wir bezahlen euch.

Wir sind die Menschen, die für ihr Brot arbeiten.

Ihr seid die produktiven und unproduktiven Kapitalisten, der Staat mit Armee, Universitäten und Propagandaapparat (freie Presse). Ihr alle werdet von uns alimentiert.

Die irrige auch unter uns verbreitete Ansicht, die kleine Gruppe der Habenden sei das Kapital und bezahle uns, kommt daher, dass wir uns schon auf einer frühen Kulturstufe unser ursprüngliches Eigentum haben rauben lassen – die Früchte unserer Arbeit. Dem Räuber ist es durch alle historischen Epochen – als Sklavenhalter, Feudalherr oder Kapitalist – nicht nur gelungen, den Raub in geltendes Recht umzudefinieren, sondern auch, mit der Rückgabe eines Bruchteils der Beute als »Lohn der Arbeit« uns als den ursprünglichen Eigentümer zu verhöhnen.

Da der jetzige Kapitalismus seinem verdienten Ende entgegeneilt, und da die Völker der Welt nicht bereit sind, sich ein drittes Mal in hundert Jahren als Lohn für das Versagen der Reichen und der Mächtigen auf die Schlachtbank schicken zu lassen, muss die Eigentumsfrage erneut gestellt werden. Denn die Eigentumsfrage ist noch nicht zur Zufriedenheit der Völker der Welt beantwortet worden. Die provisorischen Antworten, die Marx gegeben hat – die Enteignung der Kapitalisten von den Produktionsmitteln und die »Zerschlagung« des Staates bei der Machtfrage – haben sich als Irrtümer herausgestellt. Das ist nicht verwunderlich. Wenn ein Mann wie Marx sein Lebenswerk der Analyse des Raubgutes widmet, kann er nicht auch noch einen fix und fertigen Plan vorlegen, was nach der Rückeroberung des Raubgutes damit anzustellen ist. Diese Aufgabe hat er der Nachwelt überlassen. Hier hat die Nachwelt bisher kläglich versagt.

Daher war es an der Zeit, ein Modell einer funktionierenden sozialen Ökonomie zu entwerfen, das einmal die Voraussetzungen zur Rückeroberung des ursprünglichen Eigentums an den Überschüssen der Arbeit klärt und es danach wieder in die Hände Derjenigen legt, die die Kunst des gerechten Teilens seit Jahrtausenden gelernt haben.

Dabei ist klar, dass dies nur mit Hilfe des Mannes geschehen kann, der der Analyse des Raubgutes sein Lebenswerk gewidmet hat, von Karl Marx. Hier waren die offenen Fragen aus den drei Bänden des »Kapital« zu beantworten, deren Erörterung Marx durch seinen frühen Tod nicht mehr vergönnt war, nämlich die, was mit dem zurückeroberten Raubgut in einer sozialen Gesellschaft zu tun ist. Diesen Schritt habe ich gewagt und stelle die Neulektüre dieses Werkes hier zur Diskussion.

Da die Lektüre des »Kapital« nicht jedermanns Sache ist, habe ich versucht, den völkerrechtlichen, ökonomischen und politischen Geist von Karl Marx im »Manifest der Kapitalistischen Partei« ebenfalls hier in einfache, aber nicht vereinfachende Worte zu fassen und die Rückeroberung zu erklären.

Grob gesagt funktioniert sie so:

Die Armen holen sich ihr Eigentum zurück und verteilen es an den Staat, das Kapital und die Arbeit in dieser Reihenfolge. »Das tun sie schon immer!«, kann der Kritiker spotten. Das ist wahr, nur tun sie es dann nicht mehr als Sklaven, sondern als Herren. Und sie tun es nicht mehr als in Armut und Angst Gefangene, sondern als Freie in gesichertem und bescheidenem Wohlstand für sich und ihre Lieben.

Was getan werden muss, damit das Eigentum an den Überschüssen der Arbeit wieder zu seinem rechtmäßigem Eigentümer zurückkehrt, ist nicht viel. Es handelt sich nur um ein paar Umbuchungen am Ende des Jahres, und die Armut und der Krieg werden unseren Kindern nur noch aus Märchen bekannt sein.

Die Armen werden dadurch nicht die neuen Reichen, weil sie sich ihr Eigentum nicht als Individuen, sondern als Klasse zurückerobern. In den Händen ihrer Klasse ist es dem Zugriff und der Verführbarkeit des Einzelnen entzogen. Es wird nach gesetzlichen Regeln (Steuertabellen, Kapitalistenlohntabellen, Arbeiterbonitabellen) an Staat, Kapital und Arbeit verteilt. Die Reichen bleiben reich. Aber es wird keine Armen mehr geben, weil der Reiche nie mehr das Ganze, sondern immer nur den Teil des Teils des Reichtums der Arbeiterklasse abbekommen kann.

Wenn der Reiche einen Bruchteil aus dem Eigentum der Arbeiterklasse als Kapitalistenlohn erhält, dann wacht er morgens nicht mehr mit dem ersten Gedanken auf, »Wie kürze ich heute den Lohn meiner Arbeiter?«, sondern er wacht mit dem Gedanken auf, »Wie erhöhe ich heute ihren Lohn?« Denn je größer das Eigentum der Arbeiterklasse, desto höher der Lohn des Kapitalisen, je niedriger, desto niedriger.

»Viel zu simpel! Undurchführbar! Utopie!«

rufen alle Bedenkenträger aus einem Mund. Das haben sie nach Erscheinen des ersten Bandes des »Kapital« auch getan. Nachdem sich das »Kapital« als unwiderlegbar herausgestellt hat, haben sie zu schlagkräftigeren Argumenten gegriffen und die Welt mit unserem Blut besudelt. Wappnen wir uns für die schlagkräftigeren Argumente und vertrödeln nicht unsere Zeit mit den »Bedenken« derer, deren einzige Aufgabe es ist, die Güte der Schlechten zu preisen und die Weisheit der Dummen zu loben.

Marx gelingt es im ersten und im dritten Band des »Kapital«, die Antworten auf die drei Fragen zu geben,

»Was ist der industrielle Überschuss?

Was ist der Überschuss der Banken?

Was ist der Agrarüberschuss?«

in der kapitalistischen Gesellschaft.

Es war ihm nicht mehr vergönnt, ist die Antwort auf die drei Fragen zu finden

»Was tun mit dem industriellen Überschuss?

Was tun mit dem Überschuss der Banken?

Was tun mit dem Agrarüberschuss?«

in einer sozialen Gesellschaft.

Die politischen Klageweiber hocken seit zehn Jahren um den Bankenkadaver herum, singen »Heile heile Gänsche« und pumpen ihn mit dem Geld voll, um das er uns betrogen hat. Es wird aber gar nichts widder gud, sondern es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis mit den Bankrotten der Staaten die weltweiten Bankrotte der Industrie und des HandelsDer Handelsüberschuss ist ein Teil der Überschüsse des produktiven Kapitals. Der Handel schafft keine Werte, sondern kauft und verkauft sie. Die Marktschreier kommen daher im »Kapital« nicht an erster, sondern an letzter Stelle zu Wort. folgen. Wie vor der Bankenpleite, so klemmen die Politiker aller Parteien – und leider auch noch viele von uns – vor dem Zusammenbruch des richtigen Kapitals die Augen zu.

Der Geldpöbel (die Banken), die Anführer in Politik, Industrie und Handel bereiten sich mangels geistiger Masse für jeden sichtbar wieder einmal in aller Ruhe und Dreistigkeit darauf vor, ihre Bankrotte mit der dritten weltweiten Pöbelherrschaft (Faschismus) und dem dritten weltweiten Schlachtfest des Kapitals zu versüßen, wenn ihnen die Völker der Welt nicht vorher einen Strich durch die Rechnung machen – ein nachher wird es diesmal nicht mehr geben – und wenn sie verkünden

Wir sind das Kapital.

Wir bezahlen euch.

Lothar Seidel, Frankfurt am Main im Juli 2018